30/01/2022
In einer Welt, die oft von Hektik und Oberflächlichkeit geprägt ist, laden uns die christlichen Botschaften immer wieder dazu ein, innezuhalten und über die tiefere Bedeutung unseres Lebens und unserer Beziehungen nachzudenken. Das Evangelium nach Lukas und die Worte von Kardinal Christoph Schönborn bieten uns dabei wertvolle Impulse. Sie werfen ein Licht auf die radikale Natur der Nachfolge Christi und die fundamentale Rolle der Barmherzigkeit in unserem Glauben und unserer Gesellschaft. Diese Texte fordern uns heraus, unsere Prioritäten zu überdenken und zu erkennen, dass wahrer Glaube sich im konkreten Handeln und in der bedingungslosen Liebe zu unseren Mitmenschen manifestiert.

Die Entschlossenheit Jesu und die Herausforderung der Nachfolge (Lukas 9, 51-62)
Der Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium beginnt mit einer bemerkenswerten Feststellung: "Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen." Dieser Satz markiert einen entscheidenden Wendepunkt in Jesu Wirken. Er ist sich seines Weges bewusst, seiner Mission und des Opfers, das damit verbunden ist. Jerusalem ist nicht nur ein geografisches Ziel, sondern der Ort der Erfüllung seines Heilsplanes. Diese Entschlossenheit ist ein Leitmotiv für alle, die ihm nachfolgen wollen.
Auf diesem Weg begegnen Jesus und seinen Jüngern verschiedene Reaktionen. Die Ablehnung durch die Samariter ist ein prägnantes Beispiel. Da Jesus auf dem Weg nach Jerusalem ist, wird er in einem samaritanischen Dorf nicht aufgenommen – eine Folge der tief verwurzelten Feindseligkeit zwischen Juden und Samaritern. Die Reaktion der Jünger Jakobus und Johannes ist impulsiv und drastisch: "Herr, sollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie verzehrt?" Ihre Bitte zeugt von einem mangelnden Verständnis für Jesu Geist der Geduld und Barmherzigkeit. Jesus weist sie zurecht, denn sein Reich ist nicht von dieser Welt und seine Mission ist es, zu retten, nicht zu vernichten. Diese Episode lehrt uns, dass Eifer allein nicht ausreicht; er muss von Liebe und Verständnis geleitet sein.
Im weiteren Verlauf der Reise begegnet Jesus drei Männern, die ihm nachfolgen wollen, und stellt ihnen die radikalen Bedingungen der Nachfolge vor Augen. Diese Begegnungen sind keine zufälligen Anekdoten, sondern tiefgründige Lektionen über die wahre Bedeutung der Jüngerschaft.
- Der erste Mann: „Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst.“
Seine Bereitschaft scheint absolut. Doch Jesus antwortet ihm: "Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann." Diese Worte sind eine Warnung vor falschen Erwartungen. Jesus verspricht keine materielle Sicherheit oder Bequemlichkeit. Die Nachfolge Jesu erfordert eine Bereitschaft zur Entbehrung, zur Heimatlosigkeit im irdischen Sinne und zur völligen Abhängigkeit von Gott. Es ist eine Einladung zu einem Leben, das nicht auf irdischen Besitz ausgerichtet ist.
- Der zweite Mann: „Lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben!“
Diese Bitte scheint auf den ersten Blick verständlich und ehrenhaft, galt doch die Beerdigung des Vaters als eine der heiligsten Pflichten im jüdischen Gesetz. Doch Jesu Antwort ist schockierend radikal: "Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!" Dies ist keine Geringschätzung der familiären Pflichten, sondern eine klare Aussage über die unbedingte und sofortige Prioritäten der Nachfolge. Die Verkündigung des Reiches Gottes hat absoluten Vorrang vor allem anderen. Es geht darum, das geistliche Leben über das irdische zu stellen und die Dringlichkeit der Botschaft zu erkennen.
- Der dritte Mann: „Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich Abschied nehmen von denen, die in meinem Hause sind.“
Auch diese Bitte erscheint menschlich nachvollziehbar. Doch Jesus erwidert ihm: "Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes." Das Bild des Pflügens ist hier entscheidend: Ein Pflüger, der zurückblickt, kann keine gerade Furche ziehen. Die Nachfolge erfordert volle Konzentration und Entschlossenheit. Es gibt kein Zurück, kein Zögern, keine Halbherzigkeit. Wer sich entscheidet, Jesus nachzufolgen, muss sich voll und ganz auf diesen Weg einlassen, ohne sich von Vergangenem oder irdischen Bindungen ablenken zu lassen, die von der Mission abhalten könnten.
Diese drei Antworten Jesu zeigen deutlich: Die Nachfolge ist kein leichtfertiger Entschluss, sondern eine radikale Hingabe, die das gesamte Leben umfasst und eine klare Abkehr von irdischen Sicherheiten und Bindungen fordert, wenn diese der Verkündigung des Reiches Gottes im Wege stehen.
