01/11/2022
Der Islam, eine der größten Weltreligionen mit über 1,9 Milliarden Gläubigen, birgt eine reiche Vielfalt an Interpretationen und Traditionen. Doch wie in vielen Religionen gibt es auch hier unterschiedliche Strömungen, die sich in Glaubensfragen, rituellen Praktiken und sogar politischen Ansichten unterscheiden. Die beiden größten dieser Strömungen, die zusammen den überwiegenden Teil der muslimischen Gemeinschaft ausmachen, sind die Sunniten und die Schiiten. Während die Sunniten etwa 90-95 Prozent der Muslime weltweit stellen, bilden die Schiiten eine Minderheit von 10-15 Prozent. Die Frage, worin diese Unterschiede genau liegen und wie es zu dieser fundamentalen Spaltung kam, ist entscheidend, um die Dynamik der islamischen Welt zu verstehen.

Die Ursprünge dieser Trennung reichen weit zurück in die frühe Geschichte des Islam und sind eng mit einer zentralen Frage verknüpft: Wer sollte nach dem Tod des Propheten Muhammad die Führung der muslimischen Gemeinschaft übernehmen? Diese Frage führte zu einer Meinungsverschiedenheit, die sich im Laufe der Jahrhunderte vertiefte und nicht nur theologische, sondern auch politische und soziale Auswirkungen hatte, die bis in die heutige Zeit reichen.
Der historische Ursprung der Spaltung: Die Frage der Nachfolge
Die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten geht auf einen entscheidenden Moment in der Geschichte des Islam zurück: den Tod des Propheten Muhammad im Jahr 632 n. Chr. Ohne einen klar benannten Nachfolger hinterließ er eine Lücke in der Führung der jungen muslimischen Gemeinschaft, der Umma.
An dieser Stelle entwickelten sich zwei unterschiedliche Ansichten über die legitime Nachfolge:
- Die sunnitische Perspektive: Die Sunniten waren der Ansicht, dass die Führung der Gemeinschaft durch Konsens der Muslime, also durch Wahl, bestimmt werden sollte. Sie argumentierten, dass der fähigste und gottesfürchtigste Mann die Rolle des Kalifen übernehmen sollte. So wurde Abu Bakr, ein enger Vertrauter und Schwiegervater des Propheten, von den führenden Persönlichkeiten der Gemeinschaft zum ersten Kalifen ernannt. Dies legte den Grundstein für die sunnitische Tradition der Kalifatsführung, die auf Wahl und Konsens basiert.
- Die schiitische Perspektive: Die Schiiten hingegen glaubten, dass die Führung der Gemeinschaft durch göttliche Anweisung und durch die Blutlinie des Propheten bestimmt sein sollte. Für sie war Ali ibn Abi Talib, der Cousin und Schwiegersohn des Propheten (verheiratet mit seiner Tochter Fatima), der einzig legitime Nachfolger. Sie sahen ihn als den von Gott auserwählten Imam (Führer) und nicht als einen gewählten Kalifen.
Diese Meinungsverschiedenheit über die Art der Führung – Wahl versus Erbfolge/göttliche Bestimmung – war der Auslöser für das Schisma, das sich im Laufe der Jahrhunderte vertiefte und zu den heutigen separaten Konfessionen führte.
Die Ära der rechtgeleiteten Kalifen und frühe Konflikte
Die ersten dreißig Jahre nach Muhammads Tod, bekannt als die „Ära der rechtgeleiteten Kalifen“ (632–661), waren eine Zeit großer Expansion des Islam, aber auch zunehmender Spannungen bezüglich der Nachfolge. Diese Periode umfasste vier Kalifen:
- Abdallah Abū Bakr (632–634): Muhammads Schwiegervater und erster Kalif, dessen Wahl die sunnitische Tradition begründete.
- ʿUmar ibn al-Chattāb (634–644): Unter seiner Führung expandierte der Islam erheblich.
- ʿUthmān ibn ʿAffān (644–655): Seine Ermordung führte zu weiteren Turbulenzen.
- ʿAlī ibn Abī Tālib (656–661): Muhammads Schwiegersohn, dessen Kalifat von internen Konflikten gezeichnet war.
Es war Alis Kalifat, das die bestehenden Spannungen eskalieren ließ. Die Weigerung einiger mächtiger Figuren, seine Autorität anzuerkennen, führte zu mehreren blutigen Auseinandersetzungen:
- Die Kamelschlacht (656): Eine erste große kriegerische Auseinandersetzung, bei der Ali gegen eine Koalition kämpfte, der auch Aischa, eine Ehefrau des Propheten, angehörte. Ali ging als Sieger hervor, aber der Konflikt zeigte die wachsende Zerrissenheit.
