Was geschieht während des Weihegebets?

Das Mysterium des Weihegebets enträtselt

14/05/2023

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Das Weihegebet, oft auch als Hochgebet oder Eucharistische Gebet bezeichnet, ist der zentrale und heiligste Teil des Gottesdienstes in vielen christlichen Konfessionen, insbesondere in der römisch-katholischen Kirche, den orthodoxen Kirchen und einigen anglikanischen und lutherischen Traditionen. Es ist der Moment, in dem Brot und Wein durch Gebet und den Glauben der Gemeinde auf besondere Weise mit der Gegenwart Christi verbunden werden. Doch was genau geschieht in diesen Minuten der tiefen Andacht und Anbetung? Es ist weit mehr als nur eine Abfolge von Worten; es ist ein dynamisches Geschehen, das Himmel und Erde berührt und die Gläubigen in das Mysterium der Erlösung einbezieht.

Was geschieht während des Weihegebets?

Im Kern des Weihegebets steht die Erinnerung an das Letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Jesus nahm Brot und Wein, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte den Kelch mit den Worten: „Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Und ebenso mit dem Kelch: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Diese Worte, der sogenannte Einsetzungsbericht, bilden das Herzstück jeder Eucharistiefeier und sind der Moment, in dem die tiefste Wandlung und die bleibende Gegenwart Christi im Sakrament gefeiert werden. Doch der Einsetzungsbericht ist nur ein Teil eines umfassenderen liturgischen Gebetes, das reich an theologischer Tiefe und spiritueller Bedeutung ist.

Inhaltsverzeichnis

Die theologische Bedeutung des Weihegebets

Die theologische Interpretation dessen, was während des Weihegebets geschieht, variiert zwischen den Konfessionen, doch die gemeinsame Überzeugung ist die besondere Gegenwart Christi in den eucharistischen Gaben. In der römisch-katholischen Kirche ist die Lehre von der Transsubstantiation zentral. Sie besagt, dass die ganze Substanz von Brot und Wein in die ganze Substanz des Leibes und Blutes Christi verwandelt wird, während die äußeren Gestalten (Akzidentien) von Brot und Wein unverändert bleiben. Es ist also keine symbolische, sondern eine reale und wesentliche Verwandlung. Für die Gläubigen bedeutet dies, dass sie bei der Kommunion wahrhaftig den Leib und das Blut Christi empfangen.

Die orthodoxen Kirchen sprechen ebenfalls von einer wahren Verwandlung, verwenden aber nicht unbedingt den Begriff der Transsubstantiation, um mögliche philosophische Missverständnisse zu vermeiden. Sie betonen die Herabrufung des Heiligen Geistes (Epiklese) als den entscheidenden Moment der Wandlung.

Im Protestantismus, insbesondere im Luthertum, wird die Lehre von der Realpräsenz vertreten, aber oft ohne die Vorstellung einer substanziellen Wandlung im katholischen Sinne. Luther lehrte die Konsubstantiation, dass Leib und Blut Christi in, mit und unter Brot und Wein gegenwärtig sind, ähnlich wie Feuer und Eisen in einem glühenden Eisen verbunden sind. Reformierte Kirchen hingegen betonen eher eine geistliche Gegenwart Christi, die durch den Glauben der Empfangenden und das Wirken des Heiligen Geistes vermittelt wird, sehen die Sakramente primär als Zeichen und Siegel der Gnade Gottes.

Ungeachtet der konfessionellen Nuancen ist das Weihegebet ein Akt des Gedenkens an das Opfer Christi am Kreuz, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt. Es ist ein Dankgebet für die Erlösung und eine Bitte um die Gaben des Heiligen Geistes für die Gemeinschaft der Gläubigen. Es ist auch ein Ausblick auf die Vollendung des Reiches Gottes, wenn Christus wiederkommen wird.

Der Ablauf und die Struktur des Weihegebets

Obwohl es verschiedene Formen des Eucharistischen Gebets gibt (in der römisch-katholischen Kirche gibt es beispielsweise mehrere Hochgebete), folgen sie alle einer ähnlichen Grundstruktur, die tief in der frühchristlichen Tradition verwurzelt ist:

