Wie bestreiten Mönche ihren Lebensunterhalt?

Benediktinisches Leben: Ora et Labora et Lege

01/02/2023

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Das benediktinische Leben, oft zusammengefasst in dem prägnanten Dreiklang „Ora et labora et lege“ – „Bete und arbeite und lies“ – ist weit mehr als nur ein Slogan; es ist eine tiefgreifende Philosophie für ein gelingendes geistliches Dasein. Dieses ausgewogene Maß an Gebet, körperlicher Arbeit und geistlicher Lesung bildet das Fundament, auf dem die Lebensweise der Benediktiner seit Jahrhunderten ruht und das auch heute noch unzählige Menschen inspiriert, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Klostermauern. Doch was genau verbirgt sich hinter dieser scheinbar einfachen Formel, und wie wird sie in der Praxis gelebt?

Die Regula Benedicti, die um 540 von Benedikt von Nursia verfasst wurde, ist keine starre Gesetzessammlung, sondern vielmehr eine Art „Corporate Identity“ für den Benediktinerorden. Sie bietet einen Rahmen, eine Richtschnur, die Raum für individuelle Auslegung und Anpassung lässt, ohne dabei ihre grundlegenden Prinzipien zu verlieren. Dies erklärt auch, warum einzelne Benediktinerklöster die Regel in ihrem Alltag unterschiedlich interpretieren können, während der Geist der Regel stets erhalten bleibt. Es ist diese Flexibilität, gepaart mit einer tiefen Verwurzelung in der Gottsuche, die die Regel so langlebig und relevant macht.

Was ist das Ziel des Stundengebets?
Sinn des Stundengebets ist es, einzelne Tageszeiten mit ihrer Besonderheit vor Gott zu bringen und zugleich das Gebet der Kirche rund um die Erde nicht abreißen zu lassen: „Betet ohne Unterlass.“ (1 Thess 5,1) Das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnete die „Heiligung des Tages“ als das Ziel des Stundengebetes.
Inhaltsverzeichnis

Die Wurzeln der Weisheit: Quellen der Benediktsregel

Benedikt schöpfte für seine Regula Benedicti (RB) aus verschiedenen Quellen, die sein Werk zu einem reichhaltigen Kompendium der monastischen Weisheit machten. Die wichtigste Quelle war für ihn stets die Heilige Schrift. Es wird angenommen, dass zu Benedikts Zeiten jeder Mönch die Bibel auswendig kannte und für jeden Abschnitt der Regel sofort die passende biblische Stelle im Kopf hatte. Dies unterstreicht die tiefe Verankerung des benediktinischen Lebens im Wort Gottes.

Eine weitere wesentliche Grundlage war die sogenannte Regula Magistri (Regel des Meisters). Benedikt bediente sich teilweise wörtlich aus ihr, wich aber an anderen Stellen bewusst ab. Der grundlegende Unterschied liegt in der Auffassung vom einzelnen Mönch: Während die Magisterregel den Mönch als unmündigen Schüler sah, der lernen musste, betrachtet die Benediktsregel ihn als einen Menschen, bei dem die Entscheidungsfähigkeit bereits Voraussetzung für den Klostereintritt ist. Dies zeugt von Benedikts Respekt vor der menschlichen Autonomie und dem Glauben an das Potenzial jedes Einzelnen.

Zusätzlich zu diesen Hauptquellen sind Augustinus und der Abt Johannes Kassian zu nennen. Von Kassian übernahm Benedikt den Gedanken der „Discretio“, der maßvollen Unterscheidung. Im Kapitel 64 der Regel, das sich mit dem Abt befasst, wird diese maßvolle Unterscheidung als die „Mutter aller Tugenden“ (RB 64,17) bezeichnet. Diese Eigenschaft der Klugheit und des Augenmaßes ist entscheidend für die Führung einer Gemeinschaft und die individuelle geistliche Entwicklung. Im Abschlusskapitel empfiehlt Benedikt zudem „die Regel unseres heiligen Vaters Basilius“ (RB 73,5), was Basilius einen besonderen Stellenwert innerhalb der benediktinischen Tradition einräumt.

