23/02/2022
In Zeiten globaler Spannungen sehnen sich viele Menschen nach Zeichen der Einheit und des Friedens. Ein solches Zeichen sollte ein interreligiöses Friedensgebet auf dem Münchner Marienplatz setzen. Geplant als gemeinsames Gebet von Juden, Muslimen und Christen für den Frieden im Nahen Osten und das Miteinander in der Stadt, erfuhr die Initiative jedoch ein abruptes Ende, bevor sie überhaupt beginnen konnte. Die Absage des Gebets wirft Fragen auf über die Herausforderungen des interreligiösen Dialogs, insbesondere wenn politische Konflikte die religiösen Gemeinschaften spalten.

- Die Vision eines gemeinsamen Gebets für den Frieden
- Das jähe Ende: Gründe für die Absage
- Reaktionen auf die Absage: Enttäuschung und Trotz
- München vs. Würzburg: Zwei Wege zum interreligiösen Frieden?
- Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Münchner Friedensgebet
- Warum wurde das Friedensgebet in München abgesagt?
- Wer hatte die Schirmherrschaft für das Gebet?
- Welche Organisationen waren an der Kritik beteiligt?
- Warum versammelten sich dennoch Menschen auf dem Marienplatz?
- Wie unterscheidet sich die Situation in Würzburg von der in München?
- Was bedeutet die Absage für den interreligiösen Dialog in München?
- Fazit: Ein schwieriger Weg zum Miteinander
Die Vision eines gemeinsamen Gebets für den Frieden
Die Idee zu diesem Friedensgebet entstand aus dem Wunsch heraus, ein starkes Signal der Solidarität und des Zusammenhalts in einer hochemotionalen Zeit zu senden. Initiator war der Münchner Muslimrat in Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt München, die auch die Schirmherrschaft durch Oberbürgermeister Dieter Reiter übernahm. Das Motto war klar und hoffnungsvoll: „Muslime, Juden und Christen beten für Frieden im Heiligen Land und für das Miteinander in München“.
Ursprünglich sollten prominente Vertreter der drei abrahamitischen Religionen teilnehmen: Rabbiner Jan Guggenheim von der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, der evangelische Landesbischof Christian Kopp und Dompfarrer Monsignore Klaus Peter Franzl für das Erzbistum München und Freising. Die Organisatoren hatten zudem explizite Regeln aufgestellt: „Keine Flaggen, keine Schilder, keine Parolen“. Die Imame hatten in ihren Gemeinden sogar ausdrücklich von der Teilnahme an pro-palästinensischen Demonstrationen abgeraten und stattdessen das Gebet als gemeinsame Friedensaktion beworben. Dies zeugt von einem ernsthaften Bemühen, eine überparteiliche und rein spirituelle Zusammenkunft zu gewährleisten, die sich auf das gemeinsame Anliegen des Friedens konzentriert.
Das jähe Ende: Gründe für die Absage
Trotz der vielversprechenden Vorzeichen kam die Absage des Friedensgebets kurzfristig und überraschend. Hauptgrund war massive Kritik, die von verschiedenen Seiten geäußert wurde. Der Grünen-Politiker und Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, sowie das Münchner „Linke Bündnis gegen Antisemitismus“ führten an, dass unter dem Dach des Münchner Muslimrats auch Gruppierungen wie die türkischen Organisationen DITIB und Millî-Görüş sowie die Muslimbruderschaft organisiert seien. Ihre Haltung zum aktuellen Konflikt in Israel und Gaza sei nicht eindeutig oder gar problematisch.
Oberbürgermeister Dieter Reiter, der die Schirmherrschaft innehatte, betonte, dass die Voraussetzung für seine Unterstützung die Beteiligung eines Vertreters der jüdischen Glaubensgemeinschaft gewesen sei. Da dies nach der Kritik nicht mehr der Fall war, sah er sich gezwungen, die Schirmherrschaft zurückzuziehen. Reiter erklärte, die Zeit sei derzeit „offenbar nicht reif“, um ein gemeinsames Friedensgebet in München zu ermöglichen. Diese Aussage spiegelt die tiefe Polarisierung wider, die der Nahostkonflikt auch in der deutschen Stadtgesellschaft hervorruft.
Die Kritik im Detail
Volker Beck begrüßte die Absage ausdrücklich. Er argumentierte, dass nicht jede „Friedensbotschaft per se unschuldig und tatsächlich friedlich“ sei. Insbesondere kritisierte er die mögliche Gleichsetzung von Angegriffenen und Angreifern, was einer Rechtfertigung des Angriffs gleichkäme. Für ihn war der Muslimrat aufgrund der Zusammensetzung seiner Mitgliedsorganisationen der „falsche Partner“ für die Stadt. Diese Perspektive unterstreicht die Sensibilität und die komplexen politischen Dimensionen, die selbst scheinbar rein religiöse Initiativen annehmen können, wenn sie in einem hochpolitisierten Umfeld stattfinden.
