18/07/2026
Mentoring ist weit mehr als nur eine „Männersache“. Schon die tiefgehenden Belehrungen des Apostels Paulus im Titusbrief (Titus 2) verdeutlichen, wie wichtig es ist, dass ältere Frauen jüngeren Schwestern in Glaubens- und Lebensfragen zur Seite stehen. Ein besonders ergreifendes und zeitloses Beispiel für solch ein segensreiches Miteinander zweier gottesfürchtiger Frauen finden wir im Lukas-Evangelium: die Begegnung zwischen Elisabeth und Maria. Ihre Geschichte ist nicht nur ein Zeugnis außergewöhnlicher göttlicher Führung, sondern auch eine Ermutigung für uns alle, die Kraft der Gemeinschaft und des gelebten Glaubens im Alltag zu entdecken.

Die Ausgangssituation beider Frauen hätte unterschiedlicher und zugleich außergewöhnlicher nicht sein können. Elisabeth, die Frau des Priesters Zacharias, war bereits „weit vorgerückt in ihren Tagen“ (Lukas 1,7) und hatte längst jede Hoffnung auf eine Schwangerschaft aufgegeben. Die Tatsache, dass sie entgegen aller menschlichen Erwartung ein Kind erwartete, war ein Wunder Gottes, das sie zunächst für fünf Monate verborgen hielt (vgl. Lukas 1,24). Maria hingegen war noch sehr jung, gerade mit Josef verlobt und noch Jungfrau (vgl. Lukas 1,27). Ihr wurde vom Engel Gabriel die unfassbare Botschaft überbracht, dass sie, ohne Zutun eines Mannes, die Mutter des Messias, des Sohnes Gottes, werden würde. Zwei Frauen, zwei unwahrscheinliche Schwangerschaften, beide von Gott gewirkt.
Zwei außergewöhnliche Mutterschaften und ein tiefer Glaube
Was Elisabeth und Maria von Anfang an miteinander verbindet, ist nicht nur die wundersame Natur ihrer Empfängnis, sondern vor allem ihre gottesfürchtige Reaktion auf die ihnen von Gott verliehene Mutterschaft. Beide Frauen lebten in einer tiefen Glaubensbeziehung zu ihrem Schöpfer und brachten diese unerwarteten Ereignisse ihres Lebens unmittelbar mit Ihm in Verbindung. Elisabeth erkannte mit aufrichtiger Dankbarkeit an, dass allein Gott ihr dieses „getan“ hatte (Lukas 1,25), um ihre Schmach unter den Menschen wegzunehmen. Ihre Freude war Ausdruck eines tiefen Vertrauens in Gottes Plan und Güte. Maria wiederum antwortete dem Engel Gabriel mit einer beeindruckenden Demut und einem unerschütterlichen Gottvertrauen: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort“ (Lukas 1,38). Diese Haltung, sich vollständig Gottes Willen hinzugeben, ist ein leuchtendes Beispiel für bedingungsloses Vertrauen.
Solch eine geistliche Lebenshaltung, die sich in den tiefgründigen Aussagen dieser beiden Frauen offenbart, entsteht nicht über Nacht. Sie ist das Ergebnis einer bewussten und persönlichen Entscheidung für ein Leben in der Nachfolge des Herrn Jesus Christus. Diese Entscheidung muss getroffen werden, lange bevor man überhaupt mit Mutterschaft oder Vaterschaft rechnen kann. Elisabeth und Maria sind uns darin ein starkes Vorbild und zugleich ein Ansporn. Sie zeigen uns, wie ein Leben, das auf Gott ausgerichtet ist, selbst in den außergewöhnlichsten Umständen Frieden und Dankbarkeit finden kann.
Marias eilige Reise: Das Bedürfnis nach spiritueller Gemeinschaft
Es mag auf den ersten Blick selbstverständlich erscheinen, dass Maria sich auf den Weg zu Elisabeth machte. Doch hatte sie dafür überhaupt einen direkten Auftrag? Der Engel hatte ihr lediglich einen „neutralen“ Hinweis gegeben, dass auch Elisabeth, ihre Verwandte, schwanger sei. Doch für Maria war diese Information offensichtlich Auftrag genug. Sie verspürte ein starkes, inneres Bedürfnis, die deutlich ältere Verwandte zu besuchen und Zeit mit ihr zu verbringen. Der Lukas-Evangelist betont die Eile, mit der Maria aufbrach: „Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa“ (Lukas 1,39). Diese Eile ist bemerkenswert, denn der Weg ins Bergland war beschwerlich. Sie zeigt uns eine Maria, die entschlossen und tatkräftig handelt, getrieben von einem inneren Drang nach Gemeinschaft und Austausch.
