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Einheit: Jesu Gebet für eine Welt des Friedens

09/10/2023

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In einer Welt, die oft von Spaltung und Konflikten geprägt ist, hallen die Worte Jesu, die er kurz vor seiner Verhaftung sprach, besonders laut wider: „Alle sollen eins sein!“ Dieses Gebet, oft als sein spirituelles Testament bezeichnet, ist nicht nur eine tiefgehende Bitte, sondern auch eine Vision für die Menschheit. Es ist ein Aufruf, die tiefen Wunden der Uneinigkeit zu heilen, die wir in allen Lebensbereichen – von persönlichen Beziehungen bis hin zu internationalen Konflikten – schmerzlich erfahren.

Warum sollen alle in uns sein?
Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir.

Die Sehnsucht nach Einheit ist tief in der menschlichen Natur verwurzelt. Wir erleben jedoch auch, wie fragil diese Einheit sein kann und wie schnell sie zerbricht, wenn Eigeninteressen oder alte Feindseligkeiten überhandnehmen. Jesu Gebet geht weit über eine oberflächliche Harmonie hinaus. Es ist eine Bitte um eine Einheit, die auf den tiefsten Prinzipien des Glaubens basiert: der Vergebung und der Liebe.

Inhaltsverzeichnis

Jesu eindringliches Gebet um Einheit

Das lange Gebet Jesu an Gott, den er liebevoll „Vater“ nennt, ist in Johannes 17 überliefert und gilt als einer der ergreifendsten Abschnitte des Neuen Testaments. Es ist kein Zufall, dass Jesus dieses Gebet sprach, kurz bevor er in den Garten Getsemani ging, wo er verraten und verhaftet wurde. Es sind seine letzten, sehnlichsten Wünsche auf Erden, seine Abschiedsgedanken, bevor er seinen Leidensweg zum Kreuz antrat. Unter all seinen Anliegen, seinen Bitten für seine Jünger und die zukünftigen Gläubigen, ragt eine Bitte besonders hervor: „Alle sollen eins sein, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, damit auch sie in uns seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“

Diese Worte sind mehr als nur ein frommer Wunsch. Sie offenbaren die göttliche Natur der Einheit, die Jesus im Sinn hatte – eine Einheit, die das Wesen der Dreieinigkeit widerspiegelt. Es geht nicht um Uniformität oder das Aufgeben individueller Identität, sondern um eine tiefe Verbundenheit in Geist und Zweck, die aus einer gemeinsamen Beziehung zu Gott erwächst. Die Einheit, um die Jesus betete, war nicht nur für die Jünger seiner Zeit gedacht, sondern für alle, die durch ihr Wort an ihn glauben würden. Sie sollte ein überzeugendes Zeugnis für die Welt sein, ein sichtbares Zeichen der Liebe Gottes.

Die Wunde der Uneinigkeit in unserer Welt

Die Uneinigkeit ist in der Tat eine arge Wunde, wie wir sie in Europa und weltweit immer wieder schmerzlich erleben. Nach den verheerenden Katastrophen der beiden Weltkriege, die Millionen von Menschenleben forderten und ganze Kontinente verwüsteten, entstand eine mächtige Friedensbewegung. Die Vision eines vereinten Europas nahm Gestalt an, um alte Feindschaften zu überwinden, Grenzen abzubauen und die Gemeinsamkeit zu stärken. Es war ein mutiges und historisch einzigartiges Projekt, das über Jahrzehnte hinweg zu Frieden, Stabilität und Wohlstand in weiten Teilen des Kontinents beitrug.

Doch auch heute ist dieses Projekt der europäischen Einigung neuen Spannungen ausgesetzt. Mitgliedsländer blicken verstärkt auf ihre eigenen nationalen Interessen, es drohen Abschottung und Austritt. Dies zeigt, wie zerbrechlich selbst mühsam errungene Einigkeit sein kann, wenn das gemeinsame Ziel aus dem Blick gerät. Die Ursachen für solche Spaltungen sind vielfältig: Misstrauen, Furcht vor dem Fremden, wirtschaftliche Ungleichheiten, politische Differenzen oder einfach der Wunsch nach Autonomie. Diese Dynamiken sind nicht auf die Politik beschränkt; sie spiegeln sich in Gesellschaften, Gemeinschaften und sogar in Familien wider, wo Egoismus und Stolz tiefe Gräben ziehen können.

Einheit im Glauben: Die ökumenische Bewegung

Hat Jesus für diese Art von politischer oder wirtschaftlicher Einheit gebetet? Er hatte kein politisches Programm im modernen Sinne und strebte kein weltliches Reich an. Sein Gebet galt der Einheit derer, die an ihn glauben. „Alle sollen eins sein!“ – das war und ist das zentrale Leitwort der Einigung aller Christen, der sogenannten ökumenischen Bewegung. Seit Jahrhunderten sind Christen in unzählige Konfessionen und Denominationen gespalten, oft aufgrund theologischer Differenzen, historischer Ereignisse oder kultureller Prägungen. Die ökumenische Bewegung bemüht sich darum, diese Trennungen zu überwinden und die Einheit zu fördern.