Struktur und Inhalt: Ein Wegweiser für das Leben

Die Mönchsregel der Benediktiner ist in 73 Kapitel unterteilt, wobei angenommen wird, dass die Kapitel 67 bis 73 erst später von Benedikt hinzugefügt wurden, um auf bestimmte Besonderheiten einzugehen. Vor diesen thematischen Kapiteln steht der Prolog, der sich inhaltlich an der Taufkatechese und der Magisterregel orientiert und diese zusammenfasst. Er ist ein Aufruf zum Leben und zur Gottsuche.

Im 15. Vers des Prologs wird deutlich, worauf das Leben eines Mönches ausgerichtet sein soll: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ Dieser Vers verweist direkt auf Joh 11,25: „Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Dies unterstreicht die unbedingte Gottes- und Christusliebe des Mönchs. Die Christusliebe ist ein wiederkehrendes Motiv in der Regel: „Der Liebe zu Christus ist nichts vorzuziehen“ (RB 4,21) und das „letzte Wort“ Benedikts im vorletzten Kapitel: „Christus sollen sie überhaupt nichts vorziehen“ (RB 72,11).

Der Prolog zeigt aber auch die Schwächen und Herausforderungen für den Mönch auf. Der persönliche Weg „kann am Anfang nicht anders sein als eng“ (Prol. 48), doch Benedikt verweist am Abschluss des Prologs auf die freie Entscheidung und den Willen jedes Mönches, sich an die Regel und die Gebote Gottes zu halten. Es ist ein Weg, der bewusst gewählt wird und Hingabe erfordert.

Thematische Gliederung der Regula Benedicti

Um die Vielfalt und Tiefe der Regula Benedicti besser zu verstehen, hilft ein Blick auf ihre thematische Gliederung:

KapitelbereicheThematischer Fokus
1 bis 7Starker Bezug zur Magisterregel, grundlegende Prinzipien des Klosterlebens.
8 bis 20Die Liturgiekapitel: Genaue Anweisungen zum gemeinsamen Stundengebet (Ora).
21 und 22Das tägliche Leben der Mönche, ihre Ordnung und ihr Zusammenleben.
23 bis 30Die „Strafkapitel“: Regelungen zur Wahrung des Friedens und der Ordnung im Kloster.
31 bis 41Güter, Dienste und Versorgung der Mönchsgemeinschaft, wirtschaftliche Aspekte.
42 bis 52Die Zeiteinteilung des Tages, Organisation von Arbeit und Gebet.
53 bis 61Das Kloster in Beziehung zur Außenwelt, Aufnahme von Gästen und Novizen.
62 bis 66Festlegung von Rangordnung und Ämtern innerhalb der Gemeinschaft.
67 bis 73Spirituelle Ebene und das gemeinsame Leben, abschließende Ratschläge.

Ora et Labora et Lege: Die Säulen des benediktinischen Lebens

Obwohl die Formel „Ora et labora“ nicht wörtlich in der Benediktsregel zu finden ist, fasst sie doch die Essenz des monastischen Lebens treffend zusammen. Tatsächlich wäre es genauer, „Ora et labora et lege“ zu sagen, da die geistliche Lesung (Lectio Divina) eine ebenso zentrale Rolle spielt.

Ora: Das Gebet als Herzstück

Das gemeinsame Stundengebet (Ora) ist eine der tragenden Säulen der Mönchsgemeinschaft. In den Liturgiekapiteln gibt Benedikt genaue Anweisungen, wie dieses abzulaufen hat, wann welche Psalmen gesungen werden und mit welcher inneren Haltung die Brüder zum Gebet kommen sollen. Er legt Wert darauf, dass es nicht darum geht, viele fromme Worte zu sprechen, sondern fordert beim Gebet „die Lauterkeit des Herzens“ (RB 20,3). Die Wichtigkeit des Gebets wird auch in einem der sogenannten Strafkapitel betont: „Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden“ (RB 43,3). Dies bedeutet, dass der Mönch jede noch so wichtige Arbeit zu unterbrechen hat, wenn es Zeit für den Gottesdienst ist. Das Gebet steht über allem, es ist der Atem des geistlichen Lebens, die direkte Verbindung zu Gott.

