18/10/2021
Das Alevitentum ist eine der ältesten und zugleich eine der am meisten missverstandenen Glaubensrichtungen innerhalb des Islam. Mit einer Geschichte, die über 1400 Jahre zurückreicht, bildet es eine eigenständige theologische Strömung, die sich maßgeblich in Anatolien entwickelt hat. Doch was genau unterscheidet Aleviten von anderen Menschen, und wie prägt ihr Glaube ihr Verständnis von Menschlichkeit und der Welt?
- Historische Wurzeln und die Geburt einer Glaubensgemeinschaft
- Das alevitische Gottesbild: Gott im Herzen des Menschen
- Glaubenspraxis und Gemeinschaftsleben: Ein Ort der Gleichheit
- Alevitentum als eigenständige Glaubensgröße
- Aleviten in der modernen Welt: Demografie und Wandel
- Vergleich: Alevitentum und Orthodoxer Islam
- Häufig gestellte Fragen zum Alevitentum
Historische Wurzeln und die Geburt einer Glaubensgemeinschaft
Die Ursprünge des Alevitentums sind eng mit der Frühzeit des Islam und der Nachfolge des Propheten Muhammad verbunden. Nachdem der Prophet verschieden war, kam es zu Auseinandersetzungen um seine rechtmäßige Nachfolge. Die Aleviten sehen in Ali, dem Cousin und Schwiegersohn Muhammads, den einzig rechtmäßigen Erben sowohl der politischen (Kalifat) als auch der religiösen (Imamat) Führung. Ihre Bezeichnung „Alevit“ leitet sich direkt von Alis Namen ab und bedeutet „Anhänger Alis“.

Dieses fundamentale Bekenntnis zum Dreiklang „Allah-Muhammad-Ali“ fasst die theologischen und historischen Thesen der Aleviten prägnant zusammen: Allah als einziger Schöpfer, Muhammad als sein Gesandter und Ali als sein rechtmäßiger Stellvertreter. Diese Überzeugung war die „Geburtsstunde“ des Alevitentums als eigenständige Islaminterpretation. Über Jahrhunderte hinweg, insbesondere zwischen dem 12. und 17. Jahrhundert, formte sich das Alevitentum in Anatolien unter ständiger Unterdrückung und Verfolgung durch osmanische Machthaber. Trotz dieser Widrigkeiten und zahlreicher Massaker haben die Aleviten stets Widerstand geleistet und ihre einzigartige Kultur und ihren Glauben bewahrt.
Die geistigen Grundlagen des Alevitentums speisen sich maßgeblich aus der islamischen Mystik, doch auch Elemente und Traditionen anderer alter Religionen haben die alevitische Kultur bereichert und ihr eine besondere Tiefe verliehen.
Das alevitische Gottesbild: Gott im Herzen des Menschen
Der wohl gravierendste Unterschied zwischen dem Alevitentum und orthodoxen Strömungen des Islam liegt im Gottesbild und dem damit verbundenen Menschenverständnis. Während im orthodoxen Islam Gott oft als absoluter Gebieter über Himmel und Erde wahrgenommen wird, dem der Mensch bedingungslos zu gehorchen hat, um ewiges Heil zu erlangen, vertreten die Aleviten eine zutiefst humanistische und immanente Gottesvorstellung.
Für Aleviten ist Gott nicht nur ein ferner Herrscher, sondern ein „liebender Gott“, der in den Herzen der Menschen wohnt. Gott wird als „universales Bewusstsein“ beschrieben, aus dem alle Existenzformen hervorgegangen sind. Die alevitische Lehre besagt, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde erschaffen und ihm von seinem Geist eingehaucht hat. Der Schöpfer, oft als „Hak“ (die Wahrheit, der Gerechte) bezeichnet, ist allgegenwärtig und lässt alle Lebewesen an sich teilhaben. Durch die Schöpfung offenbarte Allah seine Göttlichkeit.
In dieser Weltanschauung wird der Mensch als die Krone der Schöpfung angesehen, aus Heiligkeit erschaffen und somit unantastbar. Dies führt zu einer tiefen Ehrfurcht vor der Menschenwürde und dem Grundsatz: „Betrachte alle Völker gleichwertig“ (türk.: „Her millete aynı gözle bak“). Für Aleviten begegnet Gott in jedem anderen Menschen. Das Streben des Aleviten ist es, sich so zu entwickeln und zu verhalten, dass er den göttlichen Eigenschaften möglichst nahekommt. Dieses Ideal wird im Konzept des „vollkommenen Menschen“ oder Insan-i Kamil sinnbildlich dargestellt.
Der Weg zum Insan-i Kamil ist ein langer spiritueller Prozess, der das Ziel hat, Gott geistig in sich selbst zu entdecken, eins zu werden mit Gott und der Schönheit der Schöpfung und somit zur Wahrheit und Erkenntnis, der sogenannten Hakikat, zu gelangen. Dies schließt die Zufriedenheit mit sich selbst, dem gesellschaftlichen Leben und dem Einklang mit der Natur ein. Es ist ein Weg der Selbstvervollkommnung und des Dienstes an der Menschheit, der die individuelle Entwicklung mit dem kollektiven Wohl verbindet.
