08/11/2023
Der Tod ist ein unausweichlicher Teil des Lebens, eine Grenze, die uns alle erwartet. In diesen Momenten der tiefsten Ungewissheit und des Schmerzes suchen viele Menschen Zuflucht und Trost im Glauben. Die christlichen Traditionen, sei es evangelisch oder orthodox, bieten reiche Rituale, Gebete und Praktiken an, um Sterbende und ihre Angehörigen auf diesem letzten Weg zu begleiten und ihnen Hoffnung zu schenken. Wie Martin Luther so treffend formulierte: „Jesus, dir leb ich, Jesus, dir sterb ich. Jesus, dein bin ich, tot und lebendig.“ Diese Worte fassen die Überzeugung zusammen, dass Jesus Christus uns nicht nur im Leben, sondern auch im Sterben und darüber hinaus begleitet.

Im Angesicht des Todes werden biblische Lesungen, das Sprechen von Gebeten, das Singen von Kirchenliedern und das Segnen mit dem Zeichen des Kreuzes zu wichtigen Ankern. Auch das stille Gebet für die Sterbenden und ihre Angehörigen oder die Fürbitte der Gemeinde im Gottesdienst können in dieser schwierigen Situation Halt geben. Sichtbare Zeichen wie ein Kreuz, eine Ikone, eine Kerze, ein Bibel- oder Liedvers oder eine Engelfigur verstärken diese spirituelle Begleitung und schaffen eine Atmosphäre der Andacht und des Friedens.
Evangelische Perspektiven auf Sterben und Tod
In der evangelischen Frömmigkeit bildet das Gebet im Angesicht des Todes ein zentrales Element. Das Evangelische Gesangbuch (EG) ist hierbei eine unverzichtbare Ressource, die in den Abschnitten 939 bis 951 eine Fülle von Bibelworten, Gebeten und Segenstexten bereithält, die in Momenten des Abschieds und der Trauer Orientierung und Zuspruch bieten.
Bibelworte und Psalmen als Quelle des Trostes
Gemeindeglieder sind ermutigt, biblische Trostworte zu sprechen, die die unerschütterliche Zusage Gottes an den Menschen betonen. Beispiele hierfür sind Verse wie Psalm 23,4 („Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“), Psalm 31,6 („In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“), Johannes 3,16 („Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“), Johannes 11,15, Johannes 16,33 und Römer 14,8. Diese Worte erinnern an Gottes Präsenz, Erlösung und die Verheißung ewigen Lebens. Ebenso sind Psalmen wie Psalm 22, 23, 39, 71, 73, 121 und 126 wertvolle Gebetsformen, die die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen im Angesicht des Leidens und des Todes ausdrücken und gleichzeitig das Vertrauen auf Gott stärken.
Lieder als Gebet und Zuspruch
Kirchenlieder sind in der evangelischen Tradition nicht nur Ausdruck des Glaubens, sondern auch ein Dialog mit Gott und eine Quelle des Trostes für Sterbende. Lieder wie „Befiehl du deine Wege“ (EG 361) von Paul Gerhardt oder „So nimm denn meine Hände“ (EG 376) sind tief in der evangelischen Spiritualität verwurzelt und bieten sowohl Sterbenden als auch ihren Begleitern eine Möglichkeit, ihre Gefühle und ihre Glaube auszudrücken. Eine Liedstrophe aus einem Choral Paul Gerhardts (EG 85,10) verdeutlicht dies eindringlich:
Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, / und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. / Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll / dich fest an mein Herz drücken. / Wer so stirbt, der stirbt wohl.
Diese Verse können gesungen oder gesprochen werden und dienen als kraftvoller Zuspruch in den letzten Stunden.
Der Valet- oder Sterbesegen: Ein letzter Dienst
Ein besonders wichtiger Akt der Begleitung Sterbender ist der sogenannte Valet- oder Sterbesegen. Dieser Segen wird unter Handauflegung gesprochen und ist ein Zeichen des göttlichen Geleits auf dem Übergang vom Leben zum Tod. Die Worte des Segens sind zutiefst tröstlich und verweisen auf die drei Personen der Trinität:
Es segne dich Gott, der Vater / der dich nach seinem Bild geschaffen hat. / Es segne dich Gott der Sohn, / der dich durch sein Leiden und Sterben erlöst hat. / Es segne dich Gott der Heilige Geist, / der dich zum Leben gerufen und geheiligt hat. / Gott der Vater und der Sohn und der Heilige Geist / geleite dich durch das Dunkel des Todes. / Er sei dir gnädig im Gericht / und gebe dir Frieden und ewiges Leben.
