24/12/2023
In der stillen Morgenfrühe, wenn die Welt noch im Schlaf verweilt, oder inmitten des geschäftigen Treibens des Tages, durchbricht ein einzigartiger, melodischer Ruf die Luft – der Adhan. Dieser Ruf ist weit mehr als nur eine akustische Mitteilung; er ist eine tiefe spirituelle Einladung, eine Erinnerung an das Göttliche und ein Aufruf zur Einheit. Doch wer ist es, der diesen Ruf erklingen lässt, und welche Bedeutung verbirgt sich hinter den Worten, die die Herzen der Gläubigen erreichen? Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede zwischen dem Adhan und dem Muezzin, erklärt ihre zentrale Rolle im Islam und führt Sie Schritt für Schritt durch die Verrichtung des Gebets, des Salats.

Der Adhan ist der universelle Ruf zum muslimischen Pflichtgebet, dem Salat. Er dient dazu, die Gläubigen auf die bevorstehende Gebetszeit aufmerksam zu machen und sie zur Vorbereitung einzuladen. Wenn der Adhan erklingt, ist es eine Tradition und eine spirituelle Disziplin, alle weltlichen Tätigkeiten ruhen zu lassen und sich auf die Begegnung mit dem Schöpfer vorzubereiten. Es ist ein Moment der Besinnung, der die Seele auf das Gebet einstimmt und den Alltag mit Spiritualität durchdringt.
Derjenige, der die ehrenvolle Aufgabe hat, diesen heiligen Ruf zu rezitieren, wird als Muezzin bezeichnet. Seine Stimme ist das Instrument, durch das die Botschaft des Adhan in die Welt getragen wird. Die Rolle des Muezzin ist von großer Bedeutung, da er nicht nur die Gebetszeiten verkündet, sondern auch die Gemeinschaft dazu aufruft, sich zu versammeln und gemeinsam das Gebet zu verrichten. Es ist eine Position, die Respekt und Hingabe erfordert, denn die Stimme des Muezzin ist oft das erste und letzte, was viele Muslime an einem Tag hören, um sich an ihre spirituellen Pflichten zu erinnern.
Der Adhan: Worte, die Herzen bewegen
Der Adhan besteht aus einer Reihe erhabener arabischer Phrasen, die eine tiefe theologische Bedeutung tragen. Jede Phrase wird mit Ehrfurcht und Bedacht ausgesprochen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Die Rezitation des Adhan ist eine Kunstform, die oft von Generation zu Generation weitergegeben wird, wobei die Melodie und der Tonfall eine wichtige Rolle spielen, um die Botschaft zu verstärken.
Eine wunderschöne muslimische Tradition besagt, dass dem Neugeborenen direkt nach der Geburt als Erstes der Adhan zu Ohren kommt. Dies symbolisiert den Eintritt des Kindes in die islamische Gemeinschaft und die erste Botschaft des Monotheismus, die es empfängt. Es ist ein Akt der Segnung und der Einführung in die grundlegenden Prinzipien des Glaubens noch vor den ersten Worten des Lebens.
Der Adhan wird vor jedem der fünf täglichen Pflichtgebete gerufen, um die Gläubigen wissen zu lassen, dass die Gebetszeit eingetreten ist und bald der Salat beginnt. Sobald der Adhan vernommen wird, ist es die Zeit, jede Arbeit niederzulegen und sich auf das Gebet vorzubereiten. Diese Vorbereitung umfasst die rituelle Waschung (Wudu) und die innere Einstimmung auf das Gebet.
Der detaillierte Wortlaut des Adhan:
Der Rufer steht der Qibla (Gebetsrichtung, also der Ka'ba in Mekka) zugewandt, hebt beide Hände bis zu seinen Ohren und sagt mit lauter Stimme Folgendes:
- Allâhu Akbar (Allâh ist größer) – viermal. Dies ist die Eröffnung und die grundlegende Verkündung der Größe Gottes, die alle anderen Sorgen in den Hintergrund treten lässt.
- Aschhadu al-lâ ilâha illa-llâh (Ich bezeuge, dass es nichts Verehrungswürdiges außer Allâh gibt) – zweimal. Dies ist das Kernstück des islamischen Glaubensbekenntnisses, die absolute Einheit Gottes.
- Aschhadu anna Muhammada-r-Rasûlu-llâh (Ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allâhs ist) – zweimal. Dies ist die zweite Säule des Glaubensbekenntnisses, die Anerkennung der Prophetenschaft Muhammads.
- Hayya ala-s-Salâ (Auf zum Gebet!) – zweimal, wobei man den Kopf nach rechts wendet. Eine direkte Aufforderung zur Gebetshandlung.
