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Ablehnung der Sunna: Eine kritische Analyse

28/04/2023

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Die Sunna, oft als die zweite wichtigste Quelle des islamischen Rechts nach dem Koran angesehen, ist ein zentraler Pfeiler des traditionellen Islams. Sie umfasst die Lehren, Handlungen und stillschweigenden Billigungen des Propheten Mohammed. Doch im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Stimmen, die die Autorität und Verlässlichkeit der Sunna infrage stellten. Die sogenannte „Ablehnung der Sunna“ ist ein komplexes Phänomen, das verschiedene Motivationen und Argumentationslinien umfasst. Dieser Artikel beleuchtet die Ursprünge und Bedeutungen der Sunna, die Gründe für ihre Kritik sowie die unterschiedlichen Reformvorschläge und Strömungen, die sich aus dieser Debatte entwickelt haben.

Was ist die Sunna und Wie funktioniert sie?
Inhaltsverzeichnis

Was ist die Sunna? Eine Einführung in ihre Bedeutung und Entwicklung

Der Begriff Sunna ist tief in der arabischen Sprache und Kultur verwurzelt. Schon in vorislamischer Zeit, der sogenannten Dschāhilīya, war er gebräuchlich und bezeichnete eine „etablierte Praxis“ oder „Verhaltensweise“. Im Koran selbst, dem heiligen Buch des Islams, taucht das Wort Sunna insgesamt 16 Mal auf. Interessanterweise wird es erst in der medinischen Periode der Verkündigung verwendet, was auf eine spätere theologische Entwicklung hindeuten könnte.

In den meisten koranischen Kontexten bezieht sich Sunna auf ein „unveränderliches Handlungsmuster Gottes“, das immer dann zum Tragen kam, wenn Menschen sich bestimmter Verfehlungen schuldig machten, insbesondere der Nichtanerkennung früherer Propheten. Dieses göttliche Muster wird als sunnat Allāh („Verfahrensweise Gottes“) oder sunnat al-awwalīn („Verfahrensweise der ersten Generationen“) bezeichnet. Ein Beispiel hierfür findet sich in Sure 8, Vers 38: „wa-qad maḍat sunnat al-awwalīn“ („schon in der Vorzeit ist gegen die früheren (Generationen in der bekannten Weise) verfahren worden.“) Hier ist die Vorstellung der sunna māḍiya, der Sunna, die durch ihre frühere Anwendung Bindekraft besitzt, bereits im Koran verankert.

Das für den späteren Islam grundlegende Konzept einer Handlungsweise des Propheten (sunnat an-nabī) findet sich im Koran jedoch noch nicht explizit. Dies ist ein entscheidender Punkt für die Kritiker der Sunna, da er die Frage aufwirft, wie sich die prophetische Sunna als eigenständige Rechtsquelle neben dem Koran etablierte.

Die Sunna im nachkoranischen Gebrauch: Von der regionalen Praxis zur prophetischen Norm

Nach der koranischen Ära erfuhr der Begriff Sunna eine bedeutsame Erweiterung. Er bezeichnete nun nicht nur eine allgemeine „Gewohnheit“ oder „Usus“, der regional variieren konnte, sondern entwickelte sich zunehmend zu einem normativen Konzept. Schon im berühmten Muwaṭṭaʾ des Mālik ibn Anas, einem der frühesten Rechtshandbücher des Islams, war die „Sunna der Medinenser“ ein wegweisender Bestandteil der islamischen Jurisprudenz. Dies zeigt, dass anfangs lokale Traditionen und Praktiken eine wichtige Rolle spielten.

Im 2. muslimischen Jahrhundert (8. Jahrhundert n. Chr.) sprach man in den verschiedenen Zentren der islamischen Welt von der „sunna bei uns“ (al-sunna ʿindanā) oder der „sunna nach unserer Auffassung“ (al-sunna fī raʾyinā), ohne dabei primär auf die Sunna des Propheten zurückzugreifen. Das Antonym zur Sunna, das Abweichung und Ketzerei bezeichnet, ist Bid'a.

Ein weiterer, der Sunna nahestehender Begriff, der in den frühesten Quellen des islamischen Schrifttums erscheint, ist Sīra (سيرة), was „Prozedur“, „Verhaltens- und Lebensweise“ bedeutet. Oft wurden beide Begriffe zusammen verwendet: „die Sunna des Propheten und seine Sīra“. Hier ist die Sīra von der späteren „Prophetenbiographie“ als literarische Gattung, die ebenfalls Sīra genannt wird und die Vita Mohammeds zum Thema hat (wie bei Ibn Ishaq), zu unterscheiden.

