Welche Gebetszeiten gibt es für Aleviten?

Alawiten & Aleviten: Ein Blick nach Deutschland

30/12/2023

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Die Frage nach der Anzahl der Alawiten in Deutschland ist komplex und führt oft zu Verwechslungen mit einer anderen, zahlenmäßig stärker in Erscheinung tretenden Glaubensgemeinschaft: den Aleviten. Während es für Aleviten Schätzungen zur Anzahl ihrer Anhänger in Deutschland gibt, liegen für Alawiten keine spezifischen Zahlen vor. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte, Glaubenslehren und Besonderheiten beider Gruppen, um Licht ins Dunkel dieser häufig missverstandenen Gemeinschaften zu bringen und ihre Präsenz im deutschen Kontext einzuordnen.

Wie viele Alawiten gibt es in Deutschland?
Laut dem Frobenius-Institut wird die Anzahl der Alawiten in Deutschland im Jahr 2010 zirka auf 70.000 beziffert. [73][84][85] Die Herkunftsregionen der eingewanderten Alawiten nach Deutschland werden vor allem aus den türkischen Regionen von Hatay und Çukurova eingegrenzt. [85]

Vielleicht haben Sie schon einmal von Alawiten oder Aleviten gehört, doch wissen Sie um die feinen, aber entscheidenden Unterschiede zwischen ihnen? Obwohl beide Gruppen ihre Wurzeln im schiitischen Islam haben und Ali ibn Abi Talib verehren, haben sie sich historisch, theologisch und rituell unterschiedlich entwickelt. Diese Abgrenzung ist entscheidend, um die Identität und die Herausforderungen beider Gemeinschaften zu verstehen, insbesondere in einer multikulturellen Gesellschaft wie Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Wer sind die Alawiten? Eine Einführung in ihre Identität

Der Name „Alawiten“ (علويون / ʿAlawīyūn) ist eine vergleichsweise junge Bezeichnung für diese Glaubensgemeinschaft, die erst seit dem späten 19. Jahrhundert verwendet wird. Zuvor waren sie weithin als „Nusairier“ bekannt. Dieser ältere Begriff leitet sich von Muhammad ibn Nusair an-Numairī ab, der um 860 als Gründer der Nusairier gilt und für den zehnten Imam der Schiiten, ʿAlī al-Hādī an-Naqī, in Erscheinung trat. Doch die Alawiten selbst lehnten und lehnen den Begriff „Nusairier“ häufig als „diskriminierend“ ab.

Die Umbenennung zu „Ali-Anhängern“ (ʿAlawīyūn) erfolgte Ende des 19. Jahrhunderts mit der bewussten Absicht, den „Ruch des Sektiererischen“ abzulegen und sich als integraler Bestandteil der größeren schiitischen Gemeinde zu präsentieren. In der Türkei werden sie heute oft als „Arap Alevileri“ (arabische Aleviten) oder „Güney Alevileri“ (südliche Aleviten) bezeichnet, um die Unterscheidung zu den (türkischen) Aleviten herunterzuspielen. Interessanterweise wird der Begriff Nusairier heutzutage vor allem von Islamisten bevorzugt, um die islamische Natur der Glaubensgemeinschaft in Frage zu stellen.

In ihren eigenen Quellen finden sich noch andere Selbstbezeichnungen, die ihre monotheistische Ausrichtung betonen, wie `muwahhidūn` („Einheitsbekenner“) und `ahl al-tauhīd`. Ein weiterer historischer Name für ihre Religion ist „Pfad der Dschunbulāner“ (`Tarīqat al-Ǧunbulānīya`), benannt nach Scheich Abū Muhammad ʿAbdallāh al-Dschannān al-Dschunbulānī, einem der ältesten Autoren der nusairischen Religion.

Glaubenslehren und innere Vielfalt der Alawiten

Die alawitische Glaubenslehre ist komplex und war Gegenstand innerer Reformen. Seit den 1930er Jahren begannen einige ihrer religiösen Gelehrten, angeführt von Scheich ʿAbd al Rahmān al-Khayr, den alawitischen Glauben neu zu definieren. Dabei wurden nicht-muslimische Aspekte als spätere Verfälschungen durch äußere Einflüsse abgelehnt. Al-Khayr initiierte auch die heute unter Alawiten allgemeingültige Ablehnung des Namens „Nusairī“ als unrichtige und abwertende Fremdbezeichnung. Der Begriff „ʿAlawi“ war übrigens bereits im 11. Jahrhundert in religiösen Texten zu finden und ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts die gängige Bezeichnung.

