Welche Gebetszeiten gibt es für Aleviten?

Aleviten und Muslime: Ein tieferer Einblick

17/04/2024

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In Deutschland leben schätzungsweise 800.000 Aleviten, und ihre Religionsgemeinschaft ist hier offiziell anerkannt. Doch trotz ihrer Präsenz wissen viele Menschen wenig über das Alevitentum und stellen sich oft die Frage: Sind Aleviten Muslime? Diese Frage ist komplex und erfordert einen genaueren Blick auf die Ursprünge, Glaubensgrundsätze und Praktiken dieser einzigartigen spirituellen Tradition. Während Aleviten den islamischen Propheten Mohammed und seinen Schwiegersohn Ali im Gebet anrufen, unterscheiden sich ihre Lebensweise und Glaubensauffassung in vielen wesentlichen Punkten vom sunnitischen oder schiitischen Islam. Dieser Artikel beleuchtet die Kernaspekte des Alevitentums und zeigt auf, wo die Gemeinsamkeiten liegen und wo sich die Wege trennen.

Was ist der Unterschied zwischen Aleviten und Muslimen?
Als was sich die Gläubigen selbst betrachten, ist nicht einheitlich geregelt: Es gibt Aleviten, die sich als "wahre" Muslime sehen, es gibt solche, die das Alevitentum als eigenständige Konfession außerhalb des Islams ansehen. Folgen Aleviten muslimischen Regeln und Traditionen? Kaum.

Was ist das Alevitentum?

Das Alevitentum ist eine eigenständige Glaubensrichtung, die tiefe historische Wurzeln hat, die oft bis ins 7. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Es ist bekannt für seine starke Betonung der Innerlichkeit, der Menschlichkeit und der direkten Beziehung des Individuums zum Göttlichen. Im Gegensatz zu vielen anderen Religionen legt das Alevitentum großen Wert auf die Entscheidungs- und Glaubensfreiheit des Einzelnen. Es gibt keine Verpflichtung, bestimmte Rituale zu befolgen oder Dogmen zu glauben, was auch erklärt, warum Aleviten nicht missionieren. Ihre Gotteshäuser, die sogenannten Cem-Häuser, sind Orte der Zusammenkunft und des Gebets, wo Gläubige, unabhängig von Geschlecht oder Status, gemeinsam von Angesicht zu Angesicht sitzen und ihre Zeremonien abhalten.

Die Ursprünge des Alevitentums: Eine Debatte

Die Entstehungszeit des Alevitentums ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen und auch innerhalb der alevitischen Gemeinschaft gibt es verschiedene Ansichten. Eine weit verbreitete Position besagt, dass die Aleviten ursprünglich Muslime waren, die sich im frühen Islam von der sunnitischen Mehrheit abspalteten. Sie vertraten die Auffassung, dass der Prophet Mohammed kurz vor seinem Tod im Jahr 632 seinen Vetter und Schwiegersohn Ali zu seinem rechtmäßigen Nachfolger auserkoren hatte. Diese Sichtweise betont die Rolle Alis als zentraler Figur im alevitischen Glauben. Andere wiederum argumentieren, dass der alevitische Glaube älter ist als der Islam und Elemente vorislamischer anatolisch-religiöser Traditionen bewahrt hat, die sich später mit schiitischen und sufistischen Einflüssen vermischten.

Eine Schlüsselgestalt in der Verbreitung und Konsolidierung des alevitischen Glaubens war Hacı Bektaş Veli. Dieser große alevitische Gelehrte, der nach alevitischer Überlieferung in der 17. Generation von der Familie Mohammed-Alis abstammte, reiste im 13. Jahrhundert ins heutige Anatolien. Dort verbreitete er die alevitische Lehre und prägte sie nachhaltig. Noch heute befindet sich die größte alevitische Gemeinde in der Türkei, wo sie jedoch zunehmend unter Verfolgung und Diskriminierung leidet.

