27/01/2022
Die Welt der biblischen Dichtung ist reich und vielschichtig, und im Zentrum dieser Vielfalt stehen oft die Psalmen und Hymnen. Doch was genau unterscheidet einen Psalm von einem Hymnus, und welche Bedeutung haben sie im Kontext des Glaubens und der Anbetung? Der Psalter, das Buch der Psalmen, ist weit mehr als nur eine Sammlung von Liedern; er ist ein kunstvoll aufgebautes Werk, das über Jahrhunderte hinweg geformt wurde und bis heute eine zentrale Rolle in der religiösen Praxis spielt. Um die Nuancen zwischen Psalm und Hymnus zu verstehen, müssen wir uns zunächst dem Aufbau und den verschiedenen Typen der Psalmen widmen, wie sie von den Endredaktoren des Psalters sorgfältig arrangiert wurden.

Der kunstvolle Aufbau des Psalters: Ein Spiegel der Theologie
Der Psalter, oft als das Herzstück des Alten Testaments bezeichnet, ist nicht einfach eine lose Ansammlung von Gebeten und Liedern. Wie Erich Zenger entschlüsselt hat, ist er ein Meisterwerk der literarischen Architektur. Seine Struktur ist tiefgründig und spiegelt theologische Konzepte wider. Ähnlich der Tora, den fünf Büchern des Gesetzes, ist auch der Psalter in fünf Bücher gegliedert. Diese Parallele ist bedeutsam: Der Psalter wird als Antwort der Gemeinde auf Gottes Gesetz verstanden, ein Echo menschlicher Erfahrung auf göttliche Offenbarung.
Die fünf Bücher des Psalters sind wie folgt aufgeteilt:
- Buch 1: Psalm 3,1 bis 41,14
- Buch 2: Psalm 42,1 bis 72,19
- Buch 3: Psalm 73,1 bis 89,53
- Buch 4: Psalm 90,1 bis 106,48
- Buch 5: Psalm 107,1 bis 145,21
Jedes der ersten vier Bücher schließt mit einem Gotteslob ab, einem sogenannten Doxologie, das nicht zum eigentlichen Psalm gehört, an dessen Ende es steht, sondern als Rahmen für das jeweilige Buch dient. Beim fünften Buch wird angenommen, dass der gesamte Psalm 145 als Abschluss dient. Dieser sorgfältige Aufbau zeigt, dass der Psalter nicht nur ein Kompendium ist, sondern ein wohlüberlegtes Ganzes.
Darüber hinaus wird der gesamte Psalter von einem Eingang (Psalm 1-2) und einem Abschluss (Psalm 146-150) gerahmt. Psalm 1, das Lob der Tora, dient als Schlüssel zum gesamten Werk, während Psalm 2 ein messianischer Psalm oder Königspsalm ist, der die Erwartung auf den göttlichen Herrscher ausdrückt. Solche Königspsalmen finden sich immer wieder an wichtigen Stellen im Psalter, oft im Wechsel mit einer weiteren zentralen Linie, die die Königsherrschaft Gottes besingt – nicht die eines menschlichen Messias, sondern die universelle Herrschaft des Schöpfers.
Interne Beziehungen und „Scharniere“
Die Komplexität des Psalters offenbart sich auch in den Beziehungen zwischen einzelnen Psalmen innerhalb der Bücher. Zenger veranschaulicht dies eindrucksvoll am Beispiel der Psalmen 3 bis 14 im ersten Buch. Die Psalmen 3 bis 7 sind Klagelieder des Einzelnen, während in den Psalmen 9 bis 14 Klage und Lob miteinander wechseln. Interessanterweise steht dazwischen ein Hymnus, nämlich Psalm 8. Zenger bezeichnet die Psalmen 9 bis 14 als Klage der Verfolgten, obwohl dies nur auf einige von ihnen zutrifft. Die Verbindungen, die Zenger als „Scharniere“ bezeichnet, sind faszinierend: Psalm 7,18 wird in Psalm 8,2 aufgenommen, und Psalm 8,10 findet seine Fortsetzung in Psalm 9,2. Dies zeigt, wie die Psalmen miteinander verwoben sind und eine tiefere Bedeutung entfalten, wenn man sie im Kontext liest.
Jeder Psalm ist im Grunde die Wiedergabe eines lebendigen Geschehens zwischen Gott und dem Beter. Dies geht verloren, wenn man einzelne Verse isoliert und zu bloßen „Leitworten“ macht. Das Verständnis der Bezüge zu anderen Psalmen, wie die genannten „Scharniere“, führt zu tieferen Einsichten und offenbart die theologische Botschaft, die im gesamten Psalter steckt. Selbst ohne Kenntnis des Hebräischen können aufschlussreiche Entdeckungen gemacht werden, wenn man solchen Zusammenhängen nachgeht.
