Was ist das Schma Jisrael?

Schma Jisrael: Herzstück jüdischen Glaubens

18/03/2024

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In einer Welt, die oft von Missverständnissen und Vorurteilen geprägt ist, ist Wissen das beste Mittel, um Gräben zu überwinden und Verständnis zu schaffen. Besonders im Kontext des Jubiläums „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ bietet sich eine einzigartige Gelegenheit, tiefer in die faszinierende Welt des jüdischen Glaubens einzutauchen. Ein zentraler Pfeiler dieser Spiritualität ist das jüdische Gebet, das weit über bloße Rituale hinausgeht und eine lebendige Verbindung zu Gott darstellt. Im Mittelpunkt steht dabei oft das Schma Jisrael – ein Bekenntnis, das die Essenz des Judentums einfängt und tagtäglich gelebt wird.

Was ist der Unterschied zwischen Israel und Gott?
Nach Seidler (1998:73) beruht dies auf der rabbinischen Tradition, dass beide Buchstaben zusammen das Wort עד – Zeuge ergeben. Somit wird Israel durch die Preisung Gottes mit dem Schma Jisrael zum Zeuge von Gottes Einzigkeit, während Gott das Volk Israel preist, das seinen Auftrag erfüllt.

Das Schma Jisrael, dessen Name sich von seinen hebräischen Anfangsworten „Höre, Israel“ ableitet, ist weit mehr als nur ein Gebet im herkömmlichen Sinne. Es ist die zentrale Glaubensbekenntnis des Judentums, eine tiefgreifende Verpflichtung und eine Bejahung der Einzigartigkeit Gottes. Es wird traditionell zweimal täglich, morgens (Schacharit) und abends (Maariw), auf Hebräisch rezitiert und begleitet Gläubige durch ihr gesamtes Leben. Die deutsche Übersetzung offenbart seine tiefgehende Botschaft:

„Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Kindern wiederholen. Du sollst sie sprechen, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben.“ (Dtn 6,4-9)

Dieses kraftvolle Bekenntnis setzt sich aus drei Abschnitten der Tora zusammen: Deuteronomium (6,4-9 und 11,13-21) und Numeri (15,37-41). Es ist eine Aufforderung zur unbedingten Liebe und Loyalität gegenüber dem einzigen Gott, zur Weitergabe dieser Liebe an die nächste Generation und zur ständigen Erinnerung an Seine Gebote im Alltag. Die Verse sind eine lebendige Anleitung dafür, wie der Glaube in jedem Moment des Lebens präsent sein soll – beim Sitzen, Gehen, Schlafengehen und Aufstehen. Sie sind eine Verpflichtung, die nicht nur im Herzen getragen, sondern auch sichtbar gemacht wird.

Inhaltsverzeichnis

Die Mesusa: Ein heiliges Zeichen am Türpfosten

Eine der sichtbarsten Manifestationen des Schma Jisrael im Alltag ist die Mesusa. Der Begriff „Mesusa“ bedeutet wörtlich „Türpfosten“, bezeichnet aber im jüdischen Kontext eine kleine Schriftkapsel, die an den Türpfosten jüdischer Häuser und Räume angebracht wird. Im Inneren dieser Kapsel befindet sich ein handgeschriebenes Pergament, das die ersten beiden Abschnitte des Schma Jisrael (Dtn 6,4-9 und Dtn 11,13-21) enthält.

Das Anbringen einer Mesusa ist ein direktes Gebot aus der Tora und dient dem Schutz des Hauses und seiner Bewohner. Es erinnert jeden, der das Haus betritt oder verlässt, an die Präsenz Gottes und die Verpflichtung zu Seinen Geboten. Auf der Rückseite des Pergaments und oft auch auf der Kapsel selbst ist das Wort „Schaddai“ zu finden – einer der Namen Gottes. Interessanterweise ist „Schaddai“ hier auch ein Akronym für „Schomer Delatot Jisrael“, was übersetzt „Beschützer der Türen Israels“ bedeutet. Dies unterstreicht die schützende und segnende Funktion der Mesusa.

