22/05/2024
Das Fasten, eine universelle Praxis der Dienerschaft Gottes, findet sich in vielen Religionen und nimmt im Islam eine zentrale Stellung ein. Es ist nicht nur ein Gebot, sondern eine tiefgreifende spirituelle Reise, die den Gläubigen näher zu seinem Schöpfer bringt. Allah, der Erhabene, verdeutlicht dies im Koran: „O ihr, die ihr glaubt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren.“ (Sure Al-Baqara, 2:183). Diese göttliche Anweisung unterstreicht die zeitlose und umfassende Bedeutung des Fastens als einen Weg zur Spiritualität und zur Reinigung.

Das Fasten, bekannt als Sawm, ist die dritte der fünf Säulen des Islam und somit ein fundamentaler Bestandteil des muslimischen Glaubens. Sein primäres Ziel ist es, Gottes Anerkennung zu erlangen und die eigene Hingabe zu demonstrieren. Während der Fastenzeit, insbesondere im heiligen Monat Ramadan, verzichten Muslime von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Nahrung, Getränke und geschlechtlichen Verkehr. Dies ist jedoch nur die äußere Form des Fastens. Der tiefere Sinn liegt in der Enthaltsamkeit von allem Schlechten und Sündhaften, um Körper und Seele zu reinigen und die eigene Dankbarkeit gegenüber Allah für Seine unendlichen Segnungen zu beweisen.
Die Essenz des Fastens im Islam
Die islamische Lehre betrachtet das Fasten als eine „Spende des Körpers“, ähnlich wie die Zakat, die Pflichtabgabe, das Vermögen reinigt. Durch das Fasten reinigt der Mensch seinen Körper und seine Seele von unreinen Gedanken und schlechten Gewohnheiten. Es ist eine Zeit der Selbstbesinnung und der bewussten Abkehr von weltlichen Begierden. Muslime, die die Pubertät erreicht haben, sind zum Fasten verpflichtet, und durch diese Übung wird der Mensch angeleitet, Schlechtes zu vermeiden und sich vor Sünden zu hüten, die ihn von Gott entfernen könnten.
Mehr als nur Verzicht: Fasten mit allen Sinnen
Der wahre Sinn des Fastens geht weit über das bloße Hungern und Dursten hinaus. Es ist eine ganzheitliche Praxis, die alle Organe des Menschen einschließt. Der Magen soll nicht nur vor Genüssen bewahrt werden, sondern vielmehr sollen alle Sinne und Gliedmaßen des Menschen ihrem Pflichtgefühl bewusst werden. Das bedeutet, dass die Zunge von Lügen und übler Nachrede fernbleiben soll, die Augen vor sündigen Blicken abgewendet werden und die Ohren keiner sündigen Rede lauschen sollen. Die Hände sollen nur rechtschaffene Taten vollbringen, und die Füße sollen sich auf rechtschaffenen Pfaden bewegen. Der Fastende trainiert seinen Willen, übermäßige Wünsche seines Egos zu kontrollieren und seine Wut zu bewältigen. Er lernt, anderen keinen Schaden zuzufügen und den Frieden zu wahren, da der Mensch dazu bestimmt ist, Frieden auf Erden zu stiften.
Diese umfassende Selbstdisziplin während des Fastens hilft dem Menschen, seine Triebe unter Kontrolle zu halten und eine tiefere Verbindung zu seinem Schöpfer aufzubauen. Es ist eine Übung in Geduld und Selbstbeherrschung, die den Iman (Glauben) stärkt und die Seele reinigt. Unser Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) betonte die Wichtigkeit dieser inneren Haltung: „Wer nicht aufhört zu Lügen und Arbeit durch Lüge zu leisten, dem wird Gott keinen Wert darauf geben, dass er weder gegessen, noch getrunken hat.“ Dies verdeutlicht, dass das Fasten ohne moralische Integrität seinen Wert verliert.

Die Säulen des Ramadan: Rituale und ihre Bedeutung
Der Monat Ramadan ist reich an Ritualen, die die Gemeinschaft stärken und die spirituelle Erfahrung vertiefen:
- Iftar: Das Abendessen, das unmittelbar nach Sonnenuntergang zum Fastenbrechen eingenommen wird. Das Iftar lehrt den Menschen Freigebigkeit, Gastfreundschaft und das Teilen. Es ist ein Moment der Freude und des Zusammenseins, oft im Kreise von Familie und Freunden oder mit Bedürftigen.
