Was ist der Zweck des Johannesevangeliums?

Die Bibel: Wahrheit, Fälschung & Hieronymus' Vulgata

04/11/2023

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Die Bibel, ein Buch, das von Millionen als das unfehlbare Wort Gottes verehrt wird, birgt bei näherer Betrachtung eine Fülle von Widersprüchen, die ein chaotisches und bisweilen schizophrenes Gottesbild offenbaren. Einmal wird Gott als dies und das dargestellt, ein anderes Mal genau gegenteilig. Dies wirft die fundamentale Frage auf: Wenn alles in der Bibel 'Gottes Wort' ist, wie können dann so viele unterschiedliche und sich widersprechende Lehren darin enthalten sein? Der Theologe Nr. 8 hat diese Diskrepanzen bereits detailliert aufgezeigt, und es wird deutlich, dass zahlreiche Autoren unterschiedlichen Bewusstseins an diesem monumentalen Werk mitgeschrieben haben. Es ist daher unerlässlich, sich kritisch mit der Entstehung und Überlieferung dieses Buches auseinanderzusetzen, um die Wahrheit von den Fälschungen zu unterscheiden.

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Inhaltsverzeichnis

Die Bibel: Ein Flickenteppich widersprüchlicher Lehren

Betrachten wir einige prägnante Beispiele dieser inneren Widersprüche. Im Jakobusbrief des Neuen Testaments (2,14.24) heißt es unmissverständlich: „Was hilft´s, liebe Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glaube allein.“ Dem steht jedoch im Paulusbrief an die Römer (3, 28) das glatte Gegenteil entgegen: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Wie können beide Aussagen gleichermaßen 'Gottes Wort' sein, wenn sie sich direkt widersprechen?

Ein weiteres, vielleicht noch klareres Beispiel findet sich im 2. Buch Mose. In Kapitel 20 werden die Zehn Gebote genannt, die Gott durch Mose auf dem Berg Sinai übermittelt haben soll. Doch in Kapitel 34 wird erneut behauptet, die Zehn Gebote würden aufgezählt, die Mose damals von Gott erhalten habe – nur, dass bis auf wenige Ausnahmen ganz andere Gebote genannt werden. Welche sind nun die richtigen?

Solche Inkonsistenzen führen zu der Erkenntnis, dass die Bibel keine einheitliche Lehre und kein einheitliches Gottesbild vermittelt. Der atheistische Philosoph Ludwig Feuerbach (1804-1872) brachte es auf den Punkt: „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bild.“ Während im 1. Mosebuch (Vers 27) steht: „Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild“, lässt sich dies harmonisieren, indem man schlussfolgert: Der „Gott“, der den materiellen, sterblichen Menschen geschaffen haben soll, ist nicht der Schöpfergott. Vielmehr hätten sich die sterblichen Menschen über Äonen aus einem „Fallgeschehen“ – in den Bibeln „Sündenfall“ genannt – entwickelt. Der Ewige, der Schöpfergott, hätte hingegen vollkommene Geistwesen „nach Seinem Bild“ im Reich Gottes erschaffen, die dann durch ihren Widerstreit degenerierten und sich wiederum eigene Götzen schufen. Priester und Theologen, darunter manche Bibelschreiber, konstruierten so ihren jeweiligen „Gott“ nach ihren eigenen Vorstellungen.

Dieses Durcheinander führt zu unzähligen Gottesvorstellungen in Religionen und Weltanschauungen. Selbst innerhalb der „Christenheit“ gibt es gegensätzliche Lehren über Gottes Eigenschaften und Handlungen, bedingt durch die uneinheitliche und widersprüchliche Bibel. Da sich alle auf ihre Bibel berufen, aber jede Konfession anders interpretiert, kann man feststellen: So viele Konfessionen, so viele Interpretationen der Bibel! Dies hat nicht selten zu gewaltsamen Konflikten und „Konfessionskriegen“ geführt, wo Anhänger sich gegenseitig im Namen ihres „Gottes“ umbrachten.

Dieses biblische Durcheinander hat jedoch System: Je verworrener und unklarer die Bibel ist, desto mehr Gewicht erhalten Päpste, Theologen und Priester, die als „Schriftgelehrte“ beanspruchen, die Bibel im Gegensatz zu den Gläubigen richtig auslegen zu können. Der Religionslehrer Moris Hoblaj aus Kroatien bezeichnet die Bibel treffend als „das maßgeschneiderte Buch der Kirchen“. Diese Aussage entlastet „Gott“ von der Last, Urheber aller widersprüchlichen Teile dieses Buches zu sein. Die Behauptung, der allmächtige Gott selbst habe alles in den Bibeln offenbart, ist oft eine Blockade für zukunftsweisende Entscheidungen aufrechter Christen. So wird beispielsweise der Fleischkonsum mit Vehemenz verteidigt, weil die Bibel angeblich die Aufforderung dazu von Gott enthält. Auch die Unterordnung der Frau, wie sie bei Paulus steht, wurde zur Unterdrückung von Gottesprophetinnen und Weisheitslehrerinnen im 2. Jahrhundert genutzt.

