Was ist das Evangelium?

Epistel vs. Evangelium: Der Kernunterschied

14/04/2022

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Im Herzen eines jeden christlichen Gottesdienstes stehen die biblischen Lesungen. Sie sind nicht nur alte Texte, die vorgelesen werden, sondern lebendige Worte, die die Gemeinde nähren und den Glauben vertiefen sollen. Doch oft stoßen Besucherinnen und Besucher, aber auch langjährige Gemeindemitglieder, auf Begriffe wie „Epistel“ und „Evangelium“ und fragen sich nach deren genauer Bedeutung und dem Unterschied zwischen ihnen. Diese Unterscheidung ist nicht nur eine Frage der Nomenklatur, sondern spiegelt tiefe theologische und liturgische Traditionen wider, die seit Jahrhunderten die Form des Gottesdienstes prägen. Ziel dieses Artikels ist es, diese Unterschiede klar herauszuarbeiten, die Rollen der Vorlesenden zu beleuchten und die Bedeutung dieser Lesungen für das Gottesdiensterleben verständlich zu machen.

Was ist der Unterschied zwischen einer Epistel und einem Evangelium?
Es hat Tradition, dass die Epistel am Lesepult der Südseite des Kirchraumes (also rechts vom Altar) gelesen wird. Das Evangelium wurde (wird) an der Nordseite gelesen. Diese Tradition ist kaum mehr bekannt, und unsere Kirchen haben zumeist nur ein Lesepult.
Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Epistel?

Der Begriff Epistel leitet sich vom griechischen Wort „epistolē“ ab, was „Brief“ oder „Sendung“ bedeutet. Im kirchlichen Kontext bezeichnet eine Epistel in der Regel einen Abschnitt aus den Briefen der Apostel im Neuen Testament, insbesondere den Briefen des Apostels Paulus, aber auch aus anderen apostolischen Schriften wie den Petrusbriefen, Johannesbriefen oder dem Hebräerbrief. Gelegentlich können Episteln auch Lesungen aus dem Alten Testament oder der Apostelgeschichte sein, die als erste Lesung vor dem Evangelium gelesen werden. Diese Texte sind oft lehrhaft, ermahnend oder geben Anweisungen für das christliche Leben und die Organisation der frühen Gemeinden. Sie spiegeln die Auslegung der Lehre Christi durch die Apostel und ihre Anwendung auf konkrete Lebenssituationen wider.

Die Epistellesung hat eine lange Tradition im Gottesdienst. Schon in den frühen christlichen Gemeinden wurden Briefe der Apostel vorgelesen, um die Gläubigen zu unterweisen und zu stärken. Im Gottesdienst nimmt die Epistel üblicherweise die Rolle der ersten Schriftlesung ein. Traditionell wird sie von einem Laien, einem sogenannten Lektor oder einer Lektorin, vorgelesen.

Die Rolle der Lektoren bei der Epistellesung

Die Gestaltung der Epistellesung durch Lektoren und Lektorinnen ist eine Praxis, die sich durch die Jahrhunderte zieht. Soweit christliche Gottesdienste zurückverfolgt werden können, haben Lektoren die Epistel gelesen. Diese Rolle ist von großer Bedeutung, da sie die Gemeinde direkt mit dem Wort Gottes in Verbindung bringt. Um dieser wichtigen Aufgabe gerecht zu werden, ist eine sorgfältige Vorbereitung und Schulung der Lektoren unerlässlich.

Schulung und Unterstützung von Lektoren

  • Ein Lektorenplan, der mehrere Monate oder das ganze Kirchenjahr umfasst, sorgt für eine geregelte Verteilung der Lesungen und entlastet Amtspersonen.
  • Regelmäßige Treffen im Lektorenkreis, um Texte gemeinsam zu besprechen und das Lesen einzuüben, sind von Vorteil.
  • Lektionare (Bücher mit Leseabschnitten) im Taschenbuchformat können den Lektoren zur frühzeitigen Vorbereitung zur Verfügung gestellt werden.
  • Manche Kirchen legen die Lesungstexte für das ganze Jahr in Ringmappen zugänglich aus, damit Lektoren „ihre“ Texte einsehen und mitnehmen können.

Die Vortragsweise der Lesungstexte

Die Art und Weise, wie biblische Texte im Gottesdienst vorgetragen werden, ist entscheidend für ihr Verständnis und ihre Wirkung. Oftmals werden biblische Texte in einem getragenen Ton gelesen, der ihre „Übermenschlichkeit“ oder „Heiligkeit“ unterstreichen soll. Dies kann jedoch dazu führen, dass inhaltlich wenig verstanden wird und der Vortrag auf manche Zuhörer, insbesondere junge oder seltene Gottesdienstbesucher, befremdlich wirkt.

Ein „natürliches“ Lesen wird angestrebt. Der Text muss vom Leser oder der Leserin selbst durchdacht und verstanden sein. Es ist gut, wenn die persönliche Beziehung des Lektors oder der Lektorin zum Text erkennbar wird. Ein bewährter Vorschlag ist, zur Übung für jeden Satz nur ein Wort zu betonen, um eine flüssige und verständliche Vortragsweise zu entwickeln.