Sorgfalt und Heiligkeit: Herstellung und Pflege einer Mesusa

Die Herstellung einer Mesusa ist ein Akt größter Sorgfalt und Frömmigkeit. Das Pergament, auf dem das Schma Jisrael geschrieben wird, muss koscher sein – das bedeutet, es muss von einem koscheren Tier stammen und nach strengen halachischen Vorschriften hergestellt werden. Ein speziell ausgebildeter Schreiber, ein sogenannter Sofer, schreibt die beiden Abschnitte aus dem Buch Deuteronomium mit Feder und Tinte in 22 perfekten Linien. Jeder Buchstabe muss fehlerfrei und nach genauen Regeln geformt sein, da bereits ein kleiner Fehler das gesamte Pergament ungültig machen kann.

Die Kapseln selbst sind vielfältig gestaltet, aus Materialien wie Holz, Metall, Keramik oder Kunststoff. Doch unabhängig vom äußeren Design ist die Unversehrtheit des inneren Pergaments von größter Bedeutung. Aus diesem Grund ist es ein Gebot, die Mesusot in regelmäßigen Zeitabständen von einem Sofer überprüfen zu lassen, um sicherzustellen, dass sie nicht beschädigt oder unleserlich geworden sind. Diese Pflege ist ein Ausdruck des Respekts vor dem göttlichen Wort und der Kontinuität des Gebots.

Platzierung der Mesusa: Ein Gebot für jedes Heim

Nach jüdischer Auslegung soll an allen Türpfosten eines Hauses, die zu Wohn- oder Aufenthaltsräumen führen, eine Mesusa angebracht werden. Ausgenommen sind lediglich Badezimmer und Toiletten, da diese nicht als heilige Räume gelten. Die Mesusa wird am rechten Türpfosten in Eingangsrichtung angebracht, üblicherweise leicht angewinkelt, wobei das obere Ende zum Raum zeigt. Dieser Winkel symbolisiert oft einen Kompromiss zwischen zwei traditionellen Ansichten – ob die Mesusa horizontal oder vertikal angebracht werden sollte – und drückt zugleich die Dynamik des Ein- und Ausgehens aus.

Vor dem Anbringen der Mesusa wird ein Segensspruch gesprochen, der die Erfüllung dieses Gebots preist und um den Schutz Gottes für das Haus und seine Bewohner bittet. Die Mesusa ist somit nicht nur ein religiöses Artefakt, sondern ein lebendiges Symbol, das den Glauben im Alltag sichtbar macht und das Zuhause zu einem Ort der Heiligkeit und des göttlichen Schutzes erhebt.

Was ist das jüdische Gebet?
So wurde das wohl zentralste und bedeutendste jüdische Gebet, das Schma Jisrael, zusammengesetzt. Jeder Jude soll es als erstes und letztes Gebet im Leben sprechen.

Vergleich der Gebetskonzepte: Schma Jisrael und Vater Unser

Während das Schma Jisrael das bekannteste Bekenntnis im Judentum ist, gibt es im christlichen Glauben das „Vater Unser“, das ebenfalls eine zentrale Rolle spielt. Obwohl sie aus unterschiedlichen religiösen Traditionen stammen, teilen sie die Eigenschaft, tief in der jeweiligen Glaubenspraxis verwurzelt zu sein und eine grundlegende Beziehung zu Gott auszudrücken. Hier ist ein Vergleich:

MerkmalSchma Jisrael (Judentum)Vater Unser (Christentum)
GlaubensrichtungJudentumChristentum
HauptzweckBekenntnis zur Einzigkeit Gottes (Monotheismus), Liebe und Verpflichtung zu GottAnbetung Gottes, Bitte um Versorgung, Vergebung und Führung
HerkunftTora (Deuteronomium, Numeri) und MischnaEvangelien (Matthäus 6,9-13; Lukas 11,2-4)
RezitationshäufigkeitTraditionell zweimal täglich (morgens und abends)Wird häufig in Gottesdiensten und im persönlichen Gebet rezitiert
Besondere MerkmaleVerbindung mit Tefillin (Gebetsriemen) und Mesusa, Ausdruck der IdentitätVon Jesus Christus selbst gelehrt, grundlegend für christliche Gebetspraxis
SpracheTraditionell Hebräisch, kann aber auch in der Landessprache rezitiert werdenUrsprünglich Aramäisch/Griechisch, in alle Sprachen übersetzt

Beide Gebete sind Ausdruck der tiefen Frömmigkeit und des Strebens nach einer engen Beziehung zum Göttlichen in ihren jeweiligen Traditionen. Sie sind nicht nur Worte, sondern Lebensgrundsätze, die den Alltag prägen und die Gläubigen an ihre spirituellen Wurzeln erinnern.

