Wie schweige ich in der Versammlung?

Frauen in der Versammlung: Schweigen oder Sprechen?

07/09/2023

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Die Frage nach der Rolle der Frau in der christlichen Gemeinde ist seit Jahrhunderten Gegenstand intensiver Debatten und unterschiedlicher Auslegungen biblischer Texte. Insbesondere die Anweisung, dass Frauen in der Versammlung schweigen sollen, führt zu tiefgreifenden Diskussionen über die Geschlechterrollen, die göttliche Ordnung und die praktische Gestaltung des Gottesdienstes. Während einige Landeskirchen kaum noch eine Unterscheidung der Geschlechter kennen und Pastorinnen oder Bischöfinnen zur Normalität geworden sind – ein Zustand, der aus einer traditionellen Sichtweise als geistlicher Verfall gedeutet wird – halten evangelikale Gemeinden, die die Bibel als Gottes Wort anerkennen, an bestimmten Prinzipien fest. Doch selbst unter ihnen gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, wie das biblische Gebot des Schweigens der Frau in der Versammlung zu verstehen und anzuwenden ist. Dieser Artikel beleuchtet zwei Hauptinterpretationen dieser zentralen Frage, um ein umfassendes Bild dieser komplexen Thematik zu zeichnen.

Was ist der Unterschied zwischen einer Frau in der Gemeindeversammlung und einer Ehefrau in Korinth?
Es steht einer Frau schlecht an, in der Gemeindeversammlung zu reden. Das Problem schien eine spezielle Sache in Korinth zu sein. In allen anderen Gemeinden verhielten sich die Ehefrauen offenbar ehrbar und ordentlich, anders dagegen die Ehefrauen in der Gemeinde in Korinth, die offenbar recht vorlaut und schnell beim Reden waren.
Inhaltsverzeichnis

Die biblische Grundlage: Zwei Interpretationsansätze

Die Debatte um das Schweigen der Frau in der Versammlung konzentriert sich hauptsächlich auf Passagen wie 1. Korinther 14,34-35 und 1. Timotheus 2,11-12. Die Auslegung dieser Verse hat zu zwei grundlegend unterschiedlichen Ansichten geführt, die beide versuchen, dem Wort Gottes gerecht zu werden.

Der Ansatz der vollständigen Stille

Diese Interpretation geht davon aus, dass die gläubige Frau generell von einem schweigsamen und sanften Geist sein soll, wie es in 1. Petrus 3,4 heißt. Folglich sollte sie umso mehr in der Versammlung schweigen. Hierbei wird eine „Versammlung“ nicht als physisches Gebäude, sondern als das Zusammenkommen von Christen verstanden.

Die Auslegung von 1. Korinther 14,34-35

Die Passage „Eure Frauen sollen schweigen in der Gemeinde; denn es ist ihnen nicht gestattet, dass sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim die eigenen Männer fragen. Denn es steht den Frauen übel an, in der Gemeinde zu reden.“ (1. Korinther 14,34-35) wird hier wörtlich genommen. Kritiker dieser Auslegung argumentieren oft, dass hier nur das Lehren gemeint sei. Doch diese Sichtweise wird vehement zurückgewiesen. Das Argument lautet, dass selbst lautes Gebet in der Gemeinde der Erbauung dient (1. Korinther 14,16-17), ganz zu schweigen von Gedichten oder anderen Beiträgen. Eine solche Interpretation würde Kompromisse mit dem Weltgeist eingehen, um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Der Kern des Zitates sei nicht, dass Frauen nur nicht lehren sollen, sondern dass sie generell schweigen sollen. Die Aussage „es steht ihr übel an in der Gemeinde zu reden“ schließt jegliches Reden, auch das Fragen, ein, da Fragen ebenfalls eine Form des Redens ist und nicht mit Lehren gleichzusetzen ist.

Die Bestätigung durch 1. Timotheus 2,11-12

Die nächste Bibelstelle, „Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. Einer Frau aber gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie soll stille sein.“ (1. Timotheus 2,11-12), wird als weitere Bestätigung dieser Auffassung gesehen. Das Wort „stille“ wird hier als umfassendes Schweigen verstanden, das sowohl das Lehren als auch das Ausüben von Autorität über den Mann ausschließt. Beide Zitate, aus 1. Korinther und 1. Timotheus, bestätigen sich gegenseitig in dieser Lesart und lassen nach dieser Ansicht keine Raum für unterschiedliche Interpretationen.