Glaube und Kernprinzipien: Woran glauben Aleviten?

Aleviten glauben an Hak, was als die Wahrheit oder das Göttliche verstanden wird, das in allem und jedem steckt. Ein zentraler Leitsatz von Hacı Bektaş Veli bringt dies auf den Punkt: „Suche Gott nicht in der Fremde! Gott ist in dir selbst, wenn du des reinen Herzens bist.“ Diese tief verankerte Überzeugung, dass das Göttliche im Menschen selbst zu finden ist, prägt viele alevitische Praktiken und Ansichten. Da das Gesicht des Menschen als das Gesicht Haks betrachtet wird, sitzen sich die Gläubigen bei Cem-Zeremonien von Angesicht zu Angesicht gegenüber, was eine Atmosphäre der Gleichheit und des gegenseitigen Respekts fördert.

Aufgrund der Überzeugung, dass alle Lebewesen etwas Göttliches in sich tragen, ist der respektvolle Umgang mit allen Menschen – unabhängig von ihrer Religion, Ethnie, Sexualität oder Herkunft – ein Grundpfeiler der alevitischen Lehre. Die alevitische Glaubenslehre basiert auf der Entscheidungs- und Glaubensfreiheit des Menschen. Niemand ist verpflichtet, etwas zu tun oder zu glauben, was nicht seinem inneren Überzeugung entspricht. Aus diesem Grund betreiben Aleviten auch keine Mission.

Ein weiterer fundamentaler Grundsatz, der den Aleviten den Weg weist, ist „eline beline diline sahip ol“. Übersetzt bedeutet dies: „Beherrsche deine Hände. Beherrsche deine Lende. Beherrsche deine Zunge.“ Dieser Dreiklang ist eine ethische Richtschnur, die das Handeln der Gläubigen leitet. Er fordert dazu auf, nicht zu stehlen, niemandem Leid zuzufügen, keinen Ehebruch zu begehen und nicht zu lügen oder jemanden zu verleugnen. Ein Leben, das sich an diesen Grundpfeilern orientiert und zusätzlich durch Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe geprägt ist, soll ein friedliches Zusammenleben aller Menschen ermöglichen. Das Einvernehmen der Menschen untereinander, genannt „Rızalık“, ist für Aleviten von größter Bedeutung. Im Idealfall wird auf Versammlungen so lange diskutiert, bis Konflikte und Probleme überwunden und ein Konsens hergestellt wurde.

Die alevitische Glaubenspraxis: Wie leben Aleviten ihren Glauben?

Der alevitische Glaube ist stark von Innerlichkeit geprägt und wird selten öffentlich zur Schau gestellt. Der Fokus liegt auf der persönlichen Beziehung jedes Individuums zum Göttlichen. Es gibt keine festen Gebetszeiten oder eine Pflicht zum Gebet. Jeder Gläubige hat die Freiheit, zu beten, wie und wann er möchte. Viele Aleviten nutzen jedoch den Donnerstagabend für ein Gebet, das sogenannte Muhabbet. Dabei wird eine Kerze als Symbol für das göttliche Licht angezündet, und es wird gebetet.

Im Alevitentum gibt es Fastenzeiten und mehrere Gedenk- und Feiertage, an denen sich Aleviten zu Andachtsgebeten treffen. Die wichtigsten Zusammenkünfte finden im Cem-Haus statt, dem alevitischen Gegenstück zu einer Kirche oder Moschee. Etwa fünf bis zehn Mal im Jahr kommen die Gemeindemitglieder für ihre Gottesdienste, die als Cem bezeichnet werden, zusammen. Das Wort Cem bedeutet so viel wie „Zusammenkunft“. Während des Cem werden Gebete, die sogenannten Gülbenks, und Gedichte alevitischer Heiliger rezitiert. Rituale, die Semahs genannt werden, werden aufgeführt, oft in Form von rituellen Tänzen. Darüber hinaus bespricht die Gemeinde Fragen und Probleme ihrer Mitglieder und arbeitet daran, „Rızalık“ (Einvernehmen) herzustellen.

