09/12/2023
Der Name Bernhard von Clairvaux hallt durch die Geschichte als einer der einflussreichsten Kirchenmänner des Mittelalters. Doch wer war dieser Mann, der nicht nur ein florierendes Kloster aufbaute, sondern auch Päpste beriet, Kreuzzüge predigte und eine tiefe, gefühlsbetonte Spiritualität lehrte, die bis heute nachwirkt? Sein Leben ist eine bemerkenswerte Mischung aus tiefer Kontemplation und unermüdlichem Engagement für die Kirche, geprägt von einer Persönlichkeit, die Menschen in ihren Bann zog und ganze Gemeinschaften transformierte.

Geboren im Jahre 1090 als Bernhard von Fontaine aus ritterlichem Geschlecht unweit von Dijon, genoss er zunächst das Leben in vollen Zügen. Doch eine tiefgreifende spirituelle Umkehr führte ihn 1112 an die Pforte des strengen Reformklosters von Cîteaux. Bernhard war keine gewöhnliche Persönlichkeit; er besaß eine unglaublich anziehende Ausstrahlung. So unglaublich, dass er nicht allein kam: Dreißig seiner Gefährten und Verwandten hatte er zum Eintritt in den Orden überredet. Dieser enorme Zustrom von Berufungen war der dringend benötigte Aufschwung für das dahinwelkende Cîteaux, das zu jener Zeit an seinen eigenen strengen Regeln zu zerbrechen drohte. Von diesem Moment an erlebte der Zisterzienserorden eine ungeahnte Blüte, und Bernhard kann mit Recht nach den Gründervätern Robert, Alberich und Stephan als der zweite Gründer dieses bedeutenden Ordens angesehen werden.
- Eine Explosion des klösterlichen Lebens: Clairvaux und seine Mönche
- Bernhard von Clairvaux: Mystiker, Kirchenlehrer und Diplomat
- Die "Menschlichkeit" Christi und Marias als Herzstück seiner Spiritualität
- Bernhards bleibendes Erbe: Theologie, Ästhetik und Gebet
- Häufig gestellte Fragen zu Bernhard von Clairvaux
Eine Explosion des klösterlichen Lebens: Clairvaux und seine Mönche
Bereits im Jahr 1115, im zarten Alter von 25 Jahren, wurde Bernhard als Abt zur Neugründung des Klosters Clairvaux ausgesandt. Dieses Amt sollte er bis zu seinem Tod, ganze 38 Jahre lang, mit unermüdlichem Eifer und zum Segen für Clairvaux, den Zisterzienserorden und die gesamte Kirche ausüben. Unter seiner Führung entwickelte sich Clairvaux zur bedeutendsten Zisterzienserabtei und wurde zu einem strahlenden Zentrum des mönchischen Lebens. Die Gemeinschaft in Clairvaux wuchs in atemberaubendem Tempo. Bald schon zählte die Gemeinschaft in Clairvaux 700 Mönche, eine Zahl, die das enorme Ansehen und die Anziehungskraft Bernhards eindrucksvoll belegt.
Dieser beispiellose Zulauf führte zu einer wahren Explosion von Klostergründungen in ganz Europa. Als Bernhard 1153 starb, waren allein von Clairvaux aus 67 Klöster gegründet worden. Insgesamt zählte der Zisterzienserorden zu diesem Zeitpunkt 343 oder sogar 344 Klöster im gesamten bewohnten Erdkreis, wobei 166 dieser Abteien direkt Bernhards geistlicher Führung unterstanden. Darunter befand sich auch das 1133 gegründete Heiligenkreuz. Diese beeindruckende Expansion zeigt nicht nur Bernhards organisatorisches Talent, sondern vor allem seine Fähigkeit, junge Männer für ein Leben in Askese und Gottesliebe zu begeistern – so sehr, dass er als „der Schrecken der Mütter und jungen Frauen“ galt, da er so viele ihrer Söhne und Verwandten für den Orden gewann.
