18/12/2021
Das Fasten ist eine der ältesten und tiefsten spirituellen Praktiken der Menschheit, die über Jahrtausende hinweg in nahezu allen großen Religionen und Kulturen gepflegt wurde. Es ist eine Zeit der bewussten Entbehrung, die weit über den bloßen Verzicht auf Nahrung hinausgeht. Während die Frage nach den spezifischen Fastenzeiten im Mittelalter eine reiche historische Forschungstradition berührt, konzentriert sich dieser Artikel, basierend auf den tiefen Einblicken aus dem klösterlichen Leben, darauf, wie diese alte Praxis heute gelebt und interpretiert wird. Die Benediktsregel, die seit über 1500 Jahren als Grundlage für das Klosterleben dient, bietet dabei einen faszinierenden Einblick in die Kontinuität dieser Tradition von der Antike bis in die Gegenwart. Sie zeigt, dass die Prinzipien des Fastens – die Suche nach innerer Einkehr und die Stärkung der Beziehung zu Gott – zeitlos sind, auch wenn die Ausgestaltung variieren mag.

Die Fastenzeit, insbesondere die 40 Tage vor Ostern, ist für viele Gläubige und besonders für die Mitglieder geistlicher Gemeinschaften eine besondere Zeit. Es ist eine Phase der Besinnung, der Reinigung und der Vorbereitung auf das höchste Fest der Christenheit. Doch wie wird diese Zeit in den Klöstern konkret gelebt? Ist das Fasten eine strikte Regel oder eine zutiefst persönliche Angelegenheit?
Die Vielfalt des Fastens im Kloster: Persönlich oder gemeinschaftlich?
Die Vorstellung, dass Fasten im Kloster immer strengen, einheitlichen Regeln folgt, ist weit verbreitet, aber die Realität ist vielschichtiger. Wie die Erfahrungen aus verschiedenen Ordensgemeinschaften zeigen, pflegt jeder Orden seine eigene Fastenkultur. Während einige Gemeinschaften klare Vorgaben haben, überlassen andere die Ausgestaltung und Intensität des Fastens den einzelnen Schwestern und Brüdern selbst. Eines jedoch ist allen gemeinsam: Die Zeit zwischen Aschermittwoch und der Osternacht ist eine Zeit der besonderen Erwartungen, Entbehrungen und oft auch großer Gefühle.
Bruder Franz-Maria und die innere Einkehr
Bruder Franz-Maria, ein 72-jähriger Franziskaner-Minorit, der seit 49 Jahren dem Orden angehört, betont, dass für ihn der Verzicht auf Alkohol und Süßigkeiten „eigentlich selbstverständlich“ sei. Doch das körperliche Fasten ist für ihn nur ein Teil des Ganzen. Sein Hauptaugenmerk liegt auf der inneren Einkehr und der Fokussierung auf den Glauben und die Beziehung zum Herrn. Er nutzt die Fastenzeit, um seinen Tagesablauf zu überprüfen und sogenannte „Zeit- und Energiefresser“ zu identifizieren, die ihn von seinem eigentlichen Ziel ablenken. Er achtet verstärkt auf sein Innenleben, darauf, wo sich noch der „alte Mensch“ regt – Haltungen wie „Ja, aber“-Geister, der störrische Esel oder der Angsthase, die ihn daran hindern, Gott zu vertrauen und hoffend und liebend zu sein. Für ihn geht es darum, die „erste Liebe“ wiederzugewinnen, die ihn einst ins Kloster führte. Diese kann im Alltag verloren gehen und sich in Resignation oder depressiven Gefühlen äußern. Dann gelte es, „in die Stille zu gehen, um sich neu die Freude an Gott schenken zu lassen.“
Schwester Francesca: Fasten als Vorbereitung und Beziehungsarbeit
Schwester Francesca, eine Missions-Dominikanerin, die seit 40 Jahren ihrem Orden angehört, sieht die Fastenzeit als bewusste Vorbereitung auf Ostern. Sie fastet von Fleisch, Alkohol und Zucker und versucht, weniger Müll zu produzieren. Für sie ist klar: Die Menschen brauchen solche Zeiten, um sich neu orientieren und verorten zu können. Im Gegensatz zur oft in Frauenzeitschriften propagierten Selbstoptimierung geht es ihr nicht darum, vor Gott besser dazustehen. Vielmehr versteht sie das Fasten als einmalige Chance, Antworten auf wichtige Fragen zu erhalten: „Wie kann ich meine Beziehung zu Gott noch lebendiger gestalten? Wie trete ich mit ihm noch enger in Kontakt? Was muss ich tun, um mein Verhältnis zu meinen Mitschwestern weiter zu verbessern?“ Sie schätzt, dass die Antworten darauf jedes Jahr anders ausfallen.
Interessant ist auch ihr Austausch mit muslimischen Flüchtlingen, für die der Ramadan eine sehr intensive Fastenzeit ist. Sie stellt fest, dass es für Muslime oft schwer verständlich ist, dass Christen sich aussuchen können, worauf sie verzichten und wie sie die Fastenzeit gestalten. Dies unterstreicht die unterschiedlichen Fastenkulturen und die persönliche Freiheit, die in manchen christlichen Gemeinschaften gelebt wird.
