09/04/2022
Der Gottesdienst ist eine Reise, die mit der Sammlung der Gemeinde beginnt und in ihrer Entsendung in den Alltag mündet. Der Sendungsteil am Ende des Gottesdienstes ist weit mehr als nur ein formeller Abschluss; er ist eine bewusste Vorbereitung der Gläubigen auf ihr Leben außerhalb der Kirchenmauern. Er bildet die entscheidende Brücke zwischen dem heiligen Raum und den Herausforderungen des täglichen Lebens. Durch Segen und Grusswort, oft umrahmt von Eingangs- und Ausgangsspiel, wird der gesamte Gottesdienst symbolisch geklammert und seine Botschaft in den Alltag getragen. Für viele Gottesdienstbesucher hat gerade der Segen eine immense Bedeutung. Aus ihm schöpfen sie die nötige Kraft, um den vielfältigen Anforderungen des Alltags zu begegnen und ihren Glauben im Handeln sichtbar werden zu lassen.

Dieser abschließende Teil des Gottesdienstes ist reich an Geschichte, Bedeutung und liturgischen Elementen, die alle dazu dienen, die Gemeinde gestärkt und mit einem klaren Auftrag in die Welt zu senden. Es geht darum, die empfangene Gnade und Inspiration nicht nur zu bewahren, sondern aktiv in das persönliche Umfeld und die Gesellschaft zu tragen. Die Sendung ist somit ein Aufruf zur Nachfolge und zum Zeugnisgeben im eigenen Lebensbereich, eine Erinnerung daran, dass der Glaube nicht nur in der Kirche, sondern im gesamten Leben gelebt wird.
Was gehört zum Sendungsteil des Gottesdienstes?
Der Sendungsteil ist sorgfältig strukturiert, um die Gemeinde auf den Übergang vom Gottesdienst zum Alltag vorzubereiten. Die Reihenfolge und die einzelnen Elemente können je nach liturgischer Tradition leicht variieren, doch die Kernfunktion bleibt dieselbe: die Gläubigen zu stärken und zu senden. Gemäß der Richtlinie RG 150 gehören traditionell folgende Elemente zum Sendungsteil:
- Mitteilungen: Praktische Informationen und Ankündigungen für die Gemeinde.
- Sendung: Die eigentliche Entlassung und der Auftrag an die Gemeinde.
- Schlusslied: Ein gemeinsamer Gesang zum Abschluss.
- Segen: Der priesterliche Segen als Zuspruch göttlicher Kraft und Begleitung.
- Ausgangsspiel: Ein instrumentaler Abschluss, der den Übergang einleitet.
Die Liturgie Taschenausgabe (TLit, 19) ergänzt diese Abfolge und schlägt eine dramaturgisch flüssigere Reihenfolge vor, die Sendung und Segen enger miteinander verbindet. Hier wird die Kollektenansage hinzugefügt und das Schlusslied vor die Sendung platziert. Dies führt zu folgender Struktur, die auch die Grundlage vieler moderner Gottesdienstordnungen bildet:
| Element (RG 150) | Element (TLit 19) | Funktion |
|---|---|---|
| Mitteilungen | Mitteilungen | Information der Gemeinde |
| Kollektenansage | Information über den Verwendungszweck der Kollekte | |
| Schlusslied | Schlusslied | Gemeinsamer Lobpreis und Abschlussgesang |
| Sendung | Sendung und Segen | Entlassung mit Auftrag und göttlichem Zuspruch |
| Segen | (In Sendung integriert) | |
| Ausgangsspiel | Ausgangsspiel | Instrumentaler Übergang zum Alltag |
Diese Abfolge, insbesondere die Verbindung von Sendung und Segen, wird als besonders wirkungsvoll empfunden, da sie den unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Auftrag, den die Gemeinde empfängt, und der göttlichen Begleitung durch den Segen unterstreicht. Die Sendung ist dabei der explizite Akt der Entlassung, während der Segen die göttliche Bestärkung und den Schutz für den kommenden Weg zuspricht.
Die historische Entwicklung der „Sendung“ im Gottesdienst
Um die heutige Bedeutung der „Sendung“ zu verstehen, lohnt sich ein Blick in ihre reiche Geschichte. Der Ursprung dieses liturgischen Elements liegt in der Alten Kirche. Der Ruf „Ite, missa est“ – wörtlich „Geht, es ist Entlassung“ – wurde vom Diakon noch vor Beginn der eigentlichen Eucharistiefeier gesungen. Er diente dazu, diejenigen zu verabschieden, die (insbesondere die Katechumenen, also Taufbewerber) noch nicht an der Eucharistie teilnehmen durften. Die so Verabschiedeten antworteten mit „Deo gratias“ – „Gott sei Dank“.