Traditionelle Orte der Lesungen

Es hat Tradition, dass die Epistel am Lesepult der Südseite des Kirchraumes (also rechts vom Altar, vom Altar aus gesehen) gelesen wird. Das Evangelium wurde und wird hingegen an der Nordseite gelesen. Diese Tradition ist heute oft weniger bekannt, da viele Kirchen nur ein Lesepult besitzen. Dennoch ist es sinnvoll, über den Wechsel von Standorten nachzudenken, um Bewegung und Abwechslung in den Gottesdienst zu bringen und inhaltliche Unterschiede optisch zu unterstreichen. Ein völliger Mangel an Wechsel liturgischer Orte kann zu einer optischen Verflachung führen, besonders wenn alle Gebete und Texte von einer einzigen Person am Altar gelesen werden.

Was ist ein Evangelium?

Das Evangelium, vom griechischen Wort „euangelion“ abgeleitet, bedeutet wörtlich „gute Nachricht“ oder „frohe Botschaft“. Im christlichen Kontext bezieht es sich auf die Botschaft von Jesus Christus und sein Erlösungswerk. Die Evangelien im Neuen Testament (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) berichten vom Leben, Wirken, Sterben und der Auferstehung Jesu. Sie sind der Höhepunkt der Verkündigung im Gottesdienst und stellen das Zentrum des christlichen Glaubens dar.

Aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung wird die Evangeliumslesung oft mit besonderer Feierlichkeit behandelt. Traditionell wird sie nicht von einem Lektor, sondern von einem ordinierten Geistlichen (Pfarrer, Priester, Diakon) gelesen. Oft erheben sich die Gläubigen während der Evangeliumslesung als Zeichen des Respekts vor dem Wort Jesu.

Der Unterschied zwischen Epistel und Evangelium im Überblick

Obwohl sowohl Epistel als auch Evangelium biblische Lesungen sind, unterscheiden sie sich in mehreren wichtigen Aspekten, die ihre Rolle und Präsentation im Gottesdienst prägen:

MerkmalEpistelEvangelium
Herkunft / InhaltMeist apostolische Briefe (NT), gelegentlich AT oder Apg. Lehrhaft, ermahnend, Auslegung der Lehre.Die vier Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes). Berichte über Leben, Lehre, Tod und Auferstehung Jesu Christi.
Lesende PersonLektor / Lektorin (Laie)Ordinierter Geistlicher (Pfarrer, Priester, Diakon)
Traditioneller OrtLesepult an der Südseite (rechts vom Altar)Lesepult an der Nordseite (links vom Altar)
Liturgische BedeutungErste Schriftlesung, Vorbereitung auf die Evangeliumsverkündigung.Höhepunkt der Wortverkündigung, direkte Worte und Taten Jesu.
GemeindereaktionZuhören, oft sitzend.Zuhören, oft stehend als Zeichen der Ehrerbietung.

Gestaltung der Lesungen: Präfamina und Postfamina

Um das Verständnis der Lesungen zu erleichtern und die Gemeinde auf das Zuhören einzustimmen, können die Lesungen mit einem „Vorwort“ (Präfamen) eingeleitet oder mit einem „Nachwort“ (Postfamen) abgeschlossen werden. Diese kurzen Erläuterungen sind keine Zusammenfassungen der Texte, sondern sollen den Kontext herstellen oder schwierige Passagen erklären.

Was ist der Unterschied zwischen einer Epistel und einem Evangelium?
Es hat Tradition, dass die Epistel am Lesepult der Südseite des Kirchraumes (also rechts vom Altar) gelesen wird. Das Evangelium wurde (wird) an der Nordseite gelesen. Diese Tradition ist kaum mehr bekannt, und unsere Kirchen haben zumeist nur ein Lesepult.

Bedeutung von Präfamina

Ein Präfamen vor der ersten Lesung hilft, die Gemeinde auf das Zuhören einzustimmen, besonders beim Übergang von der Anbetung zur Verkündigung. Es ist eine Aufgabe für Vorbereitungskreise und Bibelstunden, solche Präfamina und Postfamina zu erstellen. Sie sollten kurz sein, da die Predigt noch folgt. Informationen aus den Einleitungen biblischer Bücher können dabei gut verarbeitet werden. Mehrere Präfamina und/oder Postfamina im Verkündigungsteil können sich ergänzen und sogar die Predigt ersetzen, besonders in Gottesdiensten mit Teilnehmenden, die nicht an lange Predigten gewöhnt sind.

Abschlussverse der Lesungen

Die Epistellesung kann mit einer festen Redewendung abgeschlossen werden, die im Wechsel zwischen Lektor und Gemeinde gesprochen wird. Vorschläge für solche Versikel (Verschen) finden sich in der Ökumene, zum Beispiel:

  • Lektor/Lektorin: „Worte der Heiligen Schrift“ oder „Wort des lebendigen Gottes“
  • Gemeinde antwortet jeweils: „Gott sei Lob und Dank“.

