Wer gründete Scientology?

Scientology: Ursprung, Lehre und Kontroversen

13/04/2022

Rating: 4.67 (8502 votes)

Die Organisation Scientology spaltet die Meinungen wie kaum eine andere Glaubensgemeinschaft. Für ihre Anhänger ist sie ein Weg zu spiritueller Freiheit und Erleuchtung, für Kritiker hingegen eine gefährliche Sekte mit fragwürdigen Praktiken. Im Zentrum dieser komplexen und oft undurchsichtigen Welt steht eine Person: Lafayette Ronald Hubbard, der Gründer von Scientology. Sein Leben, seine Ideen und sein Vermächtnis prägen bis heute eine Bewegung, die weltweit für Schlagzeilen sorgt und sowohl glühende Verehrer als auch erbitterte Gegner hat.

Wer gründete Scientology?
Es schildert das Innenleben der verschlossenen Scientology-Gemeinschaft, die nach starren Regeln funktioniert und ihre Mitglieder von der Außenwelt trennt. Scientology bestreitet die Aussagen des Buches. Gegründet wurde Scientology vom Amerikaner Lafayette Ron Hubbard.

Die Geschichte von Scientology ist untrennbar mit der Person L. Ron Hubbards verbunden. Geboren im Jahr 1911 in einer kleinen Stadt in Nebraska, als Sohn einer Lehrerin und eines Soldaten, zeigte Hubbard schon früh eine Neigung zum Schreiben. Als junger Mann verfasste er Abenteuer- und später Science-Fiction-Geschichten für sogenannte Groschenhefte. Doch Hubbard fühlte sich zu Höherem berufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, einer Zeit emotionaler Krisen in den USA, sah er eine Gelegenheit, seine Visionen zu verwirklichen.

Inhaltsverzeichnis

Die Geburt einer Lehre: Von Dianetik zu Scientology

In den späten 1940er-Jahren entwickelte Hubbard eine angeblich wissenschaftliche Methode zur Selbsttherapie, die er Dianetik nannte. Mit der Veröffentlichung seines Buches „Dianetik: Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit“ im Jahr 1950 löste er in den USA einen regelrechten Hype aus. Das Buch war ein phänomenaler Erfolg und stand 28 Wochen lang auf der Bestsellerliste der „New York Times“, mit bis heute über 21 Millionen gedruckten Exemplaren. Hubbard sah in Dianetik den Schlüssel zur Lösung menschlicher Probleme, indem sie den Verstand – eine perfekte Rechenmaschine, die alle Daten verarbeitet – von Fehlern befreit.

Der Begriff „Dianetik“ leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet sinngemäß „durch den Verstand“. Hubbard postulierte, dass der Verstand aus zwei Teilen besteht: einem analytischen oder bewussten Teil, der für logische Problemlösung zuständig ist, und einem reaktiven Teil. Letzterer schalte sich bei negativen Eindrücken, körperlichen oder emotionalen Schmerzen ein und sei die Quelle von Albträumen, Ängsten und schmerzhaften Emotionen, die Scientology als „Engramme“ bezeichnet. Das Ziel der Dianetik war es, diese fehlerhaften „Datensätze“ aufzuspüren und zu löschen, damit der Verstand wieder fehlerfrei arbeiten kann.

Um den anfänglichen Hype aufrechtzuerhalten, seine Macht zu festigen und den Geldfluss zu sichern, baute Hubbard seine Dianetik zur Religion aus. Er nutzte dabei geschickt die Überschneidungen zwischen Psychotherapie und Religion, da beide das Potenzial haben, das Weltbild eines Menschen tiefgreifend zu verändern. Im Jahr 1953 meldete er die „Church of Scientology“ an und legte damit den Grundstein für eine der umstrittensten Glaubensgemeinschaften der modernen Geschichte.

Die Kernideen: Verstand, Thetane und Engramme

Scientology versteht sich als Erlösungsreligion, die den Menschen den Zustand geistiger Freiheit vermitteln und ihn von seinen Fesseln im physischen Universum befreien will. Das Herzstück der Lehre ist die Vorstellung, dass jeder Mensch ein unsterbliches Wesen in sich trägt, das „grundlegende Selbst“, welches die Glaubensgemeinschaft als Thetan bezeichnet. Diese allmächtigen, allwissenden und unsterblichen Geistwesen sollen älter als die Zeit sein und einst weitab im Universum gelebt haben.

