Matthias und Josef: Eine göttliche Wahl

20/06/2023

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Die frühe Christenheit stand vor einer tiefgreifenden Herausforderung, nachdem Judas Iskariot seinen Platz im Kreis der zwölf Apostel verlassen hatte. Es war eine Zeit des Umbruchs und der Neuausrichtung, in der die Gemeinschaft der Gläubigen nach göttlicher Führung suchte, um den Zwölferkreis wiederherzustellen. In dieser entscheidenden Phase traten zwei Männer in den Vordergrund, deren Namen bis heute mit dieser bedeutsamen Wahl verbunden sind: Josef, genannt Barsabbas oder Justus, und Matthias. Doch was unterscheidet diese beiden Männer, und warum fiel die Wahl schließlich auf Matthias, von dem die Überlieferung vergleichsweise wenig berichtet?

Inhaltsverzeichnis

Die Nachwahl eines Apostels: Matthias und Josef im Vergleich

Die Apostelgeschichte, insbesondere im ersten Kapitel (Apg 1,15-26), schildert detailliert die Umstände, die zur Notwendigkeit einer Nachwahl führten. Nach dem Verrat und dem tragischen Tod des Judas Iskariot war der Kreis der von Jesus selbst erwählten zwölf Zeugen unvollständig. Petrus, der als Sprecher der Gemeinschaft auftrat, betonte die biblische Notwendigkeit, diesen Kreis wieder zu schließen, um die eschatologische Sammlung des Volkes Gottes durch Jesus zu repräsentieren.

Was ist der Unterschied zwischen Matthias und Josef?
Josef wird hervorgehoben durch die Nennung des Vaternamens und seines Beinamens. Man nannte ihn den „Gerechten“; er war für seine Treue zum Gesetz bekannt. Das heißt auch, dass er im Gesetz bewandert war. Von dem anderen, dem Matthias, wird nichts Beachtenswertes gesagt. Auf ihn jedoch fällt das Los.

Zwei Kandidaten wurden von der versammelten Gemeinde vorgeschlagen, die beide die Kriterien erfüllten, Zeugen des gesamten Wirkens Jesu – von der Taufe des Johannes bis zu seiner Auferstehung – gewesen zu sein:

  • Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus: Dieser Mann wird in der Überlieferung als „der Gerechte“ hervorgehoben. Er war bekannt für seine Treue zum Gesetz und galt als im Gesetz bewandert. Seine Nennung mit Vaternamen und Beiname unterstreicht seine anerkannte Stellung und seinen guten Ruf innerhalb der Gemeinschaft. Er verkörperte das Ideal eines frommen, gesetzestreuen Juden.
  • Matthias: Über Matthias wird in diesem Bericht auffallend wenig gesagt. Es gibt keine besonderen Attribute oder Beinamen, die seine Persönlichkeit oder seine Verdienste hervorheben. Er scheint ein eher unauffälliger Jünger gewesen zu sein, dessen Qualitäten nicht explizit benannt werden.

Die Gemeinde betete und warf das Los, um Gottes Willen zu erkennen. Die Praxis des Loswerfens war im Judentum ein anerkanntes Mittel, um in wichtigen Entscheidungen göttliche Führung zu suchen, und wurde nicht als bloßer Zufall, sondern als Zeichen des Wirkens Gottes verstanden. Und das Los fiel auf Matthias.

Warum Matthias und nicht Josef? Die tiefere Botschaft der Wahl

Die Wahl des Matthias ist aus theologischer Sicht von großer Bedeutung und bietet eine tiefe Lehre über Gottes Handeln. Während Josef als „der Gerechte“ und als jemand, der im Gesetz bewandert war, scheinbar die offensichtlichere Wahl gewesen wäre, fiel die Entscheidung Gottes auf Matthias, von dem nichts Bemerkenswertes berichtet wird. Dies ist ein zentraler Punkt, der die theologische Absicht des Lukas in seinem Bericht offenbart:

  • Gottes souveräne Wahl: Die Geschichte zeigt, dass Gottes Wege und Entscheidungen nicht immer den menschlichen Erwartungen oder Logiken entsprechen. Er wählt nicht zwangsläufig die scheinbar „bestqualifizierten“ oder prominentesten Persönlichkeiten nach menschlichen Maßstäben aus.
  • Wirken Gottes durch das Unscheinbare: Die Wahl des Matthias betont, dass Gott auch durch Menschen wirken kann, die nicht über außergewöhnliche theologische Bildung oder einen hohen gesellschaftlichen Status verfügen. Es ist eine Botschaft der Hoffnung und Ermutigung, dass jeder Gläubige, unabhängig von seiner Stellung oder seinen sichtbaren Verdiensten, ein Werkzeug in Gottes Hand sein kann.
  • Verlässlichkeit der Überlieferung: Die Tatsache, dass Lukas Matthias später in der Apostelgeschichte nicht weiter erwähnt, stärkt nach Meinung der meisten Exegeten die Zuverlässigkeit dieses Berichts. Wäre es eine spätere theologische Konstruktion gewesen, hätte man Matthias wahrscheinlich eine prominentere Rolle zugeschrieben. Die sparsame Darstellung deutet auf eine sehr alte, authentische Überlieferung hin.

