09/04/2024
Die Fastenzeit, jene besondere Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern, ist für Millionen von Christen weltweit eine Periode der inneren Einkehr, des Gebets und des bewussten Verzichts. Oftmals wird sie primär mit dem Verzicht auf bestimmte Speisen, insbesondere Fleisch, assoziiert. Doch hinter dieser äußeren Praxis verbirgt sich eine viel tiefere, spirituelle Dimension, die weit über rein diätetische Überlegungen hinausgeht. Was aber steckt wirklich dahinter, und wie kann diese altehrwürdige Tradition im modernen Alltag gelebt werden? Um diese Fragen zu beleuchten, werfen wir einen Blick auf die Benediktinische Regel und die Einsichten von Schwester Justina Metzdorf, einer Benediktinerin aus der Abtei Mariendonk, die uns hilft, den wahren Kern der Fastenzeit zu verstehen.

Der Verzicht auf Fleisch in der Fastenzeit ist eine Tradition, die tief in der christlichen Geschichte und Theologie verwurzelt ist. Er symbolisiert Bescheidenheit und erinnert an die Leiden Christi. Doch die Fastenzeit ist kein bloßer Speiseplan, sondern eine bewusste Ausrichtung des Herzens auf Gott. Sie ist eine Einladung, sich von Ablenkungen zu lösen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, um die Freude der Auferstehung an Ostern in ihrer vollen Tiefe erfahren zu können.
- Die Fastenzeit im christlichen Kontext – Mehr als nur Ernährung
- Die vier Säulen der Benediktinischen Fastenzeit
- Verzicht im Wandel der Zeit: Benedikt heute leben
- Verzicht auf mehr als nur Nahrung: Stille und Worte
- Die Fastenzeit als Weg zur Freude: Das Ziel vor Augen
- Vergleich: Benediktinische Empfehlungen und heutige Umsetzung
- Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Fastenzeit
Die Fastenzeit im christlichen Kontext – Mehr als nur Ernährung
Die Fastenzeit, auch Quadragesima genannt, ist eine 40-tägige Vorbereitungszeit auf das Osterfest, das höchste Fest im Kirchenjahr. Die Zahl 40 hat in der biblischen Symbolik eine große Bedeutung und steht oft für eine Zeit der Prüfung, Reinigung und Vorbereitung – man denke an die 40 Tage, die Jesus in der Wüste fastete, oder die 40 Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste zog. In dieser Zeit sollen Christen ihr Leben überdenken, Buße tun und sich intensiver dem Gebet widmen. Der Verzicht auf Fleisch ist dabei eine der bekanntesten und ältesten Praktiken.
Doch warum gerade Fleisch? Die Tradition, freitags und in der Fastenzeit auf Fleisch zu verzichten, hat mehrere Gründe. Historisch gesehen war Fleisch eine teure und luxuriöse Speise, und der Verzicht darauf war ein Zeichen der Buße und Solidarität mit den Armen. Theologisch basiert der freitägliche Fleischverzicht auf der Erinnerung an den Karfreitag, den Todestag Jesu Christi. Da Gott im biblischen Schöpfungsbericht die Tiere am selben Tag wie die Menschen schuf (am sechsten Tag), wird der Freitag als Tag der Besinnung auf die Schöpfung und der Demut vor dem Schöpfer genutzt. Die Benediktinische Regel, wie Schwester Justina Metzdorf erläutert, ist sogar grundsätzlich vegetarisch ausgerichtet. Fleisch war in Klöstern, wie auch in der Abtei Mariendonk, von Natur aus selten auf dem Speiseplan, und in der Fastenzeit noch seltener, oft nur sonntags erlaubt. Dies unterstreicht, dass der Verzicht nicht als Strafe, sondern als bewusste Entscheidung für ein einfacheres, Gott zugewandtes Leben verstanden wird.