Eine bedeutende offizielle Stellungnahme zum alawitischen Glauben erfolgte im Jahr 1973, als 80 geistliche Führer aus verschiedenen alawitisch geprägten Gebieten eine gemeinsame Erklärung unterzeichneten. Darin wurde festgeschrieben, dass der Koran ihr Buch ist, sie Muslime und Parteigänger der Ahl al-Bait (Familie des Propheten Mohammed) sind. Im Alawitenstaat wurde Recht nach der Rechtsschule (Madhhab) der Dscha'fariyya gesprochen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass alawitische Clans und Familien sich nach dem Ausbruch des Krieges in Syrien in einer Erklärung von der Zwölfer-Schia distanzierten und den Alawismus als eine eigene, esoterische Strömung im Islam bezeichneten.

Religiöse Untergruppen bei den Alawiten

Schon im frühen 19. Jahrhundert war bekannt, dass es innerhalb der Alawiten verschiedene „Untergruppen“ gab, deren genaue Anzahl und Namen jedoch widersprüchlich überliefert sind. Am bekanntesten ist die Rivalität zwischen der Ḥaidarīya und der Kalāzīya. Die Ḥaidarīya, die im Norden des alawitischen Siedlungsgebietes (Hatay-Region, Adana) verbreitet ist, wird auch Schamālīya („Nord-Gruppe“) genannt. Ihre Anhänger sollen auf ʿAlī Ḥaidar (16. Jh.) zurückgehen. Die Kalāzīya, deren Anhänger eher im Süden des Siedlungsgebietes zu finden sind, trägt den Beinamen Qiblīya („Süd-Gruppe“) und geht auf Scheich Muḥammad ibn Yūnus (um 1600) zurück.

Weitere Namen für diese beiden Gruppen sind Schamsīya („Sonnen-Gruppe“) und Qamarīya („Mond-Gruppe“), die offenbar damit zusammenhängen, dass das göttliche Licht bei der einen Gruppe mit der Sonne und bei der anderen mit dem Mondschein identifiziert wird. Die Unterschiede zwischen Ḥaidarīya und Kalāzīya beschränken sich ansonsten hauptsächlich auf den Ablauf ritueller Handlungen und die Barttracht der Scheiche (Ḥaidarīs tragen überwiegend Vollbart, Kalāzīs Schnurrbart).

Früher gab es auch die Ghaibīya („Verborgenheitsgruppe“), deren Name darauf hindeutet, dass ihre Anhänger einen verborgenen, abwesenden Gott anbeten. Diese Gruppe scheint heute vollständig in der Murschidīya aufgegangen zu sein. Die Murschidīya ist eine religiöse Gemeinschaft, die von Sulaimān Murschid begründet wurde und in Syrien etwa 100.000 bis 200.000 Anhänger hat. Im Gegensatz zu den traditionellen Alawiten ist es murschiditischen Frauen gestattet, an religiösen Bereichen teilzunehmen und sich einzulernen. Des Weiteren beinhaltet die murschiditische Glaubenslehre kein geheimes religiöses Wissen, wodurch das Arkanprinzip der traditionellen Alawiten entfällt.

Wer sind die Aleviten? Eine separate Glaubensgemeinschaft

Die Geschichte der Aleviten beginnt ebenfalls mit dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632, der den Streit um seine rechtmäßige Nachfolge auslöste und zur Spaltung des Islam in Sunniten und Schiiten führte. Während die Schiiten die Nachkommen aus der Familie des Propheten als rechtmäßige Nachfolger sahen und Ali ibn Abi Talib favorisierten, vertraten die Sunniten die Meinung, dass ein befähigter Heerführer aus dem Stamme Mohammeds durch einen Rat gewählt werden sollte.

Die Religionsgemeinschaft der Aleviten bildete sich im 13./14. Jahrhundert konkret in Anatolien heraus, hat aber tiefere Wurzeln in der Verehrung Ali ibn Abi Talibs, die sie mit den Schiiten teilen. Der Name „Alevitentum“ bedeutet „Anhänger Alis“. Es entwickelte sich im weiteren Sinne aus dem schiitischen Islam, nahm jedoch auch Elemente verschiedener vorislamischer Religionen und der islamischen Mystik auf. Dies macht das Alevitentum zu einer einzigartigen und vielfältigen Glaubensform.

Welche Gebetszeiten gibt es für Aleviten?
Alevitinnen und Aleviten beten allein und in der Gemeinschaft. In ihrer Religion gibt es keine Gebetszeiten und auch keine Pflichtgebete. Ihre persönlichen Gebete sprechen Alevitinnen und Aleviten wann, wo und wie oft sie das Bedürfnis dazu haben. Viele tun dies am Donnerstagabend. Dazu zünden sie Kerzen an, um das Licht zu entfachen.