- Tarawih-Gebet: Ein spezielles Nachtgebet, das gemeinsam im Ramadan verrichtet wird. Es stärkt die Gefühle der Freude und des Eifers in der Gemeinde und vertieft die Beziehung des Muslims zu Gott.
- Sahur: Die Mahlzeit, die vor dem Beginn des Fastens bei Frühlicht eingenommen wird. Sie zeigt uns den Nutzen und Segen dieser vorbereitenden Stärkung für den Tag. Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) riet: „Nehmet (im Ramadhan) eine Mahlzeit vor der Morgendämmerung ein, denn diese ist eine segensvolle Mahlzeit.“
Wenn diese täglichen Rituale unsere ethischen Werte und unser Sozialverhalten nicht merklich beeinflussen, so kann dies ein Zeichen für ein Fehlverhalten in unserem religiösen Leben sein. Das Fasten ist somit ein Prüfstein für die Aufrichtigkeit unseres Glaubens und unserer Handlungen.
Der unermessliche Nutzen des Fastens
Die Weisheit hinter dem Fasten ist vielfältig und umfassend, sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft. Es bietet eine Fülle von Vorteilen, die über die bloße religiöse Pflicht hinausgehen.
Spirituelle und physische Reinigung
Einer der Hauptnutzen des Fastens liegt in der spirituellen Reinigung und der Stärkung der Gottesfurcht (Taqwa). Der Koran selbst erklärt: „…auf dass ihr gottesfürchtig werden möget.“ (Sure Al-Baqara, 2:183). Durch das Fasten nähert sich der Gläubige Allah an, sucht Seine Belohnung und die Vergebung seiner Sünden. Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) sagte: „Wer immer im Monat Ramadan aus reinem Glauben und in der Hoffnung Allahs Lohn betet, dem werden alle seine vergangenen Sünden vergeben.“ Und weiter: „Jede gute Tat die der Sohn Adams begeht, ist für ihn selbst. Nur das Fasten begeht er Meinetwegen und die Belohnung dafür wird nach Meinem Ermessen gemacht.“
Neben den spirituellen Aspekten hat das Fasten auch gesundheitliche Vorteile. Es hilft dem Körper, sich zu entgiften und schädliche Substanzen abzubauen. Es ist eine Übung für den Körper, die seine Widerstandsfähigkeit stärkt und zu physischer Gesundheit beitragen kann. Die Fähigkeit, auf grundlegende Bedürfnisse zu verzichten, lehrt den Menschen Geduld und die Fähigkeit, seine Begierden zu kontrollieren. Es ist ein Schutz vor Hochmut, Arroganz und Eitelkeit, da sich der Fastende auf gottgefällige Handlungen konzentriert.
Soziale Gerechtigkeit und Mitgefühl
Das Fasten ist ein starkes Instrument zur Förderung von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Indem Fastende Hunger und Durst am eigenen Leib erfahren, können sie die Situation hilfsbedürftiger Menschen viel besser nachvollziehen. Menschliche und humane Werte wie Hilfsbereitschaft rücken in den Vordergrund, und unsere ethisch-moralischen Werte entwickeln sich im Sinne Gottes weiter. Allah benötigt es sicherlich nicht, dass wir eine Zeit lang verhungern; vielmehr ist der wahre Sinn des Fastens die Verbesserung der menschlichen Werte in uns.

Die Spenden wie Fitre (ramadantypische Abgabe an Arme und Bedürftige) und Zakat (jährlich 2,5 Prozent des eigenen Hab und Guts für Wohlhabende) heilen soziale Wunden und bringen die Gesellschaft in Gnade, Einheit und Begeisterung zusammen. Der Ramadan ist nicht nur ein Ereignis, das sich im privaten Raum abspielt, sondern er soll die Menschen dazu anregen, sich dem gemeinschaftlichen Leben zuzuwenden, insbesondere den Armen, Alleinstehenden und Waisen. Seit dem Fastengebot vor etwa 1400 Jahren haben Muslime diesen Monat als eine Gelegenheit betrachtet, Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft unter den Menschen zu verbreiten. Sie haben sich bemüht, Hungersnöten entgegenzuwirken, armen Menschen zu helfen und Waisen zu unterstützen. Diese dauerhafte Tat ist ein beispielhafter Vorzug.
