03/09/2021
Das Neue Testament, die Grundlage des christlichen Glaubens, entstand in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr. in Form von Briefen und Berichten. Ursprünglich wurden diese Texte auf Papyrus geschrieben, einem Material, das zwar weit verbreitet, aber nicht für seine Dauerhaftigkeit bekannt war. Dies führte dazu, dass die Originale der apostolischen Sendeschreiben, die sogenannten Autographen, schon bald nach ihrer Entstehung unbrauchbar wurden. Doch Gottes Wort sollte nicht verloren gehen. Die frühen Christen erkannten die göttliche Botschaft in diesen Schriften und begannen, unzählige Abschriften anzufertigen, um die wertvollen Inhalte zu bewahren und weiterzugeben. Diese sorgfältige Kopiertätigkeit ist der Grund, warum wir heute Zugang zu den Texten des Neuen Testaments haben. Die Erforschung dieser alten Handschriften ist ein spannendes Feld, das uns tiefe Einblicke in die Überlieferungsgeschichte der Bibel ermöglicht.

Wenn wir heute eine solche neutestamentliche Handschrift vor uns hätten, wäre das erste, was wir versuchen würden festzustellen, ihr Alter. Um das Alter einer Handschrift zu bestimmen, müssen Experten sie sorgfältig untersuchen. Dabei werden verschiedene Merkmale analysiert: Sind es Gross- oder Kleinbuchstaben? Sind die Wörter alle zusammengeschrieben, oder gibt es Abstände dazwischen? Wie viele Spalten stehen auf einer Seite, und wie lang sind sie? Sind Satzzeichen oder Abschnitte vorhanden? Welche Form haben die Buchstaben? Sind sie schmucklos und einfach oder sorgfältig ausgearbeitet und verziert? Dies sind nur einige der grundlegenden Gesichtspunkte, nach denen man eine Handschrift beurteilt. Ein Spezialist achtet noch auf viele andere feine Details und kann durch Fachkenntnis und Erfahrung das genaue Alter einer jeden Handschrift bestimmen.
- Zwei Haupttypen von Handschriften: Unziale und Kursive
- Die wichtigsten Unzialschriften: Die „Grossen Drei“
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- 1. Nennen Sie einige Punkte, nach denen Handschriften beurteilt werden.
- 2. Erklären Sie den Unterschied zwischen Unziale und Kursive. Welche der beiden Gruppen ist die wichtigere als Beweis der neutestamentlichen Texte? Warum?
- 3. Nennen Sie die drei ältesten und wertvollsten Abschriften des Neuen Testamentes. Wo befindet sich jede dieser Handschriften heute?
- 4. Nennen Sie kurz einige Hauptmerkmale des Codex Vaticanus.
- 5. Wer war Constantin v. Tischendorf? Welche Rolle spielte er in der „Entdeckung“ des Codex Sinaiticus?
- 6. Konnte Luther sich schon auf die drei grossen Handschriften stützen, als er die Bibel übersetzte?
- Zusammenfassung
Zwei Haupttypen von Handschriften: Unziale und Kursive
Die Form der Buchstaben ist ein entscheidendes Kriterium zur Klassifizierung neutestamentlicher Handschriften. Es gibt zwei Haupttypen, die sich in ihrer Schriftart unterscheiden:
Die Unzialschriften
Die ältesten und somit wichtigsten Dokumente sind in Grossbuchstaben geschrieben und als Unziale bekannt. Diese Schriftart zeichnet sich dadurch aus, dass die Buchstaben einzeln und ohne Raum zwischen den Wörtern sowie ohne Interpunktion gesetzt wurden. Dies bedeutet, dass ein Textabschnitt wie der Beginn des Römerbriefes in einer Unzialschrift etwa so ausgesehen haben könnte:
PAULUSEINKNECHTJESUCHRISTIBERUFENZUMAPOSTELAUSGESONDERTZUPREDIGENDAS EVANGELIUMGOTTESWELCHESERZUVORVERHEISSENHATDURCH...
Dies veranschaulicht, wie der Originalbrief des Apostels Paulus ausgesehen haben mag, wobei zu beachten ist, dass er natürlich in Griechisch schrieb und möglicherweise Abkürzungen für bekannte Worte verwendete. Angefangene Wörter wurden oft auf der nächsten Zeile weitergeschrieben, um eine gerade Spalte zu erhalten. Die Unzialschrift war bis ins 9. Jahrhundert n. Chr. üblich.
