10/05/2024
In einer Welt, die oft von Ungerechtigkeit und Ohnmacht geprägt zu sein scheint, erhebt sich ein Film, der nicht nur Geschichten erzählt, sondern aktiv Realitäten verändert. Milo Raus „Das neue Evangelium“ ist weit mehr als nur ein filmisches Werk; es ist ein Manifest, eine Bewegung und ein lebendiger Beweis dafür, dass Kunst und politischer Aktivismus untrennbar miteinander verbunden sein können. Dieser Film wagt es, die biblische Passionsgeschichte neu zu interpretieren und sie direkt in die erschütternde Gegenwart der Tomatenpflücker Süditaliens zu verlegen, um so eine Brücke zwischen den Leiden der Vergangenheit und den Kämpfen der Gegenwart zu schlagen.

Was „Das neue Evangelium“ so einzigartig macht, ist seine Fähigkeit, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu wirken. Einerseits ist es ein tief bewegendes, säkulares Passionsspiel, das sich bewusst auf Pier Paolo Pasolinis legendären Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ von 1964 bezieht und dessen ikonische Bilder in historischen Kostümen neu inszeniert. Diese bewusste Anknüpfung schafft eine Resonanz, die den Zuschauenden die zeitlose Relevanz der Botschaft Jesu nahebringt. Doch der Film geht weit darüber hinaus: Er ist zugleich eine schonungslose Dokumentation des heutigen Elends in Süditalien, wo migrantische Tomatenpflücker in isolierten, heruntergekommenen Bretterbaracken hausen, ausgebeutet von der Mafia. Diese doppelte Erzählstruktur – die historische Reinszenierung und die dokumentarische Darstellung der Gegenwart – verdichtet die Botschaft des Films zu einem kraftvollen Plädoyer für Menschlichkeit und Gerechtigkeit.
- Ein Schwarzer Jesus und seine Jünger: Die neue Revolution
- Konkrete Ergebnisse: Wie Kunst Realität verändert
- Die „Making-of“-Ebene: Eine Metapher für die Realität
- Das künstlerische Vermächtnis und die Botschaft der Hoffnung
- Vergleich: „Das 1. Evangelium“ vs. „Das neue Evangelium“
- Häufig gestellte Fragen zu „Das neue Evangelium“
- Was ist das zentrale Thema von „Das neue Evangelium“?
- Wer ist Yvan Sagnet und warum wurde er als Jesus gewählt?
- Welchen realen Einfluss hatte der Film über die Leinwand hinaus?
- Wie unterscheidet sich Raus Film von Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“?
- Warum spielt die „Making-of“-Ebene eine wichtige Rolle im Film?
Ein Schwarzer Jesus und seine Jünger: Die neue Revolution
Im Zentrum dieser modernen Passion steht Yvan Sagnet, der als erster schwarzer Jesus der Filmgeschichte mit ruhiger Kraft und charismatischer Aura durch die Ghettos schreitet. Sagnet ist nicht nur ein Darsteller; er ist ein realer Aktivist, der sich seit vielen Jahren unermüdlich für die Rechte der ausgebeuteten Landarbeiter einsetzt. Seine Geschichte ist beeindruckend: Als Ingenieurstudent aus Kamerun kam er 2007 nach Turin und arbeitete selbst auf den Feldern, bevor er 2011 den ersten Generalstreik der Gemüsepflücker organisierte, der die korrupte Arbeitsvermittlung der „Carporalati“ unter Strafe stellte. Trotz massiver Bedrohungen durch die Mafia wurde Sagnet 2017 mit dem italienischen Verdienstorden ausgezeichnet und ist landesweit bekannt. Seine Besetzung als Jesus ist nicht nur symbolisch, sondern verleiht dem Film eine authentische und tiefe Glaubwürdigkeit.