Wenn man sich jedoch bewusst macht, dass die Bibeln zwar auch „Gottes Wort“ durch Seine Propheten und durch Christus enthalten, aber auch der „Lügengriffel der Schreiber“ (Jeremia 8, Vers 8) dort wütete, kann man das Buch unbefangen lesen. Dann wird klar, welche unterschiedlichen Gottesvorstellungen die menschlichen Autoren der Bibel hatten, die im Sinne Feuerbachs ihre „Götter“ nach ihrem Bilde schufen. Dies erklärt, wie ein Staatsmann Kriege biblisch begründen kann, während ein Pazifist seinen Pazifismus aus denselben Schriften ableitet. Es muss nichts „harmonisiert“ werden, wenn man die absurde Behauptung beiseiteschiebt, dass alles von einem all-weisen Gott stamme. Stattdessen zeigen sich mehrere Gottesvorstellungen im Widerstreit. Dennoch gibt es Indizien für einen ursprünglichen Schöpfergott, dessen Wesen und Gesetze von echten Gottespropheten und Jesus von Nazareth übereinstimmend überliefert wurden, während Priester und Paulus teilweise erheblich davon abweichen.

Hieronymus und die Geburt der Vulgata: Ein Auftrag unter Druck

Die kirchliche Festlegung des biblischen Kanons begann bereits vor Hieronymus. Im Jahr 367 stellte Kirchenvater Athanasius (298-373) in seinem 39. Osterfestbrief erstmals die von der Kirche damals anerkannten Bücher zusammen, die mit dem späteren neutestamentlichen „Kanon“ identisch sind. Athanasius schrieb dazu: „Dieses sind die Quellen des Heiles, auf dass der Dürstende sich an den in ihnen enthaltenen Worten übergenug labe. In ihnen allein wird die Lehre der Frömmigkeit verkündigt. Niemand soll ihnen etwas hinzufügen oder etwas von ihnen fortnehmen.“

In diesem Kontext begann Kirchenlehrer Hieronymus (347-419) ab dem Jahr 382 mit der Erstellung der sogenannten Vulgata, einer vereinheitlichten lateinischen Übersetzung der ursprünglich griechisch und hebräisch verfassten Bibeltexte. Bis dahin gab es zahlreiche lateinische Übersetzungen, die sich erheblich voneinander unterschieden. Hieronymus erklärte in einem Brief an seinen Auftraggeber, Papst Damasus I. (um 305-384), die unbefriedigende Situation.

Der Kontext dieses Auftrags ist entscheidend: Papst Damasus I. hatte sich den Papstthron in den Jahren 366 und 367 durch blutige Kämpfe und Straßenschlachten mit seiner Söldnertruppe gegen seinen Kontrahenten Ursinus erkämpft. So stürmten Damasus’ Leute am 26. Oktober 366 die Kirche Santa Maria Maggiore und „brachten 137 Anhänger seines Gegners Ursinus um“. Erst das Eingreifen des heidnischen römischen Stadtpräfekten entschied den innerkatholischen Krieg zugunsten von Damasus. Als der nachfolgende Stadtpräfekt Damasus wegen Anstiftung zum Mord verklagen wollte, sorgten mächtige Freunde des Papstes dafür, dass die Klage abgewiesen und kaiserliche Reskripte die kirchliche Disziplinargewalt anerkannten und die Mithilfe staatlicher Beamter anordneten. Dieser Einblick ist wichtig, da viele glauben, die Bibel sei vom „Geist Gottes“ eingegeben, ohne sich mit dem Umfeld ihrer Entstehung und den Akteuren zu beschäftigen.

Hieronymus, der die Überarbeitung der vier Evangelien des Neuen Testaments abgeschlossen hatte, schrieb an Papst Damasus I.: „Du zwingst mich, ein neues Werk aus einem alten zu schaffen, gleichsam als Schiedsrichter zu fungieren über Bibelexemplare, nachdem diese [seit langem] in aller Welt verbreitet sind, und, wo sie voneinander abweichen, zu entscheiden, welche mit dem authentischen griechischen Text übereinstimmen. Es ist ein Unterfangen, das ebenso viel liebevolle Hingabe verlangt, wie es gefährlich und vermessen ist… Wird sich auch nur einer finden… der mich nicht… lauthals einen Fälscher und Religionsfrevler schilt, weil ich die Kühnheit besaß, einiges in den alten Büchern zuzufügen, abzuändern oder zu verbessern? Zwei Überlegungen sind es indes, die mich trösten…: zum einen, dass du, der an Rang allen anderen überlegene Bischof, mich dies zu tun heißest; zum anderen, dass… in differierenden Lesarten schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist. Wenn nämlich auf die lateinischen Texte Verlass sein soll, dann mögen sie bitte sagen: Welchen? Gibt es doch beinahe so viele Textformen, wie es Abschriften gibt… Um jedoch allzu große Abweichungen von dem lateinischen Wortlaut, wie man ihn aus den Lesungen gewohnt ist, zu vermeiden, haben wir unsere Feder im Zaum gehalten und nur dort verbessert, wo sich Änderungen des Sinns zu ergeben schienen, während wir alles übrige so durchgehen ließen, wie es war.“ (Hieronymus, Vorrede zum Neuen Testament)

Hieronymus war demnach kein Fanatiker, sondern ein abwägender Mann, der ein Gesamtwerk schuf, das alle vorherrschenden Interessen berücksichtigte. Da die lateinischen Texte bereits „in aller Welt“ verbreitet waren, waren auffällige Weglassungen oder Hinzufügungen schwer denkbar. Hieronymus entschied wohl bei Textkonflikten zugunsten der Ansichten des Papsttums, seines Auftraggebers. Seine Aussage, „wir alles übrige so durchgehen ließen, wie es war“, mindert die Zuverlässigkeit dieser Texte erheblich.

