Was passiert wenn der Partner oder die Partnerin die Diagnose Demenz bekommt?

Demenz: Den Partner akzeptieren und begleiten

12/09/2022

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Die Diagnose Demenz bei einem geliebten Menschen ist ein Schock. Sie wirft unzählige Fragen auf, verändert den Alltag radikal und stellt die Beziehung auf eine harte Probe. Der Mensch, den man liebt, beginnt sich zu verändern, und damit auch die gemeinsame Zukunft, die man sich einst ausgemalt hatte. Es ist ein Prozess des Abschiednehmens, während der Partner physisch noch anwesend ist – ein Phänomen, das Fachleute als „weiße Trauer“ bezeichnen. Doch wie findet man in dieser neuen Realität seinen Platz, wie akzeptiert man das Unvermeidliche und wie kann man die Liebe in einer gänzlich neuen Form weiterleben?

Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen und Chancen, die sich ergeben, wenn ein Partner an Demenz erkrankt. Anhand von Erfahrungsberichten und Expertenmeinungen zeigen wir Wege auf, wie Angehörige trotz der tiefgreifenden Veränderungen Stärke finden, den Alltag bewältigen und eine liebevolle Verbindung aufrechterhalten können, selbst wenn sich die Rollen verschieben und die Kommunikation neue Formen annimmt.

Wie kann ich meinem Partner mit Demenz helfen?
Du fühlst dich vielleicht unsicher, wie du deinem Partner mit Demenz helfen kannst oder wie du dich auf diese große Veränderung in eurem Leben einstellen kannst. Du kannst diese neue Zeit in deinem Leben bewältigen, indem du eure Ehe neu definierst und eure neuen Rollen akzeptierst, um Unterstützung bittest und auf dich selber achtest.
Inhaltsverzeichnis

Die Demenz verstehen: Was im Gehirn geschieht

Bevor man den Weg der Akzeptanz gehen kann, ist es entscheidend, die Krankheit Demenz zu verstehen. Demenz ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Oberbegriff für eine Reihe von Erkrankungen, die zu einem fortschreitenden Verlust der geistigen Funktionen führen. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Krankheit. Im Kern geht es um den Verlust von Nervenzellen und deren Verbindungen im Gehirn, was sich in vielfältigen Symptomen äußert. Anfänglich sind es oft leichte Gedächtnisstörungen, die sich schleichend entwickeln und zunächst kaum auffallen. Doch mit dem Fortschreiten der Krankheit treten immer gravierendere Beeinträchtigungen auf:

  • Gedächtnisverlust: Besonders das Kurzzeitgedächtnis ist betroffen. Neue Informationen können nicht mehr gespeichert werden, und Erlebtes wird schnell vergessen.
  • Sprachschwierigkeiten: Das Finden von Wörtern wird schwerer, Sätze werden unvollständig oder unverständlich.
  • Orientierungsstörungen: Betroffene verlieren die Orientierung in vertrauter Umgebung, wissen nicht mehr, wo sie sind oder wie sie nach Hause kommen.
  • Veränderungen der Persönlichkeit und des Verhaltens: Dies kann von Apathie über Reizbarkeit bis hin zu Aggression reichen. Der Charakter, den man so gut kannte, scheint sich zu wandeln.
  • Probleme bei alltäglichen Handlungen: Einfache Aufgaben wie Kochen, Anziehen oder die Körperpflege werden zur Herausforderung.

Diese Veränderungen sind für den demenzkranken Partner nicht kontrollierbar. Sie sind Ausdruck einer Erkrankung des Gehirns und nicht des Willens oder Charakters. Dieses Wissen ist fundamental für den Umgang mit dem Betroffenen und hilft, Frustration und Wut in Verständnis zu verwandeln. Es geht darum, die Krankheit vom Menschen zu trennen und zu erkennen, dass der geliebte Mensch immer noch da ist, auch wenn er sich anders äußert.

Der emotionale Weg: Akzeptanz und „Weiße Trauer“

Die Diagnose Demenz bei einem Partner ist ein tiefer Einschnitt, der eine Achterbahn der Gefühle auslösen kann: Schock, Leugnung, Trauer, Wut, Verzweiflung und Überforderung. Diese Gefühle sind völlig normal und wichtig, um sie zuzulassen. „Man muss akzeptieren, dass alles anders ist“, berichtet Elisabeth, die ihren demenzkranken Mann seit über 14 Jahren pflegt. Dieser Prozess der Akzeptanz ist jedoch oft langwierig und schmerzhaft.