Auch Sagners „Jünger“ sind keine professionellen Schauspieler, sondern Laiendarsteller, die reale Aktivisten und Geflüchtete sind. Diese bewusste Entscheidung, echte Menschen mit ihren eigenen Geschichten und Kämpfen in die Rollen zu besetzen, verstärkt die Authentizität des Films und verschwimmt die Grenze zwischen Fiktion und Realität. Da ist zum Beispiel der Musiker Ras Bamba, der heute in den Ghettos ein Radio betreibt, oder Papa Latyr Faye und Mbaye Ndiaye, die Gründer der „Casa Sankara“. Auch Blessing Ayomonsuro aus Nigeria, die heute Prostituierten hilft, wird im Film zu Maria Magdalena. Diese Besetzung macht den Film zu einem lebendigen Zeugnis des Kampfes gegen soziale Ungerechtigkeit und der Kraft der Gemeinschaft.
Konkrete Ergebnisse: Wie Kunst Realität verändert
Das wirklich Bemerkenswerte an „Das neue Evangelium“ ist, dass der Film nicht nur Missstände aufzeigt, sondern direkt zu realen Veränderungen beiträgt. Die Dreharbeiten von Milo Rau haben vor Ort konkrete Initiativen erreicht oder beschleunigt, was den Film zu einem einzigartigen Beispiel für die Verbindung von Kunst und politischer Aktion macht. Am Ende des Films, während der Abspann läuft, werden die beeindruckenden Ergebnisse dieser „Revolte der Würde“ sichtbar:
- Casa Sankara: Eine Kamerafahrt zeigt die neuen, sauberen Unterkünfte und autonom bestellten Gemüsefelder sowie eine neue Schneiderei der „Casa Sankara“. Diese Initiative hat migrantische Tomatenpflücker in San Severo aus dem Elend der Ghettos und den Händen der Mafia befreit. Es ist ein greifbares Zeichen der Hoffnung und Selbstbestimmung.
- NoCap: Yvan Sagnet selbst hält stolz die fair produzierte Tomatensauce seiner NGO „NoCap“ in die Kamera, die er nun in zwei großen italienischen Supermärkten verkauft. „NoCap“ steht für den Kampf gegen das Caporalato-System (illegale Arbeitsvermittlung) und bietet fair gehandelte Produkte an, die direkt den Arbeitern zugutekommen.
- Vito Castoro: Der italienische Biobauer Vito Castoro, der im Film einen von Jesu Aposteln spielt, präsentiert die Felder seiner neu vernetzten Kooperative. Mit Hilfe von Migranten baut er afrikanisches Gemüse an und erreicht neue Absatzmärkte. Dies zeigt, wie durch Vernetzung und gemeinschaftliche Schritte viel erreicht werden kann, selbst im Kleinen.
Diese direkten Ergebnisse unterstreichen die Kernbotschaft des Films: Es ist möglich zu handeln. Allein durch die Vernetzung der Isolierten und in kleinen, gemeinschaftlichen Schritten kann viel erreicht werden. Der Film ist somit nicht nur ein Dokument, sondern ein Katalysator für sozialen Wandel.
Die „Making-of“-Ebene: Eine Metapher für die Realität
Was Milo Raus Film zu einem Meisterwerk und einer großen Metapher macht, ist die Art und Weise, wie eine dritte Ebene hineinspielt: die Thematisierung des eigenen „Making of“. Der Film zieht den Zuschauer quasi selbst in den filmischen Vorgang hinein und löst elegant die alte Frage auf, ob ein weißer, privilegierter Regisseur seinen politischen Kampf auf dem Leid politisch Rechtloser aufbauen darf. Rau nimmt sich immer wieder zurück, befragt sich selbst und lässt die Realität in die Dreharbeiten eingreifen. Ein Beispiel dafür ist, als das Ghetto neben Matera von der Polizei geräumt wird und die Migranten zerstreut werden – ein Ereignis, das direkt in den Film integriert wird und die Zerbrechlichkeit der Lebensumstände der Darsteller unterstreicht.