Aus dem lateinischen Wort „missa“ dieses Entlassrufes entwickelte sich schon ab dem 4. Jahrhundert die Bezeichnung „Messe“ für Gottesdienste, die das Abendmahl bzw. die Eucharistie beinhalteten. Es ist also faszinierend zu sehen, wie ein Abschiedsgruß zum Namensgeber eines der zentralsten Gottesdienstformen wurde.
Im Laufe der Zeit verlagerte sich diese Verabschiedung an den Schluss des Gottesdienstes, wo sie auch heute noch ihren Platz hat. Diesem Entlassruf ging oft ein vom Bischof gesprochenes Sendungsgebet voraus, mit dem er den Segen erbat, den er dann, während er feierlich auszog, an die Anwesenden weitergab. Dieser feierliche Akt unterstrich die Bedeutung der Entsendung und die Autorität, mit der der Segen erteilt wurde.
Ab dem 12. Jahrhundert etablierte sich die Schlussformel „Benedicamus Domini“ („Lasset uns preisen den Herrn“) und die Segnung erfolgte direkt vom Altar aus. Der liturgische Fachbegriff für diesen Schlussruf ist „Benediktion“, der Akt des Segnens selbst.
Die Sendung in heutigen Gottesdiensten
In den heutigen Gottesdiensten hat sich die „Sendung“ als fester Bestandteil etabliert, oft mit leicht variierenden Formulierungen, die jedoch alle die gleiche Botschaft der Entlassung und Stärkung tragen. In Messgottesdiensten der lutherischen Kirche hat sich die Formel „Gehet hin im Frieden des Herrn“ durchgesetzt. Für Gottesdienste ohne Abendmahl ist „Lasset uns benedeien dem Herrn“ gebräuchlich. Die Gemeinde antwortet in beiden Fällen traditionell mit „Gott sei ewiglich Dank“ oder „Gott sei Lob und Dank“.

Neben diesen festen Formeln finden auch Liedverse als Benediktion Platz in den Agenden. Beispiele hierfür sind der Ruf „Verleih uns Frieden gnädiglich“ (EG 421) oder „Herr Gott, dich loben wir“ (EG 191), die die Bitte um Frieden und den Lobpreis Gottes in den Abschluss des Gottesdienstes tragen.
Oft werden vor der Benediktion oder an ihrer Stelle biblische Verse oder freie Worte gesprochen, die dazu dienen, die zentrale Botschaft des Gottesdienstes für den Alltag zu verdeutlichen. Diese sogenannten Sendungsworte bilden zusammen mit der anschließenden Benediktion die „Sendung“ im weiteren Sinne. Neuere Agenden der evangelischen Kirchen verstehen den Schlussruf „Gehet hin im Frieden des Herrn“ sogar als integralen Bestandteil des Segens und platzieren biblische Verse als eigenständige Sendung davor. Dies betont die Botschaft des „Gesandt-Werdens“ noch stärker.
Der Ort der Sendung im Gottesdienst
Die Sendung ist flexibel in ihrer Platzierung, steht aber immer am Ende des Gottesdienstes, oft direkt vor oder nach dem Schlusssegen oder wird mit diesem verbunden. Ihre Position unterstreicht ihren Charakter als letztes Wort und letzte Stärkung, bevor die Gemeinde den Kirchenraum verlässt.
Eine besondere Situation ergibt sich, wenn Gruppen den Gottesdienst vorzeitig verlassen, beispielsweise Kinder vor der Predigt oder dem Abendmahl, oder eine Taufgesellschaft nach dem Taufteil. In solchen Fällen ist es üblich, diese Gruppen bereits an ihrer jeweiligen Ausstiegsstelle mit einem spezifischen „Sendungswort“ und/oder einem Segen zu entlassen. Dies stellt sicher, dass auch sie mit einer Segnung und einem Bewusstsein für ihren Auftrag in ihren Alltag oder den nächsten Teil ihres Lebens gehen.
Kreative Ausgestaltung der Sendung
Die Sendung ist ein Moment der Konzentration und des Impulses. Sie bietet Raum für kreative Gestaltung, um ihre Botschaft zu vertiefen und persönlicher zu machen, ohne dabei ihre liturgische Funktion zu verlieren.
Lieder und Gesänge zur Sendung
Ein einzelner Liedvers oder eine Liedstrophe kann das Sendungswort und den Schlussruf wirkungsvoll ergänzen oder sogar repräsentieren. Das Evangelische Gesangbuch bietet in den Abschnitten „Eingang und Ausgang“ sowie „Sammlung und Sendung“ zahlreiche Vorschläge. Beliebte Lieder, die sich für die Sendung eignen, sind beispielsweise:
- „Gehet hin in alle Welt“ (EG 201) – ein klarer Missionsauftrag.
