Was ist das Münchner Forum für Islam?

Friedensgebet in München: Hoffnung und Absage

24/10/2022

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In einer Zeit, in der die Nachrichten aus dem Nahen Osten von erschütternder Gewalt und Eskalation geprägt sind, suchen Menschen weltweit nach Wegen, ein Zeichen des Friedens und der Verständigung zu setzen. München, eine Stadt, die für ihre Offenheit und Vielfalt bekannt ist, sollte Schauplatz eines solchen Zeichens werden: Ein gemeinsames Friedensgebet von Juden, Muslimen und Christen am historischen Marienplatz. Doch was als Geste der Einheit und des Dialogs geplant war, entwickelte sich zu einer komplexen Geschichte von Hoffnung, Enttäuschung und tiefgreifenden Kontroversen, die die Herausforderungen des interreligiösen Zusammenlebens in Krisenzeiten offenbaren.

Was passiert am Münchner Marienplatz?
München ‒ Am Münchner Marienplatz ist angesichts des eskalierenden Nahost-Konflikts ein gemeinsames Friedensgebet von Juden und Muslimen geplant. Nach dem Terrorangriff der islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober kam es zum Krieg.

Das ursprüngliche Vorhaben: Ein starkes Zeichen für Koexistenz

Die Idee eines gemeinsamen Friedensgebets am Münchner Marienplatz entstand aus dem akuten Bedürfnis heraus, auf den eskalierenden Nahost-Konflikt nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober zu reagieren. Die Initiative ging maßgeblich von Imamen in München aus, insbesondere vom Penzberger Imam Benjamin Idriz, dem Vorsitzenden des Vereins Münchner Forum für Islam. Ihr Ziel war es, am Montag, den 6. November, um 18:00 Uhr, vor dem Rathaus ein klares „Zeichen für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten und für das Miteinander in unserem Land zu setzen.“

Die Liste der geplanten Teilnehmer las sich wie ein Who’s Who des interreligiösen Dialogs in München und Bayern: Neben Imam Idriz sollten Rabbiner Jan Guggenheim von der Israelitischen Kultusgemeinde München, der evangelische Landesbischof Christian Kopp und der katholische Münchner Dompfarrer Monsignore Klaus Peter Franzl Gebete sprechen. Die Schirmherrschaft hatte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) übernommen, und auch Sokol Lamaj vom Muslimrat München war als Redner vorgesehen. Die Erwartungen waren hoch, die Hoffnung auf ein sichtbares Zeichen der Solidarität und des Zusammenhalts in schwierigen Zeiten groß. Es sollte ein Moment sein, der die Botschaft aussendet: Trotz globaler Spannungen halten die Religionen in München zusammen und beten gemeinsam für den Frieden. Das geplante Friedensgebet sollte nicht nur eine symbolische Handlung sein, sondern auch eine Plattform für den Austausch und das Verständnis schaffen, um Vorurteile abzubauen und die Koexistenz zu stärken.

Die unerwartete Absage: Ein Rückschlag für den Dialog

Nur wenige Tage vor dem geplanten Termin erreichte die Öffentlichkeit die Nachricht, die viele enttäuschte: Das gemeinsame Friedensgebet am Marienplatz sollte doch nicht stattfinden. Oberbürgermeister Dieter Reiter begründete die Absage mit einer klaren Bedingung, die für seine Schirmherrschaft unerlässlich gewesen sei: „Es war Voraussetzung für die Übernahme meiner Schirmherrschaft, dass auch ein Vertreter der jüdischen Glaubensgemeinschaft ein Gebet spricht. Das ist nun leider nicht mehr der Fall. Das bedauere ich, habe aber auch Verständnis dafür.“

Die Absage eines jüdischen Vertreters, insbesondere Rabbiner Jan Guggenheim, entzog der Veranstaltung die essenzielle Grundlage. Reiters Fazit war ernüchternd: „Die Zeit sei derzeit offenbar nicht reif, um in und für München ein gemeinsames Friedensgebet zu ermöglichen.“ Unabhängig davon appellierte er jedoch an alle Münchnerinnen und Münchner, weiterhin friedlich zu bleiben und sich nicht „dem Hass und der Hetze hinzugeben.“ Diese Worte unterstrichen die angespannte Atmosphäre und die Notwendigkeit, trotz Rückschlägen an der Vision eines friedlichen Miteinanders festzuhalten.

Hintergründe der Kontroverse: Verbindungen und Bedenken

Die Absage war jedoch nicht nur auf die fehlende jüdische Beteiligung zurückzuführen, sondern auch auf eine im Vorfeld entbrannte, heftige Debatte um die Rolle des Muslimrats München. Kritiker, allen voran Volker Beck, der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und Grünen-Politiker, hatten die Absage des Friedensgebets vehement gefordert. Der Knackpunkt waren angebliche Verbindungen des Muslimrats München zur Deutschen Muslimischen Gesellschaft (DMG).