Der Prüfstein für uns liegt in diesem Zusammenhang doch darin: Haben wir auch dieses starke Bedürfnis nach Gemeinschaft mit unseren Glaubensgeschwistern, vielleicht sogar gerade dann, wenn sie „Verwandte“ sind? Sind wir uns bewusst, dass gegenseitige Besuche und der Austausch untereinander ein großer Segen sein können, besonders wenn wir einen geistlichen Austausch suchen? Gerade dann, wenn die andere Schwester etwas „Vorsprung“ hat, sei es im Hinblick auf eine Schwangerschaft, eine Verlobung, eine Heirat oder andere Lebensbereiche, lohnt sich der Austausch und die gegenseitige Unterstützung. Ein neidvoller Blick aus der Ferne oder das Zurückziehen aus Scham oder Unsicherheit wäre für beide Seiten nicht zum Nutzen und Segen. Maria suchte die Nähe zu Elisabeth, weil sie wusste, dass diese Frau, die selbst ein Wunder erlebt hatte, sie verstehen und ihr beistehen konnte.
Ein Lobgesang der Hoffnung: Gottes Ehre im Mittelpunkt
Es ist bemerkenswert, welcher Teil der „Unterhaltung“ dieser beiden schwangeren Frauen im Wort Gottes festgehalten wurde. Als sich die beiden Frauen begegnen, geht es nicht als Erstes um Schwangerschaftsbeschwerden oder um Geburtsvorbereitung, wie man es vielleicht erwarten würde. Nein, ganz im Gegenteil: Ihre gemeinsame Zeit beginnt mit einem tiefen Lobpreis Gottes. Elisabeth ebnete dabei mit ihren durch den Heiligen Geist geleiteten Aussagen (vgl. Lukas 1,42-45) den Weg zu Marias späterem Lobpreis, dem Magnificat (vgl. Lukas 1,47-55). Elisabeths Worte – „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!“ – sind von prophetischer Kraft erfüllt. Johannes im Schoß Elisabeths hüpfte vor Freude, ein Zeichen der Anerkennung des kommenden Messias.
So lernen wir eine weitere wichtige Lektion aus der Begegnung dieser beiden „besonderen Mütter“: Die Tatsache ihrer außergewöhnlichen Schwangerschaften überlagerte nicht ihre lebendige Beziehung zu Gott. Diese tiefe Glaubensbeziehung war die unerschütterliche Grundlage für ihre Gemeinschaft und ihren Austausch. Dieser Austausch umfasste sicherlich auch praktische Themen rund um Schwangerschaft und Geburt, aber der Anfang und der Kern ihrer Begegnung waren der Lobpreis und die Verherrlichung Gottes. Es ist gut, sich auch heute immer wieder an diese Grundlage zu erinnern und den gemeinsamen Austausch – unter Schwestern, aber natürlich auch unter Brüdern – darauf aufzubauen. Wenn wir Gott in den Mittelpunkt unserer Begegnungen stellen, werden sie fruchtbar und segensreich.
Heiligkeit im Gewöhnlichen: Der Alltag als Gottesdienst
Franz von Sales, ein großer Kirchenlehrer, deutet den Grund für Marias Besuch bei Elisabeth als zweifach: Erstens wollte Maria das große Wunder und die Gnade sehen, die Gott dieser betagten und unfruchtbaren Frau erwiesen hatte. Sie wusste, dass Unfruchtbarkeit im Alten Bund als Schande galt, und sie wollte Elisabeth dienen und ihr Erleichterung in ihrer Schwangerschaft verschaffen. Zweitens ging es darum, das tiefe Geheimnis der Menschwerdung, das sich in ihr verwirklicht hatte, mitzuteilen. Maria blieb drei Monate bei Elisabeth (Lukas 1,56), die letzten Monate von Elisabeths Schwangerschaft, in denen Elisabeth besonders Hilfe benötigte.