Die Kursivschriften (Minuskeln)
Die meisten Handschriften, die wir heute besitzen, haben eine kleine, flüssige Schrift und sind als Kursive oder Minuskel bekannt. Diese Schriftart entstand erst nach dem 9. Jahrhundert und ist daher jünger und im Allgemeinen weniger wertvoll für die Bestimmung des ursprünglichen Textes. Die Minuskel beanspruchte weniger Raum, was die Bücher handlicher machte.
Es gibt heute etwa 4.500 bekannte neutestamentliche Handschriften. Es ist bemerkenswert, dass nur wenige davon das gesamte Neue Testament umfassen. Dies liegt daran, dass eine handgeschriebene Kopie aller 27 Bücher des Neuen Testaments viel zu unhandlich gewesen wäre. Um die Handhabung zu erleichtern, wurde das Neue Testament im Allgemeinen in vier Einteilungen kopiert:
- Die vier Evangelien
- Die Apostelgeschichte und die allgemeinen Briefe
- Die paulinischen Briefe
- Die Offenbarung
Oft wurden die Gruppen 2, 3 und 4 zu einem zweiten Band zusammengefasst, während der erste Band die vier Evangelien umfasste. Aus diesem Grunde enthalten die meisten Handschriften, die wir heute haben, nicht alle 27 Bücher.
Von den bekannten 4.500 Handschriften sind die meisten Kursive, die aus der Zeit vom 9. bis zum 15. Jahrhundert stammen. Wir besitzen jedoch auch etwa 300 Unzialschriften, die deutlich älter sind und somit einen unschätzbaren Wert für die Textforschung darstellen. Unter diesen Unzialen befinden sich etwa 70 Papyrusdokumente aus dem 2. bis 4. Jahrhundert. Manchmal wurde sogar auf zerbrochene Töpferware, sogenannte Ostraka, geschrieben; von diesen sind uns etwa 30 Fragmente mit Teilen des Neuen Testaments erhalten geblieben. Solche Funde, insbesondere die Papyri und Ostraka, wurden meist in den letzten 50 Jahren gemacht und haben unser Wissen über den neutestamentlichen Text erheblich erweitert. Zusätzlich zu den Papyri und Ostraka existieren etwa 200 Unzialhandschriften auf Pergament, die vom 4. bis zum 9. Jahrhundert datieren.
Die wichtigsten Unzialschriften: Die „Grossen Drei“
Die ältesten Abschriften der Bibel sind bei weitem die wichtigsten, da sie uns dem Originaltext am nächsten bringen. Glücklicherweise sind unsere ältesten Pergamenthandschriften vollständige oder fast vollständige Abschriften des Neuen Testaments. Von diesen besonders alten und wichtigen Kopien gibt es drei herausragende Exemplare. Sie sind bekannt als Codex Vaticanus, Codex Sinaiticus und Codex Alexandrinus und datieren etwa auf 300 – 450 n. Chr. Obwohl sie gealtert, abgenutzt und verblasst sind, bilden sie den grössten Dokumentenschatz der Christenheit und sind die ältesten erhaltenen Bibeln der Welt.
Der Codex Vaticanus (Codex B)
Diese Handschrift aus dem 4. Jahrhundert wird weithin als das älteste und wichtigste vollständige Zeugnis des Neuen Testaments anerkannt. Sie befindet sich seit mindestens 400 bis 500 Jahren in der berühmten Bibliothek des Vatikans. Dort wurde die Handschrift dank päpstlicher Autorität über die Jahrhunderte so gut bewacht, dass sie erst seit kurzer Zeit für die breite Gelehrtenwelt zugänglich ist. Im letzten Jahrhundert wurde renommierten Textforschern wie S. P. Tregelles und Constantin v. Tischendorf das Studium dieses Meisterstücks nur unter Aufsicht gewissenhafter Priester gestattet; eine Erlaubnis zum Abschreiben wurde ihnen nicht erteilt. In jüngerer Zeit jedoch wurde durch genaue Nachbildungen und Mikrofilme der gesamte Text des Codex Vaticanus der Welt verfügbar gemacht, was eine enorme Erleichterung für die wissenschaftliche Forschung darstellt.