Der 'fehlerlose' Dogmatismus der Katholischen Kirche: Eine Geschichte der Absurditäten

Obwohl Hieronymus die Probleme bei der Erstellung der Vulgata darlegte und es sich um eine Übersetzung handelte, erklärte die römisch-katholische Kirche seinen Text später als "fehlerlos". Dies geschah dogmatisch wirksam auf dem Konzil von Trient (1545-1563) im Jahr 1546. Als man jedoch in der Folgezeit viele Fehler fand, ließ Papst Sixtus V. 1590 die „Editio Sixtina“ herausgeben und erklärte sie für „fehlerlos“. Sie war jedoch ebenfalls voller Fehler und wurde bereits 1592 unter Papst Klemens VIII. durch die neue, jetzt endlich „fehlerlose“ „Editio Clementina“ ersetzt, „die freilich auch noch zahlreiche Fehler aufwies“. Erst die 1598 nochmals korrigierte und im 4. Versuch erneut als „fehlerlos“ erklärte Fassung blieb für längere Zeit verbindlich.

Hieronymus selbst sprach von „differierenden Lesarten“, in denen „schwerlich die Wahrheit anzutreffen ist“, und von „Verschlimmbesserungen, Unzuverlässigkeiten und Abschreibfehlern“. Das römisch-katholische Dogma verlieh dem aktuellen Stand der Überarbeitung jedoch immer wieder das Etikett „fehlerlos“. Die Tatsache, dass eine Übersetzung und nicht die Ur-Sprache dieses Prädikat erhielt, ist unseriös. Die nachfolgenden häufigen Ausbesserungen von Fehlern sind nur durch einen blinden und vergesslichen Glauben vermittelbar.

Bis ins 19. Jahrhundert verwarf die römisch-katholische Kirche zudem alle Übersetzungen der Vulgata in die Volkssprache. Papst Pius VII. rügte 1816 einen Erzbischof, der eine „Gesellschaft zur Herausgabe von Bibeln“ unterstützt hatte, und erklärte, „dass, wenn die heilige Bibel in der Volkssprache allenthalben ohne Unterschied zugelassen wird, daraus mehr Schaden als Nutzen erwächst.“ Dieses Verhalten wurde 1846 von Papst Pius IX. noch einmal ausdrücklich verdammt.

Das 1. Vatikanische Konzil (1869/70) dogmatisierte 1870 über die „Editio Clementina“ von 1598, sie sei „ohne Irrtum“, Gott sei ihr „Urheber“ und der Heilige Geist habe sie diktiert. Im Kanon 4 des Konzils heißt es, die Bücher des Alten und Neuen Testaments seien „als heilig und kanonisch anzunehmen… weil sie, auf Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche selbst übergeben worden sind.“ 1893 legte Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika Providentissimus Deus „unfehlbar“ nach: „Denn uneingeschränkt alle Bücher… wurden in allen ihren Teilen auf Diktat des Heiligen Geistes verfasst; weit gefehlt, dass der göttlichen Inspiration irgendein Irrtum unterlaufen könnte.“

Diese „irrtumslosen“ Lehrentscheidungen führten zu neuen Komplikationen, als weitere schwerwiegende Fehler in der Vulgata erkannt wurden und eine erneute Überarbeitung (Nuova Vulgata) 1907 nötig wurde. Die Kirche manövrierte sich in eine absurde Situation, da das Konzil 1870 auch die Unfehlbarkeit des päpstlichen Lehramts dogmatisierte. Wenn eine „unfehlbare“ Lehrinstanz etwas als „fehlerlos“ dogmatisiert, müssten zukünftige Korrekturen doppelt ausgeschlossen sein. Dennoch wurde bis 1907 erneut vieles „gesäubert“, und Rom tritt weiterhin so auf, als wäre die aktuelle Version endlich die immer schon behauptete „göttliche Eingebung“.

Päpstliche Kontrolle über Bibelübersetzungen und die Folgen

Unter dem Druck neuer Fakten ruderte Papst Pius XII. 1941 etwas zurück und dekretierte raffiniert, das Trienter Konzil habe die Vulgata „im juridischen Sinne für 'authentisch' erklärt“, keineswegs aber mögliche Abweichungen vom Urtext ausgeschlossen. Dies war ein nachträglich konstruiertes Hintertürchen, denn das Konzil sprach schlicht von „fehlerlos“ und „Diktat“, nicht von „authentisch im juridischen Sinne“. Papst Johannes Paul II. ordnete 2001 verbindlich an, dass Übersetzungen, die der Nuova Vulgata widersprechen, korrigiert werden müssen. Dies sollte auch Folgen für die evangelisch-katholische Einheitsübersetzung von 1980 haben, da katholische Übersetzer seit 2001 so tun müssen, als hätte die römisch-katholische Kirche im 5. Anlauf endlich eine irrtumslose Bibel. Konflikte sind vorprogrammiert.

