15/02/2025
Einleitung:
Das erste Evangelium im Neuen Testament, weithin bekannt als das Matthäusevangelium, nimmt eine zentrale Stellung in der christlichen Tradition ein. Es ist das meistzitierte und vielleicht einflussreichste der vier kanonischen Evangelien, prägt es doch maßgeblich unser Bild von Jesus Christus, seinen Lehren und seiner Mission. Doch wer war der geheimnisvolle Verfasser dieses epochalen Werkes? Die Frage nach der Autorenschaft des Matthäusevangeliums ist seit Jahrhunderten Gegenstand intensiver Debatten und theologischer Forschung. Während die christliche Tradition über lange Zeit eine klare Antwort bereithielt, haben moderne wissenschaftliche Methoden neue Perspektiven eröffnet und die Gewissheit vergangener Generationen ins Wanken gebracht. Tauchen wir ein in die vielschichtige Diskussion um den Ursprung dieses grundlegenden Textes und beleuchten wir die Argumente, die sowohl für als auch gegen die traditionelle Zuschreibung sprechen.

- Die traditionelle Zuschreibung: Matthäus der Apostel
- Die Herausforderungen der modernen Forschung
- Argumente für die traditionelle Autorenschaft
- Argumente gegen die traditionelle Autorenschaft
- Wer könnte der Autor dann gewesen sein?
- Die Bedeutung der Anonymität
- Tradition vs. Moderne Forschung: Ein Vergleich
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Die traditionelle Zuschreibung: Matthäus der Apostel
Seit den frühesten Tagen der Kirche wurde das erste Evangelium fest mit einer Person verbunden: Matthäus, dem Zöllner, der von Jesus berufen wurde, ihm nachzufolgen. Im Matthäusevangelium selbst wird in Kapitel 9, Vers 9 die Berufung eines Zöllners namens Matthäus beschrieben, während die Parallelstellen bei Markus (2,14) und Lukas (5,27) von der Berufung eines Levi sprechen. Es wird angenommen, dass Matthäus und Levi dieselbe Person sind. Diese Zuschreibung wurde von den frühen Kirchenvätern, die als wichtige Zeugen für die Überlieferung gelten, einstimmig bestätigt.
Der prominenteste frühe Zeuge ist Papias von Hierapolis, ein Bischof des frühen 2. Jahrhunderts. Eusebius von Cäsarea zitiert Papias in seiner Kirchengeschichte mit den Worten: „Matthäus hat die Logien in hebräischer Sprache gesammelt, und ein jeder hat sie übersetzt, so gut er konnte.“ Obwohl die genaue Bedeutung von Papias' Aussage umstritten ist – ob „Logien“ nur Sprüche oder das gesamte Evangelium meint und ob „hebräisch“ Aramäisch oder eine hebräische Schrift meinte – wurde dies oft als Beweis dafür gesehen, dass Matthäus der ursprüngliche Verfasser war, möglicherweise in einer aramäischen Version, die später ins Griechische übersetzt wurde.
Weitere einflussreiche Kirchenväter wie Irenäus von Lyon (Ende 2. Jahrhundert) und Origenes (3. Jahrhundert) bekräftigten diese Ansicht. Irenäus schrieb in seinem Werk „Adversus Haereses“ (Gegen die Häresien): „Matthäus aber hat bei den Hebräern in ihrer eigenen Sprache ein Evangelium herausgegeben, als Petrus und Paulus in Rom das Evangelium verkündeten und die Kirche gründeten.“ Diese einheitliche und frühe Überlieferung war über Jahrhunderte hinweg die Grundlage für die Annahme, dass der Apostel Matthäus der Autor des Evangeliums war, das seinen Namen trägt. Die Tatsache, dass das Evangelium eine starke jüdische Prägung aufweist, mit zahlreichen Verweisen auf das Alte Testament und einer Betonung der Erfüllung prophetischer Schriften, schien gut zu einem ehemaligen jüdischen Zöllner zu passen, der mit den Schriften vertraut war.
Die Herausforderungen der modernen Forschung
Trotz der starken traditionellen Zuschreibung haben moderne bibelwissenschaftliche Forschungen im 19. und 20. Jahrhundert erhebliche Zweifel an der apostolischen Autorenschaft des Matthäusevangeliums aufkommen lassen. Diese Zweifel basieren auf verschiedenen Beobachtungen, die aus der Textanalyse und dem Vergleich der Evangelien untereinander gewonnen wurden.