- Die Schlacht von Siffin (657): Ali kämpfte gegen Muawiya, den umayyadischen Statthalter von Syrien, der Alis Anspruch auf das Kalifat nicht anerkannte. Die Schlacht endete mit einem Schiedsgericht, das jedoch zur Abspaltung der sogenannten Charidschiten führte und Alis Position schwächte. Ali wurde 661 von einem Charidschiten ermordet.
Der Märtyrertod Alis und seiner Nachkommen wurde zu einem zentralen Motiv im schiitischen Glauben.
Die Schlacht von Kerbala: Ein Wendepunkt
Der Konflikt um die Nachfolge erreichte seinen Höhepunkt in der Schlacht von Kerbala im heutigen Irak am 10. Oktober 680. Hier standen sich Husain ibn Ali, der Enkel des Propheten und Sohn Alis, sowie der umayyadische Kalif Yazid I. gegenüber. Husain, der als legitimer Imam von den Schiiten angesehen wurde, stellte sich mit einer kleinen Gruppe von nur 72 Gefährten einer übermächtigen umayyadischen Armee. Er und all seine Kämpfer fielen in der Schlacht.
Husains Märtyrertod in Kerbala ist bis heute ein zentrales, emotional aufgeladenes Ereignis für Schiiten weltweit. Es festigte die Spaltung des Islam in Sunniten und Schiiten und wurde zur Grundlage des schiitischen Märtyrerethos. Der Imam-Husain-Schrein in Kerbala ist heute eine der heiligsten Stätten des Schiismus.

Die wichtigsten Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten
Obwohl beide Konfessionen die grundlegenden Säulen des Islam teilen, haben sich im Laufe der Jahrhunderte deutliche Unterschiede in Theologie, Ritualen und Rechtsschulen herausgebildet. Die Forschung spricht teilweise von verschiedenen islamischen „Konfessionen“, auch wenn der Begriff im Christentum gebräuchlicher ist.
1. Nachfolge und Führung
| Aspekt | Sunniten | Schiiten |
|---|---|---|
| Legitime Führung | Durch Konsens/Wahl der Gemeinschaft (Kalifat) | Durch göttliche Ernennung innerhalb der prophetischen Familie (Imamat) |
| Erster Führer | Abu Bakr (erster Kalif) | Ali ibn Abi Talib (erster Imam) |
| Konzept der Führung | Kalifen als politische und religiöse Führer, nicht unfehlbar | Imame als spirituelle und religiöse Führer, die als unfehlbar und von Gott bestimmt gelten |
2. Religiöse Autorität
- Sunniten: Die religiöse Autorität liegt primär bei den Gelehrten (Ulama), die den Koran und die Hadithe (Aussprüche und Taten des Propheten Muhammad) interpretieren. Es gibt keine zentrale, unfehlbare Autorität. Die Gelehrten leiten die Gemeinschaft durch Fatwas (Rechtsgutachten).
- Schiiten: Die Schiiten verehren ihre Imame als höchste spirituelle und religiöse Autorität. Diese Imame werden als unfehlbar angesehen und besitzen eine göttliche Verbindung. Für die Zwölfer-Schiiten (die größte schiitische Gruppe) ist der zwölfte Imam, der Mahdi, in der Verborgenheit und wird eines Tages zurückkehren, um Gerechtigkeit zu bringen. In seiner Abwesenheit übernehmen hochrangige Geistliche, die Ayatollahs, die Rolle der religiösen Führung und Interpretation.
3. Rituale und Gebete
Während die fünf Säulen des Islam (Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Almosen, Pilgerfahrt) für beide Gruppen gleichermaßen gelten, gibt es feine, aber bedeutsame Unterschiede in der praktischen Ausführung:
- Gebetszeiten: Sunniten verrichten in der Regel die fünf täglichen Gebete strikt getrennt zu bestimmten Zeiten. Schiiten fassen oft einige dieser Gebete zusammen, sodass sie drei Gebetszeiten am Tag haben (z.B. Mittags- und Nachmittagsgebet zusammen).
- Gebetshaltung: Schiiten legen beim Niederwerfen (Sujud) oft ihre Stirn auf ein kleines Stück Erde oder einen Tonstein (Turbah), der aus heiligen Stätten wie Kerbala stammt, um die direkte Verbindung zur Erde und zur Reinheit zu symbolisieren. Sunniten beten direkt auf dem Gebetsteppich.