Kardinal Schönborns Vision der Barmherzigkeit
Während das Evangelium die radikale Nachfolge beleuchtet, ergänzen die Worte von Kardinal Christoph Schönborn diese Botschaft um die essentielle Dimension der Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit. Schönborn, der langjährige Erzbischof von Wien, spricht von seiner "großen Liebe zum Haus der Barmherzigkeit". Diese Einrichtung steht symbolisch für die christliche Verpflichtung, sich um die Schwächsten der Gesellschaft zu kümmern.
Seine Metapher vom "Grundwasserspiegel der Mitmenschlichkeit" ist besonders aussagekräftig. Sie beschreibt, wie der christliche Glaube nicht nur eine persönliche spirituelle Erfahrung ist, sondern eine tiefgreifende Quelle, die das Fundament für ein mitmenschliches und solidarisches Zusammenleben bildet. Wenn dieser "Grundwasserspiegel" sinkt, sei es durch Egoismus, Individualismus oder gesellschaftlichen Druck, dann leiden die Schwächsten zuerst. Der Glaube, so Schönborn, speist diesen Grundwasserspiegel, indem er Werte wie Nächstenliebe, Empathie und Fürsorge lehrt und praktiziert. Er ist das unsichtbare, aber lebensnotwendige Reservoir, das eine Gesellschaft menschlich hält.

Kardinal Schönborn spricht auch den "steigenden gesellschaftlichen Druck auf ältere, kranke Menschen" an. In einer leistungs- und profitorientierten Gesellschaft besteht die Gefahr, dass Menschen, die nicht mehr "produktiv" sind, an Wert verlieren oder sogar als Last empfunden werden. Hier mahnt der Kardinal zu einer Rückbesinnung auf die christliche Ethik, die jedem Menschen, unabhängig von seinem Zustand, Würde und Wert zuspricht. Die Fürsorge für die Kranken und Alten ist nicht nur eine soziale Aufgabe, sondern eine zutiefst theologische Verpflichtung, die direkt aus dem Gebot der Nächstenliebe entspringt. Das Haus der Barmherzigkeit ist somit ein konkreter Ausdruck dieser gelebten Nächstenliebe, ein Ort, an dem die Würde jedes Einzelnen hochgehalten wird.
Die Verbindung: Radikale Nachfolge und gelebte Barmherzigkeit
Auf den ersten Blick mögen die radikalen Forderungen Jesu an seine Jünger und die Botschaft der Barmherzigkeit von Kardinal Schönborn unterschiedliche Schwerpunkte zu haben. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich eine tiefe Verbindung. Jesu Forderung nach bedingungsloser Nachfolge ist nicht selbstzweckhaft. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass seine Jünger das Reich Gottes verkünden und leben können. Und dieses Reich Gottes ist ein Reich der Liebe, der Gerechtigkeit und vor allem der Barmherzigkeit. Die Bereitschaft, alles für Christus aufzugeben, befähigt die Jünger, die Liebe Gottes in die Welt zu tragen, insbesondere zu den Ausgestoßenen, den Kranken und den Schwachen.
Kardinal Schönborns Worte sind eine zeitgenössische Interpretation und Anwendung dieser Evangeliumslehre. Er zeigt auf, wie die radikale Hingabe an Christus sich heute in der Sorge um die Würde der Menschen manifestiert, die oft am Rande der Gesellschaft stehen. Die "Toten ihre Toten begraben lassen" bedeutet auch, sich nicht von weltlichen Sorgen und Konventionen ablenken zu lassen, wenn es darum geht, das Reich Gottes zu verkünden – ein Reich, in dem die Barmherzigkeit über allem steht. Die Hingabe, die Jesus von seinen Jüngern fordert, mündet in ein Leben des Dienens und der Liebe.
Aspekte der Nachfolge: Ein Vergleich
| Aspekt der Nachfolge | Bedeutung in Lukas 9, 51-62 | Relevanz für den heutigen Gläubigen |
|---|---|---|
| Entschlossenheit & Fokus | Jesu fester Entschluss, nach Jerusalem zu gehen; der Pflüger, der nicht zurückblickt. | Volle Hingabe an den Glaubensweg, ohne Zögern oder Ablenkung durch weltliche Sorgen. |
| Barmherzigkeit statt Zorn | Jesu Zurechtweisung der Jünger nach der Ablehnung durch die Samariter. | Umgang mit Ablehnung und Widerstand mit Liebe und Verständnis, nicht mit Rache. |
| Priorität des Reiches Gottes | "Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!" | Die Verkündigung und das Leben des Evangeliums haben Vorrang vor persönlichen oder sozialen Verpflichtungen, wenn sie den Weg versperren. |
| Verzicht auf irdische Sicherheit | "Der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann." | Bereitschaft zur Entbehrung, Vertrauen auf Gottes Versorgung, Loslösung von materiellem Besitz. |
| Unbedingtheit & Konsequenz | Kein Abschiednehmen, kein Zurückblicken beim Pflügen. | Einmal gefasste Glaubensentscheidungen konsequent leben, ohne Halbherzigkeit. |
Häufig gestellte Fragen zur Nachfolge und Barmherzigkeit
Was bedeutet "die Toten ihre Toten begraben lassen"?