Die vier Säulen der Benediktinischen Fastenzeit
Der Heilige Benedikt von Nursia, dessen Regel aus dem 6. Jahrhundert stammt, sah die Fastenzeit als eine Intensivierung des klösterlichen Lebens, das ohnehin von Gebet und Disziplin geprägt sein sollte. Er nennt vier zentrale Bereiche, auf die es in diesen „heiligen Tagen“ ankommt. Diese Säulen dienen dazu, sich wieder neu auf Gott auszurichten und die Beziehung zu ihm zu vertiefen:
1. Das Gebet
Für Benedikt steht das Gebet an erster Stelle. Es ist die Pflege der Beziehung zu Gott, ein Dialog, in dem wir uns Gott zuwenden und ihm unser Herz öffnen. Besonders wichtig sind dabei die Psalmen, die Gebete der Heilige Schrift. Im Kloster Mariendonk beten die Schwestern die Psalmen gemeinsam im Stundengebet, wodurch diese Worte zu ständigen Begleitern durch den Tag werden. Es geht darum, durch das Gebet Gottes Wirken im eigenen Leben wieder stärker zu spüren und ihm voll und ganz zu vertrauen. Das Gebet ist der Atem der Seele, der uns mit dem Göttlichen verbindet und uns in unserer spirituellen Reise stärkt.
2. Die Lesung der Heiligen Schrift
Eng verbunden mit dem Gebet ist das Lesen und Aneignen der Worte der Heilige Schrift. Durch sie lernen wir Gott besser kennen und verstehen seinen Willen für unser Leben. Der Kirchenvater Hieronymus formulierte es treffend: „Wer die Heilige Schrift nicht kennt, der kennt Christus nicht.“ Die Schrift ist ein Spiegel, der uns zeigt, welche Konsequenzen der Glaube für unser tägliches Handeln und unsere Lebensführung hat. Sie ist eine Quelle der Weisheit und Inspiration, die uns auf unserem Weg leitet und uns hilft, Gottes Botschaft in unserem Herzen zu verankern.
3. Die Reue des Herzens
Das Herz ist für Benedikt der zentrale Ort der Begegnung mit Gott und der Reflexion über unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen und zu uns selbst. Die Fastenzeit ist eine Zeit, in der wir uns ehrlich fragen können: „Wo sind meine Beziehungen zu Gott, zu den Menschen um mich herum und auch zu mir selbst gestört?“ Es geht um eine ehrliche Selbstprüfung, um das Erkennen eigener Fehler und Schwächen und die Bereitschaft zur Umkehr. Diese Reue ist keine Verzweiflung, sondern eine heilsame Erkenntnis, die den Weg zur Versöhnung und zur tieferen Gemeinschaft mit Gott und den Menschen ebnet.
4. Der Verzicht
Der Verzicht ist das vierte und oft am offensichtlichsten gelebte Element der Fastenzeit. Benediktinische Nonnen wie Schwester Justina nutzen diese Zeit, um zu prüfen: „Woran hängt mein Herz wirklich?“ Es geht darum, Dinge zu identifizieren, die den Alltag „zustopfen“ oder uns von Gott ablenken, und bewusst darauf zu verzichten. Durch den Verzicht soll eine „Leerstelle“ entstehen, die nicht einfach leer bleibt, sondern mit Gott und seinem Wort gefüllt werden kann. Es ist ein bewusstes Loslassen, um Raum für das Wesentliche zu schaffen und eine tiefere Freiheit zu erlangen.
Verzicht im Wandel der Zeit: Benedikt heute leben
Die Vorgaben der Benediktregel, die im 6. Jahrhundert entstanden sind, spiegeln die damaligen Lebensgewohnheiten wider. Benedikt empfahl beispielsweise, Essen und Trinken stark einzuschränken oder nur abends eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Schwester Justina betont jedoch, dass dies keine dogmatische „Benedikt-Diät“ ist, an die man sich sklavisch halten müsse. Es wäre auch nicht gesund, nichts mehr zu essen oder zu trinken. Benedikt warnte vielmehr vor Übersättigung und Trunkenheit. Das Kernanliegen seiner Empfehlungen – ein gutes Maß zwischen zu viel und zu wenig zu finden – ist auch heute noch gültig und aktuell.
Während heutige Trends wie das Intervallfasten gesundheitliche Vorteile in den Vordergrund stellen, sieht Benedikt den Verzicht auf Essen nicht primär als Mittel zum Abnehmen. Vielmehr geht es ihm darum, durch die Einschränkung der Nahrungszufuhr zu erkennen, was man stattdessen wirklich braucht: Die Fastenzeit soll uns durch den Verzicht wieder in unsere Mitte bringen. Und diese Mitte ist Jesus Christus. Wie es in Psalm 4 heißt: „Du legst mir größere Freude ins Herz als andere haben bei Korn und Wein in Fülle.“ Fasten bedeutet demnach, frei zu werden und Platz für Gott und sein Wort zu schaffen, um eine tiefere und nachhaltigere Freude zu erfahren, die nicht von äußeren Umständen abhängt.