Ein wichtiger Aspekt der alevitischen Praxis ist die Barmherzigkeit und Unterstützung Bedürftiger. Ganz im Sinne des Satzes von Hacı Bektaş Veli: „Betet nicht mit den Knien, sondern mit den Herzen“, verteilen Aleviten während ihres Gottesdienstes das „Lokma“, ein gesegnetes Essen, auch an Arme und Bedürftige. Der Dienst am Mitmenschen gilt im Alevitentum allgemein als „Gottesdienst“.

Aleviten und Muslime: Eine komplexe Beziehung

Die Frage, ob Aleviten Muslime sind, ist, wie eingangs erwähnt, nicht pauschal zu beantworten. In Deutschland ist das Alevitentum offiziell als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt. Innerhalb der alevitischen Gemeinschaft gibt es unterschiedliche Ansichten: Einige Aleviten sehen sich als „wahre“ Muslime, die die ursprüngliche, spirituelle Botschaft des Islam bewahrt haben, insbesondere die Betonung Alis. Andere betrachten das Alevitentum als eine eigenständige Konfession außerhalb des Islams, die eigene theologische und praktische Wege geht.

Die Unterschiede zu den gängigen muslimischen Regeln und Traditionen sind jedoch markant. Aleviten pilgern nicht nach Mekka, fasten nicht im Monat Ramadan und beten nicht fünfmal am Tag. In ihren Cem-Häusern gibt es keine Trennung zwischen Männern und Frauen; alle Gemeindemitglieder beten gemeinsam von Angesicht zu Angesicht. Auch der Genuss von Alkohol ist im Alevitentum nicht verboten, was eine deutliche Abweichung von der islamischen Norm darstellt. Für Aleviten sind weder die Korantexte noch die Hadithe (Sammlungen über die Taten und Sprüche Mohammeds) die alleinigen heiligen Schriften. Sie werden zwar als wichtige Texte anerkannt, aber nicht als absolute Autorität, da Aleviten die göttliche Wahrheit in allen heiligen Schriften und im Menschen selbst suchen.

Grundlegende Unterschiede zu Islam, Christentum und Judentum

Das Alevitentum unterscheidet sich grundlegend von vielen anderen monotheistischen Religionen, einschließlich des Islams, des Christentums und des Judentums, in einem entscheidenden Punkt: Es erhebt keinen Absolutheitsanspruch. Nach alevitischer Auffassung gibt es keine „einzig wahre Religion“. Stattdessen gibt es viele Religionen, die alle als gleichwertig betrachtet werden. Dies bedeutet, dass die Tora, die Bibel, der Koran und die Psalmen bei Aleviten alle den gleichen Stellenwert haben. Kein religiöser Glaube erhebt sich über den anderen. Diese offene und inklusive Haltung geht so weit, dass selbst der Atheismus von den Aleviten nicht abgelehnt, sondern mit dem gleichen Stellenwert wie andere Religionen versehen wird. Diese tief verwurzelte Toleranz und Offenheit für verschiedene spirituelle Wege ist ein Alleinstellungsmerkmal des Alevitentums.

Vergleich: Alevitentum vs. Sunnitischer Islam

Um die Unterschiede noch deutlicher zu machen, hier eine vergleichende Übersicht:

MerkmalAlevitentumSunnitischer Islam
Anerkennung in DeutschlandOffiziell eigenständige ReligionsgemeinschaftOffiziell anerkannte Religionsgemeinschaft
GebetszeitenKeine festen Pflichtgebete, individuelles GebetFünfmal täglich zu festen Zeiten
FastenmonatBestimmte Fasten- und Trauerzeiten (z.B. Muharrem), kein RamadanRamadan ist Pflicht
PilgerfahrtKeine Pilgerfahrt nach MekkaHadsch nach Mekka ist Pflicht (wenn möglich)
GotteshausCem-HausMoschee
Geschlechtertrennung im GotteshausNein, Männer und Frauen beten gemeinsamJa, oft getrennte Bereiche
AlkoholkonsumNicht verbotenVerboten
Heilige SchriftenKoran, Bibel, Tora, Psalmen als gleichwertig angesehenKoran als primäre und letzte Offenbarung
MissionierungNeinJa, Dawa (Einladung zum Islam) ist ein Prinzip

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind Aleviten Muslime?