- Hayya ala-l-Falâh (Auf zum Erfolg!) – zweimal, wobei man den Kopf nach links wendet. Eine Einladung zum wahren Erfolg, der im Jenseits liegt und durch das Gebet erlangt wird.
- Allâhu Akbar – zweimal. Eine erneute Bekräftigung der Größe Gottes.
- Lâ ilâha illa-llâh (Es gibt nichts Verehrungswürdiges außer Allâh) – einmal. Die abschließende Bestätigung des Monotheismus.
Beim Morgengebet (Salâ Al-Fadschr) wird nach dem Wortlaut Nr. 5 ein besonderer Satz hinzugefügt:
- As-Salâtu chairum-mina-n-Naum (Das Gebet ist besser als der Schlaf) – zweimal. Diese Ergänzung dient als sanfte, aber eindringliche Erinnerung für diejenigen, die noch schlafen, dass das Gebet zu dieser frühen Stunde von unschätzbarem Wert ist.
Danach fährt der Rufer mit Nr. 6 und Nr. 7 fort. Diese Ausnahme wird nur beim Morgengebet gemacht, da die Menschen zu dieser Zeit schlafen und eine besondere Erinnerung an die Wichtigkeit des Gebets benötigen.
Iqama: Der unmittelbare Ruf zum Gebetsbeginn
Nach dem Adhan und kurz vor dem eigentlichen Beginn des Salats ertönt ein weiterer Ruf, die Iqama. Dieser Ruf ist ein Zeichen dafür, dass das Gebet nun unmittelbar beginnt und die Gläubigen sich in Reihen aufstellen sollen. Während der Adhan dazu dient, die Gläubigen aus der Ferne zu rufen, ist die Iqama der Ruf, der die Anwesenden zur sofortigen Aufnahme des Gebets auffordert.
Die Sätze der Iqama sind nahezu identisch mit denen des Adhan, es gibt jedoch zwei wesentliche Unterschiede:
- Die Iqama wird schneller und mit einer leiseren Stimme verrichtet. Dies liegt daran, dass sie für die bereits versammelte Gemeinde bestimmt ist und nicht die gleiche Weitreiche wie der Adhan haben muss.
- Die Wiederholungen der Phrasen unterscheiden sich: Nr. 1 (Allâhu Akbar) und Nr. 6 (Allâhu Akbar) werden nur zweimal erwähnt, wohingegen alle anderen Sätze nur einmal genannt werden. Eine zusätzliche, sehr wichtige Phrase wird direkt nach Nr. 5 und vor Nr. 6 hinzugefügt: „Qad Qâmati-s-Salâ“ (Das Gebet beginnt umgehend) – zweimal. Diese Worte signalisieren den sofortigen Beginn des Gebets.
Vergleich: Adhan vs. Iqama
Um die Unterschiede klar zu verdeutlichen, hier eine vergleichende Tabelle:
| Merkmal | Adhan | Iqama |
|---|---|---|
| Zweck | Ankündigung der Gebetszeit | Unmittelbarer Ruf zum Gebetsbeginn |
| Zeitpunkt | Vor jedem Pflichtgebet | Direkt vor dem Beginn des Salat |
| Geschwindigkeit | Langsam und melodisch | Schneller und direkter |
| Lautstärke | Laut (öffentlich wahrnehmbar) | Leiser (für die Versammelten) |
| Wiederholungen | "Allahu Akbar" 4x, andere 2x | "Allahu Akbar" 2x, andere 1x |
| Besonderheit | "As-Salâtu chairum-mina-n-Naum" (nur Fajr) | "Qad Qâmati-s-Salâ" 2x nach Nr. 5 |
| Rufer | Muezzin | Imam oder ein Betender |
Die Verrichtung des Gebets (Salat): Ein Weg zur inneren Ruhe
Nachdem die rituelle Waschung (Wudu) vollzogen wurde und der Adhan sowie die Iqama ertönt sind, beginnt das eigentliche Gebet. Das Gebet ist eine Säule des Islam und eine direkte Kommunikation mit Gott. Es ist eine Übung in Demut, Dankbarkeit und Konzentration.
Das Morgengebet (Salâ Al-Fadschr) als Beispiel:
Das Fajr-Gebet besteht aus zwei freiwilligen (Sunna-) Gebetseinheiten (Rak'as), denen zwei Pflichtgebetseinheiten (Fard) folgen. Beide Arten von Gebetseinheiten werden in derselben Weise verrichtet, der einzige Unterschied liegt in der Absicht, die man im Herzen fasst.
Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Gebetsverrichtung:
Handlung 1: Die Absicht und Takbîrat Al-Ihrâm
Man steht ehrfürchtig und ergeben, wendet sich der Qibla zu (der Gebetsrichtung zur Ka'ba in Mekka). Man hebt seine Hände bis zu den Ohren und fasst im Herzen seine Absicht, z.B.: „Nawaitu usalliya Sunnata Salâti-l-Fadschr“ (Meine Absicht ist das Sunna-Morgengebet) oder „Farda Salâti-l-Fadschr“ (Meine Absicht ist das pflichtgemäße Morgengebet). Die Absicht ist ein innerer Zustand des Herzens und muss nicht laut ausgesprochen werden.
Dann beginnt das Gebet durch das Aussprechen von „Takbîrat Al-Ihrâm“, den Worten „Allâhu akbar“. Diese Worte markieren den Eintritt in den Weihezustand des Gebets, in dem alle weltlichen Angelegenheiten zurückgelassen werden. Hierauf senkt man seinen Arm und legt die rechte Hand auf die linke Hand, meist über dem Bauchnabel. Dies ist die Wuqûf-Haltung (Stehhaltung).
Handlung 2: Das Lobgebet (Du'a Thanâ‘)
Man spricht mit leiser Stimme folgendes „Du'a Thanâ‘“ (Lobgebet): „Subhânaka-llahumma wa bi-hamdik wa tabâraka-smuk wa ta'âla Dschadduk wa la ilâha ghairuk. A'ûdhu bi-llâhi mina-sch-schaitâni-r-radschîm. Bi-smi-llâhi-r-Rahmâni-r-Rahîm.“
Dies bedeutet: „Preis sei Dir, o Allâh, und Lobpreis sei Dir. Gesegnet sei Dein Name und hocherhaben Deine Gewaltigkeit, und es gibt nichts Verehrungswürdiges außer Dir. Ich suche Zuflucht bei Allâh vor dem verfluchten Satan. Im Namen Allâhs des Allerbarmers des Allbarmherzigen!“ Dieser Teil ist empfohlen, aber nicht zwingend erforderlich für die Gültigkeit des Gebets.
Handlung 3: Die Rezitation
Man rezitiert mit leiser oder vernehmbarer Stimme die Eröffnungs-Sure des Qurân (Al-Fâtiha), gefolgt von einer beliebigen weiteren Textstelle des ehrwürdigen Buches. Die Fatiha ist das Herzstück jedes Gebets und wird in jeder Rak'a rezitiert.
Handlung 4: Die Verbeugung (Rukû)
Dann sagt man: „Allâhu akbar“, beugt seinen Oberkörper im rechten Winkel nach vorn und legt seine Handflächen auf die Knie. Dies ist die Rukû-Haltung (Beugehaltung). Dabei sagt man mit leiser Stimme dreimal: „Subhâna Rabbiya-l-Azîm.“ (Preis sei meinem Herrn, dem Allmächtigen!) Dies drückt Demut und Anerkennung der Größe Gottes aus.

Hierauf wird mit folgenden Worten die Stehhaltung wieder eingenommen: „Sami'a llâhu liman hamidah. Rabbanâ wa laka-l-Hamd.” (Allâh hört den, der Ihn lobpreist. Unser Herr, Lobpreis sei Dir!) Während man dies sagt, hängen die Hände seitlich am Körper.
Handlung 5: Die Niederwerfung (Sudschûd)
Hierauf sagt der Anbetende: „Alâhu akbar“ und wirft sich nieder, wobei die Zehen beider Füße, beide Knie, beide Hände und die Stirn den Boden berühren. Dies ist die Sudschûd-Haltung (Niederwerfungshaltung), die von folgenden Worten begleitet wird (dreimal): „Subhâna Rabbiya-l-A'lâ.“ (Preis sei meinem Herrn, dem Höchsten!) Die Niederwerfung ist die höchste Form der Demut und der Hingabe an Gott.
Handlung 6: Die Sitzhaltung (Dschulûs)
Hierauf folgt mit den Worten „Allâhu akbar“ die Dschulûs-Haltung (Sitzhaltung), eine kurze Ruhephase in Sitzposition: Die Außenseite des linken Fußes und die aufgerichteten Zehen des rechten Fußes berühren den Boden und die beiden Hände werden auf die Knie gelegt.
Hiernach wird eine zweite Niederwerfung (Sudschûd) in derselben Weise und mit denselben Äußerungen wie in der ersten verrichtet. Damit ist eine Gebetseinheit (Rak'a) vollendet.