Verzicht auf mehr als nur Nahrung: Stille und Worte
Die benediktinische Lebensweise ist anspruchsvoll. Benedikt warnt vor jeglicher Form von Müßiggang und sieht keine „Freizeit“ im modernen Sinne vor. Dies mag für viele Menschen heute befremdlich klingen. Doch es geht Benedikt nicht um unmenschliche Überforderung, sondern darum, dass unser Leben zu einer Einheit findet. Dabei hilft der Verzicht auf Ablenkung und Zerstreuung. Das benediktinische Konzept ruht auf drei tragenden Säulen: „Beten, Arbeiten und Studium der Heiligen Schrift“. Wer dieses Gleichgewicht findet, kann sein Leben in Einklang bringen und findet eine tiefe Erfüllung, die keine zusätzliche „Freizeit“ im Sinne von Zerstreuung mehr benötigt.
Ein besonders wichtiger Aspekt des Verzichts in der Fastenzeit ist für Benedikt auch der Verzicht auf Geschwätz und Albernheiten. Im Kloster Mariendonk bedeutet dies, in der Fastenzeit mehr zu schweigen als sonst. Schwester Justina erklärt den tiefen Sinn dahinter: Wenn wir weniger reden, können wir besser auf Gott hören. Und wenn wir schweigen, können wir auch den anderen besser hören. Worte können verletzen und schaden. Obwohl Gespräche wichtig und hilfreich sind, kann es guttun, weniger zu reden – und vor allem, weniger über andere. Dieses „Fasten der Worte“ ist eine Übung in Achtsamkeit und Respekt. Es geht nicht darum, Gesagtes hinunterzuschlucken, sondern bewusst zuzuhören und das, was man sagen wollte, vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt und in einer besseren Form auszudrücken. So können zum Beispiel stille Zeiten in der Familie oder in einer Gemeinschaft vereinbart werden, in denen nur das wirklich Notwendige gesprochen wird. Ein solches „Fasten der Worte“ verändert das Miteinander und vertieft die Beziehungen.
Die Fastenzeit als Weg zur Freude: Das Ziel vor Augen
Die Fastenzeit ist im Kern eine intensive Vorbereitungszeit auf das Osterfest. Ostern ist das große Fest der Freude, an dem Christen die Auferstehung Jesu Christi feiern. Alle Empfehlungen und Maßnahmen der Fastenzeit zielen darauf ab, sich so vorzubereiten, dass man dieses Fest der Auferstehung von Herzen mitfeiern kann. Es geht darum, sich innerlich zu reinigen und zu öffnen, um die Botschaft der Auferstehung in ihrer ganzen Fülle aufnehmen zu können.
Ein wunderschöner Satz von Teresa von Ávila fasst das Ziel der Fastenzeit treffend zusammen: „Gott allein genügt.“ Schwester Justina interpretiert dies so: Nichts anderes genügt, nichts anderes reicht aus. Gott allein ist die Quelle des Lebens, des Glücks und der Freude. Die Fastenzeit wird so zu einer Zeit der Vorfreude, in der wir uns mit Leib und Seele bewusst machen, dass wir auf den zugehen, der die Quelle und das Ziel unseres gesamten Lebens ist. Es ist eine bewusste Bewegung hin zur ultimativen Erfüllung, die in der Beziehung zu Gott liegt.