Es war asch-Schafi’i (gest. 820), der in seiner Systematisierung der islamischen Jurisprudenz den Stellenwert von Sunna als Rechtsquelle genauer definierte. Für ihn war die sunnatu 'n-nabiyy (سنة النبي) gleichbedeutend mit Hadithen, die mit einer ununterbrochenen Kette (Isnad) von Überlieferern auf den Propheten zurückgehen. Ahmad ibn Hanbal († 855) versuchte schließlich, eine direkte Verbindung zwischen der Sunna des Propheten als Rechtsquelle und dem Korantext herzustellen, indem er auf Sure 33, Vers 21 verwies: „Im Gesandten Gottes habt ihr doch ein schönes Beispiel…“

Die Sunna als zweite Rechtsquelle und Garant der Einheit

Für die Mehrheit der Muslime gilt die Sunna des Propheten nach dem Koran als die zweite Quelle des islamischen Rechts und als höchste persönliche Instanz in der Gemeinschaft der Muslime, der Umma. Ihre Autorität wird neben der göttlichen Offenbarung auch im Korantext mehrfach betont, beispielsweise in Sure 8, Vers 20: „Ihr Gläubigen! Gehorchet Gott und Seinem Gesandten und wendet euch nicht von ihm ab, wo ihr doch hört!“ Ähnliche Aussagen finden sich in Sure 5, Vers 92, Sure 24, Vers 54 und Sure 64, Vers 12.

Derjenige, der die Sunna des Propheten befolgt, wird als ṣāḥib al-sunna bezeichnet. Dies impliziert nicht nur die Einhaltung religiöser Vorschriften, sondern auch die Bewahrung der Eintracht in der muslimischen Gemeinschaft. Schon im 8. Jahrhundert n. Chr. wurden zahlreiche Vertreter der Hadith-Wissenschaften als ṣāḥib as-sunna wal-dschamāʿa (صاحب السنة والجماعة) bezeichnet, was die enge Verbindung zwischen der Einhaltung der Sunna und der Einheit der Gemeinschaft unterstreicht.

Die islamische Tradition verbindet somit Koran und Sunna zu einem zu befolgenden Maßstab, der als Garant für die Einheit der Muslime dient. Dieser Gedanke wird besonders eindrücklich in der Schilderung der letzten Rede Mohammeds während der sogenannten Abschiedswallfahrt zum Ausdruck gebracht: „Ich habe euch etwas Klares und Deutliches hinterlassen; wenn ihr daran festhaltet, werdet ihr niemals in die Irre gehen: Gottes Buch und die Sunna seines Propheten.“ Diese Aussage, obwohl ihre genaue Formulierung umstritten ist, fasst die traditionelle Sichtweise auf die untrennbare Verbindung beider Quellen zusammen.

Die Ablehnung der Sunna: Kritik und ihre Begründungen

Trotz der herausragenden Stellung der Sunna im traditionellen Islam haben sich im Laufe der Geschichte immer wieder innerislamische Kritiker zu Wort gemeldet, die verschiedene Schwachstellen und Probleme in Bezug auf die Sunna aufzeigen. Ihre Argumente reichen von der Textkritik bis hin zu theologischen Überlegungen.

Hauptargumente der Sunna-Kritiker

Die Kritik setzt an mehreren Punkten an:

  1. Problematik der Überlieferung: Ein zentraler Kritikpunkt ist, dass der genaue Wortlaut der Hadith-Überlieferungen oft nicht bekannt ist. Da die Berichte gewöhnlich nur dem Inhalt nach und nicht wortwörtlich wiedergegeben wurden, wird ihre Vertrauenswürdigkeit angezweifelt. Dies sei besonders problematisch, da Menschen bei der Wiedergabe des Gehörten immer auch ihr eigenes Verständnis und ihre Interpretationen einfließen ließen. Im Gegensatz zum Koran, dessen Text als unverfälscht gilt, bieten die Hadith-Texte somit nicht nur Interpretationsschwierigkeiten, sondern ihre Textgrundlage selbst gibt Anlass zu Zweifel und Unsicherheit.
  2. Späte schriftliche Fixierung und fehlerhafte Übermittlung: Die Kritiker weisen darauf hin, dass die schriftliche Fixierung der Hadithe erst relativ spät erfolgte. Dies, zusammen mit den teilweise fehlerhaften Übermittlungen, legt für sie den Schluss nahe, dass die Sunna zumindest in der Anfangszeit nicht als essentieller Teil der Religion wahrgenommen wurde. Wäre sie von grundlegender Bedeutung gewesen, so das Argument, wären größere Anstrengungen zur Sicherung des Materials unternommen worden.
  3. Die Frage nach der Notwendigkeit zweier Offenbarungen: Eine tiefgreifende theologische Frage, die sich den Kritikern stellt, ist, warum der Inhalt der Sunna nicht in Form des Korans offenbart wurde. Worin liegt der Sinn zweier unterschiedlicher Offenbarungen, wenn der Koran doch als vollständig und umfassend gilt? Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass der Koran allein ausreichend sei und die Sunna als zusätzliche Quelle unnötig macht.
  4. Kritik an der Hilfswissenschaft der Überliefererkritik (ʿilm ar-riǧāl): Moderne Kritiker üben auch harsche Kritik an den Voraussetzungen der `ilm ar-riǧāl`, der Wissenschaft, die die Glaubwürdigkeit der Überlieferer bewertet. Sie argumentieren, dass diese Methode aus verschiedenen Gründen sehr anfällig für Fehler sei und somit die Authentizität der Hadithe nicht zuverlässig gewährleisten könne.
  5. Alternative Koran-Interpretationen: Schließlich verweisen Sunna-Gegner auf unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten der Verse, die traditionell zur Legitimierung der Sunna als zweite Rechtsquelle herangezogen werden. Stattdessen machen sie auf andere Textstellen im Koran aufmerksam, die nach ihrem Verständnis ein Verbot der Nachahmung Muhammads nahelegen, wie beispielsweise Sure 6, Vers 38, die besagt, dass nichts im Buch vergessen wurde.