Handlung 7: Die zweite Gebetseinheit
Nach der ersten Gebetseinheit erhebt sich der Anbetende, sagt „Allâhu akbar“, nimmt die Stehhaltung zur zweiten Gebetseinheit ein und rezitiert die Sûra Al-Fâtiha, gefolgt von einer Textstelle aus dem Qurân, genauso wie in der ersten Gebetseinheit. Dies wiederholt die spirituelle Reise der ersten Rak'a.
Handlung 8: Der Taschahhud
Sobald man die zweite Verbeugung und die beiden Niederwerfungen in derselben Weise wie in der ersten Gebetseinheit verrichtet hat, nimmt man eine Sitzhaltung wie im Dschulûs ein und rezitiert die beiden Teile des Taschahhud. Der Taschahhud ist ein Gebet der Segnung und des Grußes an den Propheten Muhammad und die Gläubigen.
Handlung 9: Der Gruß (Taslîm)
Abschließend wendet man sein Gesicht nach rechts und sagt folgende Worte: „As-Salâmu Alaikum wa rahmatu-llâh“ (Friede sei mit euch und die Barmherzigkeit Gottes!). Dann wendet man sein Gesicht nach links und spricht denselben Gruß (Taslîm). Dieser Gruß beendet das Gebet und richtet sich an die Engel und die Anwesenden, um den Frieden Gottes zu verbreiten.
Auf diese Weise wird jedes Gebet mit zwei Gebetseinheiten (Rak'as) verrichtet, ganz gleich, ob es verpflichtend oder zusätzlich freiwillig ist. Wenn man weiß, wie dieses Gebet ordnungsgemäß verrichtet wird, kommen einem alle anderen Gebete sehr einfach vor. Es ist darauf hinzuweisen, dass jede Bewegung und jedes Wort im islâmischen Gebet eine große damit verbundene Bedeutung und einen tiefen symbolischen Sinngehalt hat. Das Gebet ist nicht nur eine Reihe von Bewegungen und Rezitationen, sondern eine ganzheitliche Erfahrung, die Körper, Geist und Seele einschließt und den Gläubigen näher zu seinem Schöpfer bringt.
Häufig gestellte Fragen zu Adhan und Gebet
Wer kann ein Muezzin sein?
Grundsätzlich kann jeder Muslim, der ein gutes Verständnis der Gebetszeiten hat, eine klare und schöne Stimme besitzt und die arabischen Phrasen des Adhan korrekt aussprechen kann, die Rolle des Muezzin übernehmen. Es ist eine ehrenvolle Aufgabe, die oft von der Gemeinschaft anerkannt wird. Traditionell sind Muezzine Männer, die in ihrer Rolle als Rufer die Gläubigen zur Moschee rufen.
Ist der Adhan verpflichtend?
Der Adhan selbst ist eine Sunnah Mu'akkadah, eine stark empfohlene Praxis im Islam, die vor den fünf täglichen Pflichtgebeten gerufen wird. Er dient als Ankündigung und Erinnerung an die Gebetszeit für die Gemeinschaft. Für den einzelnen Gläubigen ist es jedoch nicht verpflichtend, den Adhan zu hören, um sein Gebet zu verrichten, solange er die Gebetszeit kennt.
Was passiert, wenn ich den Adhan verpasse?
Das Verpassen des Adhan hat keine Auswirkung auf die Gültigkeit Ihres Gebets, solange Sie das Gebet innerhalb seiner vorgeschriebenen Zeit verrichten. Der Adhan ist ein Ruf an die Gemeinschaft, aber das individuelle Gebet ist gültig, sobald die Gebetszeit eintritt und die rituellen Bedingungen erfüllt sind.
Können Frauen den Adhan rufen?
In den meisten islamischen Rechtsschulen ist es für Frauen nicht üblich oder empfohlen, den Adhan öffentlich zu rufen. Der Adhan ist primär für die öffentliche Ankündigung des Gebets an die gesamte muslimische Gemeinschaft gedacht, und die Rolle des Muezzin wird traditionell von Männern ausgeübt. Frauen können jedoch in privaten Räumen oder unter Frauen den Adhan rufen, wenn dies benötigt wird.
Welche Bedeutung hat die Qibla?
Die Qibla ist die Gebetsrichtung zur Ka'ba in Mekka. Sie ist von immenser Bedeutung, da sie die Einheit der muslimischen Gemeinschaft symbolisiert. Unabhängig davon, wo auf der Welt sich ein Muslim befindet, betet er in dieselbe Richtung, was ein Gefühl der globalen Verbundenheit und Brüderlichkeit schafft. Das Ausrichten zur Qibla ist eine Voraussetzung für die Gültigkeit des Gebets und eine physische Manifestation der spirituellen Ausrichtung auf Gott.
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