- „Ich möcht, dass einer mit mir geht“ (EG 209) – die Bitte um Begleitung.
- „Wir wünschen Frieden euch allen“ (EG 433) oder „Donna nobis pacem“ (EG 435) – Friedenswünsche.
- „Herr, gib uns deinen Frieden“ (EG 436)
- „Nun lasst uns gehn und treten“ (EG 58, Verse 1 und 11 bis 14) – ein Lied des Aufbruchs.
Auch im modernen Liedgut und in Büchern zu Schulgottesdiensten findet sich eine Vielfalt passender Verse wie „Gehn wir in Frieden, den Weg, den wir gekommen“ oder „Herr, dein guter Segen ist wie ein großer Hut“. Für Bitt- oder Dankgottesdienste bieten sich weiterhin traditionelle liturgische Gesänge wie „Verleih uns Frieden gnädiglich“ (EG 421) und „Herr Gott, dich loben wir“ (EG 191) an. Das Evangelische Gottesdienstbuch schlägt für Abendmahlsgottesdienste sogar das „Gloria in Excelsis“ (Ehre sei Gott in der Höhe) zur Sendung vor, das dann im Anrufungsteil entfällt. Es ist wichtig zu beachten, dass die Sendung kein Ort für ausgedehnten Gesang ist; ein vertonter Sendungsvers oder Segenswunsch sollte genügen, um die Konzentration auf die Botschaft zu wahren.
Biblische Worte als Sendung
Das Evangelische Gottesdienstbuch bietet eine Auswahl biblischer Sendungsworte, die oft passend für bestimmte Sonntage und Feiertage sind. Es wird betont, dass sich die meisten Wochensprüche als Sendungsworte eignen würden. Allerdings ist es entscheidend, dass die Menschen die Bedeutung der Sendung durch leicht verständliche, zeitgemäße Worte erfassen können. Die Sendung am Schluss des Gottesdienstes ist ein bewusstes Schicken mit einer Verheißung und einem Auftrag. Aus diesem Blickwinkel muss formuliert werden.

Wochensprüche eignen sich daher üblicherweise nicht ohne Weiteres. Es darf nicht der Eindruck entstehen, man nutze zum Schluss noch schnell die Gelegenheit, einen Bibelspruch loszuwerden. Biblische Sprüche sollten hier vielmehr mit einer entsprechenden Erläuterung, modern übersetzt, neu formuliert oder paraphrasiert dargebracht werden. Wenn dies bedacht wird, kann der Wochenspruch durchaus zu einem kraftvollen Sendungswort werden, das die Gemeinde auf ihrem Weg begleitet.
Die Poesie der Sendung
Im Gegensatz zu Gebeten, bei denen übermäßige Poesie manchmal als unangebracht kritisiert wird, hat sie bei der Sendung ihre volle Berechtigung. Wenn die Menschen in die Woche gesandt werden, darf man ausschmücken und mit Bildern nicht sparen. Irische Reisesegen, die zahlreich in der Literatur zu finden sind, dienen als hervorragende Beispiele und liefern vielfältige Anregungen für Sendungsworte, die man gerne mit in den Alltag nimmt. Ein Beispiel könnte lauten:
„Der Tag sei dir günstig und die Nacht dir gnädig. Die gute Hand eines Freundes soll dich immer halten. Und möge Gott dir das Herz erfüllen mit Frohsinn und Freude.“
Solche Sendungsworte können thematisch passend, persönlich und auf die jeweilige Lebenssituation der Menschen zugeschnitten formuliert werden. Besondere Stationen wie Ferienanfang und Ferienende oder Jahreszeiten wie der Frühlingsbeginn können ebenso berücksichtigt werden wie das Kirchenjahr. Die Menschen erfahren so, mit welchem besonderen Auftrag sie zum Beispiel in die Adventszeit oder Passionszeit geschickt werden; es wird ihnen bestätigt, dass Gott sie auf ihrem Weg begleitet.
Ein konkretes Beispiel für die Sendung zu Beginn der Adventszeit aus dem bereitgestellten Material lautet:
„Der Herr begleite Dich auf deinem Weg nach Bethlehem. Er zeige dir, dass du nicht eilen musst. Er gebe dir die Kraft innezuhalten. Er helfe dir, dich selbst zu finden – auf dem Weg zum Kind. Er öffne dir die Augen für Menschen, die du einladen kannst, mitzugehen. Er gebe dir gute Gedanken und tröstende Worte, dass man sich dir gerne anschließt, auf dem Weg nach Bethlehem. – Gehet hin im Frieden des Herrn.“
Diese Formulierung ist tiefgründig und bildhaft, sie spricht die Gläubigen direkt an und gibt ihnen eine konkrete geistliche Ausrichtung für die kommende Zeit. Sie verbindet den Auftrag (den Weg nach Bethlehem, Innehalten, Selbstfindung, Einladung) mit der göttlichen Begleitung und dem Frieden.