Nach diesem Segen werden die Heimgehenden mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnet, ein symbolischer Akt, der sie unter den Schutz Christi stellt. Das evangelische Gesangbuch ermutigt Sterbende, Angehörige und Begleiter auch zum Gebet des Vaterunsers oder spezifischer Gebete für Sterbende (EG 942-946). Beim Wachen am Sterbebett können zudem längere Texte aus der Heiligen Schrift gelesen werden, und es besteht die Möglichkeit, dies im Zusammenhang mit der Beichte und dem Heiligen Abendmahl zu tun.
Ein weiteres wichtiges Gebet in der evangelischen Tradition empfiehlt den Verstorbenen der Barmherzigkeit Gottes, in der die Toten geborgen und die Lebenden bewahrt sind:
Ewiger Gott und Vater, du allein bist mächtig und gnädig: Gib unserem / unserer Entschlafenen die ewige Ruhe. Lass ihm / ihr dein Licht leuchten und vereine ihn / sie mit denen, die du vollendet hast. Uns alle lass dereinst dein Angesicht schauen und deine himmlische Herrlichkeit erlangen.
Orthodoxe Traditionen im Angesicht des Todes
In der orthodoxen Tradition wird neben den persönlichen Gebeten der Sterbenden und ihrer Angehörigen besonderer Wert auf die Anwesenheit und den Dienst des Priesters gelegt. Er ist der Überbringer des geistlichen Trostes der Botschaft Christi und vermittelt die Sakramente und Gebete der Kirche.
Die Rolle des Priesters und die Heilige Ölung
Der Priester spielt eine zentrale Rolle in der Begleitung von Kranken und Sterbenden. Ein Gebet, das für Kranke gesprochen wird, illustriert die Bitte um Gottes Barmherzigkeit und Heil:
Herr, unser Gott, du allein hast die Macht unsere Sünden zu vergeben, unsere Seelen zu retten und unsere Körper zu heilen, deine Güte flehen wir an: Zeige auch nun Deinem Knecht N. Dein Erbarmen, der krank und voller Schmerzen ist, heile ihn durch dein unsterbliches Wort, schenke ihm statt Krankheit und Schwäche Stärke und statt Verzweiflung Trost. Denn du bist unser Gott, der züchtigt und dann wieder heilt, der schlägt, aber nicht den Tod schenkt, der alles zum Wohl unseres Lebens tut und dir gebührt alle Herrlichkeit, Ehre und Anbetung, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, jetzt und immerdar, und in die Ewigkeit der Ewigkeit. Amen.
Das Mysterium der Krankensalbung, auch Heilige Ölung genannt, ist nach orthodoxem Verständnis kein reines Sterbesakrament. Vielmehr dient es der Genesung von an Leib oder Seele Erkrankten. Die biblische Grundlage findet sich im Jakobusbrief (Jakobus 5,14-15): „Ist jemand unter euch krank, so lasse er die Presbyter der Gemeinde zu sich rufen, und sie sollen über ihm beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben; und das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufstehen lassen, und wenn er eine Sünde getan hat, wird ihm vergeben werden.“ In vielen orthodoxen Gemeinden wird dieses Mysterium in der Heiligen und Großen Woche an allen Gläubigen vollzogen, um sie zu stärken und zu heilen.