Ein zentrales Konzept in diesem Zusammenhang ist die sogenannte „Weiße Trauer“. Angela Danquwah, Expertin bei der Diakonie, beschreibt sie als das Abschiednehmen zu Lebzeiten. Es ist der Verlust von Gemeinsamkeiten, von einem gemeinsamen Leben, von der Person, die der Partner einmal war. Man trauert um die Zukunft, die man sich vorgestellt hatte, um die tiefen Gespräche, die gemeinsamen Erinnerungen, die nun verblassen. Diese Trauer ist besonders schwer, weil sie keine klare Endpunkt hat und oft im Stillen ertragen wird. Viele Angehörige schämen sich oder wollen die Realität nicht wahrhaben, was zusätzlichen Stress verursacht.

Wie kann man einen Demenzkranken Partner akzeptieren?

Es ist entscheidend, sich selbst die Zeit zu geben, in diese neue Situation hineinzuwachsen. Es gibt keinen Zeitplan für die Akzeptanz. Es ist ein täglicher Prozess, der Geduld und Selbstmitgefühl erfordert. Das Akzeptieren bedeutet nicht, die Krankheit gutzuheißen, sondern die Realität anzuerkennen und einen Weg zu finden, damit umzugehen.

Rollenwechsel in der Partnerschaft: Vom Liebenden zum Pflegenden

Mit der Demenz eines Partners verschieben sich die Rollen innerhalb der Beziehung dramatisch. Aus der Partnerschaft auf Augenhöhe wird oft eine Beziehung, in der ein Partner zur primären Bezugsperson, zur Aufsichtsperson oder sogar zur „Mutter“ oder zum „Vater“ des anderen wird. Elisabeth beschreibt diesen Wandel eindringlich: „Ich sei jetzt mehr Aufsichtsperson, Pflegerin oder Mutter, nicht mehr die Partnerin.“

Dieser Rollenwechsel kann schmerzhaft sein, da er den Verlust der ursprünglichen Paardynamik bedeutet. Die Intimität, die gemeinsamen Interessen, die tiefen Gespräche – all das kann sich verändern oder ganz verschwinden. Eva, deren Mann ebenfalls dement ist, vermisst vor allem die gemeinsamen Erinnerungen: „Ich rede ja auch mit ihm, aber ich weiß, alles ist weg – und ich bin immer noch überrascht darüber.“ Es ist die Einsamkeit zu zweit, die Angela Danquwah als besonders schwierig hervorhebt, wenn das Gegenüber fehlt und man mit den Sorgen, Erinnerungen und Entscheidungen alleine ist.

Trotzdem ist es möglich, neue Formen der Verbundenheit zu finden. Elisabeth betont, dass ihr Mann ihr „im ganzen Leben kein unschönes Wort gegeben“ hat und dass sie viel zusammen lachen und Musik machen. Es sind die kleinen Gesten, die ungesprochenen Momente, die Berührungen, die in dieser neuen Phase der Beziehung an Bedeutung gewinnen. Es geht darum, die Liebe neu zu definieren und zu erkennen, dass sie sich nicht an die ursprünglichen Rollen klammern muss, um zu bestehen.

Praktische Strategien für den Alltag: Wissen, Kommunikation und Rituale

Der Umgang mit einem demenzkranken Partner erfordert nicht nur emotionale Stärke, sondern auch praktische Strategien für den Alltag. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) betont die Bedeutung von Verständnis, Akzeptanz und Geduld. Hier sind einige Ansätze:

1. Gut informiert sein

Wissen über die Erkrankung ist die Grundlage für einen besseren Umgang. Bücher, Filme, Artikel oder Fachvorträge können helfen, die Symptome und Verhaltensweisen des demenzkranken Partners besser zu verstehen. Wenn man weiß, warum bestimmte Reaktionen auftreten, kann man gelassener damit umgehen und passende Strategien entwickeln. Dies hilft auch, aggressive Reaktionen nicht persönlich zu nehmen, sondern als Ausdruck von Überforderung des Betroffenen zu sehen.

