Die Amidah: Herz des jüdischen Gebets

07/04/2022

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In der reichen Landschaft jüdischer Spiritualität und Tradition nimmt ein Gebet eine unbestreitbar zentrale Stellung ein: die Amidah, oft auch als Achtzehngebet oder Shemone Esre bekannt. Es ist nicht nur ein tägliches Ritual, sondern vielmehr das schlagende Herz jedes jüdischen Gottesdienstes, ein tiefgründiger Dialog zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer, der die Essenz jüdischen Denkens und Fühlens widerspiegelt. Die Amidah ist ein Gebet von solcher Bedeutung, dass sie als das wichtigste jüdische Gebet bezeichnet wird und den Mittelpunkt jedes Gottesdienstes bildet.

Was ist das wichtigste jüdische Gebet?
Das Achtzehngebet, das täglich dreimal gesprochen wird, hat man als das wichtigste jüdische Gebet bezeichnet. Erfreulicherweise ist jetzt unter dem Titel "Alle Morgen neu" die deutsche Fassung eines soliden holländischen Lehrbuchs über dieses Gebet auf den Markt gebracht worden.

Die Amidah, wörtlich „das Stehen“, leitet ihren Namen von der Haltung ab, in der sie gesprochen wird. Sie ist das einzige Gebet, das im Stehen verrichtet wird, als Zeichen des Respekts und der Ehrfurcht vor G'tt, als ob man direkt vor dem Allerhöchsten stünde. Auch wenn sie allgemein als „Achtzehngebet“ oder auf Hebräisch „Shemone Esre“ bekannt ist, besteht sie in ihrer heutigen Form aus neunzehn Segenssprüchen. Diese historisch bedingte Diskrepanz zwischen dem Namen und der tatsächlichen Anzahl der Segen ist ein Zeugnis ihrer Entwicklung und Anpassung über die Jahrhunderte.

Dreimal täglich wird die Amidah rezitiert: morgens (Schacharit), nachmittags (Mincha) und abends (Ma'ariv). An Schabbat und Feiertagen gibt es spezielle Versionen, die anstelle der mittleren Bitten besondere Segenssprüche für den jeweiligen Tag enthalten. Diese tägliche Wiederholung ist nicht als starre Routine zu verstehen, sondern als eine fortlaufende Gelegenheit zur spirituellen Reflexion, zur Danksagung, zur Bitte und zur Selbstvergewisserung des eigenen Glaubens und der eigenen Rolle in der Welt.

Inhaltsverzeichnis

Die tiefgreifende Struktur der Amidah

Die neunzehn Segenssprüche der Amidah sind nicht zufällig aneinandergereiht, sondern folgen einer sorgfältig durchdachten Struktur, die eine spirituelle Reise abbildet: von Lobpreis über Bitten bis hin zum Dank und dem Wunsch nach Frieden. Diese Struktur ermöglicht es dem Beter, sich schrittweise und methodisch G'tt zu nähern und die eigene Beziehung zu ihm zu vertiefen.

Die drei einleitenden Lobpreisungen:

  • Avot (Väter): Dieser Segen erinnert an G'tts Bund mit Abraham, Isaak und Jakob und betont G'tts ewige Macht und Treue. Er etabliert die Verbindung des Einzelnen zur gesamten jüdischen Geschichte und Tradition.
  • Gevurot (Macht): Hier wird G'tts unendliche Macht und die Fähigkeit, Leben zu geben und die Toten aufzuerwecken, gepriesen. Es ist eine Anerkennung der göttlichen Kontrolle über die Natur und das Schicksal.
  • Kedushat HaShem (Heiligkeit des Namens): Dieser Segen preist G'tts Heiligkeit und Majestät. Er verbindet den Beter mit der himmlischen Sphäre, in der Engel G'tts Namen heiligen.

Diese ersten drei Segenssprüche schaffen eine Atmosphäre der Ehrfurcht und des Respekts, die notwendig ist, bevor man mit persönlichen Bitten an G'tt herantritt.