Die Reform des Mönchtums: Cîteaux versus Cluny
Bernhard war ein glühender Verfechter einer strengen Auslegung der Benediktsregel. Sein schärfster Widerstand galt dem bis dahin dominierenden cluniazensischen Mönchtum, dessen Luxus und Untreue zur ursprünglichen Regel er heftig kritisierte. Während die Benediktiner ihre Niederlassungen oft auf Anhöhen mit prunkvollen Bauten errichteten, ordnete Bernhard sumpfige Täler mit Wäldern an, die gerodet werden mussten. Er betonte den Wert der körperlichen Arbeit gegenüber der geistigen und setzte sich für eine radikale Schlichtheit in allen Bereichen des Klosterlebens ein.
| Merkmal | Cluniazensisches Mönchtum | Zisterzienser (unter Bernhard) |
|---|---|---|
| Regelauslegung | Weniger streng, oft mit Anpassungen | Strikte Einhaltung der Benediktsregel |
| Reichtum/Luxus | Prunkvolle Kirchen, reiche Ausstattung | Radikale Schlichtheit, Ablehnung von Schmuck |
| Standort Wahl | Oft auf Höhen, repräsentative Orte | Sumpfige Täler, Wälder (Rodungsarbeit) |
| Arbeit | Betonung der geistigen Arbeit | Betonung der körperlichen Arbeit |
| Einfluss | Dominierend vor Bernhard | Neue Blüte und weitreichende Ausbreitung |
Bernhard von Clairvaux: Mystiker, Kirchenlehrer und Diplomat
Bernhard lebte die Askese, die er von seinen Mönchen verlangte, selbst so entschieden, dass er sich durch seine Härte und sein stetes Fasten ein unheilbares Magenleiden zuzog, dem er schließlich auch erliegen sollte. Doch sein scharfer Geist und seine feurige Art machten ihn zur einflussreichsten Persönlichkeit des Jahrhunderts. Er bereitete Synoden und Konzilien vor, kämpfte gegen Irrlehren und bekämpfte heftig den Rationalismus des Petrus Abaelard, dessen Lehrsätze er 1140 durch das Konzil von Sens verurteilen ließ. Als es zwei Päpste gab, verschaffte er dem rechtmäßigen, Innozenz II., die Anerkennung, kritisierte aber auch scharf die Verweltlichung des römischen Papsttums und ermahnte seinen ehemaligen Schüler, der unter dem Namen Eugen III. Papst wurde, sich nicht an die Schmeichelei und den materiellen Wohlstand des Papsthofes anzupassen. Sein Werk „De consideratione“ an Papst Eugen III. ist ein Zeugnis dieser väterlichen, aber auch kritischen Haltung.
Bernhards suggestive Kraft war so stark, dass er mit großem Erfolg den Zweiten Kreuzzug predigte. Selbst die Menschen in Deutschland ließen sich von seiner Predigt mitreißen, obwohl sie seine Sprache nicht verstanden. König Konrad III. selbst ließ sich zu Weihnachten 1146 im Dom von Speyer von Bernhards Kreuzzugspredigt begeistern und heftete sich das Kreuz der Kreuzfahrer an. Als der Kreuzzug durch Korruption und Fehlplanung kläglich scheiterte, nahm Bernhard demütig die Schuld dafür auf sich.

Bemerkenswert ist auch sein entschiedenes Eintreten für die Juden, als es in den rheinischen Landen zu grausamen Verfolgungen und Untaten kam: „Sie sind lebende Bilder der Leiden des Herrn.“ Wohin Bernhard kam, strömte das Volk zusammen, um den schmalen Mönch in der abgetragenen Kutte zu sehen. Sein hohes Ideal war jedoch stets das Leben der Gottesliebe in der Abgeschiedenheit des Klosters. So beklagte er heftig, dass er im Auftrag von Papst und Bischöfen so viel außerhalb des Klosters in der Welt herumziehen musste. Seine unzähligen Predigten, Abhandlungen und Briefe – über 300 Predigten und 545 Briefe sind erhalten – geben davon Zeugnis, dass Bernhard mit Recht von der Kirche als Kirchenlehrer verehrt wird. Dreimal lehnte er die ihm angetragene Bischofswürde ab.