Abt Markus und die Benediktsregel: Struktur und geistige Wirkung
Bei den Benediktinern hingegen gibt es klare Regeln und Vorgaben für die Fastenzeit, die in Kapitel 49 der seit über 1500 Jahren gültigen Benediktsregel verankert sind. Dort heißt es: „Der Mönch soll zwar immer ein Leben führen wie in der Fastenzeit, dazu haben aber nur wenige die Kraft. So möge jeder über das ihm zugewiesene Maß hinaus aus eigenem Wille in der Freude des Heiligen Geistes Gott etwas darbringen.“ Dies zeigt, dass selbst in einer strukturierten Gemeinschaft Raum für persönlichen Einsatz und freiwilligen Verzicht ist.
Am Aschermittwoch überreichen die Mönche ihrem Abt eine sogenannte Fastenschedula, in der sie ihre Fastenvorsätze schriftlich festhalten. Abt Markus aus der Benediktinerabtei Scheyern kann eingreifen, wenn sich Brüder unter- oder überfordern. Er selbst praktiziert in den ersten beiden Wochen eine Fastenkur nach der Franz-Xaver-Mayr-Methode, die der „Entschlackung des Körpers“ dient. Dabei verzichtet er auf viele gewohnte Speisen und konzentriert sich auf das gründliche Zerkauen alter Semmeln, Gemüsesuppe und Tee. Für ihn und seine Gemeinschaft ist die geistige Wirkung des Fastens mindestens genauso wichtig wie die körperliche. „Fasten wird meist aufs Essen reduziert, besteht aber aus weit mehr. Die Fastenzeit hat nichts mit Kasteien zu tun, sondern bewirkt eine positive Sicht auf das Leben und unsere Liebe zu Gott.“ Es sei ein Ausdruck der Freiheit, Gewohnheiten zu überprüfen und bewusster zu leben. Die Benediktsregel mahnt, „in aller Lauterkeit auf sein Leben“ zu achten.
Schwester Barbara: Konzentration auf das Wesentliche
Für Schwester Barbara von den Missionsschwestern vom Heiligsten Erlöser ist das Fasten in erster Linie eine persönliche Angelegenheit. Ihre Gemeinschaft hat keine festen Vorgaben. Sie stimmt sich mit ihren Mitschwestern ab, worauf sie in der Fastenzeit besonders Wert legen wollen. Neben ihrem ohnehin einfachen Lebensstil – wenig Süßigkeiten, regionales Gemüse, wenig Fleisch – haben sie sich dieses Jahr auf ein doppeltes Vorgehen geeinigt: noch mehr Verzicht üben und sich stärker auf ihre geistlichen Aufgaben konzentrieren. Dazu gehört das gemeinsame Lesen eines Buches und noch mehr Achtsamkeit für Stille und geistige Einkehr.
Für Schwester Barbara sind die Wochen vor Ostern eine „Zeit der Konzentration aufs Wesentliche und eine Rückbesinnung auf das christliche Leben.“ Sie betont die Einheit von Geist und Körper: „Man kann sich nicht geistig aufs Wesentliche fokussieren und gleichzeitig körperlich über die Stränge schlagen.“ Sie nutzt das Fasten, um die Einfachheit des Lebens zu stärken, innere Widerstandskraft aufzubauen und frei zu werden für das, worum es ihr wirklich geht: ein christliches Leben zu führen und der „Globalisierung der Oberflächlichkeit“ zu widerstehen. Die Fastenzeit mit ihrer inneren Dynamik ist für sie eine gute Zeit, dies einzuüben und wieder voller Dank für den christlichen Glauben und Ostern zu sein.

Vergleich der Fastenansätze in Ordensgemeinschaften
| Ordensgemeinschaft | Fastenansatz | Primärer Fokus | Beispiele/Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Franziskaner-Minoriten | Weitgehend persönliche Ausgestaltung innerhalb des Tagesablaufs. | Innere Einkehr, Überprüfung von „Zeit- und Energiefressern“, Stärkung der Gottesbeziehung. | Verzicht auf Alkohol/Süßigkeiten; Fokus auf das Überwinden innerer Haltungen („Ja, aber“-Geister); „erste Liebe“ wiederfinden. |
| Missions-Dominikanerinnen | Bewusste persönliche Wahrnehmung; Verzicht auf Fleisch, Alkohol, Zucker. | Vorbereitung auf Ostern, Beziehungsarbeit zu Gott und Mitschwestern, nicht Selbstoptimierung. | Weniger Müll produzieren; intensive Gespräche mit Muslimen über Fasten; jährlich neue Antworten auf wichtige Fragen. |
| Benediktiner | Klare Regeln nach der Benediktsregel (Kapitel 49); persönliche Vorsätze in Fastenschedula. | Geistige und körperliche Wirkung; Überprüfung von Gewohnheiten; bewussteres Leben. | Abt Markus' Mayr-Kur zur „Entschlackung“; gemeinsamer Austausch über Fastenlektüre; Betonung der Freiheit im Verzicht. |
| Missionsschwestern vom Heiligsten Erlöser | Keine Vorgaben, aber gemeinschaftliche Absprache und persönliche Ausgestaltung. | Konzentration auf das Wesentliche, Rückbesinnung auf christliches Leben, Stärkung der inneren Widerstandskraft. | Verzicht auf Süßigkeiten, nur regionales Gemüse, wenig Fleisch; Stille und geistige Einkehr; Widerstand gegen „Globalisierung der Oberflächlichkeit“. |
Häufig gestellte Fragen zum Fasten
Das Thema Fasten wirft oft viele Fragen auf, insbesondere in einer Zeit, in der der Begriff vielfältig interpretiert wird. Hier sind einige der häufigsten Fragen, die sich im Kontext des religiösen Fastens ergeben:
Ist Fasten nur der Verzicht auf Essen?
