Was ist das Almosen und warum ist es so wichtig?

Almosen: Herz christlicher Barmherzigkeit

20/05/2023

Rating: 4.24 (9629 votes)

Seit ihren Anfängen lehrt die Kirche, den Bedürftigen und Notleidenden mit Großzügigkeit und Nächstenliebe unter die Arme zu greifen. Angesichts der weltweit um sich greifenden Armut und der immer stärker werdenden sozialen Spaltungen scheint diese Einladung heute aktueller denn je zuvor zu sein. Gemeinsam mit dem Gebet und dem Fasten ist das Almosen eine der drei „Waffen“ des Christen bei seinem spirituellen Ringen, insbesondere in der Fastenzeit. Papst Franziskus unterstreicht in seiner Fastenbotschaft 2019 die transformative Kraft des Almosens: „Almosen geben, damit wir die Torheit hinter uns lassen, nur für uns zu leben und alles für uns anzuhäufen in der Illusion, uns so eine Zukunft zu sichern, die uns nicht gehört. So finden wir die Freude an dem Plan wieder, den Gott der Schöpfung und unserem Herzen eingeprägt hat: ihn, unsere Brüder und Schwestern und die gesamte Welt zu lieben und in dieser Liebe das wahre Glück zu finden.“ Diese Worte resonieren mit einer langen Tradition päpstlicher Lehren, die das Almosengeben als einen unerlässlichen Bestandteil des christlichen Lebens hervorheben.

Woher stammt das Wort 'Almosen'?
Das Wort Almosen kommt vom griechischen Wort „Mitleid“. Viele Menschen leiden Hunger: Fasten, um ein wenig ihr Leid zu lindern. Selber den Verzicht zu spüren, um mitzufühlen, wie es anderen geht, die auf viel mehr verzichten müssen. In allen Religionen wird daran erinnert: Almosen sind mehr als „milde Gaben“. Sie haben mit Gerechtigkeit zu tun.
Inhaltsverzeichnis

Almosen: Eine Säule der Fastenzeit und des spirituellen Wachstums

Die Bedeutung des Almosens, insbesondere während der Fastenzeit, ist tief in der christlichen Tradition verwurzelt. Es ist nicht nur eine Geste der Wohltätigkeit, sondern ein entscheidendes Element der geistlichen Erneuerung. Paul VI. betonte in seiner letzten Aschermittwochsmesse im Jahr 1978, kurz vor seinem Tod: „Machen wir uns also alle auf den Weg. Suchen wir im Gebet Unterstützung für die guten Vorsätze der Fastenzeit, in einem Gebet, das aufgewertet wird durch eine stärkere Bereitschaft zum Opfer und auch durch den großzügigen Verzicht auf etwas, das unser ist, um damit die Armen zu unterstützen.“ Er zitierte den heiligen Augustinus, einen erfahrenen Meister des spirituellen Lebens, der fragte: „Willst du, dass dein Gebet bis zu Gott emporsteige?“ Und antwortete: „Fac illi duas alas, ieiunium et eleemosynam“, was bedeutet: „Mache ihm zwei Flügel, das Fasten und das Almosen.“ Dieses Bild der „zwei Flügel“ verdeutlicht die untrennbare Verbindung zwischen innerer Disziplin (Fasten) und äußerer Tat der Liebe (Almosen), die das Gebet erst wirklich gen Himmel steigen lassen. Es ist ein klares Programm für die christliche Lebensführung, das von uns Freigiebigkeit und eine konkrete Umsetzung im Alltag verlangt, um die geistliche Reise der Fastenzeit sinnvoll zu gestalten.

Wer sind die „Armen“ und was ist wahres Almosen?