Umgang mit scheinbaren Widersprüchen: 1. Korinther 11,5 und Apostelgeschichte 1,13-14

Ein häufig vorgebrachtes Gegenargument ist 1. Korinther 11,5: „Jede Frau aber, die betet oder weissagt mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt...“ Manche sehen hier eine Erlaubnis für das Weissagen der Frau in der Versammlung. Dies wird jedoch als Irrtum betrachtet, da Weissagen auch eine Form des Lehrens oder zur Lehre gehört („Wer aber weissagt, der redet für die Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung...“ – 1. Korinther 14,3). Demnach spreche 1. Korinther 11,5 allgemein vom Weissagen in verschiedenen Lebenssituationen und Orten, nicht aber gezielt von der Versammlung, wo das Lehren für die Frau nicht gestattet ist. Es gehe um Gebete und Weissagungen, wo immer sie geschehen mögen, ausgenommen das Weissagen und laute Beten der Frau in der Kirche, da dies nach 1. Korinther 14,34-35 dem Willen Gottes widerspricht. Der gesamte Abschnitt zur Kopfbedeckung (1. Korinther 11,1-16) richte sich nicht nur auf das Geschehen in der Gemeinde, da das Gebot des Kopftuches für die Frau nicht nur in der Kirche gilt. Das Wort Gottes könne nicht an einer Stelle etwas verbieten und an anderer Stelle wieder erlauben, dies sei unmöglich. Vielmehr bekräftige 1. Korinther 14,37 das „Nichtgestatten“. Auch der Verweis auf Apostelgeschichte 1,13-14, wo Frauen zusammen mit den Aposteln beteten („...diese alle verharrten einmütig beieinander mit Beten und Flehen, samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“), wird als kein klares Argument für lautes Gebet der Frauen in der Versammlung gesehen. Es sei lediglich ein Bericht und kein befehlendes Wort, und es sei unklar, ob die Frauen nur dabei waren oder innerlich beteten.

Der Sinn des Schweigegebots: Theologische Begründungen

Wenn die Frau in der Versammlung schweigt, so ist auch ihr Gebet innerlich, im Geiste. Hanna, die Mutter Samuels, dient hier als Vorbild (1. Samuel 1,12-13): Sie betete in ihrem Herzen, ihre Lippen regten sich, aber ihre Stimme hörte man nicht. Daraus wird auch abgeleitet, dass Frauen in der Versammlung nicht singen sollen, da auch das Singen zur Erbauung der Versammlung dient. Die Einführung von weiblichem Gesang im Gottesdienst wird als späterer Durchbruch während oder nach der Reformation gesehen, als man sich von falschen Dogmen befreite, aber dabei auch Göttliches über Bord warf. Die frühchristliche Zeit bezeuge reine Männerchöre, und im Alten Testament hatte die Frau keinen Zutritt zum Heiligtum. Christus habe der Frau den Zugang zum Heiligtum, dem gemeinsamen Gottesdienst, eröffnet, aber unter der Bedingung der Befolgung des Schweigegebots. Jede verbale Teilnahme der Frau am Gottesdienst, sei es Singen, Sprechen oder Weissagen, bringe „Weiblichkeit“ hinein, was zu Ablenkung und mangelnder Ernsthaftigkeit führen könne. Es entstehe ein „gewisses Spiel“ oder „Gentlemangetue“, da die meisten Menschen dem anderen Geschlecht imponieren wollen. Weiblichkeit habe nicht den Ernst, die Schlichtheit und Macht zum Erbauen. Außerdem wird die Verführung durch die Frau, die in die Welt kam, als biblische Begründung für das Lehrverbot und das Schweigen der Frau in der Gemeinde herangezogen (1. Timotheus 2,11-15). Die größere Neigung der Frau, der Verführung zu erliegen, sei auch heute noch beobachtbar, etwa in der Werbung. „Der Mann ist die Ehre und das Bild Gottes, Frau ist die Ehre des Mannes“ (1. Korinther 11,7). Somit soll nur der Mann die Herrlichkeit Gottes durch Lehre, Lobpreis oder Gesang in der Versammlung reflektieren.