Die Art und Weise der Sendung
Das Sendungswort sollte wie der Gruß zu Beginn des Gottesdienstes sehr frei und mit Blickkontakt gesprochen werden. Es ist ein „gutes Wort zum Abschied“, kein Lesungstext, der monoton vorgetragen wird. Das Vermeiden von „Plappern“ ist hier essenziell, um die persönliche und bedeutungsvolle Natur der Sendung zu bewahren. Es geht darum, die Botschaft auf eine Weise zu vermitteln, die von Herzen kommt und die Herzen der Zuhörer erreicht.
Es ist auch wichtig, die Sendung nicht mit zu vielen Elementen zu überfrachten, die dann für den Großteil der Menschen zu leeren Formeln werden könnten. Obwohl in einigen Agenden vor dem Sendungswort noch einmal der liturgische Gruß „Der Herr sei mit euch“ vorgesehen ist, sollte die Liturgie überschaubar und verständlich bleiben. Eine Bescheidenheit in der Gestaltung dieses Abschnitts kann dazu beitragen, dass die zentrale Botschaft nicht verwässert wird.
Ein entscheidender Aspekt ist, dass die „Spendung“ von Sendungsworten und Segen nicht ausschließlich den Geistlichen vorbehalten ist. Im Gottesdienst beteiligte Gemeindeglieder können und sollten durchaus auch bei diesen liturgischen Stücken aktiv einbezogen werden. Dies leistet einen konkreten Beitrag zur Verdeutlichung des evangelischen Amtsverständnisses, das im „Priestertum aller Gläubigen“ wurzelt. Wie in Johannes 14,12 steht: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun, denn ich gehe zum Vater.“ Dieser Vers unterstreicht, dass jeder Gläubige berufen ist, im Namen Christi zu handeln und Segen weiterzugeben, was die Beteiligung von Laien an der Sendung bedeutungsvoll macht.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
- Was ist der Hauptzweck des Sendungsteils im Gottesdienst?
- Der Hauptzweck ist es, die Gemeinde auf ihre Rückkehr in den Alltag vorzubereiten, sie mit göttlichem Segen zu stärken und ihr einen Auftrag für ihr Leben außerhalb der Kirche mitzugeben.
- Warum ist der Segen so wichtig für viele Gottesdienstbesucher?
- Aus dem Segen schöpfen viele Gläubige Kraft und Zuversicht für die Herausforderungen ihres täglichen Lebens. Er ist ein Zuspruch göttlicher Begleitung und Unterstützung.
- Wie entstand der Begriff „Messe“ für den Gottesdienst?
- Der Begriff „Messe“ leitet sich vom lateinischen Entlassruf „Ite, missa est“ („Geht, es ist Entlassung“) ab, der ursprünglich am Anfang der Eucharistiefeier stand, um Nicht-Teilnehmer zu verabschieden.
- Dürfen auch Laien die Sendungsworte sprechen oder den Segen spenden?
- Ja, gemäß dem evangelischen Verständnis des „Priestertums aller Gläubigen“ ist die Spendung von Sendungsworten und Segen nicht ausschließlich Geistlichen vorbehalten. Gemeindeglieder können und sollen aktiv einbezogen werden.
- Was bedeutet die Sendung zu Beginn der Adventszeit?
- Die Sendung zu Beginn der Adventszeit ist ein spezifischer Impuls, der die Gemeinde auf den Weg nach Bethlehem, also die Erwartung der Geburt Christi, einstimmt. Sie lädt ein zum Innehalten, zur Selbstfindung und zum Mitnehmen anderer auf diesem Weg, begleitet vom Frieden des Herrn.
Der Sendungsteil ist somit ein vitaler und dynamischer Bestandteil des Gottesdienstes, der die Gläubigen nicht nur verabschiedet, sondern sie mit einer klaren Botschaft, göttlicher Kraft und einem spürbaren Auftrag in die Welt entsendet. Er erinnert daran, dass der Glaube nicht nur in den Kirchenbänken lebt, sondern im Alltag, in Begegnungen, im Handeln und im Zeugnis jedes Einzelnen sichtbar wird. Die Sendung ist der Brückenschlag vom Heiligen zum Profanen, eine Erinnerung an die fortwährende Gegenwart Gottes im Leben der Gläubigen.
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