15/05/2025
Die Bibel ist ein Buch voller Weisheit, Geschichten und Botschaften, die seit Jahrtausenden Menschen inspirieren. Doch ihre oft komplexe Sprache und tiefgründigen Gleichnisse können eine Herausforderung darstellen, besonders für Menschen mit Lese- und Lernschwierigkeiten. Wie kann die Frohe Botschaft Jesu Christi wirklich zugänglich für alle sein? Eine Antwort darauf bietet das beeindruckende Projekt der "Bibel in Leichter Sprache", das biblische Texte in eine Form bringt, die einfacher zu verstehen ist, ohne ihren Kern zu verlieren.

Ein anschauliches Beispiel dafür, wie Jesus seine Freunde anleitet, friedlich zu bleiben, auch wenn sie Ungerechtigkeit erfahren, zeigt die Essenz dieser Arbeit: "Einige Leute geben euch eine Ohrfeige. Ihr sollt nicht zurückschlagen. Ganz im Gegenteil: Ihr sollt friedlich bleiben. Gott ist gut, auch wenn die Leute böse sind." Dieser Satz, von Schwester Paulis Mels aus der Thuiner Franziskanerin in eigene Worte übertragen, verdeutlicht das Ziel: die tiefe Bedeutung der Bibel auf eine Weise zu vermitteln, die jeder erfassen kann. Schwester Paulis, eine ausgebildete Heilpädagogin und zertifizierte Übersetzerin für Leichte Sprache, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Brücke zu bauen. Ihre Motivation wurzelt in persönlichen Erfahrungen aus ihrer Schulzeit, wo sie miterlebte, wie ein Mitschüler für das Unvermögen, eine Bibelstelle korrekt wiederzugeben, bestraft wurde. Dies prägte ihren Wunsch, es anders zu machen, als sie später selbst Pädagogin wurde und viele Jahre mit Menschen mit Beeinträchtigungen an der Sankt-Franziskusschule in Dingelstädt arbeitete. Dort musste sie lernen, sich immer einfacher auszudrücken und Sätze zu wiederholen, um auch schwerstbehinderten Schülern die Inhalte nahebringen zu können.
Die Notwendigkeit der Leichten Sprache in der Bibel
Die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen brachte Schwester Paulis zu der Erkenntnis, dass die traditionellen Bibeltexte oft zu komplex waren. Bei Bibelstunden, Gruppenstunden oder Gottesdiensten für ihre Schüler setzte sie sich intensiv mit den Texten auseinander. Ihr Ziel war es, die Erzählungen so zu vereinfachen, dass der Sinn erhalten blieb, aber die Verständlichkeit erheblich verbessert wurde. "Dazu musste ich erst einmal selbst verstehen, worum es in der Geschichte eigentlich geht", erklärt sie. Es ist eine Kunst, Bibelgleichnisse so anschaulich nachzuerzählen, dass sie nicht "platt" wirken, sondern ihre Tiefe behalten. Ihre "Bibelübertragungen" waren bei ihren Schülern sehr beliebt, denn sie erfüllten den Wunsch der Ordensfrau: "Ich wollte vor allem die Frohe Botschaft der Bibel verkünden und das weitersagen, was Jesus gesagt hat." Diese Erfahrungen legten den Grundstein für ein größeres Projekt.
Die Vision einer zugänglichen Frohen Botschaft
Vor etwa zehn Jahren, während ihres Aufbaustudiums der Erziehungswissenschaften in Nürnberg, traf Schwester Paulis Claudio Ettl vom Caritas-Pirckheimer-Haus, der dort als stellvertretender Direktor der Akademie des Erzbistums Bamberg für den Bereich Theologie zuständig ist. Ettl, ein ausgebildeter Bibelwissenschaftler, war sofort begeistert von Schwester Paulis' Bibelübertragungen. Gemeinsam entwickelten sie die Idee, die Sonntagsevangelien in Leichte Sprache zu übertragen, um sie einem viel breiteren Publikum zugänglich zu machen. Die Idee fand Anklang beim Katholischen Bibelwerk in Stuttgart, wo Dieter Bauer, Theologe und Referent, das Projekt von Anfang an unterstützte. Was als Idee zweier engagierter Menschen begann, entwickelte sich zu einem umfassenden Gemeinschaftsprojekt.