Die Frage, wer die „Armen“ sind, denen wir helfen sollen, und was „Almosen“ wirklich bedeutet, ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Sind es nur die Obdachlosen und sichtlich Bedürftigen, die wir auf der Straße treffen? Und reicht es aus, ein paar Münzen in eine ausgestreckte Hand zu werfen und dann mit reinem Gewissen davonzuhuschen? Johannes Paul II. ging in seiner Generalaudienz am 28. März 1979 auf diese tiefe Problematik ein. Er bemerkte, dass das Wort „Almosen“ heute oft nicht gerne gehört wird, da es etwas „Erniedrigendes“ implizieren kann. Es scheint ein soziales System vorauszusetzen, „in dem die Ungerechtigkeit herrscht, die ungleiche Verteilung der Güter, ein System, das mit angemessenen Reformen geändert werden müsste.“ Er erkannte an, dass man nicht immer mit der Art und Weise einverstanden sein kann, wie Almosen gegeben oder erbettelt werden, oder gar mit einer Gesellschaft, die Almosen überhaupt notwendig macht. „Dennoch muss die Tatsache an sich, jemandem Hilfe zu geben, der sie braucht, die Tatsache, mit den anderen die eigenen Güter zu teilen, Respekt erregen“, so Johannes Paul II. Dies zeigt, dass die materielle Geste des Almosens, obwohl sie kritisch hinterfragt werden kann und sollte, eine tiefere, universelle menschliche Bedeutung des Teilens und der Solidarität birgt. Es geht nicht nur darum, eine Lücke zu füllen, sondern eine Verbindung herzustellen und die Würde des anderen zu achten.

Die Tiefe des Fastens und der Nächstenliebe im Licht der Propheten

Die wahre Bedeutung des Fastens und seine untrennbare Verbindung zum Almosen werden im Alten Testament, insbesondere durch den Propheten Jesaja, eindringlich beschrieben. Papst Johannes XXIII. sinnierte in seiner Radiobotschaft zur Eröffnung der Fastenzeit am 27. März 1963, seinem letzten Aschermittwoch, über diese Worte: „Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen? Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.“ (vgl. Jes 58, 6-8) Diese prophetische Vision macht deutlich, dass wahres Fasten keine bloße Entbehrung ist, sondern eine Haltung des Herzens, die sich in konkreten Taten der Nächstenliebe manifestiert. Es ist ein Fasten, das sich nach außen wendet, um die Not des Nächsten zu lindern, und das so zur Quelle des eigenen Heils und der göttlichen Anerkennung wird. Johannes XXIII. sah in dieser Nächstenliebe, die sich im Almosen ausdrückt, auch eine perfekte Verkörperung des Geistes, der das damals tagende Konzil prägte – das Zweite Vatikanische Konzil, das er einberufen hatte, aber nicht mehr zu Ende führen konnte. Er betonte: „Es ist also das Konzil, das in der Fastenzeit dieses Jahres den Ton angibt, indem es den Akzent in besonderer Weise auf die Verpflichtung eines jeden Christen legt, die Vorgabe der Nächstenliebe zu erfüllen, mehr noch als sich dabei aufzuhalten, die neue Blüte zu bewundern, an der sich alle laben wollen. Es ist also eine Verpflichtung, die handelnde Darsteller verlangt, nicht Zuschauer.“ Dies ist ein klarer Aufruf zur aktiven Beteiligung, zur Umwandlung von Glauben in Werke, die die Welt zum Besseren verändern.

Tätige Nächstenliebe in einer zerbrechlichen Welt

Die Herausforderung, tätige Vertreter der Nächstenliebe zu sein, ist in einer Welt, die immer mehr auseinanderzufallen droht und in der Gewalt und Rücksichtslosigkeit oft das letzte Wort zu behalten scheinen, immens. Dieser Herausforderung stellte sich auch Benedikt XVI. im Jahr 2011 und zitierte in der Generalaudienz vom 9. März einen großen christlichen Denker und Vorgänger im Papstamt aus dem 5. Jahrhundert, den heiligen Leo den Großen: „Was also (…) jedem Christen stets zu tun obliegt, das hat man jetzt mit noch mehr Sorgfalt und Hingebung zu erfüllen. In einem vierzigtägigen Fasten sollen wir der von den Aposteln getroffenen Einrichtung nachkommen und dabei nicht allein den Genuß der Speisen einschränken, sondern vor allem auch dem Laster entsagen! (…) Nichts aber ist uns nützlicher, als wenn wir mit einem vernunftgemäßen und heiligen Fasten auch noch die Werke des Almosens verbinden.“ (Sechste Predigt über die Fastenzeit, 2: PL 54,286). Benedikt XVI. unterstrich damit die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Herangehensweise an die Fastenzeit, die sowohl die innere Reinigung als auch die äußere Tat der Liebe umfasst. Er fügte in seiner Muttersprache hinzu: „Gehen wir mit Fasten, Almosengeben und Gebet den Weg der Erneuerung in Christus, so daß auch wir mit dem heiligen Apostel Paulus sagen können: ,Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir‘ (Gal 2,20). Euch allen wünsche ich eine gesegnete Fastenzeit!“ Dies ist eine Einladung zur tiefgreifenden Transformation, bei der das Ich in den Hintergrund tritt und Christus durch unsere Handlungen sichtbar wird.