Ein Gebet, das bei der Krankensalbung gesprochen wird, betont die heilende Kraft Christi:
Arzt unserer Seelen und Leiber, Du sandtest Deinen einziggeborenen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, der alle Krankheit heilt und vom Tode erlöst; heile auch Deine Knechte und Mägde N. N. von der sie umfangenden seelischen und körperlichen Krankheit durch die Gnade Deines Christus und belebe sie nach Deinem Wohlgefallen, auf die Fürbitten unserer über alles gesegneten, ruhmreichen Herrin, der Gottesgebärerin und steten Jungfrau Maria, (...) und aller Heiligen. Denn Du bist die Quelle der Heilungen, Gott, unser Gott, und Dir senden wir die Verherrlichung empor, dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, jetzt und immerdar und in die Ewigkeit der Ewigkeit. Amen
Gebete für Sterbende und die Bedeutung der Kommunion
In den liturgischen Büchern der Orthodoxie finden sich spezielle Gebete für Sterbende, die sich hauptsächlich auf das Endgericht beziehen und die Seele auf den Übergang vorbereiten. Darüber hinaus haben sich in der Volksfrömmigkeit weitere Gebete entwickelt, die den Verstorbenen der Barmherzigkeit Gottes anempfehlen. Ein solches Gebet über eine Sterbende aus dem Euchologion ist ein tief bewegendes Flehen um Erlösung und Frieden:
Allmächtiger, Herr und Gebieter, unser Gott, der Du willst‚ dass allen Menschen geholfen werde, und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, der Du nicht Lust hast am Tode des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe; wir bitten Dich und flehen zu Dir: Löse alle Fesseln der Seele dieser Deiner Magd N., und erlöse sie von jedem Fluch; denn Du bist der Befreier der Gebundenen, der Aufrichter der Niedergeworfenen, die Hoffnung der Hoffnungslosen. So gebiete denn, o Gebieter, dass die Seele Deiner Magd in Frieden sich loslöse, und bringe sie zur Ruhe in Deinen ewigen Wohnungen, zu allen Deinen Heiligen, um Deines eingebornen Sohnes willen‚ mit welchem du hochgelobt bist, samt dem allheiligen und guten und lebendigmachenden Geiste; jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Auch ein Gebet des heiligen Nifon zeugt von der Bitte um göttliche Gnade im Moment des Todes:
Aber zum Zeitpunkt meines Endes, mein heiliger und dreimal heiliger und verherrlichter König, sende mir Deine Gnade und Wahrheit.
Besonders wichtig für Orthodoxe ist der Empfang der Heiligen Kommunion, auch in Zeiten von Krankheit. Die eucharistischen Gaben werden dem Kranken vom Priester ans Krankenlager gebracht. Dem Sterbenden gelten sie als „Wegzehrung“ auf seinem letzten Weg, als Stärkung für die Seele auf ihrer Reise zum Herrn. Ein Gebet zur Heiligen Kommunion verdeutlicht dies:
Herr Jesus Christus, unser Gebieter und Erlöser, der Du allein als der gütige und menschenliebende Gott Macht hast, die Sünden zu vergeben, verzeihe dieser Deiner Magd N. alle ihre bewusst und unbewusst begangenen Versündigungen und mache sie würdig, unverurteilt an Deinen heiligen Mysterien teilzunehmen, nicht zum Gericht und nicht zur Vermehrung der Sünden, sondern zur Reinigung der Seele und des Leibes und zur Erlangung Deines Reiches.
Die Totenwache: Ein Akt der Liebe und des Abschieds
Die Totenwache ist ein alter christlicher Brauch, der in beiden Traditionen, evangelisch wie orthodox, praktiziert wird. Sie ist ein Akt der Liebe und des Respekts, bei dem die Verstorbenen bis zur Beerdigung, insbesondere in den Nachtstunden, nicht allein gelassen werden. Am Totenlager können Psalmen gebetet, Abschnitte aus den Evangelien gelesen oder Kirchenlieder bzw. Hymnen gesungen werden. Familienangehörige und Freunde wechseln sich ab, um bei den Verstorbenen zu verweilen und ihnen Gesellschaft zu leisten. Dieser Brauch ermöglicht einen intimen Abschied und schafft einen Raum für Trauer und Erinnerung.
Wo es gewünscht und möglich ist, werden die Verstorbenen zu Hause aufgebahrt, was den Angehörigen eine vertrautere Umgebung für den Abschied bietet. Anderenorts geschieht dies in Kapellen und Kirchen oder in dafür bestimmten Räumen auf Friedhöfen oder bei Bestattungsinstituten. Die Totenwache wird heute zumeist als ein Prozess des individuellen Abschiednehmens verstanden, der den Hinterbliebenen hilft, den Verlust zu verarbeiten. Ursprünglich war sie jedoch ein integraler Bestandteil der gottesdienstlichen Handlungen am Entschlafenen, ein liturgischer Akt, der die Seele des Verstorbenen in die Hände Gottes übergibt. Im öffentlichen Leben ist die Totenwache zudem als eine ehrende Form des kollektiven Abschiednehmens üblich, insbesondere für gefallene Soldaten oder Einsatzkräfte, was ihre gesellschaftliche Bedeutung unterstreicht.