- Glaubensbekenntnis (Schahada): Beide anerkennen die grundlegende Schahada: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Muhammad ist Sein Prophet.“ Schiiten fügen jedoch oft den Zusatz hinzu: „…und Ali ist der Freund Gottes“ oder „…und Ali ist der Statthalter Gottes“.
- Trauerrituale: Für Schiiten spielt das Aschura-Fest eine zentrale Rolle, bei dem sie des Martyriums von Imam Husain in Kerbala gedenken. Dieses Gedenken ist oft von tiefen Trauerzeremonien, Prozessionen und der Rezitation von Klageliedern begleitet. Sunniten betrachten diesen Tag ebenfalls als wichtig, aber mit weniger emotionaler und ritueller Bedeutung.
- Almosensteuer (Zakat/Khums): Beide praktizieren die Zakat (Pflichtabgabe). Schiiten haben zusätzlich die Pflicht zum Khums (ein Fünftel des Einkommens), der für religiöse Zwecke und die Unterstützung der Imame/Geistlichen verwendet wird.
4. Rechtsschulen
Die Interpretation der Scharia (islamisches Recht) erfolgt in verschiedenen Rechtsschulen:
- Sunniten: Folgen vier großen Rechtsschulen: Hanafi, Maliki, Shafi’i und Hanbali. Diese Schulen bieten unterschiedliche Interpretationen und Methoden zur Rechtsfindung, die jedoch alle als legitim anerkannt werden.
- Schiiten: Folgen hauptsächlich der Dschaʿfari-Schule, die eine eigene Interpretation des islamischen Rechts entwickelt hat, die sich stark auf die Lehren der Imame stützt.
5. Theologische Unterschiede
Über die Nachfolge hinaus gibt es subtile theologische Unterschiede. Schiiten betonen stärker die Rolle des menschlichen Willens und der Gerechtigkeit Gottes, während Sunniten die Allmacht Gottes und die Prädestination stärker hervorheben. Das Konzept der Imamat und der Unfehlbarkeit der Imame ist ein zentraler theologischer Pfeiler des Schiismus, der im Sunnitentum so nicht existiert.
Gemeinsamkeiten: Was Sunniten und Schiiten verbindet
Trotz der tief verwurzelten Unterschiede ist es von entscheidender Bedeutung zu betonen, dass Sunniten und Schiiten in den fundamentalen Glaubensgrundlagen des Islam übereinstimmen. Diese Gemeinsamkeiten sind die Basis ihres gemeinsamen Glaubens:
- Glaube an den einen Gott (Allah): Beide Konfessionen glauben an den strikten Monotheismus und an Allah als den einzigen Schöpfer und Herrn des Universums.
- Prophetschaft Muhammads: Beide erkennen Muhammad als den letzten Propheten Gottes und als das Siegel der Propheten an, durch den die endgültige Offenbarung an die Menschheit gesandt wurde.
- Der Koran: Sowohl Sunniten als auch Schiiten betrachten den Koran als das heilige Buch und die unveränderte Offenbarung Gottes. Er ist die höchste Quelle ihrer religiösen Lehre und Praxis.
- Die Fünf Säulen des Islam: Das Glaubensbekenntnis (Schahada), das Gebet (Salat), das Fasten im Ramadan (Saum), die Almosensteuer (Zakat) und die Pilgerfahrt nach Mekka (Hajj) sind für beide Gruppen verbindliche Pflichten und die grundlegenden Pfeiler ihres Glaubens.
- Gemeinsame Geschichte und Propheten: Beide Gruppen teilen viele historische Ereignisse und verehren dieselben Propheten des Islam und des Judentums/Christentums (z.B. Abraham, Moses, Jesus), die in den islamischen Traditionen erwähnt werden.
Diese Gemeinsamkeiten unterstreichen, dass Sunniten und Schiiten trotz ihrer Unterschiede Teil derselben globalen islamischen Gemeinschaft sind und einen gemeinsamen Weg der Hingabe an Gott teilen.
Politische Dimensionen des islamischen Schismas
Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten ist nicht nur eine theologische oder rituelle Angelegenheit; sie hatte und hat auch eine starke politische Komponente. Historisch gesehen führten die Differenzen oft zu politischen Machtkämpfen und Konflikten. Viele sunnitische Dynastien unterdrückten schiitische Minderheiten, und schiitische Reiche (wie die Safawiden im Iran) agierten oft feindlich gegenüber ihren sunnitischen Nachbarn.