Zulässige Dienste und Grenzen

Frauen können in Einzelgesprächen, im familiären Umfeld und insbesondere Frau zu Frau lehren und weissagen („Lehrerinnen des Guten, dass sie die jungen Frauen Zucht lehren...“ – Titus 2,3-4). In sehr kleinen, familiären Kreisen, wie bei Aquila, Priscilla und Apollos (Apostelgeschichte 18,26), müsse noch kein völliges Schweigegebot gelten, dies gelte erst bei Anwesenheit mehrerer fremder Brüder. Frauen sollen jedoch stets bedenken, dass der verborgene Mensch des Herzens und ein stiller Geist sie wirklich schmücken. Frauen können als Diakonessen der Gemeinde dienen, dies sei jedoch eine Fürsorge- und Helfertätigkeit (Römer 16,1-2), die nicht mit verbaler Teilnahme am Gottesdienst verbunden ist. Auch außerhalb der Gemeinde gebe es keine Gleichberechtigung im Verkündigungsdienst; öffentliche Predigten und Auftritte mit Gesang oder Zeugnissen seien Brüdern vorbehalten, da Schwestern sich sonst über den Mann als Haupt hinwegsetzen würden. Die Abwesenheit von Apostelinnen oder öffentlich auftretenden gläubigen Frauen in der frühchristlichen Zeit wird als Beleg dafür gesehen, dass dies ein Verfall aufgrund des Zeitgeistes und ein Verwerfen des Wortes Gottes sei.

Der Ansatz der kontextuellen Beschränkung

Eine andere Interpretation des Schweigegebots konzentriert sich stark auf den spezifischen Kontext der korinthischen Gemeinde, in der Paulus seine Anweisungen gab. Diese Sichtweise argumentiert, dass die Anweisungen keine allgemeingültige Regel für alle Frauen in allen Gemeinden zu jeder Zeit seien, sondern eine spezifische Lösung für ein spezifisches Problem in Korinth.

Wie schweige ich in der Versammlung?
Aber auch hier wählen die meisten evangelikalen Gemeinden den leichteren und breiteren Weg, so dass das Gebot "Frau schweige in der Versammlung" aufgeweicht wird: Frauen lesen Gedichte vor, beten laut wie Brüder, geben Grüße und sonstige Mitteilungen vor der Versammlung weiter.

Der Kontext von 1. Korinther 14

Um das Zitat aus 1. Korinther 14,34-35 richtig zu verstehen, ist es unerlässlich, den unmittelbaren Kontext zu beachten. Paulus spricht in 1. Korinther 14,29-33 über die Ordnung im Gottesdienst, insbesondere über den Gebrauch der Prophetie. Es soll kein Chaos geben, sondern zwei oder drei Propheten sollen nacheinander reden, und die anderen sollen darüber urteilen. Die Geister der Propheten seien den Propheten untertan, was bedeutet, dass sie ihre Äußerungen kontrollieren können. Gott sei ein Gott der Ordnung, nicht der Unordnung.

Die spezifische Situation in Korinth

Vor diesem Hintergrund wird die Frage aufgeworfen, warum Paulus dann plötzlich zu den Frauen übergeht. Die Annahme ist, dass es in Korinth eine spezifische Situation gab, in der einige Ehefrauen immer wieder störend dazwischenredeten und laufend Zwischenfragen stellten. Dieses andauernde Zwischenreden unterbrach die Propheten und sorgte für Unordnung. Daher wurde ihnen geboten zu schweigen und nicht dazwischen zu reden.

Die Bedeutung von „daheim ihre Männer fragen“

Der Hinweis in 1. Korinther 14,35, „Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen“, ist für diese Interpretation entscheidend. Er deutet darauf hin, dass es sich um Ehefrauen handelt, die ihre Männer zu Hause über Dinge befragen konnten, die sie in der Versammlung vielleicht nicht verstanden oder gehört hatten. Das Problem war also das vorlaute und störende Verhalten dieser spezifischen Ehefrauen in der Gemeindeversammlung in Korinth, nicht ein allgemeines Redeverbot für alle Frauen in jeder christlichen Gemeinde. Das störende Verhalten dieser Frauen brachte Schande und Unehre über ihre Männer und die Gemeinde, da es den Eindruck erweckte, ihre Männer seien unwissend. Daher war es diesen Ehefrauen nicht gestattet, die Weissagenden zu unterbrechen und für Unordnung zu sorgen.

