03/02/2023
Der Ewigkeitssonntag, auch bekannt als Totensonntag, markiert einen besonderen und besinnlichen Abschluss im evangelischen Kirchenjahr. Er ist nicht nur ein Tag des Gedenkens an die Verstorbenen, sondern vor allem ein Tag, der den Blick in die Zukunft richtet – eine Zukunft, die jenseits unserer menschlichen Vorstellungskraft liegt, weil sie die Dimension der Ewigkeit berührt. An diesem letzten Sonntag vor dem ersten Advent werden die Gläubigen dazu eingeladen, über die Grenzen von Zeit und Raum nachzudenken und sich der Verheißung einer unendlichen Existenz in der Gemeinschaft mit Gott bewusst zu werden. Es ist ein Tag, der Trost spendet, Hoffnung weckt und die Gewissheit vermittelt, dass der Tod nicht das Ende, sondern ein Übergang in eine tiefere Wirklichkeit ist.

Dieser besondere Sonntag kann auf zweifache Weise begangen werden: entweder als Ewigkeitssonntag, der den Fokus auf die Zukunft und die Ewigkeit legt, oder als Gedenktag der Entschlafenen, der primär dem Andenken an die Verstorbenen dient. Das neue Evangelische Gottesdienstbuch sieht eine Trennung dieser beiden Schwerpunkte vor, doch ist eine Kombination beider Ansätze keineswegs abwegig. Im Kern geht es darum, die menschliche Endlichkeit mit der unendlichen Perspektiven Gottes zu verbinden und die Hoffnung auf das himmlische Jerusalem zu stärken, das uns als ewige Wohnstatt verheißen ist. Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt, wie es im zweiten Petrusbrief (2. Petr 3, 13) heißt.
Was wird am Ewigkeitssonntag erinnert und gefeiert?
Am Ewigkeitssonntag wird in erster Linie die Ewigkeit Gottes und die Teilhabe des Menschen an dieser Ewigkeit durch Jesus Christus erinnert und gefeiert. Es ist ein Tag, der uns über das Hier und Jetzt hinausblicken lässt. Die Perikopen dieses Tages – die ausgewählten Bibelabschnitte für den Gottesdienst – lenken unseren Blick auf eine Zukunft, die unsere irdischen Vorstellungen übersteigt. Diese Ewigkeit ist nicht nur eine ferne Zukunft, sondern sie ist in einem tiefen Sinne auch Gegenwart und Vergangenheit. Sie ist eine Dimension, die sich unserem zeitlichen Begreifen entzieht. Durch Jesus Christus dürfen wir bereits zeichenhaft an dieser Ewigkeit teilhaben und werden eines Tages ganz in sie eintreten. Das „einst” ist dabei nicht als eine ferne Zeit in unserer linearen Zeitvorstellung zu verstehen, sondern als jenseits unserer bekannten Zeitdimension.
Der Ewigkeitssonntag, der auch als Totensonntag bekannt ist, hat eine lange Tradition im Gedenken an die Verstorbenen. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ordnete im Jahr 1816 an, am letzten Sonntag des Kirchenjahres, dem Sonntag vor dem ersten Advent, der Verstorbenen zu gedenken. Damit wurde ein fester Rahmen für das Totengedenken geschaffen, das in allen Kulturen und Religionen einen wichtigen Platz einnimmt und zum menschlichen Zusammenleben gehört. Der Blick richtet sich an diesem Tag auf das Ende der Zeit und darüber hinaus auf die Ewigkeit. Es ist ein Tag, an dem die Gräber auf den Friedhöfen besucht und geschmückt werden, ein sichtbares Zeichen der Verbundenheit mit den Entschlafenen und der Hoffnung auf die Auferstehung.
Das Evangelium verheißt dem gläubigen Menschen, dass er in Gottes Ewigkeit kommt, wenn seine Zeit auf Erden zu Ende ist. Er ist dann bei Gott, in der Gemeinschaft mit Gott. Diese Ewigkeit ist keine endlos gedehnte Zeit und das ewige Leben ist kein zweites Leben im irdischen Sinne. Es ist vielmehr eine tiefe, unvergängliche Verbundenheit mit dem Schöpfer. Obwohl wir nicht wissen, wie es konkret in Gottes Ewigkeit ist – darüber schweigt die Bibel – wissen wir genug: Der Mensch fällt mit dem Tod nicht ins Nichts, sondern tritt in diese göttliche Gemeinschaft ein. Christen wissen vielleicht nicht „was” kommt, aber sie wissen „wer” kommt: Jesus Christus, der Weg zum Leben.
Die Gestaltung des Gottesdienstes am Ewigkeitssonntag bietet vielfältige Möglichkeiten, die zentrale Botschaft von Ewigkeit und Trost zu vermitteln. Eine besondere Feierlichkeit kann erreicht werden, wenn der Gottesdienst beispielsweise auf dem Friedhof stattfindet, um die Nähe zu den Verstorbenen und den Ort ihrer letzten Ruhe zu betonen. Wenn sowohl das Proprium des Totensonntags als auch das des Ewigkeitssonntags berücksichtigt werden sollen, bietet es sich an, den Hauptgottesdienst in der Kirche mit dem Totengedenken und dem Proprium des Totensonntags durchzuführen und einen separaten Gottesdienst auf dem Friedhof mit dem Proprium des Ewigkeitssonntags. Diese Trennung ermöglicht es, beiden Aspekten gerecht zu werden.

