21/04/2021
Im kalten, tödlichen Winter 1942/43 spielten sich in Stalingrad Szenen von unvorstellbarem Leid ab. Hunderttausende Soldaten waren in einem eisigen Kessel gefangen, abgeschnitten von jeglicher Versorgung, dem sicheren Tod geweiht. Unter den etwa 250.000 deutschen Soldaten, die von sowjetischen Truppen eingekesselt wurden, befand sich auch der Lazarettarzt Kurt Reuber. In dieser Hölle auf Erden, wo Dunkelheit, Tod und Hass regierten, schuf er ein kleines Bild, das zu einem der berührendsten Symbole des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit werden sollte: die Stalingradmadonna. Dieses unscheinbare Werk, gezeichnet auf der Rückseite einer russischen Landkarte, wurde zu einem Leuchtturm der Hoffnung und Menschlichkeit in einer Zeit größter Verzweiflung.

Die Geburt einer Ikone inmitten des Grauens
Kurt Reuber war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Er war nicht nur Arzt, sondern auch Theologe und besaß eine ausgeprägte künstlerische Begabung. Inspiriert von seinem Vorbild Albert Schweitzer, nutzte Reuber seine Talente, um dem Grauen des Krieges etwas zutiefst Menschliches entgegenzusetzen. Als Weihnachten 1942 näher rückte und die Lage der eingeschlossenen Soldaten immer aussichtsloser wurde – es fehlte an Nachschub, Munition, Nahrung und Heizmaterial –, beschloss Reuber, eine Madonna zu malen. Da er keine Leinwand oder Papier zur Verfügung hatte, griff er zu einer russischen Landkarte. Diese Karte, auf der auch heute noch ukrainische Orte wie Odessa oder Cherson verzeichnet sind, drehte er einfach um und begann mit Holzkohle zu zeichnen.
Das entstandene Bild ist von elementarer Einfachheit und doch von tiefer Symbolkraft. Es zeigt eine Frauenfigur, die in ihrem weiten, dicken Mantel sich und ihr neugeborenes Kind birgt. Die Mutter schaut ihr Kind liebevoll an, ihr einziger Gedanke scheint zu sein, es zu schützen. Die Szene strahlt eine unglaubliche Geborgenheit und Zärtlichkeit aus, die im krassen Gegensatz zur gnadenlosen Realität des Kessels stand. Reuber rahmte das Bild mit einem einfachen, aber zutiefst bedeutungsvollen Schriftzug: „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe.“ Diese Worte fassen die furchtbare Gegenwart und die überweltliche Hoffnung zusammen, die das Bild vermitteln sollte. Es war ein verzweifeltes Bekenntnis zu den tiefsten menschlichen Werten, als diese am meisten bedroht waren.
Ein Zeugnis der Menschlichkeit und Hoffnung
Die Stalingradmadonna war nicht Reubers einziges künstlerisches Schaffen in dieser Zeit. Er fertigte auch etwa 150 Porträts von russischen Menschen an, die er als deutscher Lazarettarzt behandelt hatte. Diese Porträts sind stets mit den Namen der abgebildeten Frauen, Männer und Kinder versehen – ein winziges, aber kraftvolles Zeugnis der Menschlichkeit inmitten des völkermörderischen deutschen Terrors. Reuber widersprach damit präziser als jede Rede dem antislawischen Rassismus der NS-Diktatur. Sein menschlicher Blick auf die russischen Menschen erinnert an ähnliche Bilder, die Ernst Barlach etwa zwanzig Jahre zuvor geschaffen hatte. Es wird vermutet, dass die Erinnerung an eine junge russische Mutter, der er bei der Entbindung geholfen hatte, in seine Weihnachtsmadonna eingeflossen sein könnte.
Die erste Reaktion der Kameraden auf das Bild war tief bewegend. Reuber schrieb in einem Brief an seine Frau: „Als ich nach altem Brauch die Weihnachtstür, die Lattentür unseres Bunkers, öffnete und die Kameraden eintraten, standen sie wie gebannt, andächtig und ergriffen schweigend, vor dem Bild an der Lehmwand, unter dem auf einem in die Lehmwand eingerammten Holzscheit ein Licht brannte. Die ganze Feier stand unter der Wirkung des Bildes, und gedankenvoll lasen sie die Worte: Licht, Leben, Liebe.“ Das Bild spendete Trost und Hoffnung in einer Situation, in der es scheinbar keine mehr gab. Mit einem der letzten Flugzeuge, die den Kessel verlassen konnten, wurde die Madonna aus Stalingrad ausgeflogen. Kurt Reuber selbst überlebte den Kessel zwar, starb aber 1944 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft an einer Ohrenentzündung. Heute befindet sich seine Stalingradmadonna in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Berliner Kurfürstendamm, wo sie weiterhin Menschen aus aller Welt berührt.