Die katholische Kirche hat zudem „vorbeugend“ festgelegt, dass Protestanten in solchen Fällen nachgeben müssen, um weitere Blamagen zu vermeiden. Dahinter steckt der Wunsch, die eigene Deutungshoheit zu sichern. Das Konzil von Trient hatte bereits im 16. Jahrhundert für die katholische Kirche verbindlich beschlossen: „Niemand soll es wagen, … die Heilige Schrift im Vertrauen auf eigene Klugheit nach seinem eigenen Sinn zu drehen, gegen den Sinn, den die heilige Mutter, die Kirche, hielt und hält – ihr steht das Urteil über den wahren Sinn und die Erklärung der heiligen Schriften zu.“

Was passiert, wenn ein evangelischer Theologe zu einem anderen Ergebnis kommt als das katholische Dogma? Die Antwort ist klar und pervers: Der protestantische Bibelübersetzer muss für sein Forschungsergebnis gemäß den Dogmen der Vatikankirche in das ewige Höllenfeuer, wenn er auf dieser Sichtweise beharrt. Das 1. Vatikanische Konzil (1870) beschloss die Todesstrafe in Form von Bannflüchen („anathema sit“ = „der sei verflucht“) gegenüber allen Wissenschaftlern, die vom katholischen Dogma abweichen: „Wer sagt, die menschlichen Wissenschaften müssten mit solcher Freiheit behandelt werden, dass ihre Behauptungen als wahr festgehalten und von der Kirche nicht verworfen werden könnten, auch wenn sie der geoffenbarten Lehre [wie sie alleine die katholische Kirche richtig interpretiert] widersprächen, der sei ausgeschlossen.“ Und: „Wer sagt, es sei möglich, dass man den von der Kirche vorgelegten Glaubenssätzen entsprechend dem Fortschritt der Wissenschaft gelegentlich einen anderen Sinn beilegen müsse als den, den die Kirche verstanden hat und versteht, der sei ausgeschlossen.“ Angesichts dieser Drohungen zogen die Protestanten 2005 die „Notbremse“ und stiegen aus dem ökumenischen Projekt aus, denn der Inhalt dieser „Einheit“ wird einzig vom Papst in Rom bestimmt.

Verborgene Wahrheiten: Was Hieronymus wusste und die Kirche verschwieg

Die Absurditäten der römisch-katholischen Lehrentscheidungen zur Bibel sind ein Nebenschauplatz, wenn man die tatsächlichen Inhalte des Urchristentums betrachtet. Denn in der Bibel steht vieles nicht mehr, was Hieronymus noch vom Urchristentum wusste. Ein Beispiel ist das Verhältnis von Jesus zu den Tieren. Hieronymus selbst schrieb in seiner Auslegung des Römerbriefes von Paulus: „Der Genuss des Tierfleisches war bis zur Sintflut unbekannt; aber seit der Sintflut hat man uns die Fasern und die stinkenden Säfte des Tierfleisches in den Mund gestopft… Jesus Christus… hat das Ende wieder mit dem Anfang verknüpft, so dass es uns jetzt nicht mehr erlaubt ist, Tierfleisch zu essen.“ (Adversus Jovinianum I, 18) Andere Gelehrte zogen andere Schlüsse, doch Hieronymus gab hier den urchristlichen Glauben richtig wieder. Hinzu kommt, was der christliche Bibelwissenschaftler Origenes (185-254) im 3. Jahrhundert noch lehrte, was Hieronymus aber vermutlich nicht mehr in den zeitgenössischen Bibelhandschriften vorfand: das Wissen um die Präexistenz der Seele vor der Geburt des Menschen und den Glauben an die Rückkehr aller gefallenen Wesen zu Gott (Allversöhnung).

Man muss fragen: Warum half Hieronymus offenbar mit, dies zu verschweigen? Warum setzte er sich dafür ein, die kirchlich anerkannten biblischen Schriften in ihrem damaligen Stadium genau zu überliefern, anstatt das urchristliche Wissen aus anderen Schriften zu bewahren und bekannt zu machen? Hat Hieronymus am Ende sogar selbst diese „apokryphen“ Schriften mit vernichten oder verfälschen lassen? Es ist mittlerweile erwiesen, wie er Origenes verfälschte und bekämpfte. Gab es in älteren biblischen Handschriften noch weitere Spuren dieses Wissens, die Hieronymus vielleicht tilgte, weil sie nicht mehr in den gängigen lateinischen Übersetzungen standen? Vielleicht aus Loyalität zum Papst oder um sein Leben nicht zu gefährden? Denn wer der Staatskirche nicht zustimmte, für den hatte eine Zeit jahrhundertelanger Schrecken bereits begonnen.

Hieronymus muss als Verteidiger des Papsttums und seiner Interessen betrachtet werden. Die Widersprüche und gegensätzlichen Gottesvorstellungen in der Bibel konnten selbst einem Wissenschaftler mit durchschnittlicher Intelligenz nicht entgangen sein. Das darauf gründende System der Kirche wurde von Hieronymus gefestigt. Eine einfache Begründung dafür ist, dass Hieronymus noch Karriere machen wollte und selbst auf den Papstthron schielte. Mit mutigen Infragestellungen kommt man in der Kirche nicht voran, sondern nur mit dem kompletten Aufgehen der eigenen Persönlichkeit im Mehrheitsstrom der Kirche und ihrer Geschichte. Ende des 4. Jahrhunderts war es auch Hieronymus’ Aufgabe, die zur einzigen Staatsreligion erhobene römisch-katholische Machtkirche (380 AD) mit der biblischen Überlieferung zu „harmonieren“. Dies ist kein seriöses Umfeld für eine unverfälschte Überlieferung der Bibel. Auf Abweichungen von der römisch-katholischen Lehre stand zu diesem Zeitpunkt bereits die Todesstrafe. Eine Zeit freier Forschung und Lehre war vorbei. Hieronymus hatte eine Auftragsarbeit in einem aufstrebenden totalitären Zwangsstaat zu verrichten. Papst Damasus forderte ihn direkt auf, für Klarheit im Sinne des Papsttums zu sorgen, wo „Verschiedenes“ oder „Gegensätzliches“ vorlag. Es kann davon ausgegangen werden, dass er bereits zuvor durchgeführte schwerwiegende Fälschungen oder Streichungen in der biblischen Überlieferung „wasserdicht“ machte.