Was passiert bei einer Demenz?
Die Diagnose Demenz stellt das Leben eines Paares auf den Kopf. Nicht nur körperlich ist die Pflege eine Herausforderung. Anders als bei anderen Krankheiten verliert der Partner auch sein Gegenüber. Die Paarbeziehung verändert sich. Über dieses Thema berichtet: Theo.Logik am 06.11.2023 um 12:05 Uhr.

2. Neue Wege der Kommunikation

Wenn Worte an Bedeutung verlieren, sind neue Kommunikationsformen gefragt. Mimik, Gestik, Berührungen und Tonfall werden wichtiger. Eine ruhige Stimme, Blickkontakt, ein Lächeln oder eine beruhigende Hand auf der Schulter können mehr ausdrücken als viele Worte. Es geht darum, auf die Körpersprache des Partners zu achten und nonverbale Signale zu nutzen, um Gefühle und Bedürfnisse zu vermitteln.

3. Gemeinsame Rituale pflegen

Gewohnte Abläufe und Rituale geben Demenzkranken Sicherheit und Orientierung. Der gemeinsame Kaffee am Morgen, ein kleiner Spaziergang am Nachmittag, das Hören von Lieblingsmusik oder das Vorlesen einer Geschichte – all diese Aktivitäten können weiterhin gepflegt werden, besonders jene, die für beide immer wichtig waren. Diese Rituale stärken nicht nur die Beziehung, sondern schaffen auch Momente der Vertrautheit und des Wohlbefindens.

4. Muster erkennen und anpassen

Beobachten Sie Verhalten, Körpersprache und Tonfall genau. Oft zeigen sich Muster in bestimmten Situationen. Wenn man diese Muster kennt – beispielsweise wann der Partner sich überfordert fühlt und aggressiv reagiert –, kann man präventiv handeln oder die Situation entschärfen. Dies erfordert Geduld und die Bereitschaft, flexibel auf die sich ständig ändernden Bedürfnisse des Partners einzugehen.

Die Bedeutung der Selbstfürsorge: Warum Angehörige nicht vergessen werden dürfen

Die Pflege eines demenzkranken Partners ist physisch und emotional extrem anspruchsvoll. Viele pflegende Angehörige, von denen 75 Prozent weiblich sind, vernachlässigen dabei ihre eigenen Bedürfnisse. Doch die eigene geistige, emotionale und körperliche Gesundheit ist ebenso wichtig wie die des Partners. Elisabeth, die ihren Mann seit vielen Jahren pflegt, ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man sich selbst nicht verliert:

„Es ist nicht negativ, er gibt so viel zurück. Ich hab noch viel Arbeit, ich gehe mit meiner Freundin laufen, dann gehe ich in die Gymnastikgruppe. Und in der Mittagspause schaue ich Netflix und da freue ich mich und denke mir, geht es mir gut!“

Es ist entscheidend, sich bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen. Das kann bedeuten, Hobbys wieder aufzunehmen, die man liebt – sei es Lesen, Stricken, Yoga oder Malen. Es bedeutet auch, soziale Kontakte zu pflegen und sich nicht zu isolieren. Eva geht zweimal die Woche in die Tagespflege, was ihr Zeit für sich gibt, um Freundinnen zu treffen oder ins Kino zu gehen. Sich dies zu erlauben, ist oft ein schwieriger Prozess für pflegende Angehörige, die sich schuldig fühlen, wenn sie an sich denken.

Wie kann ich eine Kontaktaufnahme lernen?
Dadurch kannst du eine Menge für deine Kontaktaufnahme lernen. Nutze die Felder „Ich suche“, „Ich biete“, Interessen und Firmen-Historie, um einen möglichst konkreten Bezug herzustellen. Sollte es einen solchen Bezug nicht geben, dann macht eine Kontaktaufnahme in der Regel auch keinen Sinn. Suche in den Kontakten 2.

Kraft tanken, an sich denken und andere Leute treffen – all das ist wichtig, um den Alltag mit einem dementen Partner auf lange Sicht gesund durchzuhalten. Wenn man selbst ausgebrannt ist, kann man sich nicht mehr adäquat um den Partner kümmern. Es ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, sich Auszeiten zu gönnen. Für längere Abwesenheiten, wie einen Kurzurlaub, gibt es Möglichkeiten der Vertretungspflege, wie Elisabeth sie nutzt. Es gibt Leute, die diese Aufgabe übernehmen, sei es eine Krankenschwester oder eine private Pflegeperson.