Auch wenn es hier in den letzten Jahrzehnten Fortschritte gab und Christen einander nähergekommen sind, geht es oft nur schleppend voran. Volle Einheit, die sich nicht nur in gegenseitigem Respekt, sondern auch in gemeinsamer Feier und Zeugnis manifestiert, ist noch nicht erreicht. Diese fortbestehende Zersplitterung schadet nach wie vor der Glaubwürdigkeit des Christentums. Wenn die Gläubigen selbst nicht in der Lage sind, ihre Differenzen zu überwinden und eine sichtbare Einheit zu zeigen, wie können sie dann die Botschaft der Versöhnung und Liebe überzeugend in die Welt tragen? Die Welt schaut auf uns und fragt sich, ob die Botschaft der Einheit und des Friedens, die wir predigen, auch in unserem eigenen Haus gelebt wird.

Mehr als bloße Einigkeit: Die Qualität der Einheit

Man sagt oft: Einheit macht stark. Das stimmt zweifellos. Ein vereintes Team ist leistungsfähiger, eine geeinte Nation widerstandsfähiger. Aber nicht jede Einheit ist gut oder wünschenswert. Eine Räuberbande ist auch einig in ihren kriminellen Absichten. Familien können in ihrem Egoismus oder Stolz vereint sein und sich von der Außenwelt abschotten. Länder können in ihrer Feindschaft gegen andere vereint sein und Aggressionen planen. Solche Formen der Einigkeit sind destruktiv und gefährlich. Sie sind sicher nicht die Einheit, um die Jesus den Vater gebeten hat.

Die Einheit, die Jesus suchte, ist keine Einheit der Gleichschaltung oder des blinden Gehorsams. Es ist eine Einheit, die auf innerer Transformation basiert, auf der Ausrichtung des Herzens an Gott und dem Nächsten. Sie ist gekennzeichnet durch gegenseitige Achtung, Dienstbereitschaft, Barmherzigkeit und vor allem durch die Bereitschaft zur Vergebung und zur Liebe. Diese Art von Einheit ist nicht nur eine organisatorische oder politische Angelegenheit; sie ist eine Herzenshaltung. Sie erfordert Demut, die Fähigkeit, über den eigenen Schatten zu springen, und den Willen, den anderen als Bruder oder Schwester in Christus anzuerkennen, selbst wenn es theologische oder traditionelle Unterschiede gibt.

Einheit im Leid: Eine unerwartete Offenbarung

In unserer heutigen Zeit erleben viele Christen eine andere, oft schmerzliche, aber auch tief verbindende Art von Einheit: Sie werden gemeinsam verfolgt. Das schreckliche Selbstmordattentat in Lahore, Pakistan, bei dem Dutzende Christen, darunter viele Kinder, in den Tod gerissen wurden, machte keinen Unterschied, welcher christlichen Konfession sie angehörten. Alle waren Christen. Alle sollten sterben. In diesem Moment des gemeinsamen Leidens verschwanden die Trennlinien zwischen Katholiken, Protestanten oder anderen Denominationen. Sie waren eins in ihrer Verletzlichkeit und in ihrem Glauben.

Ähnliche Erfahrungen durfte ich bei meinem Besuch bei den über hunderttausend christlichen Flüchtlingen im Nordirak machen. Vertriebene aus ihren Häusern durch die brutalen Kämpfer des IS („Islamischer Staat“), hatten sie alles verloren. Doch inmitten dieses unvorstellbaren Leidens begegnete ich vielem Schmerz, aber keinem Hass. Egal welcher Kirche oder Konfession sie angehörten, sie teilten ein gemeinsames Schicksal und eine tiefe Verbundenheit. Sie ließen sich nicht in den Hass treiben, auch wenn sie sich danach sehnten, in ihre Häuser und in ihre Heimat zurückkehren zu können. Hier, in der extremen Not, wurde spürbar, worum es Jesus in seinem Gebet wirklich ging: Die Einheit, die er für uns alle erbeten hat, ist die des Verzeihens und der Liebe. Nur sie ist glaubwürdig und haltbar, weil sie nicht auf äußeren Umständen oder menschlichen Vereinbarungen beruht, sondern auf einer inneren Haltung, die selbst dem größten Leid standhält.