Der Codex Vaticanus ist ein seltenes Wertstück, da er in griechischer Sprache fast das gesamte Alte und Neue Testament enthält. Einige Teile fehlen jedoch: Der Anfang bis 1. Mose 46,28 ist verlorengegangen, ebenso einige Psalmen (Psalm 106–138), das Ende des Hebräerbriefes (Hebräer 9,14 bis zum Ende), die Briefe an Timotheus und Titus sowie die Offenbarung. Die Handschrift ist in Buchform gebunden, also ein Kodex, und umfasst 759 Seiten feinstes Pergament. Jede Seite misst etwa 27 cm im Quadrat und ist dreispaltig beschrieben. Die ursprüngliche Schönheit der Handschrift wurde von einem späteren Schreiber verdorben, der nachkommenden Generationen einen Dienst erweisen wollte, indem er die alten Buchstaben überschrieb, deren Tinte zu verblassen begann. In Wirklichkeit hätte uns der Schreiber einen grösseren Dienst erwiesen, wenn er die Handschrift unverändert gelassen hätte, denn sogar nach 1600 Jahren sind die Originalbuchstaben noch zu sehen.
Trotz seiner Lücken wird der Codex Vaticanus als die genaueste bekannte Abschrift des Neuen Testaments angesehen. Diese Handschrift ist nicht nur die älteste der grossen Unzialschriften; umfassende Studien haben gezeigt, dass sie auch den reinsten Text enthält. Unsere heutigen griechischen Texte basieren weitgehend auf dem Codex Vaticanus. Ein weiterer bemerkenswerter Punkt betrifft das Ende des Markusevangeliums: Diese Handschrift enthält die Verse Markus 16,9–20 nicht. Aus unbekannten Gründen jedoch hat der Schreiber an dieser Stelle mehr als eine Spalte in seiner Handschrift freigelassen. Dies scheint zu zeigen, dass ihm die Existenz der fraglichen Texte bekannt war, er sich aber nicht entscheiden konnte, ob er sie einfügen sollte oder nicht.
Der Codex Sinaiticus (Codex Aleph)
Fast genauso wichtig wie der Codex Vaticanus ist der Codex Sinaiticus, auch bekannt als Codex Aleph (nach dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets). Diese Handschrift wurde von dem grossen Textforscher Constantin v. Tischendorf in dem St. Katharinen-Kloster auf dem Berge Sinai „entdeckt“ und wird darum Codex Sinaiticus genannt.
Die Entdeckung des Sinai-Kodex ist eine der erstaunlichsten Geschichten in der Geschichte der Bibel. Als Tischendorf 1844 dieses Kloster besuchte, stiess er auf einen Korb voll alter Pergamente, die zum Verbrennen bestimmt waren. Bei näherer Untersuchung fand er zahlreiche Seiten der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes, insgesamt 129 grosse Pergamentblätter. Tischendorf hatte sich schon mit vielen Handschriften beschäftigt, aber diese Blätter waren ganz eindeutig die ältesten, die er je gesehen hatte. Es wurde ihm erlaubt, 43 dieser alten Blätter mitzunehmen, aber er konnte die Sensation seiner Entdeckung nicht für sich behalten. Seine Erregung über den Fund weckte das Misstrauen der Klostervorsteher, so dass sie ihm fortan nicht mehr behilflich waren. Während der nächsten 15 Jahre versuchte Tischendorf, weitere Handschriften zu finden, aber seine Suche war vergeblich.

Im Jahre 1859 war Tischendorf wieder auf der Suche nach den kostbaren Dokumenten. Inzwischen hatte er Freundschaft mit dem russischen Zaren Alexander II. geschlossen; da St. Katharina ein griechisch-orthodoxes Kloster ist, konnte ihm die Gönnerschaft des russischen Herrschers sehr wertvoll sein. Mit Unterstützung des Zaren kam Tischendorf also wieder zu dem Berge Sinai. Seine tagelangen sorgfältigen Untersuchungen blieben ergebnislos. Am Vorabend seiner festgesetzten Abreise erwähnte der Verwalter des Klosters zufällig eine in seinem Besitz befindliche alte Abschrift der Bibel. Tischendorf hatte die Hoffnung, die alten Dokumente noch zu finden, bereits aufgegeben; in Gedanken hatte er sie als Brennmaterial im Ofen irgendeines Mönches gesehen. Man kann sich seine Überraschung vorstellen, als ihm nach 15-jährigem Bangen, am Vorabend seiner Abreise, der Verwalter die gesuchten Handschriften zeigte. Was er vor sich sah, waren nicht nur Teile des Alten Testamentes, sondern auch das gesamte Neue Testament, vollständig mit allen 27 Büchern! Doch diesmal meisterte Tischendorf seine innere Erregung, und fast gleichgültig fragte er den Verwalter, ob er die Abschrift mit auf sein Zimmer nehmen dürfe. Den Rest der Nacht arbeitete er mit seinem unbezahlbaren biblischen Schatz, denn, wie er später sagte, „schien es ihm eine Gotteslästerung, in dieser Nacht zu schlafen.“ Nach vielen Bemühungen erreichte Tischendorf, dass die Handschrift dem russischen Zaren zum Geschenk gemacht wurde. Aber Russland sollte nicht die bleibende Heimat des Kodex werden. Als die russische Regierung im Jahre 1933 mehr Interesse an Geld als an der Bibel hatte, verkaufte sie den Codex Sinaiticus an England für 100.000 englische Pfund (damals ungefähr 600.000 Euro). Die Hälfte dieses Betrages wurde von der englischen Regierung bewilligt und die andere Hälfte durch freiwillige Spenden aufgebracht. Seit dieser Zeit ruht Tischendorfs grösster Fund im Britischen Museum.