Eine der bemerkenswertesten und oft kritisierten Lehren ist die Geschichte des tyrannischen Herrschers Xenu. Laut Hubbard lockte Xenu vor 75 Millionen Jahren Thetane in eine Falle, brachte sie auf die Erde, warf sie in Vulkankrater und sprengte diese mit Wasserstoffbomben in die Luft. Seitdem werden diese körperlosen Wesen in menschlichen, physischen Hüllen wiedergeboren. Die einst allmächtigen Thetane hätten über die Zeit ihre Fähigkeiten durch traumatische Erlebnisse verlernt. Das Wiedererlangen dieser Fähigkeiten ist das zentrale Ziel der Scientologen.

Der Weg zur 'Klarheit': Auditing und das E-Meter

Der Weg zur spirituellen Befreiung in Scientology führt über sogenannte Auditing-Sitzungen. In diesen langwierigen und oft kostspieligen Sitzungen sollen die „Engramme“ – die schmerzhaften und irrationalen Erinnerungen im reaktiven Verstand – aufgespürt und gelöscht werden. Dabei kommt ein Gerät namens Elektropsychometer (kurz: E-Meter) zum Einsatz. Das E-Meter besteht aus zwei Elektroden, die der Auditierte in den Händen hält. Es misst Veränderungen des elektrischen Widerstands im Körper, und Scientologen glauben, aus diesen Bewegungsmustern Rückschlüsse auf den psychischen Zustand einer Person ziehen zu können und schädliche Erinnerungen aufzuspüren.

Wer diesen Prozess erfolgreich durchlaufen hat, erreicht laut Scientology den Zustand Clear. Eine Person, die „clear“ ist, lebt ohne ihren reaktiven Verstand, der nach Scientology die „versteckte Quelle irrationalen Verhaltens, übertriebener Furcht, Verstimmung und Unsicherheiten“ ist. Doch „Clear“ ist nicht das Ende des Weges. Der nächste Schritt ist der zum „Operating Thetan“ (OT), also zum „Arbeitenden Geist“. Scientologen glauben, dass es nichts gibt, was ein OT nicht kann; er sei der Schöpfer seiner eigenen Wirklichkeit.

Die Hierarchie und Organisation: Von der See-Organisation bis zum 'Loch'

Nachdem L. Ron Hubbard seine formellen Ämter als leitender Direktor der wachsenden Kirche niedergelegt hatte, wurde sein Gründerstatus im Laufe der Zeit legendär. Er starb 1986, doch bereits zu seinen Lebzeiten wurde er hochgeachtet, und in jeder Scientology-Kirche weltweit ist ihm ein Raum gewidmet. Der Geist des Gründers soll in seinen Büchern und Bildern weiterleben und gemäß den Schriften auch nach seinem Tod präsent sein.

Wer sind die Mitglieder der Scientology Kirche?
Bei der Mehrheit der Kirchenmitglieder handelt es sich um Gemeindemitglieder, die am Auditing, an Kursen und anderen Angeboten der Scientology Kirche teilnehmen, jedoch außerhalb der Kirche leben und arbeiten. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten.

Ein besonderer Orden innerhalb von Scientology ist die Sea Org (See-Organisation), die 1967 gegründet wurde. Ihre Mitglieder sind ganztägig für die Religion im Einsatz und verrichten ihren Dienst als Mitarbeiter in den Kirchen höherer Stufen. Der Beweis ihrer Hingabe ist ein Arbeitsvertrag „für die nächste Milliarde von Jahren“. Dieser Orden erinnert an die engsten Kreise von Anhängern, die sich um Gründer von Weltreligionen scharten. Die Mitglieder der Sea Org leben oft gemeinsam in einer Art erweiterter Familie, arbeiten für die Kirche und tragen üblicherweise eine Seemannsuniform.

Nach Hubbards Tod übernahm David Miscavige die Führung der Organisation. Unter seiner Ägide wurde Scientology umstrukturiert, PR-Strategen und religiöse Sachverständige wurden beauftragt. Miscavige setzte die US-Steuerbehörde so lange mit Klagen unter Druck, bis Scientology 1993 als steuerbefreite Religionsgemeinschaft anerkannt wurde. Doch unter seiner Führung kam es auch zu erschütternden Berichten über Misshandlungen. So ließ Miscavige 2003 in der „Goldbasis“ in Südkalifornien ein Gefangenenlager eröffnen, das bei Scientology „das Loch“ genannt wurde. Hier wurden Wohncontainer ohne Möbel, aber voller Ameisen, zur Inhaftierung von „linienuntreuen Gläubigen“ genutzt. Berichte von Zeugen schildern Szenen von Psychoterror und physischer Gewalt.