Die Einführung solcher Versikel erfordert eine Vorbereitung der Gemeinde, damit sie daran gewöhnt wird. Die „liturgische Annäherung“ an katholische Partnergemeinden kann ein Argument für die Einführung solcher Redewendungen sein, auch wenn ihre genaue Bedeutung für die Gottesdienstgestaltung manchmal hinterfragt wird.

Die Auswahl der biblischen Lesungstexte

Die Texte der Perikopenreihe (Leseordnung) dienen als Vorschlag für die Gottesdienstgestaltung. Oft passen die festgelegten Perikopen gut in den Gottesdienst, da die vorgeschlagenen Lesetexte inhaltlich aufeinander und auf andere wechselnde Texte (wie Eingangspsalm, Gebet des Tages, Wochenlied) abgestimmt sind. Wichtiger als ein starres Festhalten an althergebrachten Reihen ist jedoch, dass begründet werden kann, warum gerade dieser Text an dieser Stelle gelesen wird. Welchen Bezug hat er zur Predigt, zum speziellen Sonntag, zum Thema des Tages oder zu einem besonderen Anlass? Die Flexibilität bei der Auswahl der Lesetexte ermöglicht es, den Gottesdienst relevanter und ansprechender zu gestalten.

Häufig gestellte Fragen

Warum werden Epistel und Evangelium von unterschiedlichen Personen gelesen?

Die Tradition, dass die Epistel von einem Lektor (Laien) und das Evangelium von einem Geistlichen gelesen wird, unterstreicht die besondere Bedeutung des Evangeliums als die direkte Botschaft und das Wirken Jesu Christi. Es symbolisiert, dass das Evangelium das Herzstück der Verkündigung ist, das durch das ordinierte Amt autorisiert verkündet wird, während die Epistel die Auslegung und Anwendung dieser Botschaft durch die Apostel darstellt, die auch von der Gemeinde selbst angenommen und verkörpert werden soll.

Warum werden Epistel und Evangelium traditionell an verschiedenen Orten gelesen?

Die Unterscheidung der Lesepulte (Südseite für Epistel, Nordseite für Evangelium) hat historische Wurzeln und dient der visuellen und räumlichen Hervorhebung der beiden Lesungen. Sie betont die unterschiedliche Gewichtung und Herkunft der Texte. Auch wenn heute oft nur ein Lesepult vorhanden ist, bleibt die symbolische Bedeutung der Trennung bestehen, um die Abfolge und Bedeutung der Lesungen zu verdeutlichen.

Gibt es Ausnahmen von der traditionellen Lesereihenfolge?

Ja, die Perikopenreihe ist ein Vorschlag und kann, begründet durch den Kontext des Gottesdienstes oder besondere Anlässe, angepasst werden. Es ist wichtiger, dass die Texte eine sinnvolle Verbindung zur Predigt und zum Thema des Tages haben, als sich starr an eine feste Reihenfolge zu halten.

Was ist die Verbindung zwischen den Lesungen und dem Halleluja?

Das Halleluja ist ein jubilierender Ruf, der traditionell zwischen der Epistellesung und der Evangeliumslesung gesungen oder gesprochen wird. Es dient als feierliche Akklamation und bereitet die Gemeinde auf den Empfang der frohen Botschaft des Evangeliums vor. Es ist ein Ausdruck der Freude und des Lobpreises für das nahende Wort Christi.

Was ist eine Perikopenreihe?

Eine Perikopenreihe ist eine festgelegte Abfolge von biblischen Lesetexten, die für die Sonntage und Feiertage des Kirchenjahres vorgesehen sind. Diese Lesereihen sollen sicherstellen, dass über einen bestimmten Zeitraum (oft mehrere Jahre) ein breiter Querschnitt biblischer Texte im Gottesdienst zur Sprache kommt und die Gemeinde kontinuierlich in der biblischen Lehre unterwiesen wird. Sie sind inhaltlich aufeinander und auf die jeweilige Zeit im Kirchenjahr abgestimmt.

Fazit

Die Unterscheidung zwischen Epistel und Evangelium ist ein wesentlicher Bestandteil der christlichen Liturgie und des Verständnisses biblischer Texte. Während die Epistel uns die apostolische Auslegung und Anwendung der Lehre Christi nahebringt, ist das Evangelium die direkte, frohe Botschaft von Jesus Christus selbst. Beide sind unverzichtbare Säulen der Wortverkündigung im Gottesdienst, die von engagierten Lektoren und Geistlichen mit Sorgfalt und Hingabe vorgetragen werden. Das Wissen um diese Unterschiede und die damit verbundenen Traditionen bereichert nicht nur das Gottesdiensterlebnis, sondern vertieft auch das Verständnis für die reiche Geschichte und Theologie des christlichen Glaubens. Die sorgfältige Auswahl der Texte aus der Perikopenreihe und ihre verständliche Präsentation durch Präfamina und Postfamina tragen dazu bei, dass das Wort Gottes lebendig und wirkmächtig in der Gemeinde bleibt.

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