Mehr als eine äußere Geste: Die spirituelle Dimension des Almosens

Die Kirche lehrt, dass nichts nur um der Geste willen geschehen sollte. Weder das Fasten, das mit Akzent auf dem Teilen eingehalten werden soll, noch das Almosengeben selbst, das nicht nur in einer achtlosen und schnell erledigten materiellen Zuwendung bestehen sollte. Auch wenn die Geste an sich anerkennenswert ist, geht es um mehr. Johannes XXIII. betonte bereits in seiner Radioansprache zur Fastenzeit 1963: „Daran wird deutlich, wie die Kirche mit der Institution der Fastenzeit ihre Kinder nicht zu einer einfachen Übung von äußerlichen Praktiken führen will, sondern zu einem ernsthaften Einsatz von Liebe und Großzügigkeit zum Wohl der Geschwister, im Licht der antiken Lehren der Propheten.“ Es ist ein Aufruf zu einer tiefen, von Herzen kommenden Haltung der Barmherzigkeit, die sich nicht in oberflächlichen Handlungen erschöpft, sondern das ganze Wesen des Menschen ergreift.

Johannes Paul II. unterstrich seinerseits die spirituelle Dimension der Almosengabe noch prägnanter: „In der Heiligen Schrift und den evangelischen Kategorien zufolge bedeutet Almosen vor allem innere Gabe. Es bedeutet eine Haltung der Offenheit gegenüber dem anderen. Gerade diese Haltung ist ein unerlässlicher Faktor bei der „Metanoia“, also der Konversion, so wie auch das Gebet und das Fasten unerlässlich sind.“ Hier wird klar, dass Almosen nicht primär ein materieller Austausch ist, sondern ein innerer Prozess, eine Umkehr des Herzens. Es geht darum, sich dem Nächsten in seiner Not zu öffnen, sich von der eigenen Ichbezogenheit zu lösen und eine Haltung der Empfänglichkeit für die Bedürfnisse anderer zu entwickeln. Diese innere Haltung ist der Motor für jede wahre geistliche Verwandlung. Das Almosen wird so zu einem Weg, uns selbst zu verlieren, um Christus in uns zu finden und zu einer lebendigen Inkarnation seiner Liebe zu werden.

Jesus in den Geringsten erkennen und dienen

Die tiefste theologische Begründung für das Almosengeben und die Nächstenliebe findet sich in den Worten Jesu selbst. Der Papst aus Polen erinnerte an den Auftrag Jesu an seine Jünger, indem er aus dem Matthäus-Evangelium zitierte, eine Passage, die das Herzstück der christlichen Soziallehre bildet:

„Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 35-40)

Diese Worte sind ein unmissverständlicher Aufruf und eine Offenbarung zugleich. Sie zeigen, dass in jedem bedürftigen Menschen, in jedem „geringsten Bruder“, Christus selbst gegenwärtig ist. Das Almosen wird somit zu einer direkten Begegnung mit dem Herrn, eine Geste des Dienens an ihm. Es ist nicht bloße Philanthropie oder eine soziale Pflicht, sondern ein Sakrament der Liebe, das uns mit dem Göttlichen verbindet. Wenn wir den Hungrigen speisen, den Durstigen tränken, den Fremden aufnehmen, den Nackten kleiden, den Kranken besuchen oder den Gefangenen beistehen, dann tun wir dies nicht nur für einen Menschen, sondern für Christus selbst. Dies verleiht dem Almosen eine unermessliche Würde und eine tiefgreifende spirituelle Bedeutung, die über die materielle Gabe weit hinausgeht und das Herz des Gebenden und des Empfangenden verwandelt.

Häufig gestellte Fragen (FAQs) zum Almosen

Was ist der Unterschied zwischen Almosen und einer Spende?