Einer der wichtigsten Punkte ist die sogenannte Quellenkritik. Die überwiegende Mehrheit der heutigen Neutestamentler geht davon aus, dass das Matthäusevangelium nicht das erste Evangelium war, das geschrieben wurde, sondern stattdessen das Markusevangelium als Hauptquelle nutzte. Diese Theorie, bekannt als die „Markuspriorität“, impliziert, dass Matthäus den Inhalt und die Struktur des Markusevangeliums kannte und verwendete. Wenn Matthäus, der Apostel, ein direkter Augenzeugenbericht der Ereignisse war, wäre es höchst unwahrscheinlich, dass er sich so stark auf das Evangelium des Markus verlassen hätte, der selbst kein direkter Augenzeuge Jesu war. Ein Apostel hätte seine eigene, primäre Erinnerung niedergeschrieben.
Zusätzlich zur Markuspriorität postulieren viele Forscher die Existenz einer weiteren hypothetischen Quelle, die sogenannte „Logienquelle“ oder „Q-Quelle“. Diese Quelle soll die gemeinsamen Sprüche Jesu enthalten haben, die sowohl Matthäus als auch Lukas nutzten, aber nicht bei Markus zu finden sind. Die komplexe Art, wie Matthäus diese verschiedenen Quellen (Markus, Q und eigenes Sondergut, bekannt als „M-Quelle“) verarbeitet und neu arrangiert, deutet auf einen versierten Redaktor oder Schreiber hin, der theologische Absichten verfolgte, anstatt auf einen direkten, unredigierten Bericht eines Augenzeugen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Sprache und der Stil des Evangeliums. Das Matthäusevangelium ist in relativ gutem Griechisch verfasst, was für einen galiläischen Zöllner, der vermutlich Aramäisch sprach, eine Herausforderung gewesen wäre. Zwar war Griechisch die Lingua franca der damaligen Zeit, doch der literarische und theologische Anspruch des Textes legt nahe, dass der Verfasser eine fundierte Bildung besaß, die über das hinausgeht, was man von einem einfachen Zöllner erwarten würde.
Schließlich ist das Evangelium selbst anonym. Wie alle vier kanonischen Evangelien nennt es seinen Verfasser nicht. Die Titel „Evangelium nach Matthäus“ wurden erst später von der Kirche hinzugefügt, um die Werke zu identifizieren und zu klassifizieren, nicht als ursprünglicher Bestandteil des Textes. Diese Anonymität ist ein starkes Argument gegen die traditionelle Zuschreibung, da ein apostolischer Autor, der seine Autorität betonen wollte, seinen Namen wahrscheinlich genannt hätte.
Argumente für die traditionelle Autorenschaft
Trotz der kritischen Einwände gibt es weiterhin Argumente, die die traditionelle Zuschreibung an Matthäus stützen oder zumindest als plausible Möglichkeit offenhalten:
- Die Stärke der frühen Kirchenväter-Zeugnisse: Die einstimmige und frühe Überlieferung, die Matthäus als Autor nennt, ist nicht leicht zu ignorieren. Papias, Irenäus und andere lebten relativ nah an der Entstehungszeit des Evangeliums und hatten Zugang zu Informationen, die uns heute fehlen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich ohne triftigen Grund auf einen Namen geeinigt hätten.
- Papias' Aussage und die „Logien“: Wenn Papias' Aussage bedeutet, dass Matthäus eine Sammlung von Sprüchen Jesu in Aramäisch (oder Hebräisch) verfasst hat, könnte dies die ursprüngliche „M-Quelle“ oder eine frühe Vorstufe des Evangeliums gewesen sein. Ein späterer Redaktor, der auch Markus kannte, hätte diese aramäische Sammlung dann ins Griechische übersetzt und erweitert, wobei er den Namen des ursprünglichen Sammlers beibehielt. Dies würde die sprachlichen und quellenkritischen Probleme teilweise erklären.
- Die jüdische Prägung des Evangeliums: Das Matthäusevangelium ist eindeutig für ein jüdisches Publikum geschrieben oder zumindest von einem Autor mit tiefen Kenntnissen des Judentums und der jüdischen Schriften. Es zitiert das Alte Testament über 60 Mal – mehr als jedes andere Evangelium – und betont, wie Jesus die alttestamentlichen Prophezeiungen erfüllt. Dies passt gut zu einem ehemaligen jüdischen Zöllner, der mit den Schriften vertraut war und Jesus als den Messias Israels verkünden wollte.