Die "Menschlichkeit" Christi und Marias als Herzstück seiner Spiritualität
Im Mittelpunkt von Bernhards Liebe stand Jesus Christus. Während man Christus bislang oft als unnahbaren Weltenherrscher verehrte, verlagerte Bernhard die Akzente, indem er das konkrete Menschsein Christi verehrte. Die Niedrigkeit des menschgewordenen Gottessohnes, sein Hinabsteigen in die Krippe, in die Entbehrungen des menschlichen Lebens, in die Qual des Kreuzes – all das entflammte die Liebe Bernhards: „Jesus kennen, Jesus den Gekreuzigten, das ist der Kern meiner Philosophie.“ Daher wird Bernhard gerne dargestellt, wie der Gekreuzigte sich zu ihm hinabneigt und ihn liebevoll umarmt (das Amplexus-Motiv). Seine Christusfrömmigkeit war sehr affektiv, gemütsbetont und emotional, sein Predigt- und Redestil ebenso, sodass er später als Doctor mellifluus, als honigfließender Lehrer, tituliert wird.
Von der Verehrung der Menschlichkeit Christi ist es ein logischer Schritt zur Verehrung der jungfräulichen Mutter Maria. Für Bernhard war sie das Aquädukt, die Wasserleitung, durch die uns Christus zugekommen ist und durch die uns folglich auch heute alle Gnade zufließt. Bernhards Marienminne war von glühender Begeisterung. Er wird oft als „Doctor marianus“ bezeichnet, und noch heute sieht man im Fußboden des Domes von Speyer in goldenen Lettern die Anrufung eingelassen: „O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria“, die Bernhard dort während eines Gottesdienstes spontan an das Salve Regina angefügt haben soll. Seine Marienpredigten werden heute als Meisterwerke der Marienverehrung geschätzt.
Bernhards bleibendes Erbe: Theologie, Ästhetik und Gebet
Bernhards Denken kreiste vor allem um die Heilige Schrift und ihre Auslegung, mit dem Ziel, die Erfahrung Gottes und seiner Liebe mit Verstand und Herz zu erreichen. Theologische Neuerungen waren ihm suspekt, da er selbst ganz aus der tausendjährigen Tradition der Kirchenväter schöpfte. Die aufbrechende rationelle Theologie, wie sie ihm in Abaelard entgegentrat, bekämpfte Bernhard daher mit allen Mitteln. Dennoch beeinflusste sein Werk die Frömmigkeit der nächsten Jahrhunderte nachhaltig, und die Herz-Jesu-Verehrung wurzelt in der bernhardinischen Lehre.
Auch in der Ästhetik setzte Bernhard wichtige Akzente. Er setzte sich für Stilreinheit in der Musik und Architektur ein, wodurch die abendländische Baugeschichte wesentlich beeinflusst wurde. Da alle Kirchenbauten der Zisterzienser dieselben Dimensionen aufweisen sollten, sprach man nach Bernhards Architekturreform von einem „Bernhardinischen Plan“. Die Schlichtheit der Zisterzienserbauten zielte auf eine verstärkte spirituelle Konzentration ab, die nicht durch äußeren Schmuck abgelenkt werden sollte. Auch die Reform des gregorianischen Chorals wurde von ihm und seinen Mitarbeitern vorangetrieben.
Eines der wichtigsten Zeugnisse seiner Lehre ist seine Schrift über das Gebet, in der er die vier Stufen des Gebets unterscheidet:
- Die Stufe der Scham: Das Gebet des Anfängers, der von schlechten Gewohnheiten befreit werden möchte und sich seiner Sünden schämt.
- Die Stufe der Lauterkeit: Der Gereinigte, der seine Wunden vor Gott offenbart, um Heilung zu erfahren.
- Die Stufe der Weite: Das Gebet weitet sich und der Mensch betet nicht nur für sich, sondern auch für andere.
- Die Stufe der Hingabe: Der Mensch vertraut in seiner großen Liebe zu Gott, dass er das, worum er gebetet hat, bereits empfangen hat, und beginnt mit Danksagung.
Bernhard fragt sich auch, warum unser Beten oft wirkungslos erscheint. Er ermutigt uns, nicht nach dem Augenschein, sondern nach dem Urteil des Glaubens zu urteilen. „Niemand von euch, Brüder, achte das Gebet für gering, denn ich sage euch, auch der, zu dem wir beten, achtet es nicht für gering. Ehe es noch aus unserem Mund gekommen ist, lässt er es in seinem Buch aufschreiben.“ Gott wird uns entweder geben, worum wir bitten, oder das, was uns nach seiner Erkenntnis noch nützlicher ist. Unser Gebet sei niemals fruchtlos.