Ein tief berührendes Element im Gottesdienst ist das Anzünden von Lichtern für jedes verstorbene Gemeindeglied, während dessen Name verlesen wird. Diese Lichter können dann auf dem Altar abgestellt werden, wo sie die „Präsenz” der Verstorbenen als Glieder der Gemeinschaft der Heiligen symbolisieren. Es ist sogar denkbar, dass Angehörige die Lichter selbst anzünden, was eine sehr persönliche Form des Gedenkens darstellt. Sollten Angehörige nicht anwesend sein, kann ein anderes Mitglied der Gemeinde diese Aufgabe übernehmen, um sicherzustellen, dass niemand vergessen wird und die gesamte Gemeinschaft in das Gedenken einbezogen ist.
Im Rahmen des Abendmahls am Ewigkeitssonntag sollte ein Hinweis darauf erfolgen, dass auch die Verstorbenen als Glieder der Gemeinschaft der Heiligen unter uns sind. Das Abendmahl wird so zu einem Moment, der die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits aufhebt und die Einheit der gesamten Gemeinde – der Lebenden und der Entschlafenen – in Christus verdeutlicht. Die brennenden Lichter auf dem Altar unterstützen diese Vorstellung der Präsenz und des Weiterlebens in der göttlichen Gemeinschaft.
Die Gebete dieses Tages spiegeln die Themen von Buße, Hoffnung und der Sehnsucht nach Gottes Reich wider:
- Eingangsvotum: Am letzten Sonntag des Kirchenjahres hören wir vom himmlischen Jerusalem, der ewigen Stadt, die uns als Wohnstatt verheißen ist. Das Warten scheint uns lang zu werden, aber vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag, und um seiner Schöpfung willen schenkt er Raum zur Buße. So freuen wir uns auf die verheißene Stadt und warten geduldig in dem Wissen, dass der Tag des Herrn unvermittelt anbrechen wird.
- Wochenspruch: Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. (Lk 12, 35)
- Antiphon: Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. (2. Petr 3, 13)
- Halleluja-Vers: Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich. (Ps 16, 11)
- Kyriegebet: Dein Reich ist mitten unter uns, Gott, und doch leben wir, als könnte nichts ferner von uns sein. Schenke uns die nötige Sensibilität, dass wir die Zeichen deines Reiches in unserer Umwelt und in unserem eigenen Leben erkennen, damit in uns die Freude wächst, dir zu dienen und deinen Namen zu preisen. Wir rufen dich an:
- Kollektengebet (Tagesgebet): Herr Gott, himmlischer Vater: Du hast unser Leben durch den Tod auf eine kurze Zeit begrenzt, damit wir erfahren, dass wir nicht vollkommen sind, dass wir deine Stelle nicht einnehmen können. Hilf uns anzunehmen, dass wir in Dir und durch dich allein die Fülle des Lebens haben. Durch unseren Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Auch musikalisch wird der Ewigkeitssonntag oft durch tiefgründige und hoffnungsvolle Stücke begleitet. Bekannte Bach-Kantaten, die zu diesem Anlass passen, sind unter anderem BWV 90 (Es reißet euch ein schrecklich Ende), BWV 110 (Unser Mund sei voll Lachens), BWV 116 (Du Friedefürst, Herr Jesu Christ) und BWV 140 (Wachet auf, ruft uns die Stimme). Diese musikalischen Werke tragen zur feierlichen und besinnlichen Atmosphäre bei und unterstreichen die theologische Tiefe des Tages.
Ewigkeitssonntag im Vergleich zu Allerheiligen
Obwohl sowohl der Ewigkeitssonntag als auch Allerheiligen Tage des Gedenkens an Verstorbene sind, unterscheiden sie sich in ihrer theologischen Ausrichtung und konfessionellen Zugehörigkeit erheblich. Es ist wichtig, diese Unterschiede zu verstehen, um die jeweilige Bedeutung korrekt einzuordnen.
