07/01/2024
Die Frage nach der Autorenschaft der Evangelien gehört zu den ältesten und hartnäckigsten Rätseln der biblischen Forschung. Wer verfasste jene Schriften, die das Fundament des christlichen Glaubens bilden und das Leben, die Lehren, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi dokumentieren? Traditionell werden die vier kanonischen Evangelien – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – direkt Aposteln oder deren engen Begleitern zugeschrieben. Doch diese jahrhundertealten Annahmen werden durch moderne wissenschaftliche Methoden, insbesondere die historisch-kritische Methode, zunehmend hinterfragt. Dieser Artikel beleuchtet die traditionellen Zuschreibungen im Licht aktueller Forschungsergebnisse und enthüllt, warum die Identität der Evangelisten weit komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint.

- Historischer Hintergrund und Entstehungszeit der Evangelien
- Wer schrieb das Matthäusevangelium?
- Wer schrieb das Markusevangelium?
- Wer war Autor des Lukasevangeliums?
- Wer schrieb das Johannesevangelium?
- Moderne wissenschaftliche Perspektiven auf die Evangelienautorschaft
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Schlussfolgerung: Wer also schrieb die Evangelien?
Historischer Hintergrund und Entstehungszeit der Evangelien
Die vier kanonischen Evangelien des Neuen Testaments wurden nicht unmittelbar nach den Ereignissen im Leben Jesu verfasst. Stattdessen entstanden sie in einem Zeitraum zwischen etwa 70 und 110 n. Chr., also mindestens eine, oft sogar zwei Generationen nach der Kreuzigung Jesu. Diese zeitliche Distanz ist ein entscheidender Faktor für die Frage nach der Autorenschaft. In den Jahrzehnten zwischen Jesu Tod und der Niederschrift der Evangelien spielte die mündliche Überlieferung eine zentrale Rolle. Geschichten, Lehren und Berichte über Jesu Taten wurden von Mund zu Mund weitergegeben, interpretiert und in den frühen christlichen Gemeinden tradiert, bevor sie in schriftlicher Form festgehalten wurden.
Interessanterweise wurden die Evangelien in der frühen Christenheit zunächst ohne spezifische Autorenzuschreibung verbreitet. Die Namen „nach Matthäus“, „nach Markus“ usw. wurden erst im späten 2. Jahrhundert hinzugefügt. Diese Zuschreibungen basieren hauptsächlich auf den Berichten früher Kirchenväter wie Papias von Hierapolis (ca. 60–130 n. Chr.) und Irenäus von Lyon (ca. 130–202 n. Chr.). Papias, dessen Schriften uns nur fragmentarisch durch den Historiker Eusebius von Caesarea (ca. 260–339 n. Chr.) überliefert sind, ist die früheste Quelle, die Markus als „Dolmetscher des Petrus“ und Matthäus als Verfasser eines Evangeliums in hebräischer Sprache nennt. Doch es fehlen zeitgenössische Belege, die diese Zuschreibungen direkt bestätigen, was in der modernen Forschung zu Skepsis führt.
Chronologie der Evangelien: Entstehung vs. Kanon
Die Reihenfolge, in der die Evangelien im Neuen Testament erscheinen (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes), entspricht nicht ihrer Entstehungsgeschichte. Die Mehrheitsmeinung der biblischen Gelehrten, basierend auf textkritischen Analysen, sieht die Entstehungszeiten wie folgt:
| Evangelium | Geschätzte Entstehungszeit | Reihenfolge im Kanon |
|---|---|---|
| Markusevangelium | ca. 65–70 n. Chr. | 2. |
| Matthäusevangelium | ca. 70–85 n. Chr. | 1. |
| Lukasevangelium | ca. 80–90 n. Chr. | 3. |
| Johannesevangelium | ca. 90–110 n. Chr. | 4. |
Diese chronologische Reihenfolge ist entscheidend, um die literarischen Abhängigkeiten zwischen den Evangelien zu verstehen, insbesondere bei den sogenannten synoptischen Evangelien.
Wer schrieb das Matthäusevangelium?