Kontroversen und Kritik: Ein Schatten über dem Glauben

Scientology war und ist immer wieder Gegenstand massiver Kritik und Skandale. In den 1980er-Jahren litt das Ansehen der Organisation stark, insbesondere durch die „Operation Schneewittchen“. Hubbard war überzeugt, dass eine Geheimorganisation von Psychiatern nach der Weltherrschaft strebte und befahl 1973, Regierungsstellen weltweit zu infiltrieren. Dabei wurden Tausende von Scientologen in kritischen Ländern und Behörden platziert, auch in deutschen Polizeibehörden und bei Interpol. Die größte Durchsuchung in der Geschichte des FBI am 8. Juli 1977 in Scientology-Büros legte Beweise für Einbrüche und Abhörgeräte offen, was zu Gefängnisstrafen für hochrangige Mitglieder führte.

Auch L. Ron Hubbards persönliches Leben trug zur Kontroverse bei. Seine erste Ehefrau Polly beschrieb ihn als „paranoide Persönlichkeit“ mit Größenwahn und nannte ihn einen „pathologischen Lügner“, der zu Schlägen und Morddrohungen neigte. Diese „Vermächtnis der Erniedrigung von Untergebenen und seine paranoide Einstellung zum Staat“ gingen laut Lawrence Wright auf die Organisation über und machten sie zu einer „extrem geheimnistuerischen und manchmal feindseligen Organisation“. Journalisten, Ärzte und Richter wurden mit Klagen überhäuft, von Privatdetektiven beschattet und mit erfundenen Delikten mundtot gemacht.

Ein weiterer Wendepunkt im öffentlichen Ansehen war 1991 ein aufsehenerregender Enthüllungsbericht im US-amerikanischen Magazin „Time“, gefolgt von zahlreichen Skandalen wie dem ungeklärten Tod der jungen Scientologin Lisa McPherson. Für prominente Anhänger wurde Scientology zunehmend „peinlich“, was es schwieriger machte, die Organisation als spirituellen Zufluchtsort zu präsentieren. Der Hollywood-Regisseur Paul Haggis, der 35 Jahre lang Mitglied war, trat 2009 aus. Seine Geschichte bildete die Grundlage für das Buch „Im Gefängnis des Glaubens“, das das Innenleben der verschlossenen Gemeinschaft schildert, die ihre Mitglieder von der Außenwelt trennt. Haggis' Austritt wurde auch durch die Verurteilung von Homosexualität durch Scientology motiviert, die Homosexuelle auf Hubbards „Emotionsskala“ auf der „gefährlichsten und heimtückischsten Stufe“ 1,1 ansiedelt und empfiehlt, diese Personen aus der Gesellschaft zu entfernen und einzusperren.

Scientology in Deutschland: Eine besondere Betrachtung

Auch außerhalb der USA stand Scientology unter Druck, und in Deutschland wurden ihre Aktivitäten mit besonderer Sorge beobachtet. Verschiedene apokalyptische Gruppen hatten mit Massenmorden und -selbstmorden für Schlagzeilen gesorgt, und es ließen sich Parallelen im Glaubenssystem zu Scientology ziehen. Zahllose Reportagen, Aussteigerberichte und Broschüren thematisierten die Praktiken der Organisation. Die bekannteste und weitreichendste Maßnahme war der Beschluss der Innenminister von 1997, Scientology vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen.

Zusätzlich beschäftigte sich die Bundesregierung in einer zweijährigen Untersuchung (Enquete-Kommission) mit der Sekten-Thematik im Allgemeinen und Scientology im Besonderen. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass die Organisation keine religiöse Gruppe sei, ließ aber offen, wie Scientology stattdessen einzustufen sei. Diese Ablehnung führte sogar zu staatlichen Unstimmigkeiten zwischen der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten, da das amerikanische Außenministerium die deutsche Regierung drängte, sich nachgiebiger gegenüber Scientology zu zeigen. In Deutschland fand man es befremdlich, dass den Amerikanern die Existenz von Straflagern zur Umerziehung von linienuntreuen Gläubigen mit Haft und Strafarbeiten keine Sorgen bereitete.