In der Türkei sind die Aleviten nach den Sunniten die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Anhänger dieser Religion leben auch in Ägypten, Syrien, im Iran, im Irak und in Albanien. Aufgrund häufiger Emigration leben auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern zahlreiche Aleviten. In Deutschland leben verschiedenen Quellen zufolge etwa eine halbe Million Aleviten. Trotz dieser Präsenz werden Aleviten in der Türkei nicht als religiöse Minderheit anerkannt und in offiziellen Zählungen den Muslimen zugerechnet, obwohl viele Aleviten sich selbst nicht als Muslime sehen. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Aktionen gegen Aleviten.

Wesentliche Elemente des alevitischen Glaubens und Lebens

Obwohl es innerhalb des Alevitentums unterschiedliche Ausprägungen gibt, sind die wesentlichen Elemente des Glaubens allen Aleviten gemeinsam. Ein zentrales Element ist die Verehrung Alis und der zwölf Imame, wobei Ali der erste der Zwölf war. Diese Reihe von zwölf Imamen, angefangen mit Ali und seinen Söhnen Hasan und Hussain, gilt als die einzigen legitimen Nachfolger Mohammeds, da sie als direkte männliche Nachkommen angesehen werden. Elf von ihnen wurden im Streit um die Nachfolge Mohammeds ermordet, der zwölfte soll im Verborgenen weiterleben und irgendwann wiederkehren.

Ein weiteres sehr wesentliches Element ist der Humanismus. Im Mittelpunkt des alevitischen Glaubens steht der eigenverantwortliche Mensch, nicht starre Dogmen. Der Glaube daran, dass in jedem Menschen das Göttliche wohnt und dass die unsterbliche Seele durch die Erleuchtung die Vollkommenheit mit Gott anstrebt, ist ebenfalls zentral. Vorstellungen über ein Leben nach dem Tod spielen dabei keine große Rolle. Im Gegensatz zu Sunniten und Schiiten lehnen Aleviten die Scharia ab.

Wie der alevitische Glaube gelebt wird

Aleviten lehnen eine dogmatische Glaubensausübung und die wörtliche Auslegung des Koran ab. Sie beten nicht in Moscheen, sondern treffen sich zum gemeinsamen Gottesdienst, der Cem genannt wird (ins Deutsche übersetzt „Versammlung“), im Cem-Haus. Dies ist eine Art Gemeindehaus. Der Gemeinde sitzt der Dede vor, dies kann auch eine Frau sein, die dann Ana genannt wird. Dede beziehungsweise Ana wird man durch Abstammung; dem Glauben der Aleviten zufolge handelt es sich um direkte Nachkommen Alis. Das fünfmalige Beten zu festgelegten Zeiten spielt für die Aleviten keine Rolle; Aleviten beten wann, wo, wie und so oft sie wollen.

Da Frauen dieselben Rechte und Pflichten wie Männer haben, findet auch die Religionsausübung gemeinsam statt. Der Ramadan spielt keine Rolle für Aleviten; sie haben ihre eigene Fastenzeit, die zwölf Tage dauert und im ersten Monat des islamischen Kalenders stattfindet.

Alawiten und Aleviten: Ein direkter Vergleich

Die Verwechslung der Begriffe Alawiten und Aleviten ist weit verbreitet, doch ein genauerer Blick offenbart wesentliche Unterschiede in ihrer Geschichte, ihren Praktiken und ihrer Theologie. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zusammen:

MerkmalAlawitenAleviten
Ursprung des NamensSpätes 19. Jh., davor Nusairier13./14. Jh. in Anatolien, Anhänger Alis
GebetsortKeine öffentlichen Gebetshäuser wie Moscheen, oft geheime Rituale (traditionell)Cem-Haus (Gemeindehaus)
Teilnahme von Frauen an RitualenTraditionell nicht erlaubt (Ausnahme: Murschidiyya-Untergruppe)Vollwertige Teilnahme von Frauen erlaubt
Heilige Figuren/AutoritätenVerehrung von Ali und den Imamen (esoterisch), lehnen Aleviten-Autoritäten abVerehrung von Ali und den zwölf Imamen, zusätzlich Hacı Bektaş, Yunus Emre, Pir Sultan Abdal
Religiöses WissenTraditionell geheimes, esoterisches Wissen (Arkanprinzip)Kein geheimes Wissen, offene Zugänglichkeit
Verhältnis zur SchariaRecht nach Dscha'fariyya (historisch), später Distanzierung von Zwölfer-SchiaLehnen die Scharia ab
FastenzeitEigene Traditionen, nicht RamadanEigene 12-tägige Fastenzeit im ersten islamischen Monat
Präsenz in DeutschlandKeine spezifischen Zahlen, Teil der syrischen/nahöstlichen DiasporaEtwa 500.000 Anhänger (geschätzt)

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind Alawiten Muslime?