Die Ablehnung der Sunna ist also nicht nur eine Frage der Methode, sondern berührt fundamentale theologische und epistemologische Fragen innerhalb des Islams.

Vergleich: Traditionelle Sicht vs. Sunna-kritische Sicht

Um die unterschiedlichen Perspektiven besser zu verstehen, hilft ein Vergleich der traditionellen und der Sunna-kritischen Sichtweise:

AspektTraditionelle Sicht (Sunniten)Sunna-kritische Sicht (z.B. Ahl al-Qur'an)
RechtsquellenKoran und Sunna (Hadith) sind beide primäre und notwendige Quellen.Nur der Koran ist die einzige, vollständige und ausreichende Rechtsquelle.
Rolle des ProphetenMohammed ist Vorbild, seine Handlungen und Worte sind normative Sunna.Mohammed ist nur Überbringer der Botschaft (Koran), Nachahmung nicht zwingend oder sogar verboten.
Authentizität der HaditheDurch Isnad-Kritik und `ilm ar-rijal kann Authentizität festgestellt werden.Hadithe sind menschliche Konstrukte, oft unzuverlässig, fehlerhaft oder sogar erfunden.
Umgang mit DiskrepanzenKoran und Sunna ergänzen sich; scheinbare Widersprüche werden harmonisiert.Bei Widerspruch zum Koran werden Hadithe abgelehnt. Koran ist die letzte Instanz.
Folgen der AblehnungVerlust der Einheit, Abweichung von der "richtigen" Lehre (Bid'a).Befreiung von menschlichen Hinzufügungen, Rückkehr zum reinen Islam des Korans.

Reformvorschläge und die Vielfalt der Strömungen

Die Kritik an der Sunna hat zu einer breiten Palette von Reformvorschlägen geführt, die von radikaler Abschaffung bis zu eher geringfügigen Änderungen reichen. Diese Vorschläge spiegeln die unterschiedlichen Ansätze wider, wie mit der Autorität der Sunna umgegangen werden sollte.

Radikale Ablehnung: Die Ahl al-Qur'an

Am radikalsten wurde die Ablehnung der Sunna von der sogenannten ʾahl al-qurʾān (Die Leute des Korans) formuliert. Diese Bewegung, die sich unter anderem in Lahore unter ʿAbd Allāh Ğakrālawī formierte, sah die Anwendung der Sunna als eine der Hauptursachen für die schwierige Lage der islamischen Länder im 20. Jahrhundert. Sie argumentierten, dass sich alle wesentlichen Punkte des Glaubens allein aus dem Koran ableiten ließen und die Sunna eine unnötige und oft widersprüchliche Ergänzung darstelle. Die Ahl al-Qur'an splitterte sich jedoch bald in mehrere Gruppierungen auf, was die Schwierigkeit einer einheitlichen Positionierung in dieser Frage zeigt.

Mäßigere Reformansätze und die Salafiya

Größere Verbreitung und Wirkung haben Kritiker gefunden, die die Notwendigkeit der Sunna als solche zwar akzeptierten, sie aber auf ein sichereres Fundament stellen oder ihre Bedeutung etwas abschwächen wollten. Eine einflussreiche Strömung, die unter anderem Antwort auf diese Frage suchte, war die Salafiya. Obwohl sie in sich sehr differenziert war, lag ein gemeinsames Anliegen doch in der Abwertung des Taqlid, des blinden Befolgens der Regeln einer bestimmten Rechtsschule, gegenüber dem Idschtihād, der eigenständigen Findung von Rechtsnormen auf Grundlage des Korans. Im engen Zusammenhang damit stand eine wesentlich skeptischere Einschätzung der Authentizität eines Großteils des Hadith-Materials und damit im Endeffekt eine Aufwertung des Korans.