- Die Betonung des Zöllners Matthäus: Die Tatsache, dass das Evangelium den Namen Matthäus bei der Berufung eines Zöllners explizit nennt, während Markus und Lukas Levi nennen, könnte ein subtiler Hinweis des Autors auf seine Identität sein oder ein Hinweis auf die besondere Wertschätzung für diesen Apostel in der Gemeinde, aus der das Evangelium stammt.
Argumente gegen die traditionelle Autorenschaft
Die modernen kritischen Argumente sind jedoch stark und werden von der Mehrheit der Neutestamentler als überzeugender angesehen:
- Markuspriorität: Dies ist das gewichtigste Argument. Wenn Matthäus tatsächlich der Apostel gewesen wäre, der Jesus persönlich kannte, gäbe es keinen logischen Grund, warum er sich auf ein Evangelium eines Nicht-Augenzeugen wie Markus verlassen sollte. Ein Augenzeuge würde seine eigenen Erinnerungen verwenden.
- Die "Q"-Quelle: Die Notwendigkeit, eine hypothetische Q-Quelle zu postulieren, deutet auf eine komplexe literarische Entstehung hin, die über einen einfachen Augenzeugenbericht hinausgeht.
- Sprachliche und theologische Raffinesse: Der griechische Stil und die ausgefeilte theologische Struktur des Matthäusevangeliums (z.B. die fünf großen Redekomplexe, die als Parallele zur Tora Moses' verstanden werden können, oder die Entwicklung der Ekklesiologie – Lehre von der Kirche – die im Markusevangelium noch nicht so prominent ist) deuten auf einen gebildeten Autor hin, der in der Lage war, komplexe theologische Gedanken zu formulieren und literarisch zu gestalten.
- Anonymität des Textes: Der Text selbst nennt keinen Autor. Die Zuschreibung erfolgte erst später, was sie zu einer kirchlichen Tradition macht, die nicht unbedingt die historische Realität widerspiegeln muss.
- Anachronismen: Einige Gelehrte sehen im Matthäusevangelium Hinweise auf eine spätere Entstehungszeit, möglicherweise nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n. Chr., was es für einen Apostel, der vor diesem Ereignis starb, unwahrscheinlich machen würde. Die Gemeinde, für die das Evangelium geschrieben wurde, scheint bereits eine gewisse Distanz zum Judentum der Synagoge entwickelt zu haben, was auf eine spätere Phase der Trennung hindeutet.
Wer könnte der Autor dann gewesen sein?
Wenn es nicht der Apostel Matthäus war, wer hat dann dieses bedeutende Werk verfasst? Die moderne Forschung tendiert dazu, den Autor als einen anonymen, gebildeten, jüdisch-christlichen Schreiber zu sehen, der wahrscheinlich in einer großen städtischen Gemeinde (vielleicht Antiochia in Syrien, wo es eine große jüdisch-christliche Gemeinschaft gab) tätig war. Dieser Autor war tief in der jüdischen Tradition verwurzelt, kannte die griechische Sprache und die hellenistische Kultur und war ein geschickter Theologe, der die Überlieferungen über Jesus sammelte, ordnete und interpretierte, um den Glauben seiner Gemeinde zu stärken und sie in ihren Auseinandersetzungen mit dem Judentum zu unterstützen.
Es war wahrscheinlich kein Einzelgänger, sondern jemand, der im Auftrag oder im Geiste einer bestimmten christlichen Gemeinschaft schrieb, die die Traditionen über Jesus bewahrte und weitergab. Das Evangelium spiegelt die spezifischen Anliegen, Fragen und theologischen Überzeugungen dieser Gemeinschaft wider, die sich als die wahre Erbin Israels verstand und die universelle Mission zu den Heiden betonte.
Die Bedeutung der Anonymität
Die Anonymität des Verfassers des Matthäusevangeliums, wie auch der anderen Evangelien, ist aus theologischer Sicht bemerkenswert und möglicherweise sogar beabsichtigt. Sie lenkt den Fokus weg von der Person des Schreibers und hin auf die Botschaft selbst – die gute Nachricht von Jesus Christus. Die Autorität des Evangeliums leitet sich nicht aus dem prominenten Namen eines Apostels ab, sondern aus der göttlichen Inspiration, die die Kirche in diesen Texten sah, und aus der Kraft der Botschaft, die sie verkünden.
Für die frühen Christen war es vielleicht wichtiger, dass die Botschaft über Jesus überliefert wurde, als wer sie genau zu Papier brachte. Die Evangelien wurden als kirchliche Dokumente verstanden, die die gemeinsame Erinnerung und den Glauben der frühen Gemeinden widerspiegelten. Ihre Autorität wurde durch ihre Akzeptanz und Verwendung in den Gottesdiensten und im Leben der Gemeinden begründet, nicht primär durch die Signatur eines bestimmten Apostels.