Die Blätter des Codex Sinaiticus sind grösser als die des Codex Vaticanus. Das verwendete Pergament ist von aussergewöhnlicher Qualität, und die Handschrift steht gross und klar in vier Spalten auf jeder Seite. Tischendorfs erster Eindruck über sein Alter hat sich als wahr erwiesen, und es wird allgemein anerkannt, dass die Schrift aus der Mitte des 4. Jahrhunderts stammt. Sein Alter macht den Kodex natürlich sehr wertvoll. Umfassende Textstudien haben ihn auf die gleiche Stufe mit dem Codex Vaticanus gestellt. Somit sind Codex Vaticanus und der Codex Sinaiticus die zwei bedeutendsten Zeugnisse des griechischen Neuen Testamentes.
Der Codex Alexandrinus (Codex A)
Diese Unzialschrift aus dem 5. Jahrhundert muss ebenfalls kurz erwähnt werden. Der Kodex wurde im Jahre 1627 dem englischen König Karl I. durch Cyril Lucar, einem hohen Amtsträger der griechischen Kirche, als Geschenk überreicht. Seit dieser Zeit wird der Kodex in der königlichen Familie weitervererbt und hat seinen Platz ebenfalls im Britischen Museum gefunden.
Der Codex Alexandrinus (Codex A) umfasst beide Testamente, ist aber an manchen Stellen schadhaft. Vom Alten Testament fehlen nur zehn Blätter, vom Anfang des Matthäusevangeliums jedoch 25 Blätter, im Johannesevangelium zwei und im 2. Korintherbrief drei. Sein Text ist nicht ganz so wertvoll wie der der zwei schon besprochenen Handschriften, aber dennoch von grosser Bedeutung. Der Codex Alexandrinus verursachte bei seiner Entdeckung eine ähnliche Erregung wie die Schriftenrollen vom Toten Meer im 20. Jahrhundert. Er war die erste der drei grossen Unzialhandschriften, die ans Licht kam. Die unterschiedliche Lesart dieser Handschrift im Vergleich zu den bereits bekannten führte zu einer neuen kritischen Betrachtung der Texte und trug massgeblich zur Entwicklung der modernen Textkritik bei.
Wir könnten viele andere nennenswerte Unzialen betrachten, aber die hier vorgestellten „Grossen Drei“ sind die Eckpfeiler der neutestamentlichen Textforschung. Jede der heute existierenden 4500 Handschriften hat ihre eigene Geschichte und, obwohl zahlreiche davon relativ unwichtig sind im Vergleich zu den grossen Unzialen, ist doch jede ein unabhängiges Zeugnis für unser Neues Testament und trägt zur Bestätigung seiner überlieferten Texte bei.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Nennen Sie einige Punkte, nach denen Handschriften beurteilt werden.
Handschriften werden nach verschiedenen Kriterien beurteilt, um ihr Alter und ihre Bedeutung zu bestimmen: die Art der Buchstaben (Gross- oder Kleinbuchstaben), die Anwesenheit oder Abwesenheit von Wort- und Satzabständen, die Anzahl und Länge der Spalten auf einer Seite, das Vorhandensein von Satzzeichen oder Abschnitten, und die Form sowie der Stil der Buchstaben (schmucklos oder verziert).
2. Erklären Sie den Unterschied zwischen Unziale und Kursive. Welche der beiden Gruppen ist die wichtigere als Beweis der neutestamentlichen Texte? Warum?