Das Projekt "Bibel in Leichter Sprache": Eine Gemeinschaftsleistung
Heute ist die "Bibel in Leichter Sprache" ein großes Kooperationsprojekt, getragen vom Katholischen Bibelwerk in Stuttgart, der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus und den Thuiner Franziskanerinnen. Schwester Paulis ist sichtlich stolz auf diese Entwicklung. Seit 2013 ist das "Evangelium in Leichter Sprache" online verfügbar, und seit 2016 gibt es die Texte sogar in Buchform. Mittlerweile wurden knapp 200 Texte in Leichte Sprache übertragen. Dazu gehören alle vier Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) für die Sonn- und Feiertage der drei Lesejahre, was bedeutet, dass die wesentlichen Inhalte dieser Kernschriften der Bibel in einer verständlichen Form vorliegen. Darüber hinaus werden die Texte durch zusätzliche Materialien wie Bilder, Kommentare, Audio-Dateien und Videos in Gebärdensprache ergänzt, um eine noch breitere Zugänglichkeit zu gewährleisten.
Das Projekt wächst kontinuierlich weiter. Seit 2023 werden auch ausgewählte Texte aus dem Alten Testament übertragen, was die Reichweite der Leichten Sprache auf weitere fundamentale Teile der Bibel ausdehnt. Diese Entwicklung zeigt, wie aktuell und wichtig das Projekt ist, das sich dem Grundsatz verschrieben hat: "Man könne das Schwere auch leicht sagen."
Was bedeutet "Leichte Sprache"? Regeln und Umsetzung
Die Übertragung von Bibeltexten in Leichte Sprache ist eine anspruchsvolle Aufgabe, wie Schwester Paulis betont. Es erfordert exegetische Sorgfalt, um zu entscheiden, welche Informationen beibehalten und welche weggelassen werden können, ohne den theologischen Kern zu verfälschen. Im erweiterten Team, das auch Ehrenamtliche umfasst, gibt es feste Regeln für die Übersetzungen, auch wenn jeder seinen eigenen Stil einbringt. Die Prinzipien der Leichten Sprache sind klar definiert:
- Sätze sind kurz und leicht verständlich formuliert.
- Namen und Orte werden oft wiederholt, um die Orientierung zu erleichtern.
- Fremdwörter und komplizierte Fachbegriffe werden vermieden oder erklärt.
- Komplexe Satzstrukturen werden vereinfacht.
- Negative Formulierungen und "grausame Beschreibungen" werden vermieden oder umformuliert, um den Text zugänglicher zu machen, ohne die Botschaft zu verfälschen.
Diese Regeln gewährleisten, dass die Texte für Menschen mit Lese- und Lernschwierigkeiten optimal verständlich sind. Es ist ein Balanceakt, die theologische Tiefe zu bewahren und gleichzeitig die sprachliche Komplexität zu reduzieren. Schwester Paulis und Claudio Ettl, die sich beide seit Jahren ehrenamtlich für das Bibelprojekt engagieren, sind überzeugt, dass dies möglich ist.
Der Weg zum verständlichen Text: Qualitätssicherung und Prüfleser
Um das offizielle Siegel "Leichte Sprache" für die Bibelübertragungen zu erhalten, durchlaufen die Texte einen strengen Qualitätssicherungsprozess. Mehrere Prüfleser-Gruppen, bestehend aus Bewohnern oder Mitarbeitenden von Einrichtungen der Behindertenhilfe, wie zum Beispiel der Sankt-Christophorus-Werkstatt in Lingen, testen die ersten Textentwürfe. Diese Gruppen lesen die Texte gemeinsam oder lassen sie sich vorlesen und geben anschließend Rückmeldung. Basierend auf diesem Feedback werden die Bibelübertragungen korrigiert, umformuliert und verbessert. Anschließend erfolgt eine erneute exegetische und theologische Überprüfung. Die überarbeitete Version wird dann von Claudio Ettl nochmals gemeinsam mit Barbara Reiser, einer Mitarbeiterin des Caritas-Pirckheimer-Hauses mit Down-Syndrom, auf ihre Verständlichkeit hin geprüft. Gleichzeitig wird zu jeder Geschichte eine passende bildliche Illustration erstellt. Abschließend ergänzt der Theologe Ettl die Texte mit einem ausführlichen Kommentar, der sprachliche Besonderheiten erklärt und zusätzliche Einblicke bietet.

Dieser aufwendige Prozess stellt sicher, dass die Texte nicht nur sprachlich vereinfacht, sondern auch inhaltlich korrekt und theologisch fundiert sind, während sie gleichzeitig die Bedürfnisse der Zielgruppe erfüllen. Die intensive Zusammenarbeit zwischen Übersetzern, Theologen und den Prüflesern ist der Schlüssel zum Erfolg dieses Projekts.