Vergleich: Evangelische und Orthodoxe Praktiken im Angesicht des Todes
Obwohl beide Konfessionen den Glauben an Jesus Christus als Begleiter im Tod teilen, gibt es spezifische Unterschiede in ihren Praktiken:
| Merkmal | Evangelisch | Orthodox |
|---|---|---|
| Rolle des Priesters | Priester/Pfarrer begleiten, aber Gemeindeglieder sind aktiv im Gebet eingebunden. | Starke Betonung der Präsenz des Priesters als Überbringer geistlichen Trostes und Sakramente. |
| Zentrale Sakramente/Mysterien | Valet- oder Sterbesegen, Möglichkeit der Beichte und des Abendmahls. | Heilige Ölung (Krankensalbung – nicht primär Sterbesakrament), Heilige Kommunion als Wegzehrung. |
| Gebetsressourcen | Evangelisches Gesangbuch (Bibelworte, Psalmen, Gebete, Lieder). | Liturgische Bücher (spezielle Gebete für Sterbende), Gebete aus der Volksfrömmigkeit. |
| Fokus der Gebete | Trost, Erlösung, ewiges Leben, Übergabe an Gottes Barmherzigkeit. | Barmherzigkeit, Heilung (Krankensalbung), Vorbereitung auf das Endgericht, Wegzehrung der Seele. |
| Umgang mit Sterbenden | Offene Begleitung, Segen, Gebet, Lesungen. | Gebet durch Priester, Sakramente, starke Betonung der Kommunion. |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Valet- oder Sterbesegen?
Der Valet- oder Sterbesegen ist ein letzter Segen in der evangelischen Tradition, der Sterbenden unter Handauflegung gespendet wird. Er soll den Sterbenden auf seinem Übergang begleiten und ihm Frieden und ewiges Leben zusprechen, indem er ihn dem Schutz Gottes anvertraut.
Ist die Krankensalbung ein Sterbesakrament in der orthodoxen Kirche?
Nein, nach orthodoxem Verständnis ist die Krankensalbung (Heilige Ölung) kein reines Sterbesakrament. Sie dient vielmehr der Genesung von an Leib oder Seele Erkrankten und wird oft auch bei gläubigen Menschen ohne akute Todesgefahr vollzogen, insbesondere in der Heiligen und Großen Woche.
Warum ist die Totenwache wichtig?
Die Totenwache ist ein christlicher Brauch, bei dem die Verstorbenen bis zur Beerdigung nicht allein gelassen werden. Sie ermöglicht den Angehörigen und Freunden einen intimen Abschied, schafft Raum für Trauer und Gebet und dient als spirituelle Begleitung des Verstorbenen auf seinem letzten Weg. Ursprünglich war sie Teil der gottesdienstlichen Handlungen am Entschlafenen.
Welche Bibelverse spenden Trost im Angesicht des Todes?
In der evangelischen Tradition werden oft Verse wie Psalm 23,4 („Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir...“), Psalm 31,6 („In deine Hände befehle ich meinen Geist...“) und Johannes 3,16 („Denn also hat Gott die Welt geliebt...“) als besonders tröstlich empfunden. Auch Psalm 22, 39, 71, 73, 121 und 126 werden häufig gebetet.
Kann jeder biblische Trostworte sprechen oder Lieder singen?
Ja, in der evangelischen Tradition sind alle Gemeindeglieder ermutigt, biblische Trostworte zu sprechen und Kirchenlieder zu singen, um Sterbende und ihre Angehörigen zu begleiten. Es ist ein Ausdruck des gemeinsamen Glaubens und der gegenseitigen Unterstützung.
Die Begleitung Sterbender und der Umgang mit dem Tod sind tief in den christlichen Glauben eingebettet. Ob durch die tröstenden Worte der Bibel, die feierlichen Gesänge der Kirchenlieder, die segensreichen Rituale des Valet- oder Sterbesegens, die heilende Kraft der Krankensalbung oder die stärkende Wegzehrung der Heiligen Kommunion – die Kirche bietet vielfältige Wege, um in diesen Momenten der Verletzlichkeit Glaube, Hoffnung und Trost zu finden. Die Totenwache, ein gemeinsamer Brauch, unterstreicht die Bedeutung des Abschieds und der Gemeinschaft. In allen diesen Praktiken zeigt sich die Überzeugung, dass der Tod nicht das Ende, sondern ein Übergang in die ewige Gegenwart Gottes ist, begleitet von der Liebe Christi.
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