Die dreizehn mittleren Bitten:

Nach dem Lobpreis folgen dreizehn Segenssprüche, die eine Vielzahl von Anliegen abdecken, die sowohl individuelle als auch kollektive Bedürfnisse des jüdischen Volkes widerspiegeln. Sie sind ein umfassendes Spektrum menschlicher Bitten:

  • Da'at (Wissen/Verständnis): Bitte um Weisheit und Einsicht.
  • Teschuva (Umkehr): Bitte um die Fähigkeit zur Umkehr und Vergebung.
  • Selicha (Vergebung): Bitte um Vergebung für Sünden.
  • Ge'ula (Erlösung): Bitte um Erlösung und Befreiung von Bedrängnis.
  • Refua (Heilung): Bitte um Heilung für Kranke und Leidende.
  • Birkat HaShanim (Segen der Jahre): Bitte um Fruchtbarkeit des Landes und gute Ernte.
  • Kibutz Galuyot (Sammlung der Exilanten): Bitte um die Rückkehr der verstreuten Juden in ihr Land.
  • Din (Gerechtigkeit): Bitte um gerechte Herrschaft und Aufrechterhaltung des Rechts.
  • Birkat HaMinim (gegen Abtrünnige): Ursprünglich ein Segen gegen Häretiker und Denunzianten.
  • Al HaTzadikim (für die Gerechten): Bitte um Schutz und Unterstützung für die Gerechten.
  • Boneh Yerushalayim (Wiederaufbau Jerusalems): Bitte um den Wiederaufbau der heiligen Stadt.
  • Et Tzemach David (Messianische Erlösung): Bitte um die Ankunft des Messias und die messianische Ära.
  • Shome'a Tefila (Erhörung des Gebets): Bitte um die Erhörung aller Gebete.

Diese Bitten umfassen grundlegende menschliche Bedürfnisse, von materiellen Anliegen bis hin zu spiritueller und nationaler Erlösung. Sie zeigen die Verwurzelung der Amidah im täglichen Leben und in den Hoffnungen des Volkes Israel.

Die drei abschließenden Danksagungen und Friedenswünsche:

Nach den Bitten kehrt der Beter zur Haltung des Lobpreises und Danks zurück, um die Beziehung zu G'tt in einer positiven und zuversichtlichen Note zu beenden.

  • Modim Anachnu Lach (Wir danken Dir): Ein Ausdruck tiefer Dankbarkeit für das Leben, die Wunder und die Güte G'tts. Es ist ein Moment der Reflexion über die empfangenen Segnungen.
  • Avodah (Dienst/Opfer): Bitte um die Wiederherstellung des Tempeldienstes und die Akzeptanz der Gebete anstelle von Opfern.
  • Sim Shalom (Frieden): Der abschließende Segen bittet um umfassenden Frieden für Israel und die ganze Welt. Er ist der Höhepunkt des Gebets, da Frieden als das höchste Gut und die Voraussetzung für alle anderen Segnungen angesehen wird.

Diese Struktur, die von Lobpreis zu Bitten und zurück zum Dank führt, spiegelt eine dynamische und reife Beziehung zu G'tt wider, in der Dankbarkeit und Vertrauen die Grundlage für alle Interaktionen bilden.

„Alle Morgen neu“ – Ein tiefer Einblick in die jüdische Gedankenwelt

Um die tiefgreifende Bedeutung der Amidah zu erfassen und ihre reiche Symbolik zu entschlüsseln, bedarf es oft einer fundierten Anleitung. Glücklicherweise bietet hier das Buch „Alle Morgen neu“ eine herausragende Ressource. Dieses Werk, ursprünglich ein holländisches Lehrbuch, das dank des Engagements von Pfarrer Gernot Jonas und vieler anderer nun auch in deutscher Sprache verfügbar ist, ist eine wahre Fundgrube für jeden, der jüdisches Denken verstehen möchte.

Der Titel „Alle Morgen neu“ spielt auf einen Vers aus dem biblischen Buch Echa (Klagelieder 3,23) an und verweist auf die fortwährende Erneuerung von G'ttes Güte. Das Buch, verfasst von Douwe J. van der Sluis, Peter J. Tomson, Dodo J. van Uden und Eli Whitlau, ist Teil der Reihe „Israelitisch denken lernen“ und hat das ehrgeizige Ziel, eine „Einführung in die jüdische Gedankenwelt anhand eines der wichtigsten jüdischen Gebete“ zu bieten. Es ist bemerkenswert, dass die Veröffentlichung einer solch umfassenden Monographie über das Achtzehngebet der Initiative von Christen zu verdanken ist, was die wachsende Wertschätzung jüdischer Quellen in christlichen Kreisen unterstreicht.