Häufig gestellte Fragen zum Schma Jisrael und der Mesusa

Muss jeder Jude eine Mesusa haben?

Ja, das Anbringen einer Mesusa ist ein Gebot für alle jüdischen Haushalte. Es ist eine Mizwa (Gebot), die die Bedeutung des Glaubens im häuslichen Leben unterstreicht und das Haus unter göttlichen Schutz stellt.

Was passiert, wenn die Mesusa beschädigt ist?

Wenn eine Mesusa beschädigt ist, beispielsweise wenn Buchstaben auf dem Pergament verblasst oder eingerissen sind, ist sie nicht mehr koscher und somit ungültig. Sie muss von einem Sofer überprüft und gegebenenfalls repariert oder durch eine neue, gültige Mesusa ersetzt werden. Es ist wichtig, die Mesusot regelmäßig (mindestens alle paar Jahre) überprüfen zu lassen, um ihre Unversehrtheit zu gewährleisten.

Kann das Schma Jisrael in jeder Sprache gebetet werden?

Während die traditionelle und bevorzugte Sprache für das Schma Jisrael Hebräisch ist, da es die ursprüngliche Sprache der Tora ist und eine tiefe spirituelle Verbindung trägt, ist es halachisch erlaubt, das Schma in einer Sprache zu beten, die man versteht. Der Zweck ist, die Bedeutung und das Bekenntnis vollständig zu erfassen und zu verinnerlichen.

Warum wird die Mesusa angewinkelt angebracht?

Es gibt verschiedene Erklärungen und Traditionen für das angewinkelte Anbringen der Mesusa. Eine populäre Erklärung besagt, dass es ein Kompromiss zwischen zwei rabbinischen Meinungen ist: Die eine besagte, sie solle vertikal angebracht werden, die andere horizontal. Durch das Anwinkeln werden beide Meinungen geehrt. Eine andere symbolische Deutung ist, dass der Winkel die Dynamik des Ein- und Ausgehens aus dem Haus darstellt und die Mesusa somit sowohl den kommenden als auch den gehenden Bewohner segnet.

Was sind Tefillin und wie sind sie mit dem Schma Jisrael verbunden?

Tefillin sind Gebetsriemen, die von jüdischen Männern während des Morgengebets getragen werden. Sie bestehen aus zwei kleinen schwarzen Lederkästchen, die Lederriemen befestigt sind. Eines der Kästchen wird am Oberarm (nahe dem Herzen) und das andere auf der Stirn platziert. In diesen Kästchen befinden sich Pergamentrollen mit den gleichen Tora-Abschnitten, die auch in der Mesusa zu finden sind, einschließlich des Schma Jisrael. Das Tragen der Tefillin ist eine direkte Erfüllung des Gebots im Schma Jisrael: „Du sollst sie als Zeichen um dein Handgelenk binden. Sie sollen als Merkzeichen auf deiner Stirn sein.“ Sie dienen als ständige Erinnerung an Gottes Gebote und die Verpflichtung, sie zu halten, physisch am Körper getragen.

Fazit: Ein lebendiger Glaube im Alltag

Das Schma Jisrael und die Mesusa sind mehr als nur alte Traditionen; sie sind lebendige Ausdrucksformen eines Glaubens, der das gesamte Leben durchdringt. Sie erinnern daran, dass Spiritualität nicht auf den Gebetsraum beschränkt ist, sondern in jedem Winkel des Hauses und in jedem Moment des Lebens präsent sein kann. Durch das Verständnis dieser zentralen Elemente jüdischen Gebets und Glaubens können wir nicht nur die reiche Kultur und Geschichte des Judentums besser würdigen, sondern auch Vorurteile abbauen und eine tiefere Wertschätzung für die Vielfalt menschlicher Spiritualität entwickeln. Es ist ein Aufruf, hinzuhören, zu lieben und den Glauben nicht nur zu bekennen, sondern ihn auch aktiv im Alltag zu leben.

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