Die ältesten Schriften und das verschwundene Ur-Matthäusevangelium

Die ältesten heute nachweisbaren Bibeltexte sind lateinische Übersetzungen oder Zitate aus dem 2. bis 4. Jahrhundert, von denen die meisten Schriften selbst „verloren“ sind. Hieronymus lagen die wichtigsten damals noch vorhandenen Quellen vor, darunter griechische Ursprungstexte wie der Sinaiticus und Vaticanus aus dem 4. Jahrhundert. Doch wie wurden diese Texte bis dahin überliefert, und was geschah im 4. Jahrhundert, nachdem Kaiser Konstantin 326 die Verfolgung Andersdenkender begann und ihre Versammlungshäuser der katholischen Kirche übereignete?

Von über 100 griechischen Papyri, die überwiegend kleinere Textteile des Neuen Testaments enthalten und von denen mehr als die Hälfte aus der Zeit vor 300 stammen, sind heute nur winzige Reste erhalten. Was geschah mit den vollständigen Papyrus-Rollen? Warum sind offenbar alle vernichtet? Dies ist kein Zufall. Die heute bekannten ältesten Evangelien-Handschriften aus dem 4. Jahrhundert sind in Wirklichkeit jung, entstanden fast 300 Jahre nach ihrer ersten Abfassung, in einer Zeit, in der die Kirche bereits selbst andere grausam verfolgte. Der Befund, dass die wenigen Fragmente mit späteren Handschriften übereinstimmen, gilt als Indiz für wenig Veränderung, ist aber nicht verallgemeinerbar, da die Fragmente zu wenig Text enthalten. Selbst wenn sich die Vermutung verdichten sollte, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt keine großen Veränderungen gab, ändert dies nichts daran, dass diese Texte in großem Abstand zum Leben Jesu entstanden sind. Außerdem sagt das Alter nichts über die Zuverlässigkeit des Inhalts aus. Eher ist es wahrscheinlich, dass gravierende Veränderungen und Fälschungen in den Jahrhunderten der Überlieferung stattfanden, besonders angesichts Hieronymus’ eigener Aussagen über „Unzuverlässigkeiten“ und „Verschlimmbesserungen“ bei lateinischen Übersetzungen.

Von entscheidender Bedeutung ist das Ur-Matthäusevangelium mit teilweise anderen Inhalten als das biblische Matthäusevangelium. Hieronymus selbst berichtet über einen hebräischen Urtext des Matthäusevangeliums, der nicht mit dem uns bekannten übereinstimmt und identisch mit dem Nazaräerevangelium sei. Auch das Ebionäerevangelium soll dieses Ur-Matthäusevangelium sein. Diese Evangelien sind bezeugt, aber bis auf einzelne Sätze oder Abschnitte von der Kirche vernichtet oder nicht mehr abgeschrieben worden. Hieronymus erklärt: „Dass es ursprünglich in Griechisch abgefasst ist, unterliegt keinem Zweifel, mit Ausnahme des [Werkes des] Apostels Matthäus, der sich als erster an die Abfassung des Evangeliums Christi wagte und es in Judäa in hebräischen Lettern (hebraicis litteris) herausbrachte.“

Die bekannten Inhalte aus diesem apokryphen Evangelium sind brisant. Laut Hebräerevangelium sagte Jesus: „Und niemals sollt ihr fröhlich sein, wenn ihr nicht auf euren Bruder in Liebe blickt.“ Oder: „In dem Evangelium nach den Hebräischen… wird unter die schwersten Verbrechen gezählt: Wer seines Bruders Geist betrübt hat.“ (Hieronymus, Kom. zu Hes. 18, 7)

Das Ebionäerevangelium, das die frühkatholischen „Sektenbeauftragten“ Irenäus und Epiphanius dem Matthäusevangelium zuordnen, leugnet die jungfräuliche Geburt Jesu. Dies ist ein klarer Beweis: Der Ur-Matthäus kannte keine Jungfrauengeburt, sondern eine natürliche Zeugung durch Josef und Maria. Erst im kirchlich verfälschten Matthäusevangelium, dessen älteste Versionen aus dem 4. Jahrhundert stammen, wurde die Idee der Jungfrauengeburt aus antiken Götzenkulten übernommen. Dieses Evangelium betonte auch die Auflösung der „Opfer“ und deutete auf Vegetarismus hin. Die Aussagen von Hieronymus sind ein klarer Beweis für die These, dass Evangelien verändert bzw. gefälscht wurden und nur manches die frühkatholische Zensur durchlief.