  1. Präfation und Sanctus: Das Weihegebet beginnt mit einer feierlichen Präfation (Einleitung), in der der Priester die Gemeinde zum Dank und Lobpreis Gottes auffordert. Daraufhin stimmt die Gemeinde in den Gesang des Sanctus (Heilig, heilig, heilig) ein, der die Herrlichkeit Gottes preist und Himmel und Erde miteinander verbindet.
  2. Epiklese: Dies ist die Herabrufung des Heiligen Geistes über die Gaben von Brot und Wein. Der Priester bittet Gott, seinen Geist zu senden, damit die Gaben zum Leib und Blut Christi werden und die Empfangenden im Heiligen Geist eins werden. Dies ist ein entscheidender Moment, da der Heilige Geist als derjenige verstanden wird, der die Verwandlung bewirkt und die Gläubigen heiligt.
  3. Einsetzungsbericht: Wie bereits erwähnt, sind dies die Worte Jesu vom Letzten Abendmahl. Der Priester spricht die Worte Christi über Brot und Wein, und die Gemeinde verehrt das Geheimnis der Gegenwart Christi.
  4. Anamnese: Nach dem Einsetzungsbericht folgt die Anamnese, das Gedächtnis. Die Kirche gedenkt des Leidens, des Todes, der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi. Es ist nicht nur ein intellektuelles Erinnern, sondern ein gegenwärtig Machen des Heilsgeschehens. Die Gemeinde bekennt ihr Vertrauen in die Erlösung durch Christus.
  5. Darbietung (Opfergabe): Die Kirche opfert Gott den unblutigen Leib und das Blut Christi dar, verbunden mit den Gebeten und dem Leben der Gläubigen. Es ist ein geistliches Opfer, das mit dem einmaligen Opfer Christi am Kreuz verbunden ist und es in der Gegenwart aktualisiert.
  6. Fürbitten: Es folgen Fürbitten für die ganze Kirche, für den Papst, die Bischöfe, die Priester, die Gläubigen, die Lebenden und die Verstorbenen. Die Kirche betet für Einheit, Frieden und Heil für die ganze Welt.
  7. Doxologie und Amen: Das Weihegebet schließt mit einer feierlichen Doxologie (Lobpreis Gottes), in der durch Christus, mit Christus und in Christus Gott alle Ehre und Herrlichkeit zugesprochen wird. Die Gemeinde bekräftigt all dies mit einem lauten „Amen“, was „So sei es“ oder „Wahrlich“ bedeutet und die Zustimmung und den Glauben der ganzen Versammlung zum Ausdruck bringt.

Historische Entwicklung und konfessionelle Unterschiede

Die Wurzeln des Weihegebets reichen bis in die früheste christliche Gemeinde zurück. Es entwickelte sich aus den jüdischen Segensgebeten über Brot und Wein, die Jesus beim Letzten Abendmahl verwendete. Die Didache, ein frühchristliches Dokument aus dem 1. Jahrhundert, enthält bereits Gebetsformeln, die Elemente des späteren Eucharistischen Gebets vorwegnehmen. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden verschiedene Liturgien in den verschiedenen Patriarchaten (Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien), die alle die Grundstruktur des Weihegebets beibehielten, aber unterschiedliche Formulierungen und Schwerpunkte entwickelten.

Die Reformation im 16. Jahrhundert führte zu signifikanten Veränderungen im Verständnis und in der Praxis des Abendmahls. Während die katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen an der Lehre von der realen Verwandlung der Gaben festhielten, lehnten die meisten protestantischen Reformatoren die Transsubstantiation ab, ohne jedoch die Bedeutung der eucharistischen Gaben zu schmälern. Dies führte zu unterschiedlichen liturgischen Formen und theologischen Schwerpunkten, wie die folgende Tabelle verdeutlicht:

AspektRömisch-KatholischEvangelisch (Lutherisch)Evangelisch (Reformiert)Orthodox
Verständnis der GegenwartTranssubstantiation (wesentliche Verwandlung)Realpräsenz (in, mit und unter Brot/Wein)Geistliche Gegenwart (durch Glauben empfangen)Wahre Verwandlung (nicht Transsubstantiation)
Zentraler Moment der WandlungEinsetzungsbericht (Worte Christi)Worte Christi, Gebet und GlaubeWorte Christi und Wirken des GeistesEpiklese (Herabrufung des Heiligen Geistes)
OpfercharakterUnblutige Erneuerung des KreuzesopfersGedächtnis des Opfers, kein neues OpferGedächtnis des OpfersErneuerung des Kreuzesopfers
PriesterrolleHandelt in persona ChristiDient als Diener des Wortes und SakramentsDient als Diener des Wortes und SakramentsHandelt in persona Christi

Diese Unterschiede spiegeln tiefere theologische Divergenzen wider, die sich auf das Verständnis der Kirche, des Priestertums und der Sakramente auswirken. Dennoch bleibt die Feier des Abendmahls/der Eucharistie für alle Konfessionen ein zentraler Akt der Anbetung und der Gemeinschaft mit Christus.