Labora: Arbeit und Eigenständigkeit

Doch auch auf die Arbeit (et labora) und wirtschaftliche Eigenständigkeit legt Benedikt großen Wert. Mönche zeigen durch die eigene Arbeit nicht nur ihre Armut – denn wer reich ist, braucht nicht zu arbeiten –, sondern bestreiten mit dieser ihren Lebensunterhalt. Der berühmte Satz „Müßiggang ist der Seele Feind“ (RB 48,1) unterstreicht die Bedeutung der Arbeit. Deshalb sind die Mönche gefordert, neben ihrer geistlichen Lektüre (et lege) die „notwendigen Arbeiten“ (RB 48,3) im Kloster auszuüben. Benediktinerklöster waren in der Vergangenheit stets Orte des Handwerks und zeichnen sich auch heute noch dadurch aus. Dies kann vielfältig sein, wie die Abtei Plankstetten, die als „Ökokloster“ bekannt ist, beweist. Das Handwerk der Mönche muss sich aber durch eines auszeichnen: „Ut in onmnibus glorificetur deus – damit in allem Gott verherrlicht werde“ (RB 57,9). Alles, was der Mönch tut, wie er handelt und wie er lebt, richtet er an Gott aus. Die Arbeit ist somit nicht nur Mittel zum Zweck, sondern ein Akt der Gottesverehrung.

Lege: Die geistliche Lesung

Die dritte Säule, die geistliche Lesung (Lectio Divina), ist für die persönliche Entwicklung des Mönches unerlässlich. Sie ergänzt Gebet und Arbeit, indem sie den Geist nährt und die Seele auf die Gottsuche vorbereitet. Durch das vertiefte Lesen der Heiligen Schrift und anderer spiritueller Texte erfährt der Mönch Führung, Inspiration und Wachstum in seinem Glauben. Es ist ein aktiver Prozess des Zuhörens und Verinnerlichens, der die Beziehung zu Gott vertieft und zur inneren Transformation beiträgt.

Ist das Fasten eine persönliche Angelegenheit?
Für Schwester Barbara von den Missionsschwestern vom Heiligsten Erlöser ist das Fasten in erster Linie eine persönliche Angelegenheit. In ihrer Gemeinschaft gibt es keine Vorgaben oder Leitlinien.

Die Gottsuche: Ein lebenslanger Prozess

Ein zentrales Element der Benediktsregel ist die Gottsuche des Mönchs. Diese wird im 58. Kapitel, in dem es um die Aufnahme von Brüdern geht, herausgestellt: „Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht“ (RB 58,7). Sie ist auch für den Mönch als Prozess zu sehen, der nicht das „Fertigwerden“ zum Ziel hat. Auch der Prolog verweist auf dieses Vorwärtsgehen im eigenen Glauben und der Ausrichtung nach dem Wort Gottes. Die Individualität des persönlichen Weges ist Benedikt bewusst. Er verlangt von den Mönchen, sich als Gemeinschaft mit Gott auf diesen Weg zu machen. Es ist eine fortwährende Reise, ein Wachstum in der Beziehung zu Gott, das nie abgeschlossen ist.

Benedikt schreibt aus seiner Erfahrung heraus und immer in dem Wissen, dass zwischen Ideal und Wirklichkeit durchaus Unterschiede bestehen können. Dennoch bleibt die Gottsuche das übergeordnete Ziel, das alle Aspekte des benediktinischen Lebens durchdringt und ihnen Sinn verleiht.

Anpassungsfähigkeit und Relevanz für Nicht-Mönche

Die Benediktsregel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und erlaubt durchaus Unterschiede in der Auslegung. Benedikt selbst macht dies im letzten Kapitel klar, indem er „diese einfache Regel als Anfang“ benennt. Dies ist ein entscheidender Punkt, der die Regel über die Jahrhunderte hinweg relevant gehalten hat. Sie ist kein starres Dogma, sondern ein lebendiger Leitfaden.