Ein weiterer wichtiger Zeuge ist Origenes. Im Matthäuskommentar des Origenes kommentiert der Kirchenlehrer des 3. Jahrhunderts eine Passage in der Erzählung vom reichen jungen Mann, die in der Bibel fehlt. Im Ur-Matthäus sind es zwei „reiche Jünglinge“, und Jesus sagt zu einem: „Wie kannst du sagen, Gesetz und Propheten habe ich erfüllt? Steht doch im Gesetz geschrieben: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, und siehe, viele deiner Brüder, Söhne Abrahams, starren vor Schmutz und sterben vor Hunger – und dein Haus ist voll von vielen Gütern, und gar nichts kommt aus ihm heraus zu ihnen!“ (Mt.-Kom. XV 14) Es ist verständlich, dass die Kirche Schwierigkeiten bekäme, wenn dieses authentische Jesuswort in ihrer Bibel stünde, angesichts des unermesslichen Reichtums des Vatikans, der nicht geteilt, sondern gehortet wird, während täglich Tausende an Hunger sterben. Solche deutlichen Passagen wurden in der Anfangszeit der zur Staatsreligion aufstrebenden Großkirche gestrichen.

Auch das Gleichnis von den Talenten wird im Ur-Matthäus anders überliefert: Einer der Diener, der seine Talente vermehrte, habe sie mit Huren, Trinkgelagen und anderen Ausschweifungen durchgebracht und landete im Gefängnis. Dies ergibt im Vergleich der Fassungen am meisten Sinn. Geht man von der Identität von Ur-Matthäus und Nazaräerevangelium aus, stand auch der Bericht im Matthäusevangelium, dass Gegner Jesu aus Priesterkreisen vier römische Soldaten bestochen hatten, Jesus so hart zu geißeln und zu kreuzigen, „bis das Blut von seinem ganzen Körper flösse“. Römische Soldaten hätten keinen Grund gehabt, besonders grausam vorzugehen; diese Grausamkeit wurde erkauft. Vieles aus dem Leben Jesu wird nun deutlicher: Nicht nur sein Opfermut, sondern auch seine Vergebung am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Diese Worte, die im Matthäusevangelium der Bibel fehlen, bewegten Tausende am Pfingstfest zur Nachfolge. Auch die Erschütterung des Tempels beim Tod Jesu – die Spaltung der Tempeloberschwelle und die Stimmen, die sagten: „Lasst uns von diesem Wohnsitz weggehen“ (Josephus) – fehlt in der Bibel, wo nur ein zerrissener Vorhang erwähnt wird. Dies passt ins Bild, dass der zentrale Konflikt zwischen Jesus und der Priesterkaste in der Kirche abgeschwächt wird, da man selbst Dome und Kathedralen baute, obwohl die Bibel sagt, Gott wohne nicht in solchen Häusern. Das Verschwinden des Ur-Matthäus, nachdem Hieronymus seine Standorte verraten hatte, ist kein Wunder.

Verheimlichte und vernichtete Quellen: Die systematische Auslöschung der Wahrheit

Die heutige Bibelwissenschaft baut auf einem sandigen Fundament auf, da entscheidende Materialien für die Rekonstruktion des Urchristentums und des Lebens Jesu fehlen oder gezielt von kirchlichen Machthabern vernichtet wurden. Gesichert ist, dass bereits die Evangelisten um das Jahr 100 ihr Material individuell bearbeiteten und inhaltliche Akzente setzten, die vom tatsächlichen Geschehen abwichen. Weitere gravierende Änderungen sind im 2. Jahrhundert wahrscheinlich. So ist der Schluss des Markusevangeliums nicht vom Evangelisten Markus selbst. Die entstehende Amtskirche nahm von Anfang an Einfluss auf die Texte, während sie sich vom Urchristentum abwandte und sich an heidnischen Götzenkulten orientierte. Textänderungen werden später unwahrscheinlicher, es sei denn, alle umlaufenden Abschriften wurden vernichtet und nur die Fälschungen weiterverbreitet.

Es ist nachgewiesen, dass die Kirche spätestens nach ihrer Erhebung zur einzigen Staatsreligion (380 AD) systematisch alte urchristliche Schriften verbrennen ließ, um Dogma-widrige Unterlagen zu vernichten, wie viele Schriften des Origenes. Es ist naheliegend, dass auch biblische Evangelien-Handschriften mit abweichendem Inhalt vernichtet wurden. Und Hieronymus könnte hier entscheidend mitgewirkt haben. Es ist daher kein Wunder, wenn demnächst ein Papyrus auftaucht, der erheblich von den bekannten Textzeugen abweicht, oder wenn er längst im Vatikan unter Verschluss liegt. Der „Jahrtausend-Fund“ des Judas-Evangeliums (Ende 2. Jh.) zeigt, dass es in früheren Zeiten nicht anders war und keine zuverlässige Überlieferung existiert. Andere Quellentexte oder Evangelien, die von der Kirche vernichtet wurden, unterschieden sich in wesentlichen Punkten, wie Fragmente belegen, die Hinweise auf Reinkarnation (Thomasevangelium) oder Jesus’ Tierliebe (Ebionäerevangelium – Johannes der Täufer vegetarisch, Jesus kam, um Tieropfer abzuschaffen) enthalten. Es gab also zahlreiche urchristliche Quellen unterschiedlicher Qualität, die nicht in die entstehende Bibel aufgenommen wurden.