Traditionell wird das Matthäusevangelium dem Apostel Matthäus zugeschrieben, der in den Evangelien auch als Levi, der Zöllner, bekannt ist. Man nahm an, er sei ein direkter Augenzeuge der Ereignisse im Leben Jesu gewesen und habe seine Erfahrungen und Lehren Jesu eigenhändig niedergeschrieben. Diese Annahme stützt sich auf Papias, der behauptete, Matthäus habe das Evangelium ursprünglich in der „Sprache der Hebräer“ verfasst, und auf Irenäus von Lyon, der Matthäus explizit mit dem Apostel Matthäus gleichsetzte, um dem Text apostolische Autorität zu verleihen.
Doch die moderne wissenschaftliche Forschung, insbesondere die historisch-kritische Exegese, verneint diese traditionelle Zuschreibung größtenteils. Es gibt zwei schwerwiegende Argumente dagegen:
- Das offensichtliche Bestreben der Kirchenväter, den Evangelisten mit einem Apostel gleichzusetzen, um die Glaubwürdigkeit und Autorität der Schrift zu erhöhen. Dies deutet eher auf eine theologische Notwendigkeit als auf eine historische Tatsache hin.
- Die starke Abhängigkeit des Matthäusevangeliums vom Markusevangelium. Diese Abhängigkeit wird durch die sogenannte Zweiquellentheorie gestützt, die heute als die am weitesten anerkannte Hypothese zur Erklärung der Beziehungen zwischen den synoptischen Evangelien gilt.
Die Zweiquellentheorie: Markus + Q = Matthäus und Lukas
Nach der Zweiquellentheorie nutzte der Verfasser des Matthäusevangeliums das Markusevangelium und eine weitere, heute verlorene Quelle (oft als Q-Quelle oder Logienquelle bezeichnet) als Hauptgrundlagen für sein Werk. Ein Augenzeuge, wie der Apostel Matthäus, hätte kaum eine derartige Abhängigkeit von fremden Quellen gezeigt, geschweige denn Passagen fast wortwörtlich übernommen. Die wesentlichen Fundamente der Zweiquellentheorie sind:
- Die Mehrfachüberlieferung: Viele Textstellen erscheinen in zwei (duplex traditio) oder allen drei (triplex traditio) synoptischen Evangelien.
- Die Übereinstimmung im Wortlaut: Besonders zwischen Matthäus und Lukas gibt es Passagen, die fast identisch sind, aber nicht in Markus vorkommen (Hinweis auf die Q-Quelle).
- Die Übereinstimmung in der Textquantität: Die Länge der gemeinsamen Passagen ist auffällig.
- Die Übereinstimmung in der Textreihenfolge: Matthäus und Lukas folgen oft der Reihenfolge von Markus, auch wenn sie eigene Ergänzungen machen.
- Spezielle „nichtmarkinische“ Textstellen: Diese finden sich nur bei Matthäus und Lukas, nicht aber bei Markus, was auf eine gemeinsame zusätzliche Quelle (Q) hindeutet.
Zudem legen historische Analysen nahe, dass das Matthäusevangelium in einem griechischsprachigen Umfeld verfasst wurde, was auf eine Zielgruppe jüdischer Christen mit einer guten Kenntnis der griechischen Sprache und Kultur hindeutet. Der tatsächliche Verfasser des Matthäusevangeliums ist somit unbekannt.
Wer schrieb das Markusevangelium?
Das Markusevangelium ist das kürzeste der vier Evangelien und wird traditionell Johannes Markus zugeschrieben, einem Begleiter des Apostels Petrus. Diese Zuschreibung basiert ebenfalls auf Papias von Hierapolis, der Markus als „Dolmetscher“ des Petrus beschrieb, der die Predigten des Petrus sorgfältig aufzeichnete. Wie alle Evangelien wurde es auf Griechisch verfasst. Die Überschrift mit der Namensnennung wurde erst später hinzugefügt, da das Evangelium zunächst anonym verbreitet wurde.