| Merkmal | Ewigkeitssonntag (Totensonntag) | Allerheiligen |
|---|---|---|
| Konfession | Evangelisch | Katholisch |
| Datum | Letzter Sonntag des Kirchenjahres (vor dem 1. Advent) | 1. November |
| Hauptfokus | Gedenken an Verstorbene, Blick auf die Ewigkeit Gottes und die Auferstehung durch Jesus Christus, Hoffnung auf das ewige Leben und die Gemeinschaft mit Gott. | Verehrung aller Heiligen (bekannten und unbekannten) und Gedenken an alle Verstorbenen im Glauben. |
| Theologische Ausrichtung | Betont die unbegrenzte Zeit Gottes und die Teilhabe der Gläubigen an dieser Ewigkeit. Der Tod ist ein Übergang in die Gegenwart Gottes. | Betont die Gemeinschaft der Heiligen und die Fürbitte der Heiligen für die Lebenden. |
| Ursprung | Eingeführt von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (1816) als staatlich angeordneter Gedenktag. | Historisch gewachsen, erste Feierlichkeiten im 4. Jahrhundert, später von Papst Gregor IV. im 9. Jahrhundert auf den 1. November festgelegt. |
Wie die Tabelle zeigt, ist der Ewigkeitssonntag primär ein evangelischer Feiertag, der auf den Tod und die Auferstehung Jesu Christi hinweist und die Hoffnung auf die Ewigkeit in den Vordergrund stellt. Allerheiligen hingegen ist ein katholischer Feiertag, der die Heiligen und alle Verstorbenen ehrt, die bereits in der himmlischen Herrlichkeit sind.
Häufig gestellte Fragen zum Ewigkeitssonntag
Was wird am Ewigkeitssonntag erinnert?
Am Ewigkeitssonntag wird die Ewigkeit Gottes erinnert und gefeiert, die sich zeitlich nicht fassen lässt, sowie die Teilhabe der Menschen an dieser Ewigkeit durch Jesus Christus. Es ist ein Tag des Gedenkens an die Verstorbenen und der Hoffnung auf das ewige Leben in Gemeinschaft mit Gott. Der Tag lenkt den Blick auf das himmlische Jerusalem als verheißene Wohnstatt und auf die Auferstehung von den Toten.

Was ist der Unterschied zwischen Ewigkeitssonntag und Allerheiligen?
Der Ewigkeitssonntag ist ein evangelischer Feiertag, der am letzten Sonntag des Kirchenjahres stattfindet und den Fokus auf die Ewigkeit Gottes, die Auferstehung und das Gedenken an die Verstorbenen legt. Allerheiligen hingegen ist ein katholischer Feiertag am 1. November, der alle Heiligen (bekannten und unbekannten) sowie alle Verstorbenen im Glauben ehrt und ihre Fürbitte betont. Während der Ewigkeitssonntag die Hoffnung auf die Zukunft in Gottes Ewigkeit hervorhebt, gedenkt Allerheiligen der bereits in der Herrlichkeit Gottes befindlichen Heiligen.
Was sagt die Bibel über die Ewigkeit?
Die Bibel beschreibt die Ewigkeit nicht als eine unendlich ausgedehnte Zeit, sondern als eine Dimension jenseits unserer menschlichen Zeitvorstellung. Sie ist vor allem die Gemeinschaft mit Gott. Im Evangelium wird dem gläubigen Menschen zugesagt, dass er nach seinem Tod in Gottes Ewigkeit kommt und bei Gott sein wird. Die Bibel gibt keine detaillierte Beschreibung, wie es dort ist, betont aber, dass der Mensch nicht ins Nichts fällt, sondern in die unvergängliche Gemeinschaft mit seinem Schöpfer eintritt. Christen wissen nicht genau, „was” kommt, aber sie wissen „wer” kommt: Jesus Christus, der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Warum wird der Ewigkeitssonntag auch Totensonntag genannt?
Der Ewigkeitssonntag wird auch Totensonntag genannt, weil er historisch als staatlich angeordneter Gedenktag für die Verstorbenen eingeführt wurde. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ordnete 1816 an, am letzten Sonntag des Kirchenjahres der Entschlafenen zu gedenken. Obwohl der theologische Fokus des Ewigkeitssonntags auf der Ewigkeit und der Auferstehung liegt, bleibt das Gedenken an die Verstorbenen ein zentraler Bestandteil des Tages, was sich auch in den Gottesdienstpraktiken wie dem Besuch der Friedhöfe und dem Verlesen der Namen der Entschlafenen widerspiegelt.
Kann der Gottesdienst am Ewigkeitssonntag auf dem Friedhof gefeiert werden?
Ja, der Gottesdienst am Ewigkeitssonntag kann sehr gut auf dem Friedhof gefeiert werden. Dies bietet eine besondere Atmosphäre und ermöglicht eine direkte Verbindung zum Ort der Bestattung der Verstorbenen. Es ist eine Möglichkeit, das Gedenken und die Hoffnung auf die Ewigkeit an einem Ort zu versammeln, der tief mit Verlust und Erinnerung verbunden ist. Oft wird ein solcher Gottesdienst mit dem Proprium des Ewigkeitssonntags gefeiert, während der Hauptgottesdienst in der Kirche dem Totengedenken gewidmet sein kann.
Der Ewigkeitssonntag ist somit ein Tag von tiefer spiritueller Bedeutung. Er verbindet das menschliche Bedürfnis nach Trauer und Gedenken mit der christlichen Hoffnung auf das ewige Leben. Er erinnert uns daran, dass unser Leben in Gottes Hand liegt und dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Vielmehr ist es die Verheißung der Ewigkeit und der unzertrennlichen Gemeinschaft mit Gott durch Jesus Christus, die uns Trost und Zuversicht schenkt, während wir geduldig auf den Tag des Herrn warten.
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