Diese Meta-Ebene erlaubt es, die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion zu verwischen und die Schaffung des Films selbst als Teil der Geschichte zu begreifen. Gleich zu Beginn sehen wir Rau und Sagnet, wie sie die schneebedeckten Hügel von Matera bewundern, einer Stadt, die so sehr an Jerusalem erinnert, dass hier bereits Pasolini und Mel Gibson ihre legendären Jesus-Filme drehten. Matera, Weltkulturerbe und Kulturhauptstadt 2019, wird so zum symbolischen Schauplatz einer zeitlosen Erzählung. Manchmal ist diese „Making-of“-Ebene auch humorvoll, etwa wenn Yvan Sagnet sich zum Maßnehmen auf das Holzkreuz legt oder fachmännisch die Lederpeitsche begutachtet, mit der er später gefoltert wird.
Doch diese Ebene hat auch ihre Schattenseiten. Eine kaum auszuhaltende Szene zeigt, wie sich ein gläubiger Materaner als Soldat und Folterer bewirbt, um „den heiligen Gott zu massakrieren“, und schließlich minutenlang einen schwarzen, glänzenden Stuhl foltert und rassistisch beleidigt. Diese Szene, untermalt von Pergolesis „Stabat Mater“, ist eine schmerzhafte Metapher, die den strukturellen Rassismus kondensiert, dem Migranten ausgesetzt sind, wenn keine Filmteams zusehen. Sie erinnert eindringlich daran, dass die im Film dargestellten Missstände keine bloße Fiktion, sondern die harte Realität sind.
Das künstlerische Vermächtnis und die Botschaft der Hoffnung
Milo Raus Film ist eine direkte Hommage an Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“ und verwebt Realität und Inspirationsquelle auf faszinierende Weise. In der Casa Sankara sehen wir Migranten und das Filmteam gemeinsam den Pasolini-Film an – ein berührender Moment, der die Brücke zwischen den Generationen und den gemeinsamen Kampfgeist symbolisiert. Enrique Irazoqui, der umwerfend sanfte Laiendarsteller des Jesus von 1964, spielt in Raus „Neuem Evangelium“ Johannes den Täufer oder Schauspieltrainer für Yvan Sagnet. Er gibt ihm quasi sein künstlerisches Vermächtnis weiter – tragischerweise im wörtlichen Sinne, da Irazoqui wenige Tage nach der Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig im September 2020 im Alter von 76 Jahren verstarb. Diese Begegnung der beiden Jesus-Darsteller über die Jahrzehnte hinweg ist ein zutiefst bewegender Moment, der die zeitlose Natur der Passion betont.

Zum Schluss hin übernimmt die historische Bibelerzählung in großen, gleißenden Bildern. Das Abendmahl in einer alten Industrieruine, der Verrat des schwitzenden Judas. Der blutüberströmte Yvan Sagnet schleppt das Kreuz die Gassen von Matera hinauf, während Soldaten und Stadtbürger ihm Affengeräusche hinterherrufen – eine erschreckende Parallele zu den rassistischen Anfeindungen, denen reale Migranten ausgesetzt sind. Auf den Hügeln hinter Matera bricht Maria zusammen, gespielt von der großen rumänischen Mel-Gibson-Schauspielerin Maia Morgenstern. Jesus stirbt zitternd am Kreuz, während sich der Himmel real verdunkelt. Doch selbst in diesem Moment der größten Verzweiflung, wenn Milo Rau „Cut“ ruft, bleibt eine Botschaft der Hoffnung. Der Film mag langsam beginnen und seine Ebenen nicht immer sofort entschlüsseln, doch am Ende packt er emotional. Die historische Fiktion ist so sehr mit Realität getränkt, dass man weinen könnte und trotzdem Hoffnung hat. Es ist ein gewaltiger Aufschlag, eine neue Form von Kunst, die eine tiefe humanistische Botschaft trägt und zum Handeln anregt.