Glaubenspraxis und Gemeinschaftsleben: Ein Ort der Gleichheit
Die alevitische Glaubenspraxis unterscheidet sich ebenfalls gravierend von anderen islamischen Richtungen. Anstatt in Moscheen zu beten, versammeln sich Aleviten in den Cem-Häusern (türk.: Cemevi), die sowohl Gebetsorte als auch wichtige Begegnungs- und Kulturzentren sind. Die Gebetszeremonie, der „Cem“, wird von einem Glaubensoberhaupt, dem „Dede“, geleitet.
Eine Besonderheit des Cem ist die Aufhebung jeglicher Geschlechtertrennung und gesellschaftlichen Statusunterschiede: Frauen und Männer beten gemeinsam, und alle Teilnehmer werden als „Can“ (reine Seele) angesehen. Diese Praxis unterstreicht die alevitische Überzeugung von der fundamentalen Gleichberechtigung aller Menschen vor Gott. Die Monogamie ist die einzige zulässige Form der Ehe, und alevitische Männer und Frauen leben ihre Gleichberechtigung sowohl in der Glaubenspraxis als auch im alltäglichen Leben.
Obwohl patriarchale Familienstrukturen in der Praxis nicht gänzlich verschwunden sind, spielt die Förderung demokratischer Prozesse und Werte im Erziehungskonzept des Alevitentums („4 Kapi 40 Makam“) eine grundlegende Rolle. Das Cemevi ist nicht nur ein Ort der Spiritualität, sondern auch ein Motor für soziale Integration und kulturellen Austausch, der die Bedürfnisse der Gemeinschaft in allen Lebensbereichen abdeckt.
Alevitentum als eigenständige Glaubensgröße
Aufgrund seines spezifischen Gottesbildes, Weltbildes und seiner religionssoziologischen Entwicklung wird das Alevitentum als eigenständige Islaminterpretation und -größe anerkannt. Ein religionswissenschaftliches Gutachten für das Land Nordrhein-Westfalen bestätigte dies bereits 2003, was zur Anerkennung der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF) als Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes führte. Seit einigen Jahren wird alevitischer Religionsunterricht auch offiziell an öffentlichen Schulen angeboten, was die Anerkennung und Integration des Alevitentums in Deutschland weiter festigt.
Aleviten in der modernen Welt: Demografie und Wandel
Heute bezeichnen sich rund 20 Millionen Menschen in der Türkei als Aleviten, womit sie die zweitgrößte Glaubensrichtung des Landes bilden. In Deutschland leben schätzungsweise 800.000 Aleviten, organisiert in über 160 Gemeinden unter dem Dachverband der Alevitischen Föderation.
Früher lebten Aleviten vorwiegend in ländlichen Gegenden, waren landwirtschaftlich tätig und oft aufgrund von Verfolgung von der Außenwelt abgeschnitten. Die Endogamie (Heirat innerhalb der Gruppe) war lange Zeit charakteristisch. Doch seit den 1950er Jahren haben Urbanisierung und Migration, sowohl innerhalb der Türkei als auch ins Ausland, zu einer Ansiedlung in Städten geführt. Dies führte zu erheblichen soziokulturellen Veränderungen und Umstrukturierungen innerhalb der Gemeinschaft.
Während in der Vergangenheit Cem-Gottesdienste in kleinen Dorfgemeinschaften oft geheim und in Privathäusern abgehalten werden mussten, sind in den letzten Jahrzehnten vermehrt Cem-Häuser errichtet worden, insbesondere in Europa. Diese Gemeindehäuser haben sich zu komplexen Institutionen entwickelt, die nicht nur religiöse, sondern auch soziale und kulturelle Bedürfnisse der Aleviten befriedigen. Sie sind zudem wichtige Kooperationspartner auf politischer und gesellschaftlicher Ebene geworden, und Menschen mit alevitischer Identität nehmen aktiv an der Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens teil.