Laut bayerischem Verfassungsschutz ist die DMG „als Zweig der ägyptischen Muslimbruderschaft bekannt,“ deren Bestrebungen sich „gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland“ richten sollen. Obwohl der Verein Muslimrat München selbst laut damaligen Angaben der Stadt kein Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes war, reichten die kolportierten Verbindungen aus, um massive Bedenken zu wecken. Volker Beck formulierte seine Kritik scharf: „An sich ist es ein schöner Gedanke, wenn Muslime, Christen und Juden gemeinsam für Frieden beten. Ich halte das Friedensgebet in dieser Konstellation für eine Veranstaltung, die nur dazu dient, hamasverharmlosende und islamistische Positionen zu hofieren und zu schützen.“ Er wandte sich direkt an Oberbürgermeister Reiter mit der klaren Forderung: „Ich denke, so wie jetzt sollte die Veranstaltung nicht stattfinden und Sie sollten nicht Ihr Schirmherr sein.“ Diese Vorwürfe setzten die Organisatoren und die Stadtverwaltung unter erheblichen Druck und trugen maßgeblich zur Eskalation der Situation bei, die letztlich zur Absage führte.

Die Reaktionen: Enttäuschung und Appelle

Die Reaktionen auf die Absage waren gemischt, aber vor allem von Enttäuschung geprägt. Imam Idriz, dessen Verein Münchner Forum für Islam die Veranstaltung initiiert hatte, zeigte sich tief betroffen. Er betonte die ursprüngliche Intention: „Die Intention war ausdrücklich, sich zum Miteinander der Religionsgemeinschaften zu bekennen.“ Die kurzfristigen Absagen von jüdischer, evangelischer und katholischer Seite hätten dieser Intention „die Grundlage entzogen.“ Idriz unterstrich, dass die Münchner Muslime „ein Zeichen des Friedens“ hätten setzen wollen. Er appellierte eindringlich: „Wann, wenn nicht jetzt, müssen wir alle Kräfte dafür aufbringen, dass wir einander gegenseitig achten, wertschätzen und erstnehmen. Dass dies in München nicht möglich sein soll, bleibt eine sehr bittere Erfahrung, nicht nur für Muslime.“ Seine Worte spiegelten die Frustration über eine verpasste Chance wider, in einer Zeit globaler Spannungen lokal ein Zeichen der Einheit zu setzen.

Was passiert auf dem Marienplatz?
Mit dem schlagzeilenträchtigen Aus des interreligiösen Friedensgebets Anfang November auf dem Marienplatz wurden öffentlich Bruchstellen der großen Religionsgemeinschaften in der Stadt sichtbar.

Was geschah tatsächlich am Marienplatz?

Trotz der offiziellen Absage und der damit verbundenen Enttäuschung fand am Marienplatz am 6. November eine bemerkenswerte Entwicklung statt. Die Berichterstattung deutet an, dass sich dort – entgegen der groß angelegten Planung – doch Gläubige verschiedener Religionen trafen. Dies war kein offiziell organisiertes, großangelegtes interreligiöser Dialog-Event mit hochrangigen Vertretern, wie ursprünglich geplant. Vielmehr scheint es sich um eine spontane oder informelle Zusammenkunft von Einzelpersonen gehandelt zu haben, die dem ursprünglichen Impuls des Friedensgebets folgen wollten. Die Tatsache, dass sich Menschen trotz der Kontroversen und Absagen versammelten, zeigt das tiefe Bedürfnis nach Gemeinschaft und Gebet in Krisenzeiten. Es war ein stilleres, vielleicht weniger medienwirksames Zusammentreffen, das jedoch die anhaltende Sehnsucht nach Verständigung und die Ablehnung von Hass und Spaltung in der Gesellschaft widerspiegelt. Dieses inoffizielle Treffen unterstreicht die Komplexität der Situation: Während offizielle Kanäle blockiert waren, suchten Einzelpersonen dennoch den Weg des gemeinsamen Gebets und der Solidarität.

Warum interreligiöser Dialog gerade jetzt so wichtig ist – und so schwierig

Das Geschehen am Münchner Marienplatz ist ein Mikrokosmos der globalen Herausforderungen, mit denen der interreligiöse Dialog heute konfrontiert ist. Einerseits gibt es ein tiefes, menschliches Bedürfnis nach Frieden und Verständigung, besonders wenn der Nahost-Konflikt die Gemüter erhitzt und die Polarisierung auch in europäischen Gesellschaften zunimmt. Religiöse Führer und Gemeinden sehen sich oft in der Verantwortung, Brücken zu bauen und ein Zeichen gegen Hass und Gewalt zu setzen. Der Wunsch, gemeinsam für den Frieden zu beten, ist ein Ausdruck dieser edlen Absicht.