Vergleich: „Das 1. Evangelium“ vs. „Das neue Evangelium“
Obwohl Milo Raus Film eine bewusste Referenz an Pasolinis Werk ist, gibt es fundamentale Unterschiede, die „Das neue Evangelium“ zu einem eigenständigen und zeitgemäßen Kunstwerk machen.
| Merkmal | Das 1. Evangelium – Matthäus (1964) | Das neue Evangelium (2020) |
|---|---|---|
| Regisseur | Pier Paolo Pasolini | Milo Rau |
| Jesus-Darsteller | Enrique Irazoqui (Philosophie-Student) | Yvan Sagnet (Sozialaktivist, Ingenieur) |
| Kontext | Religiöse Nacherzählung des Matthäus-Evangeliums | Säkulares Passionsspiel im Kontext heutiger sozialer Ungerechtigkeit |
| Darsteller | Laiendarsteller aus der Bevölkerung | Reale Aktivisten und Geflüchtete |
| Fokus | Authentizität der biblischen Erzählung, spirituelle Botschaft | Soziale Revolution, Kampf gegen Ausbeutung, politische Aktion |
| Realer Einfluss | Künstlerische und filmhistorische Bedeutung | Direkte soziale und politische Veränderungen vor Ort |
| Meta-Ebene | Nicht primär vorhanden | Thematisierung des eigenen „Making of“, Reflexion über die Kunstform |
Häufig gestellte Fragen zu „Das neue Evangelium“
Was ist das zentrale Thema von „Das neue Evangelium“?
Das zentrale Thema ist die Aktualisierung der Passionsgeschichte Jesu im Kontext der heutigen sozialen Ungerechtigkeit und Ausbeutung, insbesondere der migrantischen Tomatenpflücker in Süditalien. Der Film erforscht, was Jesus heute tun würde, und zeigt, wie Kunst als Katalysator für sozialen Wandel dienen kann.
Wer ist Yvan Sagnet und warum wurde er als Jesus gewählt?
Yvan Sagnet ist ein kamerunischer Sozialaktivist und Ingenieur, der sich seit Jahren für die Rechte der ausgebeuteten Landarbeiter in Italien einsetzt. Er wurde als Jesus gewählt, weil er nicht nur die Rolle glaubwürdig verkörpert, sondern auch die reale Verkörperung des sozialen Engagements ist, das der Film vermitteln möchte. Seine eigene Geschichte und sein Aktivismus machen ihn zur idealen Besetzung für einen „sozialrevolutionären“ Jesus.
Welchen realen Einfluss hatte der Film über die Leinwand hinaus?
Der Film hatte einen direkten und positiven Einfluss auf die Lebensbedingungen der dargestellten Gemeinschaften. Er beschleunigte die Gründung und den Ausbau von Initiativen wie der „Casa Sankara“, die migrantischen Arbeitern menschenwürdige Unterkünfte und Arbeitsmöglichkeiten bietet, und unterstützte Projekte wie „NoCap“, das faire Tomatenprodukte vertreibt und gegen Ausbeutung kämpft. Der Film vernetzte isolierte Menschen und zeigte, dass gemeinschaftliche Schritte viel erreichen können.
Wie unterscheidet sich Raus Film von Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“?
Während Pasolinis Film eine religiöse Nacherzählung des Matthäus-Evangeliums ist, die sich auf die spirituelle Botschaft konzentriert, nutzt Raus Film die biblische Erzählung als Rahmen, um aktuelle soziale und politische Missstände zu beleuchten. Rau setzt reale Aktivisten und Geflüchtete ein, thematisiert das „Making of“ und strebt konkrete soziale Veränderungen an, wodurch sein Film eine stärkere dokumentarische und aktivistische Dimension erhält.
Warum spielt die „Making-of“-Ebene eine wichtige Rolle im Film?
Die „Making-of“-Ebene dient dazu, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zu verwischen und den Zuschauer aktiv in den Entstehungsprozess des Films einzubeziehen. Sie reflektiert ethische Fragen bezüglich der Darstellung von Leid und erlaubt es dem Regisseur, seine eigene Rolle zu hinterfragen. Gleichzeitig verstärkt sie die Authentizität der dargestellten Missstände, indem sie zeigt, wie die Realität die Dreharbeiten beeinflusst, und betont, dass die Kunst selbst ein Akt des Handelns sein kann.
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