Vergleichende Übersicht der Interpretationen

Die beiden Ansätze führen zu sehr unterschiedlichen praktischen Auswirkungen in der Gemeindepraxis. Die folgende Tabelle fasst die Kernpunkte der beiden Interpretationen zusammen:

AspektAnsatz der vollständigen StilleAnsatz der kontextuellen Beschränkung
1. Korinther 14,34-35Generelles Verbot jeglichen verbalen Beitrags (Reden, Beten, Singen) in der Versammlung.Verbot des störenden Zwischenredens und Fragens von Ehefrauen in der spezifischen Situation der korinthischen Gemeinde.
1. Timotheus 2,11-12Bestätigt das umfassende Schweigen und das Verbot des Lehrens und der Autorität über Männer.Bezieht sich auf das Lehren und Ausüben von Autorität, aber nicht zwingend auf jegliches Sprechen.
Umfang des SchweigensVollständiges Schweigen (inkl. Beten, Singen, Weissagen).Begrenzt auf störende Unterbrechungen und Fragen in der Versammlung.
ZielgruppeAlle Frauen in der Versammlung.Primär Ehefrauen in Korinth, die Unordnung verursachten.
BegründungGöttliche Ordnung, Vermeidung von Ablenkung/Verführung, Mangel an Ernsthaftigkeit, Mann als Gottes Ehre.Wiederherstellung der Ordnung im Gottesdienst, Vermeidung von Schande für Männer und Gemeinde.
Erlaubte DiensteLehren im privaten/familiären Rahmen, Diakonissen-Dienst (nicht verbal).Kann je nach Auslegung öffentliches Gebet, Singen oder andere nicht-lehrende Beiträge umfassen, solange es ordentlich geschieht.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist das Schweigegebot sexistisch oder veraltet?

Aus der Perspektive der vollständigen Stille wird argumentiert, dass es sich um eine gottgegebene Ordnung handelt, die nicht veraltet oder sexistisch ist, sondern dem Wesen der Geschlechter und der göttlichen Schöpfungsordnung entspricht. Aus der kontextuellen Sicht wird betont, dass es keine generelle Abwertung der Frau ist, sondern eine spezifische Anweisung zur Behebung eines Problems der Unordnung in einer bestimmten Gemeinde.

Dürfen Frauen überhaupt nicht singen oder beten?

Die strenge Auslegung besagt, dass auch Singen und lautes Gebet in der Versammlung verboten sind, da sie zur Erbauung dienen und somit eine verbale Teilnahme darstellen. Das Gebet soll innerlich geschehen. Die kontextuelle Sichtweise würde dies nicht pauschal verbieten, solange es nicht störend oder ungeordnet ist.

Gilt das Schweigegebot auch außerhalb der Gemeinde?

Die vollständige Stille wird primär auf die Versammlung bezogen, jedoch wird betont, dass Frauen auch außerhalb der Gemeinde im öffentlichen Verkündigungsdienst (Predigen, Evangelisation) nicht über den Mann als Haupt gesetzt werden sollen. Im privaten und familiären Bereich sowie als Diakonissen sind jedoch bestimmte Dienste erlaubt. Die kontextuelle Sichtweise begrenzt die Anweisung auf die Versammlung und die dortige Problematik.

Was bedeutet „Unterordnung“ im biblischen Kontext?

In beiden Interpretationen spielt die Unterordnung eine Rolle. Im strengeren Sinne bedeutet sie eine umfassende geistliche Haltung der Demut und des Gehorsams gegenüber der göttlichen Ordnung, die sich im Schweigen in der Versammlung manifestiert. Im kontextuellen Sinne bezieht sie sich auf das respektvolle Verhalten und die Vermeidung von Störung und Schande, insbesondere in Bezug auf den Ehemann.

Fazit

Die Frage, wie Frauen in der Versammlung schweigen sollen, ist tief in theologischen Überzeugungen und der Auslegung biblischer Texte verwurzelt. Während die eine Perspektive ein umfassendes und wörtliches Schweigen in der Versammlung fordert, basierend auf der göttlichen Ordnung und der Vermeidung von Ablenkung, sieht die andere Perspektive die Anweisung als eine spezifische Reaktion auf Unordnung und störendes Verhalten von Ehefrauen in der Gemeinde in Korinth. Beide Ansätze beanspruchen, dem Wort Gottes treu zu bleiben, und zeigen die Komplexität biblischer Hermeneutik auf. Für Gläubige ist es entscheidend, diese verschiedenen Perspektiven zu verstehen und in ihrem eigenen Glauben und ihrer Gemeindepraxis eine fundierte Haltung einzunehmen, die dem Wort Gottes gerecht wird.

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