Vergleich: Alevitentum und Orthodoxer Islam
Um die Nuancen des Alevitentums besser zu verstehen, ist ein Vergleich mit den orthodoxen Strömungen des Islam (Sunnitentum und Schiitentum) hilfreich:
| Merkmal | Alevitentum | Orthodoxer Islam (Sunni/Schiiten) |
|---|---|---|
| Gottesbild | Gott im Herzen des Menschen; liebender Gott; universales Bewusstsein; „Hak“ (Wahrheit, Gerechtigkeit). Streben nach Einheit mit Gott (Hakikat). | Gott als transzendenter, absoluter Gebieter; Erwartung bedingungslosen Gehorsams; Furcht vor Hölle bei Fehlverhalten. |
| Gebetsort | Cem-Häuser (Cemevi). | Moscheen. |
| Gebetspraxis | Cem-Zeremonie; Frauen und Männer beten gemeinsam; Musik und Tanz (Sema) können Teil sein; keine rituellen Gebete fünfmal täglich. | Fünfmal täglich rituelles Gebet (Salat) in Richtung Mekka; Geschlechtertrennung in Moscheen üblich; kein Tanz oder Musik im Gebet. |
| Gleichberechtigung | Männer und Frauen sind gleichberechtigt; keine Geschlechtertrennung in Glaubenspraxis und Alltag; Monogamie. | Rolle der Frau kann variieren, oft traditionell definiert; Geschlechtertrennung im Gebet; Polygamie für Männer in vielen Fällen erlaubt. |
| Geistliche Führung | Dede (geistliches Oberhaupt), oft mit erblicher Linie. | Imame, Ulema, Mullahs; Ausbildung an religiösen Schulen. |
| Heilige Schriften | Koran als Offenbarung (mystisch interpretiert), aber auch eigene Schriften wie der Buyruk; mündliche Überlieferungen, Gedichte, Musik. | Koran als absolute, uninterpretierbare Wegweisung; Hadithe (Aussprüche und Taten des Propheten). |
| Säulen des Islam | Fokus auf innere Spiritualität und ethisches Handeln; die „vier Tore und vierzig Stufen“ (4 Kapi 40 Makam) als spiritueller Weg. | Fünf Säulen des Islam: Glaubensbekenntnis, Gebet, Almosen, Fasten, Pilgerfahrt. |
Häufig gestellte Fragen zum Alevitentum
Die Einzigartigkeit des Alevitentums wirft oft Fragen auf. Hier sind einige der häufigsten:
Sind Aleviten Muslime?
Ja, Aleviten verstehen sich als Muslime. Sie repräsentieren eine eigenständige Interpretation des Islam, die sich historisch aus den Auseinandersetzungen um die Nachfolge des Propheten Muhammad entwickelt hat. Sie sehen sich als Anhänger einer ursprünglichen, mystisch-humanistischen Form des Islam.
Was bedeutet „Allah-Muhammad-Ali“?
Dieser Dreiklang ist das zentrale Glaubensbekenntnis der Aleviten. Er symbolisiert die Einheit des Schöpfers (Allah), seines Gesandten (Muhammad) und seines rechtmäßigen Stellvertreters (Ali). Er fasst die theologische und historische Position des Alevitentums zusammen und betont die besondere Verehrung Alis.
Was ist ein Cemevi?
Ein Cemevi ist das alevitische Gebets- und Gemeindezentrum. Es ist ein Ort, an dem die „Cem“-Zeremonie abgehalten wird, aber auch ein Treffpunkt für soziale, kulturelle und bildungsbezogene Aktivitäten der Gemeinschaft. Im Gegensatz zu Moscheen sind Cemevis offen für Frauen und Männer ohne Geschlechtertrennung.
Wie wichtig ist die Gleichberechtigung im Alevitentum?
Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist ein zentraler Pfeiler der alevitischen Lehre und Praxis. Im Cem-Haus beten Männer und Frauen gemeinsam, es gibt keine Geschlechtertrennung. Auch im alltäglichen Leben wird Wert auf die Gleichheit gelegt, und Monogamie ist die einzige Form der Ehe. Dieses Prinzip ist tief in der humanistischen Weltanschauung verankert, die jeden Menschen als „Can“ (reine Seele) betrachtet.
Was ist der „vollkommene Mensch“ (Insan-i Kamil)?
Der Insan-i Kamil ist das Ideal der alevitischen Lehre. Er steht für einen Menschen, der sich durch spirituelle Entwicklung den göttlichen Eigenschaften annähert. Dieser Prozess beinhaltet die Reinigung des Herzens, das Erlangen von Wissen und Weisheit sowie die Verwirklichung von Liebe, Toleranz und Gerechtigkeit im eigenen Leben und gegenüber der Umwelt. Es ist der Weg, Gott in sich selbst und in jedem anderen Menschen zu entdecken und somit zur Wahrheit (Hakikat) zu gelangen.
Warum ist der Mensch im Alevitentum so zentral?
Die besondere Stellung des Menschen im Alevitentum ergibt sich aus der Überzeugung, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde erschaffen und ihm von seinem Geist eingehaucht hat. Gott wohnt im Herzen eines jeden Menschen. Daher ist die Achtung vor der Menschenwürde und die Gleichwertigkeit aller Menschen das höchste Gut. Der Mensch ist die Manifestation Gottes auf Erden, und das Streben nach dem „vollkommenen Menschen“ ist der Weg zur Erkenntnis Gottes. Diese humanistische Perspektive prägt alle Aspekte des alevitischen Glaubens und Handelns.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Aleviten Menschen sind, die eine zutiefst spirituelle und humanistische Auslegung des Islam leben. Ihre Glaubenswelt ist geprägt von der Verehrung Alis, der Betonung der Gleichheit, der Toleranz und der inneren Suche nach Gott im eigenen Herzen und in jedem Mitmenschen. Dies unterscheidet sie nicht von anderen Menschen in ihrer grundlegenden Menschlichkeit, sondern in ihrer einzigartigen spirituellen Reise und ihrem Beitrag zu einer vielfältigen Gesellschaft.
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