Vergleich: Benediktinische Empfehlungen und heutige Umsetzung
| Aspekt | Benediktinische Empfehlung (ca. 6. Jh.) | Heutige Interpretation/Umsetzung |
|---|---|---|
| Essen & Trinken | Starke Einschränkung, oft nur eine Mahlzeit abends; Warnung vor Übersättigung. | Maß halten, bewusster Umgang mit Nahrung; nicht als dogmatische Diät, sondern als spirituelle Übung. |
| Fleischverzicht | Grundsätzlich vegetarische Ausrichtung, Fleisch nur in Ausnahmen. | Freitagsverzicht als Erinnerung an Karfreitag; bewusster Umgang mit Lebensmitteln; Wertschätzung der Schöpfung. |
| Freizeit / Müßiggang | Kein „Müßiggang“ vorgesehen; Fokus auf Gebet, Arbeit, Studium der Schrift. | Verzicht auf Ablenkung und Zerstreuung; Schaffung von Einheit im Leben; Ausrichtung auf das Wesentliche. |
| Reden | Verzicht auf Geschwätz und Albernheiten; mehr Schweigen. | „Fasten der Worte“; bewusstes Zuhören; weniger Reden über andere; achtsame Kommunikation. |
| Ziel des Fastens | Frei werden und Platz schaffen für Gott und sein Wort. | Wieder in die Mitte kommen; tiefere Freude in Gott finden; Vorbereitung auf Ostern. |
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Fastenzeit
Ist die Benediktregel heute noch relevant?
Ja, absolut. Schwester Justina Metzdorf betont, dass die Regel eine Orientierung und Hilfe ist, kein starres Regelwerk. Benedikt wusste um die Verletzlichkeit des menschlichen Lebens und wollte nicht jedes Detail regeln. Es geht darum, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: immer tiefer in Gottes Liebe hineinzufinden. Die Prinzipien des Gebets, der Schriftlesung, der Herzensreue und des Verzichts sind zeitlos und können jedem helfen, seine Beziehung zu Gott zu vertiefen.
Muss ich auf alles verzichten, was Benedikt empfiehlt?
Nein. Es gibt keine „Methode, die das garantiert“. Fasten ist eine persönliche Prüfung, „woran mein Herz wirklich hängt“. Schwester Justina selbst verzichtet in der Fastenzeit klassisch auf etwas weniger Essen und schränkt zudem ihren Medienkonsum ein. Es geht darum, individuell zu erkennen, welche Dinge den Alltag „zustopfen“ und von der Konzentration auf Gott ablenken. Jeder kann für sich entscheiden, wo er bewusst verzichten möchte, um Raum für geistliches Wachstum zu schaffen.
Was bringt mir das Fasten in der Fastenzeit?
Fasten schafft Freiheit und Platz für Gott und sein Wort. Es hilft, sich selbst und die eigenen Prioritäten neu zu ordnen. Durch den bewussten Verzicht auf bestimmte Gewohnheiten oder Güter entsteht eine „Leerstelle“, die mit spirituellem Inhalt gefüllt werden kann. Das Ziel ist eine tiefere Freude, die nicht von materiellen Dingen abhängt, sondern aus der Beziehung zu Gott schöpft. Es ist eine Vorbereitung auf die große Freude an Ostern, dem Fest der Auferstehung Jesu Christi.
Warum verzichten Christen gerade auf Fleisch?
Der Fleischverzicht hat historische, theologische und symbolische Gründe. Historisch war Fleisch ein Luxusgut, dessen Verzicht ein Zeichen der Buße und Solidarität war. Theologisch erinnert der freitägliche Verzicht an den Karfreitag, den Todestag Jesu. Zudem wird der Freitag als sechster Schöpfungstag, an dem die Tiere geschaffen wurden, als Tag der Demut und der Besinnung auf die gesamte Schöpfung betrachtet. Die Benediktinische Regel selbst ist grundsätzlich vegetarisch ausgerichtet, was die Bedeutung des einfachen Lebensstils unterstreicht.
Die Fastenzeit ist somit weit mehr als eine Periode des bloßen Verzichts. Sie ist eine Einladung zu einer tiefgreifenden spirituellen Reise, die uns hilft, unsere Prioritäten neu zu ordnen und uns auf das Wesentliche zu besinnen. Indem wir bewusst auf bestimmte Dinge verzichten – sei es Fleisch, übermäßiger Medienkonsum oder unnötiges Geschwätz – schaffen wir Raum in unserem Herzen und unserem Leben. Dieser Raum soll nicht leer bleiben, sondern mit Gebet, der Lesung der Heiligen Schrift und der Reue des Herzens gefüllt werden, um uns auf Jesus Christus auszurichten. Am Ende dieser Reise steht die tiefe und unermessliche Freude an Ostern, dem Fest der Auferstehung, bei dem wir die Quelle allen Lebens und aller Freude in Gott finden können. Es ist eine Zeit der bewussten Vorbereitung, die uns zu einer tieferen Verbundenheit mit Gott und einer reicheren Lebensfreude führt.
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