Der reformerische Denker und Religionsgelehrte Raschīd Ridā (1865–1935) beanspruchte für sich aufgrund von Idschtihad das Recht, die Quellen neu zu bewerten. Er kam zu dem Ergebnis, dass nur aḥādīṯ ʿamalīya (praktische Hadithe) rechtsrelevant seien, die zudem im Wege des mutawātira, also von einem besonders großen Personenkreis, überliefert worden sein müssen. Eine ähnliche Einschätzung vertrat auch Sir Saiyid Ahmad Chān, der die Sunna zwar nicht gänzlich ablehnte, aber doch den Großteil der Überlieferungen als unglaubwürdig zurückwies.

Sunna als Bewertungskategorie im Fiqh

Neben ihrer Rolle als Rechtsquelle und Gegenstand der Kritik wird der Begriff Sunna im islamischen Recht (Fiqh) auch als religionsrechtliche Bewertungskategorie (ḥukm šarʿī) für Handlungen verwendet. In diesem Kontext dient Sunna als Synonym für Begriffe wie mandūb („empfohlen“), mustaḥabb („wünschenswert“), taṭawwuʿ („freiwillige Leistung“) oder nafl („über die Pflicht hinausgehendes gutes Werk“).

Die Ausführung einer solchen Sunna-Handlung wird im Jenseits belohnt, ihre Nicht-Verrichtung zieht jedoch keine negativen Folgen nach sich. Dies unterscheidet sie von obligatorischen Handlungen (Fard/Wajib), deren Unterlassung Sünde bedeutet. Diese Nuance zeigt, dass selbst innerhalb der traditionellen islamischen Jurisprudenz verschiedene Grade der Verbindlichkeit für prophetische Praktiken existieren, was die Komplexität des Sunna-Konzepts weiter verdeutlicht.

Häufig gestellte Fragen zur Ablehnung der Sunna

Wer sind die "Ahl al-Qur'an"?
Die "Ahl al-Qur'an" (Leute des Korans) sind eine Strömung innerhalb des Islams, die die Sunna des Propheten als Quelle der Gesetzgebung und des Glaubens ablehnt und ausschließlich den Koran als religiöse Autorität anerkennt. Sie entstanden hauptsächlich im 20. Jahrhundert und argumentieren, dass der Koran alle notwendigen Anweisungen für das Leben eines Muslims enthält.
Warum wird die Sunna von einigen Muslimen kritisiert?
Die Kritik an der Sunna basiert auf mehreren Argumenten: Zweifel an der Authentizität und genauen Überlieferung der Hadithe (da sie oft sinngemäß und nicht wortwörtlich überliefert wurden), die späte schriftliche Fixierung der Hadithe, die Fehleranfälligkeit der Überliefererkritik (`ilm ar-rijal`) und die theologische Frage, warum es neben dem Koran eine weitere Offenbarungsquelle geben sollte, wenn der Koran doch als vollständig gilt.
Was bedeutet "Bid'a" im Zusammenhang mit der Sunna?
"Bid'a" (Ketzerie, Neuerung) ist das Antonym zur Sunna. Es bezeichnet im islamischen Kontext eine religiöse Neuerung oder Erfindung, die keine Grundlage im Koran oder der authentischen Sunna hat. Traditionell wird Bid'a als Abweichung von der "rechten" Lehre betrachtet und ist daher negativ konnotiert. Sunna-Kritiker sehen oft die traditionelle Sunna selbst als eine Art Bid'a an, da sie ihrer Meinung nach nicht direkt aus dem Koran abzuleiten ist.
Welche Rolle spielt der Koran in der Argumentation der Sunna-Gegner?
Für die Sunna-Gegner ist der Koran die einzige und vollständige Quelle göttlicher Offenbarung. Sie zitieren Verse, die die Vollständigkeit des Korans betonen (z.B. Sure 6, Vers 38: "Wir haben in diesem Buch nichts ausgelassen") und argumentieren, dass jede zusätzliche Quelle, einschließlich der Hadithe, überflüssig oder sogar eine Verfälschung der reinen Botschaft darstellt. Sie interpretieren koranische Verse, die zur Gehorsamkeit gegenüber dem Propheten aufrufen, als Gehorsam gegenüber der Botschaft, die er überbrachte (dem Koran), nicht gegenüber seinen persönlichen Handlungen oder Aussagen außerhalb des Korans.

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