Die Argumente für die Autorschaft des Johannes Markus sind vor allem der lebhafte und detailgetreue Stil des Textes, der eine Nähe zu einem Augenzeugen wie Petrus plausibel erscheinen lässt. Doch auch hier gibt es gewichtige Gegenargumente:
- Markus’ Griechisch zeigt keine semitischen Einflüsse, was gegen eine Herkunft aus Palästina spricht, die bei Johannes Markus zu erwarten wäre.
- Es wird bezweifelt, ob Markus ein Judenchrist oder Heidenchrist war, was aufgrund des Textes und seiner theologischen Ausrichtung unklar bleibt.
- Wie bei Matthäus, berufen sich spätere Zeugen (z.B. Hieronymus oder Tertullian) letztendlich auf Papias, dessen Informationen nicht direkt bestätigt werden können.
Die Frage, ob Johannes Markus tatsächlich der Verfasser war, bleibt also umstritten.
Wer war Autor des Lukasevangeliums?
Lukas, der traditionelle Autor des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte, wird als Begleiter des Paulus von Tarsus identifiziert. Er wird in den Paulusbriefen als Arzt erwähnt (Kolosser 4:14) und galt demnach als gebildeter Mann griechischer Herkunft. Seine Werke zeichnen sich durch eine sorgfältige Komposition und das Bestreben aus, eine ordentliche und zusammenhängende Geschichte von Jesu Leben und der frühen Kirche zu erzählen. Die erste Namenserwähnung findet sich im Papyrus 75, dem ältesten größeren Manuskript dieses Evangeliums, das mit „nach Lukas“ endet. Dieser Lukas soll ein griechischer Heidenchrist gewesen sein und Paulus auf seiner zweiten Missionsreise begleitet haben.
Die traditionelle Zuschreibung zu Lukas als Paulusbegleiter wird in der heutigen Forschung jedoch nur noch von wenigen vertreten. Die historisch-kritische Forschung sieht erhebliche Diskrepanzen zwischen dem Lukasevangelium/Apostelgeschichte und den Paulusbriefen:
- Abweichungen in Paulus-Erzählungen: Die Apostelgeschichte enthält Erzählungen über Paulus, die in einigen Details von Paulus‘ eigenen Briefen abweichen (z.B. die Beschreibung der Jerusalemreise oder der Begegnung mit den anderen Aposteln). Ein direkter Schüler von Paulus hätte wahrscheinlich eine konsistentere Darstellung der Ereignisse geboten, an denen Paulus beteiligt war.
- Fehlende persönliche Details: Lukas nennt Paulus an keiner einzigen Stelle „Apostel“ – für Paulus selbst war diese (Eigen-)Zuschreibung jedoch absolut grundlegend.
- Hellenistischer Stil: Der Schreibstil Lukas’ weist eher auf einen hellenistischen Hintergrund hin, was zwar zu einem gebildeten Griechen passen würde, aber nicht unbedingt zu einem engen Begleiter des Paulus, der stark im jüdischen Kontext verwurzelt war.
- Zeitliche Diskrepanz: Wenn die Datierung des Lukasevangeliums auf 80–90 n. Chr. stimmt, wäre dies zwei oder sogar drei Jahrzehnte nach Paulus’ Tod. Dies wirft Fragen auf bezüglich der Möglichkeit, dass Lukas ein direkter Zeitgenosse und Begleiter von Paulus war.
All diese Punkte wecken erhebliche Zweifel an der traditionellen Identifizierung des Autors Lukas als Schüler des Paulus. Auch hier gilt: Genaues weiß man nicht.
Wer schrieb das Johannesevangelium?
Das Johannesevangelium wird traditionell dem Apostel Johannes, dem „Lieblingsjünger“ Jesu, zugeschrieben. Dieses Evangelium unterscheidet sich in Stil und Inhalt erheblich von den synoptischen Evangelien und bietet eine tiefgründige theologische Perspektive. Die Zuschreibung basiert auf der internen Evidenz des Textes selbst, in dem der Verfasser sich als „der Jünger, den Jesus liebte“ bezeichnet (Joh. 21,20-24). Auch Irenäus von Lyon beruft sich auf diese Stelle und schreibt: „Zuletzt gab Johannes, der Jünger des Herrn, der auch an seiner Brust ruhte, selbst das Evangelium heraus, als er sich in Ephesos in der Asia aufhielt.“
Trotz dieser traditionellen Auffassung gibt es in der modernen biblischen Forschung erhebliche Zweifel daran, dass das Johannesevangelium von einer einzigen Person, geschweige denn vom Apostel Johannes, stammt:
- Keine explizite Autornennung: Das Evangelium selbst nennt keinen expliziten Autor. Die Identifizierung mit Johannes basiert damit ausschließlich auf Tradition und Interpretation externer Quellen sowie auf Schlüssen aus dem Text.