Tradition vs. Moderne Forschung: Ein Vergleich
Um die unterschiedlichen Perspektiven zu verdeutlichen, bietet sich ein direkter Vergleich an:
| Aspekt | Traditionelle Sicht | Moderne Forschung |
|---|---|---|
| Autor | Matthäus, der Apostel (ehemaliger Zöllner) | Anonymer, gebildeter jüdisch-christlicher Schreiber |
| Sprache des Originals | Ursprünglich Aramäisch/Hebräisch (Papias) | Direkt auf Griechisch verfasst |
| Quellen | Eigene Augenzeugenerinnerungen, göttliche Inspiration | Markusevangelium, Q-Quelle, eigene Traditionen (M-Quelle) |
| Entstehungszeit | Frühestes Evangelium (vor Markus), ca. 50-60 n. Chr. | Nach Markus, ca. 80-90 n. Chr. (nach Zerstörung des Tempels) |
| Zielgruppe | Juden in Palästina | Jüdisch-christliche Gemeinde (Diaspora), die sich von der Synagoge abgrenzt |
| Autorität des Textes | Basierend auf apostolischer Autorenschaft | Basierend auf theologischer Qualität und kirchlicher Annahme |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist der Name "Matthäus-Evangelium" irreführend?
Aus historisch-kritischer Sicht ja, da es unwahrscheinlich ist, dass der Apostel Matthäus der direkte Autor des uns vorliegenden griechischen Evangeliums ist. Der Name wurde von der frühen Kirche zur Identifikation und Klassifizierung hinzugefügt, nicht als ursprünglicher Bestandteil des Textes.
Warum ist die Autorenschaft überhaupt wichtig?
Die Frage der Autorenschaft ist wichtig für das Verständnis der historischen Entstehung und des Kontexts eines Textes. Ein Augenzeugenbericht eines Apostels hätte eine andere Art von Autorität als ein theologisch redigiertes Werk einer späteren Generation. Es beeinflusst, wie wir den Text interpretieren und seine historische Zuverlässigkeit bewerten.
Gibt es andere anonyme biblische Bücher?
Ja, die meisten Bücher der Bibel sind streng genommen anonym oder nennen keinen Autor im modernen Sinne. Viele Bücher des Alten Testaments sind das Ergebnis langer Überlieferungsprozesse. Auch die Evangelien sind anonym, die Zuschreibungen an Markus, Lukas und Johannes erfolgten ebenfalls erst später durch die Tradition.
Beeinträchtigt die unbekannte Autorenschaft die Autorität des Evangeliums?
Für viele Gläubige und Theologen nicht. Die Autorität des Matthäusevangeliums liegt in seiner Botschaft, seiner theologischen Tiefe und seiner Rolle in der christlichen Tradition. Es wird als inspiriertes Wort Gottes angesehen, unabhängig davon, wer genau die Feder führte. Die Botschaft steht im Vordergrund, nicht der Bote.
Fazit: Die Frage nach dem Verfasser des Ersten Evangeliums bleibt ein faszinierendes Feld der Forschung. Während die Jahrhunderte alte Tradition auf den Apostel Matthäus verweist, haben die Methoden der modernen Bibelwissenschaft ein komplexeres Bild gezeichnet. Es ist heute unwahrscheinlich, dass der Zöllner Matthäus persönlich das uns vorliegende griechische Evangelium verfasst hat. Vielmehr deutet alles auf einen hochbegabten, anonymen jüdisch-christlichen Theologen hin, der in einer lebendigen Gemeinde wirkte und die Überlieferungen über Jesus kunstvoll zu einem kohärenten und theologisch tiefgründigen Werk zusammenfügte.
Unabhängig von der genauen Identität des Autors bleibt das Matthäusevangelium ein Eckpfeiler des christlichen Glaubens. Seine Botschaft von Jesus als dem Messias, der das Gesetz erfüllt, dem Lehrer der Bergpredigt und dem Gründer der Gemeinde, hallt bis heute nach und inspiriert Millionen von Menschen weltweit. Die Debatte um die Autorenschaft erinnert uns daran, dass die Bibel lebendige Texte sind, deren Verständnis sich mit jeder neuen Generation vertieft und weiterentwickelt. Das Geheimnis um den Verfasser mindert nicht die Kraft und Relevanz dieses zeitlosen Evangeliums.
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