Andererseits zeigen die Münchner Ereignisse die immensen Schwierigkeiten auf. Die Glaubwürdigkeit und Integrität der beteiligten Akteure stehen unter genauer Beobachtung. Wenn Organisationen, die an einem Friedensgebet teilnehmen sollen, in der Vergangenheit oder Gegenwart mit Gruppen in Verbindung gebracht werden, die als extremistisch oder verfassungsfeindlich gelten, wird der Dialog selbst in Frage gestellt. Die Angst, dass ein gut gemeintes Friedensgebet von bestimmten Seiten instrumentalisiert oder zur Legitimation fragwürdiger Positionen genutzt werden könnte, ist real und verständlich. Dies führt zu einem Dilemma: Wie kann man den Dialog aufrechterhalten und die Kräfte des Friedens stärken, ohne gleichzeitig Gruppen eine Plattform zu bieten, die fundamentalen Werten widersprechen? Die Ereignisse in München zeigen, dass die Zeit für naiven Idealismus vorbei ist; stattdessen ist ein kritischer und gleichzeitig konstruktiver Ansatz erforderlich, der Transparenz und eine klare Abgrenzung von extremistischen Tendenzen einfordert.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was war das geplante Friedensgebet in München?
Es war ein gemeinsames Friedensgebet von Vertretern der jüdischen, muslimischen und christlichen Glaubensgemeinschaften, das am 6. November 2023 am Münchner Marienplatz stattfinden sollte. Es sollte ein Zeichen für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten sowie für das Miteinander in Deutschland setzen, initiiert vom Münchner Forum für Islam.

Warum wurde das Friedensgebet abgesagt?
Die offizielle Begründung war, dass kein jüdischer Vertreter mehr bereit war, an der Veranstaltung teilzunehmen und ein Gebet zu sprechen. Dies war eine Voraussetzung für die Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Dieter Reiter. Zudem gab es im Vorfeld Kritik an der Beteiligung des Muslimrats München aufgrund dessen angeblicher Verbindungen zu Organisationen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Wie viele Moscheen gibt es in Deutschland?
Denn das gängige Bild von Moscheen in Deutschland wird vor allem von den großen muslimischen Verbänden wie DITIB geprägt. Bundesweit vertritt die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V., wofür die Abkürzung DITIB steht, rund 960 Moscheen.

Wer ist der Muslimrat München und warum stand er in der Kritik?
Der Muslimrat München ist ein Verein, der im Vorfeld der Veranstaltung in die Kritik geriet. Ihm wurde vorgeworfen, Moscheevereine zu umfassen, die Verbindungen zur Deutschen Muslimischen Gesellschaft (DMG) haben. Die DMG wird vom bayerischen Verfassungsschutz als „Zweig der ägyptischen Muslimbruderschaft“ eingestuft, deren Bestrebungen sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten sollen.

Was ist das Münchner Forum für Islam?
Das Münchner Forum für Islam ist der Verein, der die Initiative zu dem Friedensgebet ergriffen hat. Sein Vorsitzender ist der Penzberger Imam Benjamin Idriz, der zu den Hauptorganisatoren der geplanten Veranstaltung gehörte.

Fand überhaupt nichts am Marienplatz statt?
Obwohl das offiziell geplante, großangelegte Friedensgebet abgesagt wurde, versammelten sich Berichten zufolge dennoch Gläubige verschiedener Religionen informell am Marienplatz. Es war jedoch keine offizielle Veranstaltung mit den ursprünglich angekündigten hochrangigen Vertretern.

Was bedeutet diese Absage für den interreligiösen Dialog in München und Deutschland?
Die Absage verdeutlicht die Herausforderungen und Sensibilitäten des interreligiösen Dialogs, insbesondere in Zeiten globaler Konflikte. Sie zeigt, wie wichtig Transparenz und eine klare Abgrenzung von extremistischen oder verfassungsfeindlichen Tendenzen sind, um die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz solcher Initiativen zu gewährleisten. Gleichzeitig unterstreicht es das anhaltende Bedürfnis nach Dialog und Frieden.

Fazit: Ein komplexes Bild des Miteinanders

Das geplante und dann abgesagte Friedensgebet am Münchner Marienplatz ist mehr als nur eine Fußnote in der Geschichte des interreligiösen Dialogs. Es ist ein Spiegelbild der komplexen Realitäten, mit denen Gesellschaften konfrontiert sind, wenn globale Konflikte auf lokale Gemeinschaften treffen. Es zeigt das tiefe menschliche Bedürfnis nach Frieden und Einheit, aber auch die unumgängliche Notwendigkeit, kritisch zu prüfen, mit wem man sich verbündet und welche Botschaften gesendet werden. Während die offizielle Zusammenkunft nicht zustande kam, zeugte die informelle Versammlung von Gläubigen am Marienplatz davon, dass der Wunsch nach Verständigung und gemeinsamen Gebet ungebrochen ist. Die Lehre aus München ist klar: Der Weg zum Frieden ist steinig, und der interreligiöse Dialog erfordert nicht nur guten Willen, sondern auch Wachsamkeit, Transparenz und die unerschütterliche Verpflichtung zu den Grundwerten einer freien und demokratischen Gesellschaft.

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