„Alle Morgen neu“ enthält sowohl grundsätzliche Bemerkungen über das Gebet in der jüdischen Überlieferung als auch ins Detail gehende Analysen der neunzehn Segenssprüche. Die Autoren haben aus zahlreichen Quellen geschöpft und das zusammengetragene Material äußerst leserfreundlich aufbereitet. Die Herangehensweise ist zweigeteilt: Zunächst gibt es eine „kurze Erklärung“ der einzelnen Segenssprüche, in der die jeweiligen Schlüsselbegriffe herausgearbeitet und erörtert werden. Hierbei wird betont, dass „Jeden Tag werden im Achtzehngebet diese Schlüsselworte 'gelernt' – nichts wird als selbstverständlich angenommen.“ Wer jüdisches Denken begreifen will, sollte diese Schlüsselbegriffe studieren.

Im Anschluss folgt eine „ausführliche Erklärung“, in der einzelne Formulierungen detailliert untersucht und ihre Implikationen deutlich gemacht werden. Da fast jedes Wort und jeder Satzteil aus dem Achtzehngebet auf eine Bibelstelle verweist, ziehen die Autoren den tiefgründigen Schluss: „Beim Gebet spricht G'tt also genauso zum Menschen wie der Mensch zu G'tt.“ Diese Sichtweise transformiert das Gebet von einem einseitigen Verlangen in einen dynamischen Dialog, in dem der Mensch nicht nur bittet, sondern auch durch die göttlich inspirierten Texte belehrt wird.

Gebet als Lektion und Auftrag

Die These, dass „Das Gebet ist eine Lektion, die uns mit unserem Auftrag konfrontiert“, ist ein zentraler Pfeiler des Verständnisses der Amidah. Die Gebetstexte sind nicht nur Worte zum Aufsagen, sondern Lehrmittel, die den Beter an seine moralischen und spirituellen Verpflichtungen erinnern. Sie stellen eine Art „Programm“ dar, das die Richtlinien für ein gottgefälliges Leben aufzeigt. Die Programmpunkte dieses Auftrags werden systematisch herausgearbeitet, und zwar in einer Sprache, die nicht nur Fachleute verstehen, was das Buch für ein breites Publikum zugänglich macht.

Wie viele bitten gibt es im Gebet?
Da das Gebet in der heute üblichen, ursprünglich babylonischen Fassung jedoch 19 Bitten zählt, hat sich die vor allem im sephardischen Judentum gebräuchliche Bezeichnung Amida durchgesetzt. Diese bezieht sich darauf, dass das Gebet immer im Stehen gesprochen wird.

Diese Auffassung vom Gebet als einer Lektion ermutigt den Beter, über die bloße Rezitation hinauszugehen und die Bedeutung jedes Wortes zu reflektieren. Es ist eine Einladung, sich bewusst zu werden, wie die Werte und Prinzipien, die in den Segenssprüchen verankert sind – wie Gerechtigkeit, Umkehr, Heilung, Frieden und die Sammlung der Exilanten – sich im eigenen Leben manifestieren und zur Erfüllung der göttlichen Mission beitragen sollen.

Die Bedeutung des Gemeinschaftsgebets

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der in „Alle Morgen neu“ beleuchtet wird, ist die Bedeutung des Gemeinschaftsgebets. Der mittelalterliche jüdische Gelehrte Maimonides (Rambam) betont in seinem Kodex (Hilchot Tefila 8, 1): „Der Mensch muss sich selbst mit der Gemeinschaft verbinden und darf nicht nur für sich allein beten, sobald er Gelegenheit hat, zusammen mit der Gemeinschaft zu beten.“ Diese Aussage unterstreicht die kollektive Dimension des jüdischen Gebets, insbesondere der Amidah.

Auch Jehuda Halevi, ein weiterer bedeutender jüdischer Philosoph, führte in seinem Werk „Der Kusari“ mehrere Gründe an, warum das Gemeinschaftsgebet dem individuellen Gebet überlegen ist. Das Gemeinschaftsgebet stärkt die Bindung zwischen den Betern, schafft eine stärkere spirituelle Energie und ermöglicht die öffentliche Heiligung des Namens G'ttes (Kiddusch HaSchem), was im individuellen Gebet nicht in gleichem Maße möglich ist. Die kollektive Stimme des Volkes Israel, die sich in der Synagoge versammelt, trägt eine besondere Kraft und Gewichtigkeit.