- Komplexität des Stils: Der hohe Grad an theologischer Reflexion und der komplexe literarische Stil des Johannesevangeliums haben einige Forscher dazu veranlasst, zu hinterfragen, ob ein Fischer aus Galiläa, wie Johannes es war, in der Lage gewesen wäre, einen Text dieser Art zu verfassen. Dies führt zu Spekulationen über andere mögliche Verfasser oder die Rolle von Schreibgemeinschaften.
- Späte Datierung: Die Datierung des Johannesevangeliums auf das Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. (ca. 90–110 n. Chr.) wirft Fragen zur Möglichkeit auf, dass der historische Johannes der Verfasser sein könnte, da der Text mindestens 60, vielleicht sogar 80 Jahre nach Jesu Kreuzigung entstand. Dies deutet darauf hin, dass das Evangelium das Ergebnis einer längeren mündlichen Tradition und theologischen Entwicklung innerhalb einer „johanneischen Gemeinde“ sein könnte.
- Unterschiede zu den Synoptikern: Erhebliche Abweichungen in der Darstellung von Ereignissen und Theologie im Vergleich zu den synoptischen Evangelien sowie Widersprüche in historischen Details tragen ebenfalls zu den Zweifeln an der Autorschaft des Apostels Johannes bei.
Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass das Johannesevangelium das Produkt mehrerer Autoren ist. Eine „Grundschrift“ wurde um die Kapitel 15, 16 und 17 von weiteren Autoren ergänzt, und eine weitere Ergänzung erfolgte um das Kapitel 21. Eine alternative Schule deutet auf Johannes, den Presbyter, als Autor des Johannesevangeliums und der Johannesbriefe hin, basierend auf Papias' Erwähnungen.
Moderne wissenschaftliche Perspektiven auf die Evangelienautorschaft
Die moderne biblische Forschung hat unser Verständnis der Evangelienautorschaft revolutioniert. Anstatt die traditionellen Zuschreibungen einfach zu übernehmen, werden die Texte selbst, ihr historischer Kontext und ihre Überlieferungsgeschichte akribisch untersucht.
Textkritische Analysen und die synoptische Frage
Textkritische Analysen haben gezeigt, dass die Evangelien das Ergebnis eines komplexen Überlieferungsprozesses sind, der mündliche Traditionen und frühe schriftliche Quellen umfasst. Die sogenannte synoptische Frage, die sich mit den literarischen Beziehungen zwischen den Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas beschäftigt, ist hierbei zentral. Die Forschung deutet darauf hin, dass diese Texte voneinander abhängig sind, wobei das Markusevangelium wahrscheinlich die älteste schriftliche Quelle darstellt, die von Matthäus und Lukas unabhängig voneinander genutzt wurde. Die Existenz der Q-Quelle erklärt die Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas, die nicht in Markus zu finden sind.
Die Rolle apokrypher Evangelien
Die Entdeckung und Erforschung apokrypher Evangelien – Texte, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden – hat das Verständnis der Vielfalt frühchristlicher Überzeugungen und Texte erweitert. Diese Texte bieten alternative Perspektiven auf Jesu Leben und Lehren und fordern die traditionellen Zuschreibungen der kanonischen Evangelien weiter heraus, indem sie zeigen, dass es eine breite Palette von Schriften gab, die in den frühen Gemeinden zirkulierten, bevor sich ein fester Kanon etablierte.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sind die Evangelien historisch zuverlässig, wenn die Autoren unbekannt sind?