Seine berühmten Zitate zeugen von seiner tiefen Weisheit:
- „Gönne dich dir selbst! Ich sage nicht: Tu das immer. Aber ich sage: Tu es wieder einmal. Sei wie für alle anderen Menschen auch für dich selbst da.“
- „Wahre Liebe ist nicht ohne Lohn, doch sie liebt nicht für Lohn.“
- „Aus welchem Grund und mit welchem Maß soll man Gott lieben? Ich sage: Der Grund, weshalb wir Gott lieben sollen, ist ganz einfach Gott, und das Maß ist die Maßlosigkeit.“
Aufgerieben von den Anstrengungen seines mönchischen und kirchenpolitischen Wirkens, hager und abgemagert, starb Bernhard von Clairvaux am 20. August 1153 in seinem Kloster. Seine Mönche mussten ihn in aller Heimlichkeit begraben, da sie sonst der Menschenmassen nicht hätten Herr werden können, die den Heiligen noch ein letztes Mal sehen wollten. Schon 1174, einundzwanzig Jahre nach seinem Tod, wurde Bernhard heiliggesprochen. Später, im Jahr 1830, erfolgte die Ernennung zum Kirchenlehrer durch Papst Pius VIII.

Häufig gestellte Fragen zu Bernhard von Clairvaux
Wie viele Mönche lebten in Clairvaux zu Bernhards Zeit?
Unter der Führung Bernhards wuchs die Gemeinschaft in Clairvaux rasch und zählte bald bis zu 700 Mönche. Diese enorme Anzahl belegt die Anziehungskraft und den Erfolg Bernhards als Abt und Reformer.
Warum ist Bernhard von Clairvaux so berühmt?
Bernhard von Clairvaux ist aus mehreren Gründen berühmt: Er war der zweite Gründer des Zisterzienserordens, der diesen zu ungeahnter Blüte führte. Seine charismatische Persönlichkeit, seine Fähigkeit, Menschen zu inspirieren, und sein Einfluss auf die Kirchenpolitik seiner Zeit machten ihn zu einer Schlüsselfigur. Er kämpfte gegen Häresien, beriet Päpste, predigte Kreuzzüge und hinterließ ein umfassendes theologisches Werk, das ihn zum Kirchenlehrer machte. Seine tiefe Christus- und Marienfrömmigkeit prägte die Spiritualität über Jahrhunderte hinweg.
Lehnte Bernhard von Clairvaux Bischofsämter ab?
Ja, Bernhard von Clairvaux lehnte die ihm mehrfach angetragene Bischofswürde entschieden ab. Er sah seine wahre Berufung im klösterlichen Leben und im Amt des Abtes von Clairvaux, obwohl er durch seine kirchlichen und politischen Aktivitäten oft außerhalb des Klosters unterwegs war.
Was ist der „Bernhardinische Plan“?
Der „Bernhardinische Plan“ bezieht sich auf Bernhards Einfluss auf die Architektur der Zisterzienserklöster. Er setzte sich für eine radikale Schlichtheit und Funktionalität der Bauten ein, die jeglichen unnötigen Prunk und figürliche Ausgestaltung vermied. Ziel war es, Ablenkungen zu minimieren und die spirituelle Konzentration der Mönche zu fördern. Alle Zisterzienserbauten sollten dieselben Dimensionen aufweisen.
Was bedeutet der Beiname „Doctor mellifluus“?
„Doctor mellifluus“ bedeutet „honigfließender Lehrer“. Dieser Beiname wurde Bernhard von seinen Zeitgenossen verliehen und bezieht sich auf seine außergewöhnliche Beredsamkeit und die Süße und Eindringlichkeit seiner Predigten. Seine Worte sollen wie Honig aus seinem Mund geflossen sein, was seine Fähigkeit unterstreicht, Menschen zu bewegen und zu überzeugen.
Bernhard von Clairvaux bleibt eine Ausnahmeerscheinung der Kirchengeschichte – ein „Adler, der in die Sonne blickt“, wie ihn die heilige Hildegard von Bingen nannte. Sein Vermächtnis lebt nicht nur in den erhaltenen Ruinen seiner Klöster, sondern vor allem in der tiefen Spiritualität, die er lehrte und vorlebte, fort.
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