Die Mitgliederstruktur: Wer gehört zur Kirche?

Die Scientology Kirche behauptet, allein in den USA 3,5 Millionen Anhänger zu haben. Behörden und unabhängige Autoren wie Lawrence Wright schätzen die Zahl jedoch auf etwa 25.000 in den USA und in Deutschland auf etwa 4.000. Die Mitgliederstruktur lässt sich in verschiedene Gruppen unterteilen:

MitgliedergruppeBeschreibungBesonderheiten
Sea OrgDer spezielle Orden, der 1967 gegründet wurde. Mitglieder sind ganztägig für die Religion im Einsatz.Arbeitsvertrag „für die nächste Milliarde von Jahren“; tragen Seemannsuniform; bilden oft erweiterte Familien.
GemeindemitgliederDie Mehrheit der Kirchenmitglieder. Nehmen am Auditing und an Kursen teil, leben und arbeiten aber außerhalb der Kirche.Kommen aus allen Gesellschaftsschichten; richten ihr Leben unterschiedlich stark an Scientology aus; erziehen Kinder nach scientologischen Maßstäben.
Ordinierte GeistlicheMänner und Frauen, die eine spezielle Ausbildung zum Geistlichen absolviert haben und Rituale durchführen.Kümmern sich um wöchentliche Sonntagsandachten und „Übergangsriten“ wie Namensgebungen, Hochzeiten und Beerdigungen.

Die Verbindung zum Geistigen überschreitet in den Lehren der Scientology die normalen Grenzen des menschlichen Daseins. Anstatt der Reinkarnation, wie sie beispielsweise im Hinduismus oder Buddhismus gelehrt wird, hat Scientology eine spezielle Doktrin über „vergangene Leben“ entwickelt. Scientologen können im Auditing von ihren früheren Leben erzählen, während sie sich auf ihrem Weg zum Zustand Clear oder Operierender Thetan befinden – eine Harmonie des Verstandes, die an die buddhistische Erleuchtung erinnert.

Häufig gestellte Fragen zu Scientology

Ist Scientology eine anerkannte Religion?
Die Einstufung von Scientology variiert je nach Land. In den USA wurde sie 1993 als steuerbefreite Religionsgemeinschaft anerkannt. In Deutschland hingegen kam eine Enquete-Kommission zu dem Schluss, dass sie keine religiöse Gruppe sei, und der Verfassungsschutz beobachtet die Organisation.
Was ist ein E-Meter?
Das E-Meter (Elektropsychometer) ist ein Gerät, das in Auditing-Sitzungen verwendet wird. Es misst elektrische Widerstandsveränderungen im Körper und soll dabei helfen, „Engramme“ (schmerzhafte Erinnerungen) aufzuspüren.
Was bedeutet es, "clear" zu sein?
„Clear“ ist ein Zustand, den Scientologen durch Auditing erreichen wollen. Eine „cleare“ Person soll ohne ihren reaktiven Verstand leben, der als Quelle irrationalen Verhaltens und negativer Emotionen gilt.
Wer ist L. Ron Hubbard?
L. Ron Hubbard (1911-1986) war der Gründer von Dianetik und später der Church of Scientology. Ursprünglich ein Science-Fiction-Autor, entwickelte er seine Lehren in der Nachkriegszeit und baute sie zu einer weltweiten Organisation aus.
Was ist die "Sea Org"?
Die Sea Org (See-Organisation) ist ein spezieller Orden innerhalb von Scientology. Ihre Mitglieder sind ganztägig für die Kirche tätig und gehen einen „Milliarden-Jahre-Vertrag“ ein, der ihre lebenslange Hingabe symbolisiert.

Ein Vermächtnis und seine Folgen

Trotz der Selbstwahrnehmung als Religion und der Behauptung, den Menschen zu spiritueller Freiheit zu führen, bleibt Scientology eine Organisation, die tiefgreifende Bedenken hervorruft. Die Berichte über Verbrechen, Misshandlungen und die Zerstörung von Familien, wie sie von Aussteigern und unabhängigen Journalisten dokumentiert wurden, werfen einen langen Schatten auf die Lehren L. Ron Hubbards. Lawrence Wright fasste es treffend zusammen: Die Gefahr, die von Scientology ausgeht, sei „persönlich, nicht gesellschaftlich“, da die Kirche „Familien und Individuen zerstört“.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Scientology: Ursprung, Lehre und Kontroversen kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.

Go up