Sogar Benedikt war sich bewusst, dass seine Regel auch für Laienmitglieder von Bedeutung sein kann, da seit Beginn des Ordens auch Nicht-Mönche seiner Regel gefolgt sind. Die Prinzipien der Balance, der Struktur, des Gebets, der Arbeit und der inneren Einkehr sind universell anwendbar. Sie bieten einen Weg zur Gottsuche – innerhalb und außerhalb des Klosters. Für viele Menschen in der heutigen, oft hektischen Welt, kann die benediktinische Lebensweise eine Inspiration sein, um mehr Achtsamkeit, Sinnhaftigkeit und Ruhe in ihren Alltag zu integrieren.

Häufig gestellte Fragen zum benediktinischen Leben

Das benediktinische Leben wirft viele Fragen auf, besonders für diejenigen, die sich erstmals damit beschäftigen. Hier sind Antworten auf einige der häufigsten:

Was bedeutet „Ora et labora et lege“ genau?

„Ora et labora et lege“ bedeutet „Bete und arbeite und lies“. Es fasst die drei zentralen Säulen des benediktinischen Lebens zusammen: das gemeinsame und persönliche Gebet (Ora), die körperliche und geistige Arbeit zur Sicherung des Lebensunterhalts und zur Vermeidung von Müßiggang (Labora) sowie die geistliche Lesung und Meditation der Heiligen Schrift (Lege). Obwohl die genaue Formulierung nicht direkt in der Benediktsregel steht, beschreibt sie deren Kerngehalt perfekt.

Ist die Benediktsregel ein starres Gesetzbuch?

Nein, die Benediktsregel ist kein starres Gesetzbuch im modernen Sinne. Benedikt von Nursia verstand sie eher als einen Wegweiser oder eine Richtschnur für ein gelingendes geistliches Leben. Sie bietet einen Rahmen, der Raum für Interpretation und Anpassung an die jeweiligen Umstände eines Klosters oder einer Gemeinschaft lässt. Sie ist flexibel genug, um seit über 1400 Jahren relevant zu bleiben und sich in unterschiedlichen Kontexten zu entfalten.

Wie bestreiten Benediktinermönche ihren Lebensunterhalt?

Benediktinermönche bestreiten ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit, ganz im Sinne des „Labora“-Prinzips. Dies kann vielfältige Formen annehmen: von traditionellen Handwerken wie Buchbinderei, Brauerei oder Landwirtschaft bis hin zu modernen Betrieben wie ökologischer Landwirtschaft (wie im Falle der Abtei Plankstetten), Bildungseinrichtungen oder der Verwaltung von Immobilien. Die Arbeit dient nicht nur der materiellen Versorgung, sondern auch der Vermeidung von Müßiggang und der Verherrlichung Gottes.

Kann die Benediktsregel auch für Nicht-Mönche relevant sein?

Absolut. Obwohl die Regel ursprünglich für Mönche geschrieben wurde, enthalten ihre Prinzipien zeitlose Weisheiten, die für jeden Menschen auf der Gottsuche relevant sein können. Aspekte wie das Finden einer Balance zwischen Arbeit und Ruhe, die Bedeutung von Gemeinschaft, die Praxis der Achtsamkeit im Alltag, die Tugend der Discretio (maßvolles Unterscheiden) und die Priorität des Spirituellen bieten wertvolle Orientierung für ein erfülltes Leben, unabhängig vom Glauben oder Lebensstil.

Was ist die „Gottsuche“ im benediktinischen Sinne?

Die Gottsuche ist im benediktinischen Sinne ein zentraler, lebenslanger Prozess. Es geht darum, bewusst die Beziehung zu Gott zu pflegen, ihn in allen Aspekten des Lebens zu suchen und sich ihm zuzuwenden. Dies geschieht durch Gebet, Arbeit, geistliche Lesung, das Leben in Gemeinschaft und die ständige Bereitschaft, sich von Gottes Wort leiten zu lassen. Es ist keine einmalige Entscheidung, sondern ein fortwährender Weg der persönlichen und spirituellen Entwicklung, der nie vollständig abgeschlossen ist.

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