Unziale sind Handschriften, die in Grossbuchstaben geschrieben sind, ohne Abstände zwischen den Wörtern und oft ohne Satzzeichen. Sie sind die ältesten erhaltenen neutestamentlichen Handschriften und stammen hauptsächlich aus dem 2. bis 9. Jahrhundert. Kursive (oder Minuskeln) sind Handschriften, die in kleinen, flüssigen Buchstaben geschrieben sind, ähnlich unserer modernen Handschrift, und enthalten Wortabstände und Interpunktion. Sie entstanden erst nach dem 9. Jahrhundert. Die Unzialschriften sind die wichtigere Gruppe als Beweis der neutestamentlichen Texte, weil sie deutlich älter sind und somit dem Originaltext zeitlich näher stehen, was ihre Authentizität und Reinheit erhöht.
3. Nennen Sie die drei ältesten und wertvollsten Abschriften des Neuen Testamentes. Wo befindet sich jede dieser Handschriften heute?
- Codex Vaticanus (Codex B): Befindet sich in der Vatikanischen Bibliothek in Rom.
- Codex Sinaiticus (Codex Aleph): Befindet sich im Britischen Museum in London.
- Codex Alexandrinus (Codex A): Befindet sich ebenfalls im Britischen Museum in London.
4. Nennen Sie kurz einige Hauptmerkmale des Codex Vaticanus.
Der Codex Vaticanus ist eine Handschrift aus dem 4. Jahrhundert und gilt als das älteste und wichtigste vollständige Zeugnis des Neuen Testaments. Er ist in griechischer Sprache verfasst und enthält fast das gesamte Alte und Neue Testament. Er besteht aus 759 Seiten feinstem Pergament, die jeweils etwa 27 cm im Quadrat messen und dreispaltig beschrieben sind. Er wird als die genaueste bekannte Abschrift des Neuen Testaments angesehen und bildet die Grundlage für viele moderne griechische Texte.
5. Wer war Constantin v. Tischendorf? Welche Rolle spielte er in der „Entdeckung“ des Codex Sinaiticus?
Constantin v. Tischendorf war ein bedeutender deutscher Theologe und Textforscher des 19. Jahrhunderts, der sich der Erforschung und Veröffentlichung antiker biblischer Handschriften widmete. Er spielte eine zentrale Rolle bei der „Entdeckung“ des Codex Sinaiticus. Bei seinen Reisen zum St. Katharinen-Kloster auf dem Berg Sinai entdeckte er 1844 und später 1859 entscheidende Teile der Handschrift. Seine Hartnäckigkeit und diplomatischen Bemühungen führten schliesslich dazu, dass der gesamte Kodex aus dem Kloster nach Russland und später nach England gelangte, wo er heute als eines der wichtigsten biblischen Manuskripte gilt.
6. Konnte Luther sich schon auf die drei grossen Handschriften stützen, als er die Bibel übersetzte?
Nein, Martin Luther (1483–1546) konnte sich bei seiner Bibelübersetzung im 16. Jahrhundert noch nicht auf die drei grossen Unzialhandschriften stützen. Der Codex Vaticanus war zu seiner Zeit in der Vatikanischen Bibliothek zwar vorhanden, aber nicht öffentlich zugänglich oder bekannt. Der Codex Alexandrinus wurde erst 1627 nach Europa gebracht, und der Codex Sinaiticus wurde sogar erst im 19. Jahrhundert (1844/1859) von Constantin v. Tischendorf „entdeckt“. Luther stützte sich hauptsächlich auf die damals verfügbaren griechischen Textausgaben, wie das Novum Instrumentum omne von Erasmus von Rotterdam, das wiederum auf jüngeren Minuskelhandschriften basierte.
Zusammenfassung
Die griechischen Handschriften des Neuen Testamentes werden primär in zwei wichtige Gruppen eingeteilt: die Unziale und die Kursive (Minuskel). Während die Unziale in Grossbuchstaben und ohne Wortabstände geschrieben ist und die älteren Dokumente umfasst, ist die Kursive eine kleine, flüssige Schrift, die später entstand. Die meisten unserer Handschriften sind Kursive, die ab dem 9. Jahrhundert datieren. Die Unzialpergamente, von denen einige aus dem 4. Jahrhundert stammen, haben einen unschätzbaren Wert als frühe Zeugen der neutestamentlichen Bücher. Die „Grossen Drei“ der Unziale sind in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit: der Codex Vaticanus, der Codex Sinaiticus und der Codex Alexandrinus. Zwei von ihnen wurden erst im letzten Jahrhundert der breiten Forschung zugänglich, während der Codex Alexandrinus bereits 1627 nach Europa kam. Diese Handschriften sind die unschätzbaren Pfeiler, die die Überlieferung und Authentizität des Neuen Testaments bezeugen.
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