Die Frage der historischen Zuverlässigkeit ist komplex und hängt nicht allein von der direkten Augenzeugenschaft ab. Auch wenn die Autoren der Evangelien wahrscheinlich keine direkten Augenzeugen waren, spiegeln die Texte die Überlieferungen der frühen christlichen Gemeinden wider. Historiker und Theologen nutzen verschiedene Methoden, um die historischen Kerne in den Evangelien zu identifizieren. Die Evangelien sind theologische Dokumente, die das Leben Jesu aus der Perspektive des Glaubens interpretieren, und keine modernen Biografien.
Was ist die Q-Quelle?
Die Q-Quelle (von „Quelle“) ist eine hypothetische, verlorene Schriftensammlung, die hauptsächlich Sprüche und Lehren Jesu enthielt. Sie wird als Erklärung für die gemeinsamen Textstellen im Matthäus- und Lukasevangelium herangezogen, die nicht im Markusevangelium zu finden sind. Obwohl die Q-Quelle selbst nicht erhalten ist, lassen die literarischen Übereinstimmungen auf ihre Existenz schließen und machen sie zu einem wichtigen Baustein der Zweiquellentheorie.
Warum ist die Autorschaft der Evangelien wichtig für den Glauben?
Für viele Gläubige ist die traditionelle Zuschreibung der Evangelien an Apostel oder deren direkte Begleiter ein wichtiger Garant für die Authentizität und Autorität der Texte. Die Erkenntnis, dass die tatsächlichen Verfasser unbekannt sind, kann daher zu Verunsicherung führen. Für die moderne Theologie bedeutet dies jedoch eine Verlagerung des Fokus: Statt auf die Identität des Autors konzentriert man sich auf die Botschaft des Textes, seine Entstehung im Kontext der frühen Gemeinden und seine theologische Bedeutung für den Glauben.
Gab es Jesus von Nazareth wirklich?
Die Existenz einer historischen Person namens Jesus von Nazareth wird von der überwiegenden Mehrheit der Historiker und Religionswissenschaftler nicht bezweifelt. Auch wenn die Evangelien keine modernen Biografien sind und theologische Absichten verfolgen, gibt es genügend außerbiblische und biblische Belege, die seine Existenz als jüdischen Wanderprediger im 1. Jahrhundert n. Chr. bestätigen. Die Herausforderung besteht darin, den historischen Jesus von der theologischen Darstellung in den Evangelien zu unterscheiden.
Schlussfolgerung: Wer also schrieb die Evangelien?
Die Antwort der modernen biblischen Forschung ist klar und eindeutig: Wir wissen es nicht genau. Die traditionellen Zuschreibungen der Evangelien an Matthäus, Markus, Lukas und Johannes werden von der historisch-kritischen Methode der Wissenschaft stark hinterfragt und können sogar ausgeschlossen werden. Das Bestreben der frühen Kirchenväter Papias und Irenäus, die Evangelisten auf Apostel oder deren direkte Begleiter und Schüler zurückzuführen, entsprang eher dem Wunsch, den Texten apostolische Autorität zu verleihen, als einer gesicherten historischen Kenntnis.
Der Konsens unter Neutestamentlern an deutschen Universitäten, unabhängig von ihrer konfessionellen Zugehörigkeit, ist, dass keines der vier Evangelien von einem Zeitgenossen oder gar einem Augenzeugen und Wegbegleiter Jesu geschrieben wurde. Die „gefühlte Sicherheit“, in der viele Christen bezüglich der Historizität und Quellenlage des „Jesus-Mythos“ leben, ist daher trügerisch. Die Evangelisten, deren Namen heute mit größter Selbstverständlichkeit verwendet werden, dürften eigentlich nur in Anführungszeichen benannt werden – ein Verzicht, der meist aus Bequemlichkeit erfolgt.
Die Evangelien sind keine direkten Augenzeugenberichte im modernen Sinne, sondern vielmehr das Ergebnis eines komplexen Prozesses der mündlichen Überlieferung, der theologischen Reflexion und der schriftlichen Fixierung innerhalb der frühen christlichen Gemeinden. Sie sind somit wertvolle Zeugnisse des frühen Glaubens und der Interpretationen von Jesu Leben und Lehren, auch wenn ihre genauen Verfasser unbekannt bleiben.
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