Unterstützung finden: Wo pflegende Angehörige Hilfe bekommen

Niemand sollte die Herausforderung der Demenzpflege alleine bewältigen müssen. Es gibt zahlreiche Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten, die pflegenden Angehörigen helfen können:

  • Gesprächsgruppen: Wie Eva geht auch sie einmal im Monat zu einer Gesprächsgruppe. Der Austausch mit anderen Betroffenen, die ähnliche Erfahrungen machen, kann enorm entlastend sein. Man fühlt sich verstanden, kann Frust ablassen und erhält wertvolle Tipps.
  • Fachstellen und Beratungsdienste: Organisationen wie die Diakonie bieten professionelle Beratung für pflegende Angehörige an. Hier kann man sich über Entlastungsmöglichkeiten, finanzielle Hilfen und rechtliche Fragen informieren. Angela Danquwah von der Diakonie hilft beispielsweise bei der Organisation von Vertretungspflege.
  • Tagespflegeeinrichtungen: Sie bieten eine Betreuung für Demenzkranke während des Tages und entlasten die Angehörigen. Dies ermöglicht den Pflegenden, ihren eigenen Interessen nachzugehen oder einfach nur zur Ruhe zu kommen.
  • Ambulante Pflegedienste: Sie können bei der häuslichen Pflege unterstützen und pflegerische Aufgaben übernehmen, was den Druck auf die Angehörigen reduziert.
  • Kurzzeit- und Verhinderungspflege: Diese Angebote ermöglichen es, den demenzkranken Partner für einen begrenzten Zeitraum in einer Einrichtung unterzubringen, beispielsweise während eines Urlaubs des pflegenden Angehörigen.

Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht und diese auch aktiv einzufordern, ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche. Es ermöglicht, die eigene Belastbarkeit zu erhalten und die Pflege langfristig und liebevoll zu gestalten.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

FrageAntwort
Ist es normal, Wut oder Trauer zu empfinden?Ja, absolut. Gefühle wie Wut, Trauer, Frustration oder Überforderung sind in dieser Situation völlig normal. Es ist wichtig, diese Gefühle zuzulassen und Wege zu finden, sie zu verarbeiten, z.B. in Gesprächsgruppen.
Wie spreche ich am besten mit meinem demenzkranken Partner?Da verbale Kommunikation oft schwierig wird, konzentrieren Sie sich auf Mimik, Gestik, Berührungen und einen ruhigen Tonfall. Sprechen Sie in einfachen, kurzen Sätzen. Erinnerungen können durch alte Fotos oder Musik angeregt werden.
Kann ich noch Zeit für mich haben?Ja, das ist sogar entscheidend. Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Planen Sie bewusst Auszeiten ein, nutzen Sie Tagespflege, Verhinderungspflege oder bitten Sie Freunde und Familie um Unterstützung.
Wo finde ich professionelle Hilfe?Wenden Sie sich an Beratungsstellen für pflegende Angehörige (z.B. Diakonie, Caritas), Pflegestützpunkte, oder Ihren Hausarzt. Diese können Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten, finanziellen Hilfen und Entlastungsangeboten geben.
Was ist "Weiße Trauer"?"Weiße Trauer" beschreibt das Abschiednehmen von einem geliebten Menschen zu Lebzeiten, wenn dieser durch eine Krankheit wie Demenz seine Persönlichkeit verändert und die gemeinsame Vergangenheit verblasst. Es ist eine fortlaufende Trauer ohne klaren Abschluss.

Der Weg mit einem demenzkranken Partner ist lang und herausfordernd, aber er muss nicht in Isolation beschritten werden. Akzeptanz, Wissen, angepasste Kommunikation und vor allem die unbedingte Notwendigkeit der Selbstfürsorge sind die Pfeiler, auf denen ein liebevolles Zusammenleben in dieser neuen Realität aufgebaut werden kann. Die Liebe mag ihre Form ändern, aber sie kann weiterhin eine Quelle der Kraft und des Trostes sein, sowohl für den Pflegenden als auch für den Gepflegten.

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