Die Debatte zeigt, wie schwierig es sein kann, in Zeiten akuter Konflikte eine gemeinsame Basis zu finden, selbst wenn das übergeordnete Ziel der Frieden ist. Die unterschiedlichen Interpretationen von „Frieden“ und die Vorwürfe bezüglich der Haltung zu den Konfliktparteien führten letztlich zur Unmöglichkeit einer breiten Akzeptanz und damit zur Absage.
Reaktionen auf die Absage: Enttäuschung und Trotz
Die Nachricht von der Absage stieß bei vielen Beteiligten und der Öffentlichkeit auf große Enttäuschung. Der Münchner Muslimrat zeigte sich zutiefst betroffen. Imam Benjamin Idriz vom Münchner Forum für Islam (MFI) erklärte im Namen des Muslimrats, man habe gehofft, dass „alle verantwortlichen Kräfte in unserer Stadt die ausgestreckte Hand ergreifen und deutliche Zeichen für das Miteinander setzen wollten“. Dass dies in München nicht möglich sei, bleibe „eine sehr bittere Erfahrung, nicht nur für Muslime“.
Doch trotz der offiziellen Absage versammelten sich am Abend des geplanten Gebetstermins etwa 70 Menschen auf dem Marienplatz. Sie waren laut Imam Idriz „entsetzt, schockiert und enttäuscht“ über die Absage, wollten aber dennoch ein Zeichen setzen. Auch die Imame erschienen am Platz, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und sie nicht allein zu lassen. Dies zeigt, dass das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Gebet und einem sichtbaren Zeichen für den Frieden unabhängig von politischen Kontroversen stark war und ist. Es war ein stiller Akt des Widerstands gegen die Spaltung und ein Bekenntnis zum Miteinander.
Die Haltung der katholischen Kirche
Die Erzdiözese München und Freising erklärte auf Anfrage, die Stadt habe die Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters abgesagt, bevor das Erzbistum eine endgültige Entscheidung über seine Teilnahme getroffen habe. Für deren Mitwirken sei die Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters sowie die Beteiligung aller eingeladenen Religionsvertreter, insbesondere der jüdischen Gemeinde, Voraussetzung gewesen. Gleichwohl betonte die Erzdiözese ihre grundsätzliche Haltung: „Das Gebet für den Frieden an sich, ebenso wie der interreligiöse Dialog sind und bleiben zentrale Anliegen der katholischen Kirche, auch in der Erzdiözese München und Freising.“ Dies unterstreicht die langfristige Verpflichtung der Kirche zum Dialog, auch wenn einzelne Projekte aufgrund externer Umstände nicht realisiert werden können.
München vs. Würzburg: Zwei Wege zum interreligiösen Frieden?
Die Ereignisse in München stehen in einem interessanten Kontrast zu einer ähnlichen Initiative in Würzburg, die erfolgreich durchgeführt wurde. Dies verdeutlicht, dass die Bedingungen für interreligiösen Dialog regional sehr unterschiedlich sein können und stark von den lokalen Akteuren und ihrer Fähigkeit zur Konsensfindung abhängen.
| Merkmal | Münchner Friedensgebet (abgesagt) | Würzburger Schweigekreis (stattgefunden) |
|---|---|---|
| Ort | Marienplatz, München | Domvorplatz, Würzburg |
| Initiator | Münchner Muslimrat, Landeshauptstadt München | Interreligiöser Gesprächskreis Würzburg |
| Charakter | Geplantes interreligiöses Gebet | Schweigekreis für den Frieden |
| Teilnehmer | Rabbiner, Bischöfe, Imame (geplant) | Mitglieder aller Religionen und Nicht-Gläubige |
| Kontroversen | Starke Kritik an Muslimrat-Partnern, Absage | Geringe Spannungen und Kritik |
| Ergebnis | Offiziell abgesagt, spontane Versammlung | Erfolgreich durchgeführt |
| Ziele | Frieden im Heiligen Land, Miteinander in München | Anteilnahme zeigen, politischer Appell, Vorurteilen entgegenwirken |
In Würzburg fand am selben Tag ein „Schweigekreis für den Frieden in Israel und Gaza“ statt, zu dem der Interreligiöse Gesprächskreis Würzburg eingeladen hatte. Sprecher Michael Stolz bestätigte, dass es dort keine Spannungen und Kritik wie in München gab. Bei der letzten Veranstaltung in Würzburg waren jüdische und muslimische Glaubensvertreter vor Ort, was die Inklusivität des Formats unterstreicht. Die Würzburger Initiative zielte darauf ab, den Betroffenen Anteilnahme zu zeigen, einen politischen Appell für Frieden zu senden und Vorurteilen, Hass, Trennung, Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit entgegenzutreten. Dies deutet darauf hin, dass ein anderer Ansatz – vielleicht weniger auf ein formales Gebet mit spezifischen Vertretern fixiert, sondern offener für alle, die ein Zeichen setzen wollen – in manchen Kontexten erfolgreicher sein kann.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Münchner Friedensgebet
Warum wurde das Friedensgebet in München abgesagt?