Die vielschichtige Wirkung der Madonna
Die Wirkungsgeschichte der Stalingradmadonna ist vielfältig und tiefgreifend. In der Familie Reuber und unzähligen anderen deutschen Familien wurde sie nach dem Krieg zu einem Symbol der Trauer um die im Krieg verlorenen Angehörigen und gleichzeitig zu einem Zeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In der evangelischen Kirche inspirierte sie die Anfänge der Gedenkkultur, der Friedens- und Versöhnungsarbeit. Selbst in der jungen Bundeswehr fand sie als Symbol eines neuen militärischen Selbstverständnisses Verwendung, das sich von der brutalen Kriegsvergangenheit abgrenzen wollte. Doch was kann man heute, Jahrzehnte später, noch mit diesem Bild anfangen? Ist seine Botschaft noch relevant in einer Welt, die von neuen Konflikten und Spaltungen geprägt ist?
Eine Brücke der Versöhnung in unruhigen Zeiten
Die Antwort auf diese Frage scheint ein klares Ja zu sein. Jan Tolkmitt, ein Enkel von Kurt Reuber, hat sich intensiv mit der Bedeutung des Bildes für seine Familie und für die Welt auseinandergesetzt. Er betont, dass die Rezeption der 1950er- und 60er-Jahre zwar abgeschlossen sei, die Madonna aber weiterhin die Begegnung und Versöhnung zwischen ehemals verfeindeten Ländern fördern sollte. Tatsächlich gibt es Kopien der Stalingradmadonna an verschiedenen Orten, die diese Botschaft in die Welt tragen: eine in Coventry, England, in einer eigens dafür eingerichteten Kapelle, eine weitere in einem Museum im heutigen Wolgograd (ehemals Stalingrad) und eine, die zu Beginn der Corona-Pandemie der lutherischen Gemeinde in Moskau übergeben wurde. Die Stalingradmadonna kann und soll weiterhin „zarte Fäden spinnen“, wie Tolkmitt es ausdrückt, und so dem Geist seines Großvaters am ehesten entsprechen.
Eine besonders bewegende Geschichte in diesem Zusammenhang ist die der russischen Journalistin Ekaterina Glikman. Vor einigen Jahren veröffentlichte sie in der regimekritischen „Nowaja gaseta“ einen Artikel, in dem sie beschrieb, wie sie nach Norddeutschland reiste, um den Ort zu besuchen, an dem ihr Großvater als Kriegsgefangener aushalten musste. Die Stalingradmadonna diente ihr dabei als „Pfadfinderin“ zwischen Damals und Heute, zwischen Russland und Deutschland. Eine solche Geschichte wäre heute in Russland undenkbar. Die „Nowaja gaseta“ musste ins Exil nach Riga gehen, und der Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche Russlands musste ebenfalls nach Deutschland fliehen. Eine Reise nach Wolgograd, um die Madonna dort zu sehen, scheint in der aktuellen politischen Lage ein ferner Traum zu sein.
Häufig gestellte Fragen zur Stalingradmadonna
- Wie viele Soldaten waren in Stalingrad eingeschlossen?
Etwa 250.000 deutsche Soldaten wurden von sowjetischen Truppen in Stalingrad eingeschlossen. - Wer hat die Stalingradmadonna gemalt?
Die Stalingradmadonna wurde von dem deutschen Lazarettarzt, Theologen und Künstler Kurt Reuber gemalt. - Wo befindet sich die Stalingradmadonna heute?
Das Originalbild befindet sich heute in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Berliner Kurfürstendamm. - Was symbolisiert die Stalingradmadonna?
Sie symbolisiert Hoffnung, Menschlichkeit, Geborgenheit und die universelle Botschaft von „Licht, Leben, Liebe“ inmitten von Krieg und Leid. Sie steht auch für die Möglichkeit der Versöhnung zwischen ehemals verfeindeten Nationen. - Warum ist die Stalingradmadonna heute noch relevant?
Angesichts neuer Kriege und Konflikte, wie dem in der Ukraine, erinnert die Madonna an die universelle Sehnsucht nach Frieden und Menschlichkeit und mahnt zur Versöhnung und zum Überleben in dunklen Zeiten.
Ein zeitloses Bekenntnis
Die Aussichten in der heutigen Welt mögen oft finster erscheinen, und die Lage der Menschen in der Ukraine ist bedrängend. Doch gerade in solchen Zeiten wirkt die Botschaft dieser Madonna, die aus tiefster Verzweiflung geboren wurde, nicht nur verzweifelt, sondern auch unendlich kostbar: Licht, Leben, Liebe. Sie ist ein zeitloses (Glaubens-)Bekenntnis an die unzerstörbare Kraft dieser Worte, die eine ewige Hoffnung in die Welt – und ins Werk – setzen. Die Stalingradmadonna bleibt ein Mahnmal gegen den Krieg und ein Symbol für die unerschütterliche menschliche Fähigkeit, selbst in der größten Dunkelheit einen Funken Hoffnung und Menschlichkeit zu finden und zu bewahren.
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