Die Einheit der Vergebung und Liebe als Fundament

Die Einheit, die Jesus im Sinn hatte, ist radikal und transformativ. Sie ist nicht einfach die Abwesenheit von Konflikten, sondern die aktive Präsenz von Vergebung und Liebe. Vergebung ist der Schlüssel, der alte Wunden heilt und Mauern zwischen Menschen einreißt. Sie bedeutet, die Last des Grolls loszulassen und dem anderen eine neue Chance zu geben. Liebe ist die treibende Kraft, die uns dazu bringt, das Wohl des anderen über unser eigenes zu stellen, Empathie zu zeigen und Brücken zu bauen, wo zuvor nur Gräben waren.

Diese Einheit ist nicht nur ein Ideal für die Kirche, sondern ein Modell für die gesamte Menschheit. Wenn Familien lernen, einander zu vergeben und zu lieben, werden sie stärker. Wenn Gemeinschaften lernen, ihre Unterschiede zu überwinden und sich auf das Gemeinsame zu konzentrieren, werden sie blühen. Und wenn Nationen lernen, alte Feindschaften durch Vergebung zu ersetzen und in Liebe zusammenzuarbeiten, kann wahrer Frieden entstehen. Die Herausforderung besteht darin, diese Prinzipien in unserem Alltag zu leben, in unseren Beziehungen, in unseren Gemeinden und in unserer Gesellschaft.

Vergleich: Wahre Einheit vs. Trügerische Einigkeit

MerkmalWahre Einheit (nach Jesus)Trügerische Einigkeit (weltlich)
GrundlageLiebe, Vergebung, Dienst am Nächsten, gemeinsame Ausrichtung auf GottEigennutz, gemeinsame Feindschaft, Macht, Kontrolle
ZielHarmonie, Wachstum, Frieden, Zeugnis für die Welt, spirituelle ReifeDominanz, Ausgrenzung, kurzfristiger Vorteil, Unterdrückung von Individualität
DauerhaftigkeitLangfristig, resilient, transformierend, hält Krisen standZerbrechlich, konfliktbehaftet, destruktiv, zerfällt bei Interessenskonflikten
AuswirkungHeilend, verbindend, erhebend, fördert das Wohl aller BeteiligtenSpaltend, zerstörerisch, isolierend, führt oft zu Leid und Ungerechtigkeit

Häufig gestellte Fragen zur Einheit

Was ist der Kern von Jesu Gebet für Einheit?

Der Kern von Jesu Gebet ist die Bitte, dass alle Gläubigen in einer tiefen, göttlichen Einheit miteinander verbunden sein mögen, so wie er und der Vater eins sind. Diese Einheit soll ein überzeugendes Zeugnis für die Welt sein und ihre Glaubwürdigkeit stärken.

Kann Einheit auch schädlich sein?

Ja, nicht jede Form von Einigkeit ist gut. Wenn Einheit auf Egoismus, gemeinsamen negativen Zielen (wie Hass oder Ausbeutung) oder dem Ausschluss anderer basiert, kann sie sehr schädlich sein und zu Unrecht und Leid führen.

Wie kann ich persönlich zu wahrer Einheit beitragen?

Sie können zu wahrer Einheit beitragen, indem Sie Vergebung praktizieren, Liebe leben, Unterschiede respektieren, Brücken bauen, zuhören und versuchen, andere zu verstehen, anstatt zu verurteilen. Es beginnt oft im Kleinen, in unseren persönlichen Beziehungen.

Ist politische Einheit dasselbe wie geistliche Einheit?

Nein, politische und geistliche Einheit sind nicht dasselbe. Politische Einheit bezieht sich auf staatliche oder gesellschaftliche Zusammenschlüsse mit gemeinsamen Zielen. Geistliche Einheit, wie Jesus sie meinte, ist eine tiefere, innere Verbundenheit im Glauben, in der Liebe und im gemeinsamen Geist, die über politische oder nationale Grenzen hinausgeht.

Warum ist Vergebung so wichtig für die Einheit?

Vergebung ist entscheidend für die Einheit, weil sie es ermöglicht, vergangene Verletzungen und Groll loszulassen, die oft Mauern zwischen Menschen errichten. Ohne Vergebung bleiben alte Wunden offen und verhindern eine echte, dauerhafte Versöhnung und Verbundenheit.

Die Vision Jesu von Einheit ist aktueller denn je. Sie ist keine utopische Vorstellung, sondern ein realistischer Weg, um die tiefen Gräben zu überwinden, die unsere Welt spalten. Es beginnt nicht mit großen politischen Verträgen, sondern in den Herzen der Menschen, in der Bereitschaft zur Vergebung und zur Liebe. Wenn wir uns an diesen Kern von Jesu Gebet erinnern und ihn leben, können wir Schritt für Schritt zu einer Welt beitragen, die das Zeugnis der Einheit nicht nur hört, sondern auch sieht und erlebt.

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