Es ist wohl auch kein Zufall, dass kurz nachdem Hieronymus in Rom die Bibel erstmals in lateinischer Form vereinheitlichte, die größte Bibliothek der Antike in Alexandria durch Brandstiftung in Flammen aufging (389 AD), angeblich „versehentlich“. Was Hieronymus bewusst unterschlug, ging möglicherweise dort in Flammen auf. Die von der Kirche beargwöhnten Texte wurden irgendwann nicht mehr abgeschrieben und finden sich heute teilweise nur noch in den Schriften altkirchlicher „Sektenbeauftragter“, die ihre Gegner bekämpften und deren Überlieferung oft verfälscht wiedergaben. Die Tatsache, dass kirchliche Inquisitoren Bemerkenswertes aus diesen Schriften zitieren und heute kein Staubkorn mehr davon übrig ist, zeigt die Kämpfe um die Wahrheit. Die These einer gefälschten Bibel ist daher um einiges wahrscheinlicher als die kirchlichen Behauptungen des Gegenteils. Heute haben wir Zugang zu Veröffentlichungen, wie z. B. Christus durch weise Menschen und Propheten zu den Menschen gesprochen hat, wie dies auch im frühen Urchristentum geschah, zum Beispiel die durch die Gottesprophetin Gabriele vermittelte Darlegung „Das ist Mein Wort“ aus dem Jahr 1989.

Fälschungsmethoden in der Bibelüberlieferung: Eine Typologie

Zusammenfassend lassen sich verschiedene Arten von Fälschungen in der Bibelüberlieferung identifizieren:

  1. Biblische Schriftsteller fälschen die Botschaft: Beispiele sind Paulus, der die Lehre Jesu verändert, oder Priester, die die Botschaft der Propheten ins Gegenteil verkehren (z. B. Jeremia 8,8).
  2. Kirchliche Überarbeiter oder Priester fälschen vorhandene Texte: Dies ist oft schwer nachweisbar, etwa wenn Jesus das Wort „Kirche“ in den Mund geschoben wurde. Oft wurde bereits die mündliche Überlieferung gefälscht, bevor etwas aufgeschrieben wurde, wie bei Mose, dem fälschlicherweise Tieropferbefehle Gottes unterstellt wurden.
  3. Übersetzer verfälschen den ursprünglichen Sinn: Dies ist leichter nachweisbar, da Originale vorliegen. Ein klares Beispiel ist Jakobus 3,6, wo vom „Rad der Geburt“ die Rede ist, ein Hinweis auf Reinkarnation. Die deutsche Einheitsübersetzung verschleiert dies mit „Umkreis der Existenz“, und Luther erfindet „die ganze Welt“. Der Hinweis auf Wiedergeburt wird gezielt verwischt. Hieronymus’ Rolle könnte hier in der Vereinheitlichung bereits fehlerhafter Übersetzungen liegen.
  4. Falsche Eindrucksvermittlung: Ein Übersetzer dreht den Text abweichend vom ursprünglichen Sinn in eine bestimmte Richtung. Die Übersetzung ist nicht beweisbar gefälscht, aber dennoch verfälscht, da nicht nach dem ursprünglichen Sinn gefragt wird. Martin Luther hat diese Methode häufig angewandt, z. B. bei der Übersetzung von „Wer zum Schwert greift, soll durch das Schwert getötet werden“ statt des korrekten „wird getötet werden“. Die römisch-katholische Kirche hat ihre „falschen Eindrucksvermittlungen“ durch die Instruktion von Johannes Paul II. (2001) zur verbindlichen Norm gemacht, indem sie vorschrieb, dass bei Übersetzungen die „katholische Glaubenslehre“ berücksichtigt werden müsse. Dies bestätigt die These Moris Hoblajs, dass die Bibel das „maßgeschneiderte Buch der Kirche“ ist.
  5. Projektion eigener Meinungen oder Überzeugungen: Dies wird besonders von der römisch-katholischen Kirche „meisterhaft“ beherrscht. Papst Benedikt XVI. sagte z. B. über die Rolle Marias: „Da mag mancher sagen: Aber das hat doch kein biblisches Fundament! Darauf antworte ich mit dem heiligen Gregor dem Großen: Mit dem Gelesenwerden wachsen die Worte der Heiligen Schrift.“ Dies ist eine scheinheilige Formulierung, die zugibt, dass es der Kirche nicht um den ursprünglichen Wortlaut geht, sondern darum, die spätere römisch-katholische Lehre in biblische Texte hineinzuprojizieren. Ähnlich wird das Papsttum durch die angebliche Einsetzung Petri als „Fels“ durch Jesus begründet.

Das Fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten“ oder „Du sollst nicht morden“?

Zum Abschluss dieser Untersuchung ein weiteres Beispiel für die Art der Bibelfälschung, wenn Übersetzer den ursprünglichen Sinn verfälschen. Eines der bekanntesten Gebote lautet „Du sollst nicht töten“ (Exodus 20,13). Dies bedeutet, dass jedes Lebewesen, das getötet werden kann, demnach nicht getötet werden soll. Von Ausnahmen steht hier nichts. Doch theologische Interpretationen versuchen, Ausnahmen zu erfinden. Eine erste kirchliche Ausnahme betrifft angeblich das Töten von Tieren, da angeblich nur das Töten von Menschen gemeint sei. Doch wo steht hier, dass Tiere nicht gemeint seien? Der Mensch kann keine Mücke erschaffen, wieso maßt er sich an, seinen Mitgeschöpfen das Leben zu nehmen? Der unverfälschte Schöpfungsbericht (Genesis 1,29-31) besagt, dass alles „sehr gut“ war, als Gott den Menschen alle Pflanzen zur Speise gab und allen Tieren „alles grüne Kraut zur Nahrung“. Nicht mehr gut war es, als der Mensch Tiere tötete.