Arten des Fastens im Islam
Im Islam gibt es verschiedene Arten des Fastens, die sich in ihrer Verpflichtung und ihrem Zweck unterscheiden:
Das obligatorische Fasten
- Fasten im Monat Ramadan: Dies ist die bekannteste und wichtigste Form des obligatorischen Fastens, eine der fünf Säulen des Islam.
- Fasten als Sühneleistung (Kaffara): Dies wird als Wiedergutmachung für bestimmte Sünden oder die Nichteinhaltung religiöser Pflichten auferlegt, z.B. bei einem gebrochenen Schwur oder der absichtlichen Ungültigmachung eines Fastentages im Ramadan.
- Fasten aufgrund eines Gelübdes (An-Nadr): Wenn jemand Allah ein Gelübde ablegt, zu fasten, wird dies zur Pflicht.
Das freiwillige Fasten
Neben dem obligatorischen Fasten gibt es zahlreiche Gelegenheiten für freiwilliges Fasten, durch das Muslime zusätzliche Belohnungen von Allah erhoffen und ihre Beziehung zu Ihm vertiefen können:
- Montags und Donnerstags: Der Prophet (Friede sei mit ihm) pflegte an diesen Tagen zu fasten.
- Drei Tage des Vollmondes (Ayyām al-Bīḍ): Die 13., 14. und 15. Tage eines jeden islamischen Mondmonats.
- Der Tag von Arafat: Für Nicht-Pilger ist das Fasten an diesem Tag (9. Dhul-Hijjah) von großem Segen.
- Sechs Tage im Monat Schawwal: Nach dem Ramadanfest das Fasten von sechs Tagen im Monat Schawwal ist sehr empfohlen und gleichwertig mit dem Fasten eines ganzen Jahres.
Praktische Aspekte des Fastens: Sunnah und Regeln
Um das Fasten im Einklang mit der Sunnah (Tradition des Propheten) zu vollziehen und seine volle Belohnung zu erhalten, gibt es bestimmte empfohlene Handlungen und Regeln zu beachten.
Empfohlene Handlungen während des Fastens (Sunnah)
- Die Einnahme einer Mahlzeit kurz vor dem Fastenbeginn (Suhur): Es ist eine segensvolle Mahlzeit, die möglichst kurz vor der Morgendämmerung eingenommen werden sollte, nicht Stunden davor. Der Prophet (Friede sei mit ihm) sagte: „Meine Umma bleibt solange im Guten, wie sie das Fastbrechen vorzieht und das Suhur verzögert.“
- Das unverzügliche Fastenbrechen (Iftar): Sobald die Sonne untergeht, sollte das Fasten zügig gebrochen werden.
- Das Essen von Datteln und das Trinken von Wasser: Am besten bricht man das Fasten mit reifen Datteln, ansonsten mit getrockneten Datteln oder ein paar Schlucken Wasser, bevor man das Sonnenuntergangsgebet verrichtet.
- Bittgebet beim Fastenbrechen: Ein empfohlenes Bittgebet ist: „Der Durst ist (vorüber-)gegangen, die Adern wurden aufgefrischt und der Lohn steht fest, so Allah will.“ (Arabisch: dhahaba adh-dhamq'u, wabtallatil uruuq, wa thabata al-'adschru inscha' Allah).
Was das Fasten ungültig macht
Bestimmte Handlungen machen das Fasten ungültig und erfordern das Nachholen des Fastentages:
- Absichtliche orale Zuführung von Substanzen in den Körper (essen, trinken, rauchen).
- Absichtliche Zuführung von nährwerthaltigen Substanzen in den Körper auf anderem Weg (z.B. intravenöse Ernährung).
- Geschlechtsverkehr.
- Selbstbefriedigung (Onanie).
- Absichtliches Erbrechen.
- Das Eintreten der Menstruation oder Wochenbettblutung.
Wichtig ist, dass das Fasten nicht ungültig wird, wenn jemand aus Vergesslichkeit isst oder trinkt. Der Prophet (Friede sei mit ihm) sagte: „Wenn jemand vergisst, (dass er fastet) und isst und trinkt, soll er sein Fasten fortsetzen, denn Allah hat ihn essen und trinken lassen.“
Erlaubtes während des Fastens
Einige Handlungen sind während des Fastens erlaubt und machen es nicht ungültig:
- Vollständiges Eintauchen des Körpers in Wasser (z.B. Duschen, Schwimmen), solange kein Wasser verschluckt wird.