Das Friedensgebet wurde aufgrund von Kritik an den Partnerorganisationen des Münchner Muslimrats abgesagt. Insbesondere wurde die Haltung einiger Gruppierungen zum aktuellen Nahostkonflikt als nicht klar oder problematisch angesehen. Zudem war die Teilnahme eines jüdischen Vertreters, die vom Oberbürgermeister als Voraussetzung genannt wurde, nicht mehr gesichert.
Wer hatte die Schirmherrschaft für das Gebet?
Oberbürgermeister Dieter Reiter hatte die Schirmherrschaft für das interreligiöse Friedensgebet übernommen. Er zog diese jedoch zurück, als die Voraussetzungen für eine breite Beteiligung nicht mehr gegeben waren.
Welche Organisationen waren an der Kritik beteiligt?
Kritik kam unter anderem vom Grünen-Politiker und Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, sowie vom Münchner „Linken Bündnis gegen Antisemitismus“.
Warum versammelten sich dennoch Menschen auf dem Marienplatz?
Trotz der offiziellen Absage versammelten sich etwa 70 Menschen auf dem Marienplatz, weil sie über die Absage entsetzt, schockiert und enttäuscht waren. Sie wollten dennoch ein Zeichen setzen und wurden von anwesenden Imamen unterstützt, die den Kontakt zu den Bürgern suchten.
Wie unterscheidet sich die Situation in Würzburg von der in München?
In Würzburg fand ein ähnlicher interreligiöser „Schweigekreis“ ohne größere Spannungen oder Absagen statt. Dort waren jüdische und muslimische Glaubensvertreter anwesend, und das Format schien weniger anfällig für die Art von Kritik, die in München zum Scheitern führte. Die lokale Dynamik und die Art der Initiative spielten hier eine entscheidende Rolle.
Was bedeutet die Absage für den interreligiösen Dialog in München?
Die Absage ist eine „bittere Erfahrung“ und ein Rückschlag für den interreligiösen Dialog in München. Sie zeigt die Herausforderungen auf, denen sich solche Initiativen in politisch aufgeladenen Zeiten gegenübersehen. Dennoch betonen sowohl der Muslimrat als auch die Erzdiözese die fortwährende Bedeutung des Dialogs und des Gebets für den Frieden.
Fazit: Ein schwieriger Weg zum Miteinander
Die Absage des interreligiösen Friedensgebets in München ist ein deutliches Zeichen dafür, wie zerbrechlich der interreligiöse Dialog in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Spannungen sein kann. Obwohl die Absicht der Initiatoren, ein Zeichen für Frieden und Miteinander zu setzen, unbestreitbar war, führten externe Kritik und die Komplexität der beteiligten Akteure zum Scheitern des Vorhabens. Es zeigt sich, dass selbst eine so grundlegende und universelle Sehnsucht wie die nach Frieden unterschiedliche politische und ideologische Interpretationen hervorrufen kann, die eine gemeinsame Plattform erschweren.
Dennoch verdeutlicht die spontane Versammlung auf dem Marienplatz, dass das Bedürfnis der Menschen nach einem gemeinsamen Ausdruck des Friedens und der Solidarität ungebrochen ist. Und auch die Erfolgsgeschichte aus Würzburg gibt Anlass zur Hoffnung. Sie zeigt, dass interreligiöser Dialog möglich ist, wenn die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden und ein hohes Maß an Vertrauen zwischen den Beteiligten besteht. Die Ereignisse in München sind eine schmerzliche Lektion, aber auch eine Mahnung, die Bemühungen um Verständnis, Dialog und Respekt zwischen den Religionen nicht aufzugeben, sondern sie an die komplexen Realitäten unserer Zeit anzupassen und beharrlich fortzusetzen.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Münchens Friedensgebet: Gescheitert oder verschoben? kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.