Obwohl die Begriffe oft synonym verwendet werden, gibt es einen feinen, aber wichtigen Unterschied. Eine „Spende“ ist in der Regel eine materielle Zuwendung von Geld oder Gütern, oft an eine Organisation, und kann anonym erfolgen. Sie ist eine Form der Wohltätigkeit. „Almosen“ hingegen, insbesondere im christlichen Kontext, hat eine tiefere spirituelle und theologische Dimension. Es ist eine „innere Gabe“, eine Haltung der Offenheit und des Mitgefühls gegenüber dem anderen, die sich in konkreten Taten ausdrückt. Almosen kann materiell sein, aber es beinhaltet immer auch eine persönliche Dimension der Nächstenliebe und oft eine direkte Begegnung mit dem Bedürftigen. Es ist ein Ausdruck der Umkehr (Metanoia) und der Verbundenheit mit Christus in den Armen.

Warum ist Almosen so wichtig für Christen?

Für Christen ist Almosen von zentraler Bedeutung, weil es ein direktes Gebot Jesu Christi ist, das in der Heiligen Schrift vielfach bezeugt wird. Es ist ein Weg der Nachfolge Christi, der selbst die Armen liebte und sich mit ihnen identifizierte. Almosen ist eine Säule des spirituellen Lebens, die uns hilft, uns von materiellen Bindungen zu lösen und uns auf Gott und den Nächsten auszurichten. Es fördert Demut, Großzügigkeit und Mitgefühl. Durch das Geben von Almosen erkennen Christen Christus in den Geringsten und dienen ihm direkt, was zu persönlicher Umkehr und geistlichem Wachstum führt.

Muss Almosen immer materiell sein?

Nein, definitiv nicht. Während materielle Hilfe oft notwendig ist und eine wichtige Form des Almosens darstellt, ist die „innere Gabe“ und die „Haltung der Offenheit“ gegenüber dem anderen entscheidend. Almosen kann sich auch in nicht-materiellen Formen manifestieren, wie zum Beispiel:

  • Zeit schenken: Zuhören, Beistand leisten, Gesellschaft leisten für Einsame.
  • Wissen und Fähigkeiten teilen: Jemandem helfen, etwas zu lernen, oder praktische Unterstützung bei Problemen bieten.
  • Trost spenden: Für Trauernde da sein, Hoffnung geben.
  • Vergebung üben: Anderen Fehler verzeihen und Versöhnung suchen.
  • Gebet: Für die Bedürftigen beten und sie in die Fürbitte einschließen.

Es geht darum, das zu teilen, was man hat, sei es materiell oder immateriell, aus einer Haltung der Liebe und des Mitgefühls heraus.

Wie kann ich Almosen geben, wenn ich selbst wenig habe?

Die Größe der Gabe ist im Himmel nicht entscheidend, sondern die Haltung des Herzens. Jesus lobte die arme Witwe, die nur zwei kleine Münzen in den Tempelschatz warf, weil sie „alles gab, was sie zum Leben hatte“ (Mk 12,41-44). Auch wenn man selbst wenig Materielles besitzt, kann man Almosen geben, indem man Zeit, Aufmerksamkeit, ein offenes Ohr oder ein freundliches Wort schenkt. Es geht darum, das zu teilen, was man hat, und dies aus Liebe zu tun. Das Almosen ist somit eine universelle Geste, die jedem Menschen, unabhängig von seinem Reichtum, offensteht und ihn befähigt, in der Liebe zu wachsen.

Das Almosen ist weit mehr als eine einfache Spende oder eine äußerliche Pflicht. Es ist eine tiefgreifende spirituelle Praxis, die das Herz des Gebenden verwandelt und ihn näher zu Gott und den Mitmenschen führt. Es ist ein Akt der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit, der die prophetischen Lehren des Alten Testaments aufgreift und sich im Evangelium Jesu Christi vollendet. Indem wir uns den Bedürftigen zuwenden, erkennen wir Christus selbst in ihnen und dienen ihm. In einer Welt, die immer wieder von Ungleichheit und Spaltung geprägt ist, bleibt das Almosen eine zeitlose und notwendige Tugend, die uns aufruft, handelnde Darsteller der Liebe zu sein und so zu einer gerechteren und menschlicheren Gesellschaft beizutragen.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Almosen: Herz christlicher Barmherzigkeit kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.

Go up