Auch heute spielen die konfessionellen Unterschiede eine Rolle in geopolitischen Konflikten und Allianzen, insbesondere im Nahen Osten. Länder wie Saudi-Arabien und Ägypten repräsentieren oft sunnitische Interessen, während der Iran und der Irak stark schiitisch geprägt sind. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass diese religiöse Spaltung oft als Vorwand oder Katalysator für politische und wirtschaftliche Machtkämpfe dient, anstatt die alleinige Ursache der Konflikte zu sein. Die komplexen Interessen von Staaten, wirtschaftliche Ressourcen und regionale Hegemonialansprüche überlagern und verstärken die konfessionellen Spannungen.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was ist der Unterschied zwischen einem Imam und einem Sunniten?
Der Begriff "Imam" hat im Islam mehrere Bedeutungen, aber im Kontext der Sunniten und Schiiten gibt es einen entscheidenden Unterschied. Ein Sunnit ist ein Anhänger der sunnitischen Konfession des Islam. Ein Imam im sunnitischen Kontext ist meist ein Vorbeter in der Moschee, ein Gelehrter, oder jemand, der eine Gemeinde leitet. Diese Imame sind nicht unfehlbar und haben keine göttliche Autorität. Sie sind Gelehrte, die den Koran und die Hadithe interpretieren und lehren.

Für Schiiten hingegen ist der Imam eine zentrale, unfehlbare und von Gott bestimmte Führungsfigur aus der direkten Linie des Propheten Muhammad. Die Aussprüche und Lehren dieser schiitischen Imame besitzen für Schiiten dieselbe Lehrautorität wie der Koran selbst. Sunniten kennen keine solche unfehlbare Lehrinstitution wie den schiitischen Imam.
Was ist der Unterschied zwischen Sunniten und Gelehrten?
Hier liegt ein Missverständnis vor. Sunniten sind eine der beiden Hauptkonfessionen im Islam. Gelehrte (auf Arabisch: Ulama) sind religiöse Experten, Theologen und Rechtsgelehrte innerhalb des Islam. Es gibt also sunnitische Gelehrte und schiitische Gelehrte. Die Gelehrten sind die Hüter des Wissens und der Traditionen in beiden Konfessionen, aber ihre Rolle und Autorität unterscheiden sich, wie oben beschrieben (insbesondere im Vergleich zu den schiitischen Imamen).
Gibt es weitere islamische Strömungen außer Sunniten und Schiiten?
Ja, der Islam ist sehr vielfältig. Neben Sunniten und Schiiten gibt es kleinere Strömungen wie die Charidschiten, die die älteste Strömung des Islam bilden und sich früh abspalteten. Der Sufismus ist eine mystische Strömung, die asketische Ideale inkorporiert und sowohl im sunnitischen als auch im schiitischen Islam existiert. Eine weitere bedeutende sunnitische Gruppe sind die Wahhabiten, eine puritanische Bewegung des 18. Jahrhunderts, die in Saudi-Arabien Staatsreligion ist und auch in Katar weit verbreitet ist. Diese Gruppen haben jedoch im Vergleich zu Sunniten und Schiiten eine deutlich geringere Anhängerschaft.
Wie viele Sunniten und Schiiten gibt es weltweit?
Die genauen Zahlen schwanken, aber Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 90-95 Prozent der Muslime weltweit Sunniten sind, während die Schiiten etwa 10-15 Prozent ausmachen. Die größten schiitischen Bevölkerungen finden sich im Iran, im Irak, in Aserbaidschan, Bahrain und im Libanon, mit bedeutenden Minderheiten in vielen anderen Ländern.
Fazit: Verständnis als Weg zur Einheit
Der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten ist sowohl historisch als auch theologisch tief verwurzelt und wurde über Jahrhunderte durch politische und soziale Faktoren verstärkt. Während Sunniten eine stärker gemeinschaftsorientierte und konsensbasierte Nachfolgelösung bevorzugten, legen Schiiten besonderen Wert auf die spirituelle Führung durch Alis Nachkommen und die Imame.
Trotz dieser Differenzen verbindet beide Strömungen der gemeinsame Glaube an die Grundsätze des Islam: den einen Gott, den Propheten Muhammad und den Koran als göttliche Offenbarung. Die Herausforderung der heutigen Zeit besteht darin, diese Gemeinsamkeiten stärker in den Vordergrund zu rücken und religiöse Vielfalt als Chance statt als Konfliktquelle zu betrachten. Ein tieferes Verständnis der jeweiligen Perspektiven kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und den Weg zu mehr Toleranz und Einheit innerhalb der globalen muslimischen Gemeinschaft zu ebnen.
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