Nein, wie die Berichte aus den Klöstern zeigen, geht Fasten weit über den reinen Verzicht auf Speisen hinaus. Es umfasst auch den Verzicht auf andere Gewohnheiten wie Alkohol, Süßigkeiten, aber auch auf „Zeit- und Energiefresser“, übermäßiges Reden (Geschwätz) oder Albernheiten. Das eigentliche Ziel ist die innere Einkehr und die Konzentration auf das Wesentliche.
Muss Fasten streng sein?
Die Strenge des Fastens variiert stark, selbst innerhalb der kirchlichen Traditionen. Während einige Orden klare, strikte Regeln haben (wie die Benediktiner), lassen andere Gemeinschaften ihren Mitgliedern viel Freiraum für die persönliche Ausgestaltung. Es geht weniger um die Strenge an sich als um die bewusste Entscheidung und die innere Haltung des Verzichts.
Was ist das eigentliche Ziel des Fastens?
Das Ziel des Fastens ist vielfältig: Es dient der inneren Reinigung, der Stärkung der Beziehung zu Gott, der Besinnung auf den eigenen Glauben, der Solidarität mit den Armen und der Vorbereitung auf wichtige religiöse Feste wie Ostern. Es ist eine Zeit, um Gewohnheiten zu überprüfen, bewusster zu leben und sich von Ablenkungen zu lösen, um sich auf geistige Werte zu konzentrieren.
Ist Fasten im Kloster anders als im weltlichen Leben?
Klosterleben ist per se oft schon stark strukturiert und auf geistliche Praxis ausgerichtet. Das Fasten im Kloster kann daher eine tiefere Integration in den Alltag finden, mit gemeinsamen Gebetszeiten, Mahlzeiten und spezifischen Regeln oder Bräuchen wie der Fastenschedula. Während im weltlichen Leben Fasten oft als individuelle Herausforderung oder zur Selbstoptimierung praktiziert wird, ist es im Kloster stärker in einen gemeinschaftlichen und geistlichen Kontext eingebettet, auch wenn die persönliche Ausgestaltung eine große Rolle spielt.
Die Frage nach den spezifischen Fastenzeiten im Mittelalter ist, wie eingangs erwähnt, komplex und würde eine detaillierte historische Abhandlung erfordern, die über die hier bereitgestellten Informationen hinausgeht. Es ist jedoch klar, dass die Benediktsregel, die seit 1500 Jahren das klösterliche Leben prägt, eine Brücke zu den mittelalterlichen Fastenpraktiken schlägt und deren spirituellen Kern bis heute bewahrt.
Die Freude am Ende der Fastenzeit
Trotz aller Unterschiede in den Fastenpraktiken und -intensitäten eint die Schwestern und Brüder der einzelnen Gemeinschaften eine gemeinsame Vorfreude: die auf die Osternacht, das Fest der Auferstehung. Es ist der Höhepunkt der Fastenzeit und markiert das Ende der Entbehrung. Für viele beginnt Ostern bereits in den frühen Morgenstunden mit Gebet, Meditation und Gottesdienst. Die erste Mahlzeit nach der Fastenzeit wird oft festlich und gemeinschaftlich gestaltet, sei es mit einem gemeinsamen Frühstück, dem Anzünden der Osterkerze oder einem Halleluja.
Abt Markus freut sich, wenn er seinen Fastenvorsatz auch in diesem Jahr wieder geschafft hat. Auch für Schwester Francesca und Bruder Franz-Maria wartet am Ostersonntag ein Frühstück in der Ordensgemeinschaft – in aller Bescheidenheit und mit reichlich Appetit, den sie sich redlich verdient haben. Diese gemeinsame Freude am Ende der Fastenzeit unterstreicht ihre tiefere Bedeutung: Es ist eine Zeit der Disziplin und des Verzichts, die jedoch in die Freude der Auferstehung mündet und die Verbundenheit mit Gott und der Gemeinschaft erneuert.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Fasten im Kloster: Eine Reise zu Gott kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Spiritualität besuchen.