Die Wahl des Matthias war somit nicht nur die Ergänzung eines numerischen Kreises, sondern eine theologische Aussage über Gottes Art zu wirken – oft im Verborgenen, durch diejenigen, die menschlich gesehen keine besonderen Vorzüge haben.

Die Rolle des Zwölferkreises und die Zeugenschaft

Die Ergänzung des Zwölferkreises war von entscheidender Bedeutung. Er symbolisierte das neue Israel und die eschatologische Sammlung des Volkes Gottes. Judas' Verrat entwertete diese Bedeutung nicht, aber der Kreis musste wiederhergestellt werden, bevor die Jünger die Gabe des Heiligen Geistes empfangen und ihren Auftrag erfüllen konnten. Die Zwölf hatten die Aufgabe, Zeugen zu sein – nicht nur der Auferstehung, sondern des gesamten Wirkens Jesu, „angefangen von der Taufe des Johannes“ bis hin zu seinem Tod, seiner Auferstehung und seinem Wirken als der erhöhte Christus.

Petrus' Vorgehen war dabei von Gebet und Schriftkenntnis geprägt. Die Gemeinde begann ihr Handeln mit Gebet, ganz im Sinne Jesu, der selbst betete, bevor er die Apostel berief. Dies unterstreicht die Überzeugung, dass Gott sich ansprechen lässt und dass menschliches Handeln im Glauben stets im Kontext göttlicher Führung steht.

Vergleich: Josef Barsabbas (Justus) und Matthias

Um die Unterschiede zwischen den beiden Kandidaten noch deutlicher hervorzuheben, kann eine vergleichende Betrachtung hilfreich sein:

MerkmalJosef Barsabbas (Justus)Matthias
Bekanntheit/RufBekannt als „der Gerechte“, für Treue zum GesetzNichts Bemerkenswertes berichtet, eher unauffällig
Biblische ErwähnungNamentlich genannt, mit BeinamenNamentlich genannt, keine weiteren Beschreibungen
Qualifikationen (menschl. Sicht)Hohe moralische/religiöse Integrität, gesetzeskundigErfüllte die Grundvoraussetzung (Zeuge Jesu), aber keine weiteren hervorgehobenen Eigenschaften
Ausgang der WahlNicht gewähltVom Los erwählt
Theologische BotschaftEin Beispiel für menschliche Tugend, die nicht immer von Gott erwählt wirdGott wählt unabhängig von menschlichen Verdiensten, auch das Unscheinbare kann Großes bewirken

Diese Tabelle verdeutlicht, dass die Wahl des Matthias eine theologische Aussage ist, die über die reine Person hinausgeht und die Art und Weise, wie Gott handelt, beleuchtet.

Die Verehrung des Apostels Matthias: Ein einzigartiges Erbe in Trier

Die Geschichte des Apostels Matthias wäre unvollständig ohne die Betrachtung seiner besonderen Verehrung, insbesondere in Trier. Während sein Gedenktag im allgemeinen Kalender der Römisch-katholischen Kirche auf den 15. Mai festgelegt wurde, behält er im deutschen Sprachraum den 24. Februar. Dieser Besonderheit liegt die Verehrung des Apostels in Trier seit dem 11. Jahrhundert zugrunde, wo sich angeblich das einzige Apostelgrab nördlich der Alpen befindet.

Was ist der Unterschied zwischen Matthias und Josef?
Josef wird hervorgehoben durch die Nennung des Vaternamens und seines Beinamens. Man nannte ihn den „Gerechten“; er war für seine Treue zum Gesetz bekannt. Das heißt auch, dass er im Gesetz bewandert war. Von dem anderen, dem Matthias, wird nichts Beachtenswertes gesagt. Auf ihn jedoch fällt das Los.