Diese radikale Aussage Jesu fordert die sofortige Priorisierung des Reiches Gottes. Sie ist keine Geringschätzung der Toten oder der Pietät, sondern eine Metapher dafür, dass die Dringlichkeit der Verkündigung des Evangeliums und der Nachfolge Christi über allen anderen irdischen Pflichten steht, selbst über den kulturell tief verwurzelten Brauch der Bestattung der Eltern. Es geht darum, sich nicht von weltlichen Belangen ablenken zu lassen, die von der primären spirituellen Aufgabe abhalten könnten.
Warum wies Jesus Jakobus und Johannes zurecht, als sie Feuer vom Himmel fallen lassen wollten?
Jesus wies sie zurecht, weil ihr Vorschlag nicht dem Geist seines Reiches entsprach. Jesu Mission war es, zu retten und zu dienen, nicht zu vernichten oder zu bestrafen. Die Jünger verstanden zu diesem Zeitpunkt noch nicht die wahre Natur der Liebe und Barmherzigkeit, die das Fundament von Jesu Botschaft bildet. Ihre Reaktion war impulsiv und von menschlichem Zorn geprägt, nicht von göttlicher Liebe.
Was meint Kardinal Schönborn mit dem "Grundwasserspiegel der Mitmenschlichkeit"?
Diese Metapher beschreibt, wie der christliche Glaube und seine Werte (Nächstenliebe, Empathie, Solidarität) das Fundament für ein menschliches und fürsorgliches Zusammenleben in der Gesellschaft bilden. Ähnlich wie Grundwasser unsichtbar ist, aber das Leben erhält, so speisen christliche Werte die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich um ihre Mitglieder zu kümmern, insbesondere um die Schwächsten. Wenn der Glaube und seine praktizierten Werte schwinden, sinkt dieser "Grundwasserspiegel", und die Gesellschaft wird kälter und egoistischer.
Ist radikale Nachfolge heute noch möglich oder überhaupt erstrebenswert?
Ja, radikale Nachfolge ist heute genauso relevant wie zur Zeit Jesu. Sie bedeutet nicht zwingend, alles Materielle aufzugeben und obdachlos zu werden, sondern vielmehr eine innere Haltung der Hingabe und Prioritätensetzung. Es geht darum, Gott an die erste Stelle zu setzen, sich von übermäßigem Materialismus oder Ablenkungen zu lösen, die uns von unserer spirituellen Berufung abhalten, und sich bedingungslos für das Reich Gottes einzusetzen, das sich in Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit manifestiert. Es ist eine Einladung, ein Leben zu führen, das auf tiefen Werten und einem Sinn für das Wohl anderer basiert.
Wie kann ich Barmherzigkeit im Alltag leben?
Barmherzigkeit im Alltag zu leben bedeutet, aktiv Mitgefühl zu zeigen und sich für andere einzusetzen. Das kann sich in vielen Formen äußern: ein offenes Ohr für jemanden haben, der leidet; praktische Hilfe anbieten; für Gerechtigkeit eintreten; Vergebung üben; oder einfach nur Freundlichkeit und Respekt gegenüber jedem Menschen zeigen, besonders gegenüber denen, die oft übersehen oder geringgeschätzt werden. Es geht darum, die Würde jedes Einzelnen anzuerkennen und zu schützen, genau wie es das Haus der Barmherzigkeit tut und wie es Kardinal Schönborn betont.
Schlussfolgerung
Die Botschaften des Lukas-Evangeliums und die Worte Kardinal Schönborns sind eine eindringliche Aufforderung zu einem authentischen, tiefgründigen Glauben. Sie zeigen uns, dass die Nachfolge Jesu eine radikale Entscheidung ist, die unser gesamtes Leben prägt und uns dazu befähigt, über uns selbst hinauszuwachsen. Diese Nachfolge ist jedoch nicht nur eine persönliche spirituelle Reise, sondern führt unweigerlich zu einer gelebten Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit. Indem wir uns den Herausforderungen der Nachfolge stellen und den "Grundwasserspiegel der Mitmenschlichkeit" hochhalten, tragen wir dazu bei, eine Welt zu gestalten, die von Liebe, Würde und Hoffnung erfüllt ist. Es ist ein Aufruf, nicht nur Gläubige zu sein, sondern auch Handelnde im Sinne des Evangeliums.
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