Die nächste kirchliche Ausnahme ist die klerikale Erlaubnis, Menschen im Krieg töten oder per Todesstrafe hinrichten zu dürfen. Auch hier steht in den Zehn Geboten nichts von solchen Ausnahmen. Um diese Ausnahmegenehmigung zu erklären, wird das 5. Gebot im Deutschen umgedeutet in „Du sollst nicht morden“. Diese Irreführung wurde in der evangelisch-katholischen Einheitsübersetzung der Bibel von 1980 sogar mit einer Textänderung untermauert: Dort hieß es plötzlich wörtlich „Du sollst nicht morden“ (was 2016 zurückgenommen wurde). Diese Interpretation projiziert die Unterscheidung zwischen Morden und Töten aus dem deutschen Strafrecht in das Alte Testament zurück. Die Bibelakrobaten der Kirche interpretieren dann ihre Bibel so, dass Töten nur dann nicht erlaubt sei, wenn es juristisch als Morden definiert werden könne.

Ein Rückblick auf den Kosovo-Krieg der NATO im Jahr 1999 zeigt die Konsequenzen. Angesprochen auf das Gebot „Du sollst nicht töten“, erklärte das Verteidigungsministerium unter Rudolf Scharping, in Wirklichkeit heiße das Gebot „Du wirst nicht morden“, eine noch weitgehendere Bibelfälschung durch die Formulierung „wirst nicht“ statt „sollst nicht“. Das Ministerium schrieb: „In letzter Konsequenz bedeutet es…, dass, wer in einer solchen Situation unabweisbar auch Schuld auf sich lädt, um in diesem Falle unsagbares Übel zu beenden, fest auf die Vergebung vertrauen darf.“ Spätere Enthüllungen zeigten jedoch, wie Tatsachen verfälscht und Fakten erfunden wurden. Feldprediger und Militärseelsorger predigen seit Jahrhunderten den Soldaten, dass das Töten unter kirchlich definierten Bedingungen erlaubt sei. Zu diesem Zweck wurde das 5. Gebot in der Einheitsübersetzung von 1980 von „Du sollst nicht töten“ in „Du sollst nicht morden“ gefälscht. Damit konnten Theologen und Kirchenleiter den Politikern und Militärs ein eindeutiges Schlupfloch für zukünftiges kirchlich „erlaubtes Töten“ präsentieren – im Unterschied zum von ihnen so definierten „unerlaubten Morden“.

Für das Opfer kommt es auf dasselbe hinaus, ob „getötet“ oder „ermordet“. Kurioserweise vergaß man, das Gebot im Neuen Testament ebenfalls zu ändern. Dort wird das 5. Gebot von Jesus zitiert: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist ‚Du sollst nicht töten‘… Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein.“ (Mt. 5, 21 f.) Jesus hat das Gebot eindeutig erweitert: Nicht erst das Töten ist gegen das Gottesgebot, sondern bereits der Zorn. Gemäß der kirchlichen Falschmünzerei müsste dieses Jesus-Wort so zu verstehen sein: Morden sei nicht erlaubt, Töten aber schon, der Zorn sei dann aber wieder nicht erlaubt. So wurde es jahrhundertelang mit Zynismus und Sadismus praktiziert, indem Inquisitoren Andersdenkende angeblich nicht aus Hass oder Zorn, sondern „aus Liebe“ foltern und umbringen ließen.

Sprachwissenschaftlich ist die deutsche Einheitsübersetzung von 1980 eine Bibelverbiegung. Im hebräischen Text kann eine stärkere Sinn-Bedeutung eines Verbs sprachlich ausgedrückt werden (Verdopplung des mittleren Buchstabens, „Piel“-Form). Doch der Urtext der Bibel macht davon beim Verb „razach“ (für „töten“) keinen Gebrauch. Daher ist die Übersetzung „Du sollst nicht töten“ die naheliegende. Die Sprachwissenschaft ist hier jedoch nicht entscheidend, da Priester die Worte nach ihrem Gutdünken fälschen. Jüdische Gelehrte sind sich hier uneinig. Eliezer Segal weist darauf hin, dass „razach“ auch im Zusammenhang einer Todesstrafe verwendet wurde, was unsere Sichtweise bestätigt: „nicht razach“ heißt „nicht töten, ohne Ausnahme“. Maimonides war überzeugt, dass „Du sollst nicht töten“ eine exakte Übersetzung des Gebotes ist und jede Tötung eine Verletzung darstellt. Die damalige Priestergilde rechtfertigte ihre Interpretation von „Du sollst nicht töten“ im Sinne von „Du sollst nicht morden“ damit, dass sich Gott sonst selbst nicht daran halten würde, da er angeblich in anderen Bibelstellen das Töten im Krieg befehlen würde. Damit waren die Fälscher von heute aber den Fälschern von damals aufgesessen, schriftgelehrten Priestern, welche das Alte Testament in ihrem Sinne „überarbeitet“ haben und damit den Willen Gottes verfälschten. Eine der Quellenschriften des Alten Testaments wird in der Wissenschaft sogar eigens als „Priesterschrift“ bezeichnet, und Esra, ein Schriftgelehrter und Priester, soll das mosaische Gesetz um 450 v. Chr. „neu geschrieben“ haben. Was davon noch mit dem ursprünglichen Gesetz übereinstimmte, bleibt eine offene Frage.

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