Diese Zeit, die Lukas nicht im Detail beschreibt, können wir uns gut vorstellen. Maria hat Elisabeth im Haushalt geholfen, beim Kochen, Putzen, Waschen. Wir sehen die beiden in der Küche beisammen sitzen, mit der Hausarbeit beschäftigt. Zwei ganz normale schwangere Frauen, die ihren Alltag gemeinsam meistern. Hierin liegt eine tiefe Botschaft: Heiligkeit ist kein Schweben auf den Wolken oder ein Leben abseits der Realität. Heiligkeit ist vollendeter Alltag. Es bedeutet, „das Gewöhnliche außergewöhnlich zu tun“, wie Franz von Sales so treffend sagte. In jeder noch so kleinen Kleinigkeit können wir Gott entdecken, und jedes noch so kleine Tun kann ein Dienst für Gott sein. Alles, was geschieht, kann uns Gott näherbringen, wenn wir mit offenen Augen durchs Leben gehen und das Große hinter dem Unscheinbaren erkennen. Dies schult unsere Dankbarkeit und macht uns sensibel dafür, dass es viel mehr Gutes in der Welt gibt, als wir oft wahrnehmen. So werden wir fähig, selbst das Gewöhnliche mit Freude und Liebe zu tun, als wäre es etwas Außergewöhnliches.
Die transformative Kraft der Begegnung
„Begegnen wir lieben Menschen, so freuen wir uns, sie zu sehen. Wir können also über die Begegnung mit einem lieben Menschen gar nicht anders als erfreut und glücklich sein“, sagt Franz von Sales. Begegnungen gehören zu unserem Alltag. Ein Großteil der Menschen, denen wir auf der Straße begegnen, geht an uns vorüber, ohne dass es zu einer wirklichen Begegnung kommt. Manchmal ärgern wir uns vielleicht über andere, die unseren Weg kreuzen. Doch manchmal bleiben wir unerwartet stehen, und es kommt zu einem Gespräch. Können wir achtsamer werden gegenüber den Menschen, denen wir begegnen? Wenigstens ein Lächeln schenken, statt eines teilnahmslosen oder gar mürrischen Blicks? Es hängt von uns ab, wie sich Begegnung ereignet. Begegnung kann das Leben ungemein bereichern. Ein kurzer Austausch mit einem fremden Menschen kann Fragen beantworten, die wir uns schon lange stellen, oder uns eine neue Sichtweise eröffnen. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, hat Martin Buber einmal gesagt. Begegnungen können ganz unscheinbar sein und doch tiefe Wirkungen hervorrufen. Ein Mensch kann sich ein Leben lang dankbar an eine kleine Hilfe erinnern. Vielleicht können wir im Gedränge des Alltags auch Gott begegnen, wenn wir die Menschen um uns herum bewusst wahrnehmen. Unser Leben mit Gott ist immer auch Begegnung. Wir können Gott nur erfahren, wenn wir ihm begegnen. Unser Alltag bietet dafür mehr Gelegenheiten, als wir für möglich halten.
Gerade der Evangelist Lukas berichtet uns immer wieder von Begegnungen, insbesondere von der Begegnung von Menschen mit Jesus von Nazareth. Diese Begegnungen verändern das Leben meist tiefgreifend. Auch bei der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth ist Jesus schon dabei, im Leib Marias. Johannes im Schoß der Elisabeth hüpft vor Freude, und auch Elisabeth erkennt das Geheimnis, das Maria birgt: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ Die Begegnung dieser beiden Frauen ist ein Vorbote der großen Heilsgeschichte, die sich durch Jesus Christus entfalten wird.
Was verbindet Maria und Elisabeth? Eine Zusammenfassung
Die Verbindung zwischen Maria und Elisabeth ist vielschichtig und tiefgründig. Sie sind durch die Gnade Gottes und ihre außergewöhnlichen Schwangerschaften miteinander verbunden, die beide ein Zeichen von Gottes Macht und Treue sind. Doch ihre Verbindung geht weit über diese äußeren Umstände hinaus. Es ist eine Verbindung des Glaubens, der Demut und der gegenseitigen Unterstützung. Ihre Geschichte lehrt uns die Bedeutung von spiritueller Gemeinschaft, in der Ältere Jüngeren Weisheit weitergeben und Jüngere die Gegenwart Gottes in den Erfahrungen der Älteren erkennen können.