Empfang und Ausblick: Die Zukunft der Bibel in Leichter Sprache
Die Bibelausgaben in Leichter Sprache sind primär für Erwachsene mit Lese- und Lernschwierigkeiten konzipiert. Sie eignen sich hervorragend für den Unterricht, den Gottesdienst, die Katechese, die Pastoral sowie die Arbeit in inklusiven Einrichtungen und Seniorenheimen. Die Rückmeldungen auf die Texte sind überwiegend positiv, was Schwester Paulis sehr freut. Auf Anfrage übersetzt das ehrenamtliche Team auch Gebete für spezielle Anlässe wie Frauengebetstage oder Katholiken- und Kirchentage.
Es gibt jedoch auch kritische Stimmen, räumt Schwester Paulis ein. Einige Eltern oder Lehrer bemängeln, dass die verwendete Sprache "kein richtiges Deutsch" sei oder "manches zu monoton oder vereinfachend geschrieben" wäre. Das Team begegnet dieser Kritik mit der Erklärung, dass sich die Übertragungen präzise an den Lern- und Lesebedürfnissen von Menschen mit Beeinträchtigungen orientieren – der eigentlichen Zielgruppe dieser Texte. Jedes Teammitglied, das Bibeltexte in Leichte Sprache überträgt, setzt sich intensiv mit der theologischen Aussage auseinander und diskutiert darüber, um die inhaltliche Qualität zu gewährleisten.
Aktuell arbeitet Schwester Paulis gemeinsam mit einem größeren Team Ehrenamtlicher und Lara Meyer vom Stuttgarter Bibelwerk an Übertragungen von Prophetenbüchern aus dem Alten Testament. Sie freut sich sehr darüber, dass durch diese fortlaufende Arbeit weitere Teile der Bibel Menschen mit Sprachhandicaps vermittelt werden können.
Eine offizielle Genehmigung der Deutschen Bischofskonferenz für die Bibelübertragungen gibt es bisher nicht, was laut Claudio Ettl auch nicht notwendig ist, da die Bischofskonferenz das Bibelprojekt auf vielfältige Weise unterstützt. Ein Beispiel dafür ist das seit Februar 2024 verfügbare Hochgebet für die Feier der Messe in Leichter Sprache. Schwester Paulis und Claudio Ettl sind überzeugt: "Jesus sprach mit den Menschen auf Augenhöhe und mit dem Herzen. So tun wir es auch." Schwester Paulis' größter Wunsch ist es, die gesamte Bibel in Leichte Sprache zu übersetzen – ein Mammutprojekt, das noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Doch Monat für Monat kommen neue Texte hinzu, was die Relevanz und den Fortschritt des Projekts unterstreicht. Letztlich entscheiden die Leser und Benutzer selbst, ob die Bibel in Leichter Sprache für sie einen Gewinn darstellt. Für Claudio Ettl und Schwester Paulis ist die Antwort klar: Sie ist es.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Wie viele Evangelien gibt es in Leichter Sprache? | Alle vier Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) sind für die Sonn- und Feiertage der drei Lesejahre in Leichter Sprache verfügbar. Insgesamt wurden bereits knapp 200 Texte, darunter auch Teile des Alten Testaments, übersetzt. |
| Wer übersetzt die Bibel in Leichter Sprache? | Das Projekt ist eine Gemeinschaftsleistung des Katholischen Bibelwerks in Stuttgart, der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus und den Thuiner Franziskanerinnen. Die Hauptübersetzerin ist Schwester Paulis Mels, unterstützt von Claudio Ettl und einem Team aus Ehrenamtlichen. |
| Für wen ist die Bibel in Leichter Sprache gedacht? | Sie richtet sich an Erwachsene mit Lese- und Lernschwierigkeiten und ist ideal für den Einsatz in Gottesdiensten, im Unterricht, in der Katechese, in der Pastoral sowie in inklusiven Einrichtungen und Seniorenheimen. |
| Gibt es auch andere Teile der Bibel in Leichter Sprache? | Ja, seit 2023 werden auch ausgewählte Texte aus dem Alten Testament in Leichte Sprache übertragen. Schwester Paulis arbeitet aktuell an Prophetenbüchern. |
| Wird das Projekt von der Deutschen Bischofskonferenz unterstützt? | Obwohl es keine offizielle Genehmigung gibt, unterstützt die Deutsche Bischofskonferenz das Bibelprojekt auf vielfältige Weise, beispielsweise durch die Bereitstellung des Hochgebets für die Messe in Leichter Sprache seit Februar 2024. |
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