Historische Betrachtung und die Zählung der Psalmen
Die Interpretation des Psalters hat sich im Laufe der Geschichte gewandelt. Während frühere Ausleger ihn oft als das „Gesangbuch des Alten Bundes“ verstanden, ist man heute weitgehend von dieser Vorstellung abgerückt. Die Endredaktion des Psalters hatte keinen direkten Bezug zum Gottesdienst im Tempel oder in der Synagoge. Vielmehr wird der Psalter heute als ein häusliches Gebet- und Erbauungsbuch angesehen. Dies schmälert jedoch nicht seine Bedeutung im Gottesdienst, da Psalmen sowohl im Synagogengottesdienst als auch im christlichen Gottesdienst weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der bei der Beschäftigung mit den Psalmen zu beachten ist, ist die unterschiedliche Zählung in verschiedenen biblischen Traditionen. Die Septuaginta (LXX), die griechische Übersetzung des Alten Testaments, weicht in ihrer Zählung vom masoretischen Text (MT), dem hebräischen Original, ab. Dies führt zu Verwirrung, wenn man Psalmen in verschiedenen Bibelausgaben vergleicht. Hier sind einige Beispiele:
| Masoretischer Text (MT) | Septuaginta (LXX) | Anmerkung |
|---|---|---|
| Psalm 9 und 10 | Psalm 9 | Die beiden Psalmen sind zusammengefasst. |
| Psalm 114 und 115 | Psalm 113 | Die beiden Psalmen sind zusammengefasst. |
| Psalm 116,1-9 | Psalm 114 | Aufgeteilt. |
| Psalm 116,10-19 | Psalm 115 | Aufgeteilt. |
| Psalm 147,1-11 | Psalm 146 | Aufgeteilt. |
| Psalm 147,12-20 | Psalm 147 | Aufgeteilt. |
Obwohl es diese Abweichungen gibt, bieten sowohl der masoretische Text als auch die Septuaginta am Ende 150 Psalmen. Es ist wichtig zu wissen, dass die katholische Zählung der LXX folgt, während die evangelische dem masoretischen Text folgt. Die LXX enthält zudem einen 151. Psalm, von dem jedoch ausdrücklich vermerkt wird, dass er „außerhalb der Zahl“ liegt und somit nicht zu den eigentlichen 150 Psalmen gehört.
Die inhaltliche Klassifizierung der Psalmen: Wo der Hymnus seinen Platz findet
Hinter der kunstvollen Endredaktion verbergen sich Psalmen unterschiedlichster Herkunft und sehr verschiedenen Inhalts. Die Endredaktoren haben diese vielfältigen Dichtungen in das uns heute vorliegende System gebracht. Nach ihrem Inhalt lassen sich Psalmen in verschiedene Typen unterteilen, was uns hilft, den Unterschied zwischen einem Psalm und einem Hymnus klarer zu definieren:
- Klagelieder des Einzelnen und des Volkes: Diese Psalmen drücken Not, Leid und Verzweiflung aus. Sie richten sich an Gott und bitten um Hilfe. Oft enden sie jedoch nicht in der Klage, sondern münden in die Gewissheit der Erhörung, die dann in Lob übergeht.
- Berichtendes Lob des Einzelnen und des Volkes: Diese Psalmen erzählen von Gottes Rettungstaten und dem Dank dafür. Sie gehen oft aus der Gewissheit der Erhörung der Klagelieder hervor und berichten von der konkreten Erfahrung göttlichen Eingreifens.
- Beschreibendes Lob (Hymnus): Hier liegt der Schlüssel zur Unterscheidung. Ein Hymnus im Kontext des Psalters ist ein Psalm, der nicht von bestimmten, einmaligen Taten Gottes handelt, sondern die Wunder seiner Schöpfung, seine ewigen Eigenschaften und seine allgemeine Größe beschreibt. Er preist Gott für das, was er ist, für seine Majestät und seine unveränderliche Herrlichkeit. Psalm 8, der die Größe Gottes in der Schöpfung preist, ist ein klassisches Beispiel für einen solchen Hymnus. Während andere Psalmen auf spezifische Ereignisse oder Bitten reagieren, erhebt der Hymnus Lobpreis, der die universelle Herrschaft und Güte Gottes feiert.
- Weisheitspsalmen oder Gesetzespsalmen: Dies sind lehrhafte Dichtungen, die oft moralische oder theologische Weisheiten vermitteln und sich mit dem Gesetz Gottes befassen.