Die Frage, ob Alawiten Muslime sind, ist komplex und hat sowohl theologische als auch politische Dimensionen. Alawitische Religionsgelehrte haben in der Vergangenheit, insbesondere seit den 1930er Jahren und formalisiert durch eine Erklärung von 80 geistlichen Führern im Jahr 1973, betont, dass der Koran ihr Buch ist und sie Muslime sowie Parteigänger der Ahl al-Bait sind. Diese Anerkennung wurde auch von einigen schiitischen Autoritäten, wie Imam Musa as-Sadr im Libanon (1973), aus politischen Gründen unterstützt. Jedoch haben alawitische Clans und Familien nach dem Syrienkrieg eine Erklärung veröffentlicht, in der sie den Alawismus als eine eigene, esoterische Strömung im Islam und nicht als Teil der Zwölfer-Schia definieren. Die Sichtweise variiert also sowohl innerhalb der Alawiten als auch von außen.

Was ist der Hauptunterschied zwischen Aleviten und Alawiten?

Obwohl beide Gruppen Ali ibn Abi Talib verehren und ihre Wurzeln im schiitischen Islam haben, gibt es erhebliche Unterschiede. Aleviten sind eine in Anatolien entstandene Glaubensgemeinschaft, die Elemente vorislamischer Religionen und islamischer Mystik aufgenommen hat, lehnen die Scharia ab und praktizieren ihren Glauben in Cem-Häusern, wo Frauen gleichberechtigt teilnehmen. Alawiten, historisch auch Nusairier genannt, sind eine vorwiegend im Nahen Osten (Syrien, Libanon, Türkei) beheimatete esoterische Glaubensrichtung, deren traditionelle Rituale oft geheim sind und bei denen Frauen nicht teilnehmen (Ausnahme: Murschidiyya). Alawiten haben eine komplexere Beziehung zur islamischen Orthodoxie und wurden von anderen schiitischen Gruppen oft als „Ghulat“ (Überschreiter der Grenzen) betrachtet.

Warum werden Alawiten auch Nusairier genannt?

Der Name „Nusairier“ ist die ältere und traditionelle Bezeichnung für die Alawiten. Er leitet sich von Muhammad ibn Nusair an-Numairī ab, der im 9. Jahrhundert als Begründer dieser Glaubensrichtung gilt. Die Alawiten selbst lehnten diesen Namen jedoch später ab und bezeichneten ihn als „diskriminierend“. Sie bevorzugten den Namen „Alawiten“, um ihre Identität als „Anhänger Alis“ zu betonen und sich als Teil der größeren schiitischen Gemeinschaft zu präsentieren. Heutzutage wird der Begriff „Nusairier“ oft von Kritikern oder Islamisten verwendet, um die islamische Natur der Alawiten in Frage zu stellen.

Wie viele Alawiten leben in Deutschland?

Es gibt keine spezifischen oder offiziellen Zahlen zur genauen Anzahl der Alawiten in Deutschland. Die bereitgestellten Informationen erwähnen keine solche Statistik. Die Verwechslung mit Aleviten ist hier entscheidend, da für Aleviten geschätzt wird, dass etwa eine halbe Million im Land leben. Alawiten sind, ähnlich wie andere Gruppen aus dem Nahen Osten, durch Migration nach Deutschland gekommen, aber ihre genaue Anzahl ist nicht öffentlich dokumentiert.

Wie leben Alawiten ihren Glauben im Alltag?

Der alawitische Glaube ist traditionell von Esoterik und einem „Arkanprinzip“ geprägt, was bedeutet, dass religiöses Wissen oft geheim gehalten und nur ausgewählten Eingeweihten vermittelt wird. Dies unterscheidet sie stark von vielen anderen islamischen Strömungen. Rituelle Handlungen finden eher im privaten Rahmen oder in geschlossenen Kreisen statt, im Gegensatz zu öffentlichen Moscheen. Es gibt jedoch interne Reformbewegungen wie die Murschidiyya, die sich von diesem Geheimhaltungsprinzip lösen und auch Frauen die Teilnahme an religiösen Bereichen ermöglichen. Im Allgemeinen legen Alawiten Wert auf die Verehrung Alis und das Verständnis der göttlichen Einheit, oft mit komplexen philosophischen und mystischen Interpretationen.

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