Die Rolle der Gläubigen im Weihegebet

Das Weihegebet ist nicht nur ein Gebet des Priesters; es ist ein Gebet der ganzen versammelten Gemeinde. Die Gläubigen nehmen aktiv daran teil, nicht nur durch das Zuhören, sondern auch durch ihre innerliche Haltung, ihre Gebete, das gemeinsame Singen des Sanctus und das laute „Amen“ am Ende. Ihre Zustimmung zum Gebet des Priesters ist entscheidend. Sie bringen ihre Dankbarkeit, ihre Reue, ihre Bitten und ihre Hingabe in dieses Gebet ein. Die bewusste Teilnahme an diesem heiligen Geschehen vertieft den Glauben und die Beziehung zu Gott.

Für viele Gläubige ist das Weihegebet der Höhepunkt des Gottesdienstes. Es ist der Moment, in dem sie sich am stärksten mit dem Opfer Christi und der gesamten Heilsgeschichte verbunden fühlen. Es ist eine Begegnung mit dem lebendigen Gott, der sich in den eucharistischen Gaben offenbart und schenkt. Die Teilnahme an diesem Gebet und der anschließende Empfang der Kommunion stärken die Gemeinschaft der Kirche und befähigen die Gläubigen, Christus in die Welt zu tragen.

Häufig gestellte Fragen zum Weihegebet

Ist das Weihegebet in jeder Messe dasselbe?

Nein, in der römisch-katholischen Kirche gibt es verschiedene Formen des Eucharistischen Gebets (z.B. Hochgebet I bis IV sowie weitere für besondere Anlässe wie Kinder- oder Versöhnungsmessen). Während die Grundstruktur und die wesentlichen Elemente (Einsetzungsbericht, Epiklese, Anamnese) immer enthalten sind, variieren die Präfationen, die Fürbitten und einige Formulierungen, um die Vielfalt der liturgischen Zeiten und Anliegen widerzuspiegeln.

Muss man die theologische Lehre der Transsubstantiation verstehen, um am Weihegebet teilzunehmen?

Es ist nicht notwendig, die theologische Lehre bis ins Detail zu verstehen, um fruchtbringend am Weihegebet teilzunehmen. Wichtiger ist der Glaube an die reale Gegenwart Christi im Sakrament und die ehrfürchtige Haltung. Die Kirche lehrt, dass die Gnade der Sakramente nicht von der intellektuellen Durchdringung abhängt, sondern vom Glauben und der Offenheit des Herzens.

Was ist der Unterschied zwischen dem Weihegebet und der Kommunion?

Das Weihegebet ist der Teil des Gottesdienstes, in dem Brot und Wein geweiht und in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden (nach katholischer Lehre). Die Kommunion ist der Empfang dieser geweihten Gaben durch die Gläubigen. Das Weihegebet bereitet die Gaben vor, die Kommunion ist der Akt des Empfangs und der Vereinigung mit Christus.

Warum ist das Weihegebet so wichtig für Christen?

Das Weihegebet ist wichtig, weil es das zentrale Sakrament der Eucharistie feiert, das von Christus selbst eingesetzt wurde. Es ist die Quelle und der Höhepunkt des christlichen Lebens, da es die Gläubigen in das Pascha-Mysterium Christi (sein Leiden, Tod und Auferstehung) einbezieht und ihnen die Gnade der Einheit mit Gott und untereinander schenkt. Es stärkt den Glauben, vergibt Sünden und ist ein Vorgeschmack auf das ewige Leben.

Gibt es auch im Protestantismus ein „Weihegebet“ im katholischen Sinne?

Der Begriff „Weihegebet“ ist eher im katholischen und orthodoxen Kontext gebräuchlich. Im Protestantismus spricht man oft von den „Einsetzungsworten“ oder dem „Abendmahlsgebet“. Während die Einsetzungsworte Jesu über Brot und Wein in allen Konfessionen zentral sind, liegt der Fokus im protestantischen Abendmahlsverständnis oft stärker auf dem Gedenken an Jesu Tod, der Verkündigung seines Evangeliums und der Gemeinschaft der Gläubigen, weniger auf einer substanziellen Wandlung der Elemente.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Weihegebet ein tiefes Geheimnis des Glaubens ist, das die Grenzen von Zeit und Raum überschreitet. Es ist der Moment, in dem die Kirche das Opfer Christi vergegenwärtigt, Gott dankt und um die Gaben des Heiligen Geistes bittet. Es ist ein Gebet, das die Gläubigen weltweit verbindet und sie in die lebendige Gegenwart Jesu Christi hineinführt. Durch dieses Gebet wird die Kirche genährt und gestärkt, um ihre Sendung in der Welt zu erfüllen und die Botschaft der Liebe und Erlösung zu verkünden.

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