Der Hauptunterschied zwischen einem Psalm und einem Hymnus liegt also darin, dass „Psalm“ eine breite Kategorie für die gesammelten Gebete und Lieder im Psalter ist, die verschiedene Formen (Klage, Dank, Weisheit) annehmen können, während „Hymnus“ eine spezifische Unterkategorie innerhalb dieser Psalmen ist, nämlich das „beschreibende Lob“, das Gott für seine allgemeinen Eigenschaften und seine Schöpfung preist, anstatt für eine spezifische Rettungstat.
Die dichterische Form: Der Parallelismus Membrorum
Eine typische dichterische Form, die sich konstant im Psalter findet, ist der Parallelismus membrorum, der Parallelismus der Glieder. Diese Technik zeichnet sich dadurch aus, dass zwei Zeilen mit anderen Worten dasselbe aussagen oder eine Idee variieren. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Psalm 34,2:
Ich will den Herrn loben allezeit;
Sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
Diese poetische Struktur verleiht den Psalmen ihre einzigartige rhythmische Qualität und trägt zur Tiefe ihrer Botschaft bei.
Entstehungszeit und Verwendung im Gottesdienst
Die meisten Psalmen wurden in nachexilischer Zeit gedichtet, also nach der Rückkehr der Israeliten aus dem babylonischen Exil. Einige Psalmen werden jedoch von Forschern wie Seybold und Zenger als vorexilisch angesehen, darunter Psalm 2, 24, 29, 45, 60, 72 und 93. Es wird angenommen, dass diese Psalmen nicht in ihrer jetzigen Gestalt, sondern in einer früheren Version entstanden sind, die später bearbeitet wurde. Königspsalmen beispielsweise konnten nur in vorexilischer Zeit entstanden sein, als es noch Könige in Israel gab. Psalm 2, ein solcher Königspsalm, wurde später messianisch verstanden und findet sich heute oft am Anfang des Gottesdienstes in der Christnacht.
Im Gottesdienst, sowohl im ersten als auch im zweiten Tempel, wurden Psalmen gesungen, wahrscheinlich von einem Levitenchor, in den die Gemeinde mit einem Refrain einfiel. Klagelieder des Volkes fanden ihren Platz in Bußgottesdiensten, wo sie die kollektive Reue und das Flehen um Vergebung zum Ausdruck brachten.
Häufig gestellte Fragen
Ist der Psalter ein Gesangbuch für den Gottesdienst?
Obwohl Psalmen im Gottesdienst verwendet werden, wurde der Psalter in seiner Endredaktion nicht primär als „Gesangbuch des Alten Bundes“ konzipiert. Er wird heute eher als häusliches Gebet- und Erbauungsbuch verstanden, das individuelle Andacht und Reflexion fördert.
Warum gibt es unterschiedliche Psalmzählungen?
Die unterschiedlichen Zählungen resultieren aus den verschiedenen Texttraditionen, insbesondere dem hebräischen masoretischen Text (MT) und der griechischen Septuaginta (LXX). Die LXX fasst einige Psalmen zusammen oder teilt andere auf, was zu Abweichungen führt, obwohl die Gesamtzahl von 150 Psalmen in beiden Traditionen gleich bleibt.
Welche Arten von Psalmen gibt es?
Man unterscheidet hauptsächlich Klagelieder (des Einzelnen oder des Volkes), berichtendes Lob (Dank für spezifische Taten), beschreibendes Lob (Hymnen, die Gottes allgemeine Eigenschaften und Schöpfung preisen) und Weisheitspsalmen (lehrhafte Dichtungen).
Was ist ein Königspsalm?
Ein Königspsalm ist ein Psalm, der sich auf den König Israels bezieht, oft in Bezug auf seine Inthronisierung, seinen Kampf oder seine Herrschaft. Viele dieser Psalmen wurden später messianisch interpretiert, d.h. sie wurden auf den zukünftigen Messias bezogen.
Fazit
Der Psalter ist ein beeindruckendes Zeugnis biblischer Dichtung und Theologie. Er ist ein kunstvoll strukturiertes Werk, das die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen und Erfahrungen im Angesicht Gottes widerspiegelt – von tiefster Klage bis hin zum überschwänglichen Lob. Der Hymnus, als spezifische Form des „beschreibenden Lobes“, spielt dabei eine besondere Rolle, indem er die universelle Herrlichkeit und Schöpferkraft Gottes feiert. Das Verständnis dieser Unterschiede und der komplexen Struktur des Psalters bereichert nicht nur unser Wissen über die Bibel, sondern vertieft auch unsere eigene Gebetserfahrung und unser Verständnis des Göttlichen.
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