| Merkmal | Elisabeth | Maria |
|---|---|---|
| Alter/Status | Weit vorgerückt, unfruchtbar | Sehr jung, Jungfrau |
| Wunder der Empfängnis | Trotz hohen Alters | Durch den Heiligen Geist |
| Kind | Johannes der Täufer | Jesus der Messias |
| Reaktion | Dankbarkeit, Verbergen, Lobpreis | Gottesvertrauen, Demut, Lobpreis (Magnificat) |
| Rolle im Austausch | Ältere, geistlich erfahren, Prophetin | Jüngere, suchend, dienend |
| Gemeinsame Zeit | Drei Monate intensiver Austausch und Dienst | Drei Monate intensiver Austausch und Dienst |
Häufig gestellte Fragen zur Begegnung von Maria und Elisabeth
Warum besuchte Maria Elisabeth?
Maria besuchte Elisabeth nicht aufgrund eines direkten Auftrags, sondern aus einem tiefen inneren Bedürfnis nach Gemeinschaft und Austausch. Der Engel hatte ihr zwar von Elisabeths Schwangerschaft berichtet, aber Maria verspürte den Drang, sich mit einer Verwandten auszutauschen, die selbst ein Wunder erlebt hatte. Sie suchte Verständnis, Trost und die Möglichkeit, ihre außergewöhnliche Erfahrung zu teilen, und wollte Elisabeth in ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft beistehen.
Was können wir von der Begegnung lernen?
Von der Begegnung Marias und Elisabeths können wir viel lernen: die Bedeutung des Gottvertrauens in außergewöhnlichen Umständen, die Wichtigkeit von gegenseitiger Unterstützung und spiritueller Gemeinschaft, die Priorität des Lobpreises Gottes über alltägliche Sorgen, und die Erkenntnis, dass Heiligkeit im Alltag gelebt wird, indem man gewöhnliche Dinge mit Liebe und als Dienst für Gott tut. Sie sind ein Vorbild für Mentoring zwischen älteren und jüngeren Gläubigen.
Wie zeigt sich „Heiligkeit im Alltag“ in ihrer Geschichte?
Heiligkeit im Alltag zeigt sich durch Marias dreimonatigen Aufenthalt bei Elisabeth. Während dieser Zeit half Maria ihrer älteren Verwandten im Haushalt, beim Kochen, Putzen und Waschen. Dies verdeutlicht, dass Heiligkeit nicht nur in großen Wundern oder spirituellen Ekstasen zu finden ist, sondern auch im demütigen Dienst und in der liebevollen Erfüllung alltäglicher Aufgaben. Es geht darum, Gott in allen Dingen zu entdecken und das Gewöhnliche mit außergewöhnlicher Liebe und Hingabe zu tun.
Welche Rolle spielte der Heilige Geist?
Der Heilige Geist spielte eine zentrale Rolle in der Begegnung. Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt, als Maria sie begrüßte, und erkannte Marias besondere Rolle als Mutter des Herrn. Auch Johannes der Täufer, im Schoß Elisabeths, hüpfte vor Freude, erfüllt vom Heiligen Geist. Der Heilige Geist ermöglichte diesen tiefen geistlichen Austausch und das prophetische Lob Gottes, das die Begegnung prägte und die göttliche Natur des Geschehens unterstrich.
Elisabeth und Maria sind ein zeitloses Vorbild dafür, dass durch eine gottesfürchtige und demütige Haltung, die Gott allein die Ehre für alles gibt, Wege zueinander geebnet werden und Gemeinschaft gelingen kann. Eine Gemeinschaft, die dann wirklich zur Verherrlichung Gottes und zum gegenseitigen Segen und Nutzen ist. Dies ist eine Herausforderung an junge Schwestern – ganz unabhängig vom Muttersein oder -werden: Mache dich auf und suche die Gemeinschaft mit älteren Schwestern! Freue dich darüber, dass sie dir ein paar Schritte voraus sind und dir gerade deshalb wertvolle Hinweise bei Glaubens- und Alltagsfragen geben können. Auch „ältere“ Schwestern stehen vor einer Herausforderung: Es gilt, die Fragen der jüngeren anzunehmen und ihnen hilfreiche und weise Antworten zu geben. Man braucht dafür kein vermeintlich „perfektes“ Vorbild zu sein, sondern ein authentisches und dadurch vertrauenswürdiges Vorbild!
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