Die Antwort ist komplex und variiert je nach Perspektive. Offiziell ist das Alevitentum in Deutschland eine eigenständige Religionsgemeinschaft. Innerhalb der alevitischen Gemeinschaft gibt es Gläubige, die sich als „wahre“ Muslime verstehen, die einer ursprünglichen Form des Islam folgen, während andere das Alevitentum als eine eigenständige Konfession außerhalb des Islam sehen. Die Praxis und Theologie weichen jedoch erheblich vom sunnitischen und schiitischen Islam ab.

Was ist ein Cem-Haus?

Ein Cem-Haus ist das Gotteshaus der Aleviten. Es dient als Ort der Zusammenkunft für Gebete, Rituale (Cem-Zeremonien) und Gemeinschaftsversammlungen. Im Gegensatz zu Moscheen gibt es hier keine Geschlechtertrennung, und alle Gläubigen sitzen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber, um die Gleichheit und Einheit zu betonen.

Was bedeutet der alevitische Grundsatz „eline beline diline sahip ol“?

Dieser zentrale Leitsatz bedeutet: „Beherrsche deine Hände. Beherrsche deine Lende. Beherrsche deine Zunge.“ Er steht für ethisches Handeln und moralische Integrität. Praktisch bedeutet es, nicht zu stehlen oder Gewalt anzuwenden (Hände), keinen Ehebruch zu begehen (Lende) und nicht zu lügen oder zu verleugnen (Zunge). Es ist eine Richtschnur für ein rechtschaffenes Leben.

Warum missionieren Aleviten nicht?

Aleviten missionieren nicht, weil ihr Glaube auf der Entscheidungs- und Glaubensfreiheit des Individuums basiert. Sie glauben nicht an eine „einzig wahre Religion“, sondern daran, dass das Göttliche in allem und jedem steckt und verschiedene Wege zur Wahrheit führen können. Jeder Mensch muss seinen eigenen spirituellen Weg finden, und es gibt keine Verpflichtung, sich einer bestimmten Glaubensrichtung anzuschließen.

Gibt es im Alevitentum eine Geistlichkeit?

Ja, im Alevitentum gibt es Geistliche, die als Dede bezeichnet werden. Ein Dede ist eine spirituelle Führungsperson, die die Cem-Zeremonien leitet und die Gemeinde in religiösen und moralischen Fragen berät. Die Rolle des Dede ist oft erblich und wird innerhalb bestimmter Familienlinien weitergegeben. Sie sind jedoch keine Priester im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr Vermittler von Wissen und Tradition.

Fazit

Das Alevitentum ist eine reiche und vielfältige spirituelle Tradition, die sich durch ihre Betonung von Menschlichkeit, Toleranz und individueller Freiheit auszeichnet. Während es historische Verbindungen zum Islam gibt und gemeinsame Figuren wie Mohammed und Ali verehrt werden, unterscheidet es sich in seiner Glaubenspraxis und theologischen Ausrichtung deutlich von den gängigen islamischen Strömungen. Die Anerkennung als eigenständige Religionsgemeinschaft in Deutschland und die einzigartigen Praktiken wie die Cem-Zeremonien ohne Geschlechtertrennung, die Wertschätzung aller heiligen Schriften und die Ablehnung eines Absolutheitsanspruchs unterstreichen seine Besonderheit. Das Verständnis des Alevitentums bereichert das Wissen über die Vielfalt religiöser und spiritueller Wege in unserer Welt und fördert den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen.

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