AspektIndividuelles GebetGemeinschaftsgebet
FokusPersönliche Beziehung, individuelle AnliegenVerbindung zur Klal Yisrael (Gemeinschaft Israel), kollektive Anliegen
WirkungPersönliche Erhebung, innerer FriedenStärkung der Gemeinschaft, erhöhte Wirksamkeit durch gemeinsame Präsenz
ZweckIndividuelle Bitten, Dank und SelbstreflexionKollektive Bitten, Heiligung des Namens G'ttes, gegenseitige Unterstützung
HalachaStets erlaubt und wichtigBevorzugt, wo immer möglich; erfordert einen Minjan (Quorum von 10 Erwachsenen) für bestimmte Gebete
VorteileFlexibilität, IntimitätGesteigerte spirituelle Kraft, Erfüllung von Mitzwot (Geboten) der Gemeinschaft

Diese Betonung des Gemeinschaftsgebets ist ein entscheidender Einblick, der viele dazu bewegen könnte, öfters am Gottesdienst in der Synagoge teilzunehmen, um die volle spirituelle Erfahrung der Amidah zu erleben.

Häufig gestellte Fragen zur Amidah

Was ist der Unterschied zwischen Amidah und Shemone Esre?

Es gibt keinen Unterschied im Wesentlichen. „Amidah“ bedeutet „das Stehen“ und bezieht sich auf die Haltung während des Gebets. „Shemone Esre“ bedeutet „Achtzehn“ auf Hebräisch und war die ursprüngliche Anzahl der Segenssprüche. Beide Begriffe bezeichnen dasselbe zentrale jüdische Gebet.

Warum wird es „Achtzehngebet“ genannt, obwohl es 19 Segenssprüche hat?

Ursprünglich hatte die Amidah tatsächlich achtzehn Segenssprüche. Ein zusätzlicher Segen, die „Birkat HaMinim“ (Segen gegen die Abtrünnigen), wurde später hinzugefügt, um die Gemeinschaft in Zeiten religiöser Spaltung zu stärken. Der ursprüngliche Name blieb jedoch erhalten, auch wenn die Anzahl der Segenssprüche auf neunzehn erhöht wurde.

Muss die Amidah auf Hebräisch gebetet werden?

Traditionell wird die Amidah auf Hebräisch gebetet, da dies die Sprache ist, in der die Gebete ursprünglich offenbart und formuliert wurden, und es eine tiefe spirituelle Verbindung zur Tradition schafft. Die Halacha (jüdisches Gesetz) erlaubt jedoch, dass die Amidah in jeder Sprache gebetet wird, die der Beter versteht, da das Verständnis der Worte für die Konzentration (Kavana) entscheidend ist.

Kann jeder Jude die Amidah beten?

Ja, die Amidah ist ein zentrales Gebet für alle Juden, unabhängig von Geschlecht oder Alter (nach der Bar/Bat Mitzwa). Es ist ein grundlegender Bestandteil des täglichen jüdischen Lebens und der spirituellen Praxis.

Was symbolisiert das Stehen während der Amidah?

Das Stehen während der Amidah symbolisiert Ehrfurcht, Respekt und die Bereitschaft, direkt vor G'tt zu stehen und Ihm zu dienen. Es drückt eine Haltung der Demut und gleichzeitig der Entschlossenheit aus, sich dem Göttlichen vollständig zu widmen, ähnlich wie ein Diener vor seinem König steht.

Fazit: Die unendliche Tiefe der Amidah

Die Amidah ist weit mehr als nur ein Gebet; sie ist eine spirituelle Landkarte, ein täglicher Kompass und ein tiefgründiges Studium der jüdischen Seele. Sie lädt uns ein, uns nicht nur mit G'tt zu verbinden, sondern auch unsere eigene Rolle in der Welt und unsere Verpflichtungen zu reflektieren. Die sorgfältige Lektüre und das Studium der Texte, wie sie in Werken wie „Alle Morgen neu“ angeboten werden, können die persönliche Gebetserfahrung revolutionieren und das bloße Rezitieren von Worten in einen bewussten, bedeutungsvollen Akt der Kommunikation mit dem Schöpfer verwandeln.

Möge dieses zentrale Gebet, das Herzstück des jüdischen Gottesdienstes, uns alle auf unserem Weg zu einem tieferen Verständnis und einer reicheren spirituellen Erfahrung begleiten und uns stets daran erinnern, dass jeder Morgen neu ist und eine frische Gelegenheit bietet, uns mit dem Göttlichen zu verbinden und unseren Auftrag in dieser Welt zu erfüllen.

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