- Der Gebrauch von Augen-, Ohren- und Nasentropfen, von Khul (Kajal), Hautcremes und Hautöl, da diese nicht als Nahrung gelten.
- Das Ausspülen von Mund und Nase, Zahnpflege mit Zahnbürste und Zahnpasta oder mit dem Siwak (eine natürliche Zahnreinigungsbürste), solange nichts verschluckt wird.
- Das Küssen oder Streicheln des Ehepartners, solange man sich selbst kontrollieren kann und dies nicht zu Samenerguss oder Geschlechtsverkehr führt.
- Blutentnahme, Blutspende und Aderlass, da dies den Körper nicht direkt nährt.
- Darmeinlauf.
- Einatmen von Staub und Riechen von Parfum.
- Abschmecken von Mahlzeiten für Hausfrauen und Köche, vorausgesetzt, die Essensprobe wird wieder ausgespuckt und nicht geschluckt.
- Schlucken des eigenen Speichels.
- Beginn des Fastens im Zustand der Dschanaba (ritueller Unreinheit), wobei die Pflicht zur rituellen Ganzkörperwaschung (Ghusl) und zum Verrichten des Fadschr-Gebets vor Sonnenaufgang besteht.
Häufig gestellte Fragen zum Fasten (FAQ)
Hier sind Antworten auf einige der am häufigsten gestellten Fragen zum Fasten im Islam:
- Ist Fasten nur Verzicht auf Essen und Trinken?
- Nein, Fasten im Islam ist viel umfassender. Es beinhaltet auch den Verzicht auf schlechte Worte, Handlungen und Gedanken. Es ist eine Reinigung für Seele und Geist und eine Übung in Selbstbeherrschung.
- Wer ist zum Fasten verpflichtet?
- Alle Muslime, die die Pubertät erreicht haben und bei Sinnen sind, sind zum Fasten verpflichtet, sofern sie keine gültigen Gründe für eine Befreiung haben (z.B. Krankheit, Reise, Menstruation, Schwangerschaft, Stillen, Altersschwäche).
- Was passiert, wenn ich aus Versehen esse oder trinke?
- Wenn man aus Vergesslichkeit isst oder trinkt, ist das Fasten weiterhin gültig. Man soll es fortsetzen, da dies als eine Gabe Allahs betrachtet wird.
- Was ist der Hauptzweck des Fastens?
- Der Hauptzweck des Fastens ist es, die Gottesfurcht (Taqwa) zu stärken, die Dankbarkeit gegenüber Allah zu erhöhen, die Seele zu reinigen und Mitgefühl für die Bedürftigen zu entwickeln. Es ist ein Weg, sich Allah anzunähern und Seine Belohnung zu erlangen.
- Welche besonderen Belohnungen gibt es für das Fasten?
- Der Fastende hat zwei Freuden: die Freude beim Fastenbrechen und die Freude, wenn er seinem Herrn am Tage des Jüngsten Gerichts begegnet. Der Geruch aus dem Mund eines Fastenden ist bei Allah besser als der von Moschus. Zudem gibt es im Paradies ein spezielles Tor namens Ar-Rayyan, das nur den Fastenden vorbehalten ist.
Das Fasten im Ramadan ist eng mit Gebeten, Almosenabgaben und guten Taten verbunden und beinhaltet die Vermeidung von Sünden und üblen Taten. Es intensiviert und verstärkt die Beziehung des Muslims zu Gott, da der Muslim versucht, sich Gott zu nähern, gottgefällig zu leben, um Vergebung seiner Sünden zu bitten und Gottes Belohnung zu erlangen.
Mögen die Tage im Ramadan tief im Herzen empfunden werden, mit all seiner Schönheit und in Gemeinsamkeit, zusammen mit Armen und verwundeten Menschen. Wir erbitten Gott, dass Er uns im Monat Ramadan Frieden, Zufriedenheit und Wohlbehagen gibt, unsere Tafel mit Seinem Segen und Frömmigkeit füllt. Das Fasten ist wahrhaftig ein Schutz und ein Weg zu unermesslichem Segen, sowohl in diesem Leben als auch im Jenseits.
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