Die Entdeckung der Reliquien und die Pilgerstätte

Die Verehrung in Trier begann mit Erzbischof Eberhard im 11. Jahrhundert. Eine Legende besagt, dass die heilige Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, auf ihrer Reise ins Heilige Land zahlreiche Reliquien, darunter die Gebeine des Apostels Matthias, nach Trier gebracht und durch Bischof Agritius dort beisetzen ließ. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Lokalisierung der Reliquien im Dom, wurden sie schließlich im Bering des Euchariusklosters gefunden, dem heutigen Kloster St. Matthias.

Der Besitz dieser Reliquien steigerte das Ansehen des Bischofssitzes von Trier ungemein und etablierte das Kloster als bedeutende Pilgerstätte. Im 12. Jahrhundert begann der Neubau der Kirche, und bei Abbrucharbeiten wurde der kleine Sarkophag mit den Reliquien freigelegt. Papst Eugen III. weihte die neue Kirche im Jahr 1148, was die Verehrung des Apostels weiter stärkte und das Euchariuskloster fortan den Namen St. Matthias tragen ließ.

Matthias als Vorbild: Der „Apostel der Treue“

Im 19. Jahrhundert wurde Matthias besonders als „Apostel der Treue“ hervorgehoben, im Gegensatz zu Judas. Er stand für die Treue zur Kirche und sein Grab galt in Zeiten des Kulturkampfes als Unterpfand dafür, dass kirchenfeindliche Mächte nicht siegen würden. Die Schlichtheit seiner biblischen Darstellung, die kaum Legenden zulässt (außer der Enthauptung mit einem Beil als Zeichen seines Martyriums), ermöglichte es, ihn als ein universelles Vorbild für Zeugenschaft und Gemeinschaft zu betrachten.

Die moderne Matthiasverehrung: Freundschaft und Gemeinschaft

Heute hat sich die Matthiasverehrung weiterentwickelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und mit den Anregungen des Zweiten Vatikanischen Konzils rückte die Heilige Schrift stärker in den Vordergrund. Die Gegenüberstellung zu Judas Iskariot wurde weitgehend aufgegeben. Stattdessen konzentriert sich die Wallfahrt auf zentrale biblische Botschaften:

  • Jesus lebt und wirkt: Basierend auf Apg 2,32-33 wird die Überzeugung gefeiert, dass Jesus auch im persönlichen Leben der Pilger präsent ist und wirkt.
  • „Ihr seid meine Freunde“ (Joh 15,14): Dieses Wort Jesu aus den Abschiedsreden ist zum Leitwort der Bruderschaften und Pilgergruppen geworden. Es betont die persönliche Beziehung zu Jesus und die Verheißung, den Lebensweg nicht allein gehen zu müssen.
  • Das Gleichnis vom Weinstock (Joh 15,1-8): Das „Bleiben“ in Jesus, das „Frucht bringen“ und die „Liebe“ werden als dynamische Elemente der Beziehung zu Christus und der Gemeinschaft untereinander verstanden.
  • Die Erfahrung der Gemeinschaft (1 Kor 12): Die Matthiaswallfahrten sind stark von der Erfahrung lebendiger Gemeinschaft geprägt. Im Gegensatz zu individuelleren Pilgerwegen steht hier das „Ich geh dann mal mit …“ im Vordergrund, das Menschen unterschiedlichen Alters und Hintergrunds zusammenführt.

Das „Apostelgrab“ in Trier wird heute weniger als physisches Grab, sondern vielmehr als „ikonisierte“ Erinnerungsstätte verstanden, ein heiliges Bild, das die Stätte mit der Frühzeit der Kirche und der fortwährenden Gegenwart Jesu Christi verbindet. Es ist ein Ort des Gebetes und der Besinnung, an dem Pilger ihre persönliche Beziehung zu Jesus vertiefen und die Stärke der christlichen Gemeinschaft erfahren.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Was ist der Hauptunterschied zwischen Matthias und Josef in der Apostelwahl?
Der Hauptunterschied liegt in ihrer Darstellung und dem Ergebnis der Wahl. Josef wurde als „der Gerechte“ und im Gesetz bewandert beschrieben, während über Matthias nichts Bemerkenswertes gesagt wird. Trotz Josefs offensichtlicher Verdienste fiel das Los auf Matthias, was die theologische Botschaft unterstreicht, dass Gott unabhängig von menschlichen Maßstäben wählt und auch durch das Unscheinbare wirken kann.
Warum wurde Matthias und nicht Josef gewählt?
Die Wahl erfolgte durch das Los, nachdem die Gemeinde gebetet hatte, um Gottes Willen zu erkennen. Die theologische Interpretation besagt, dass diese Wahl zeigen sollte, dass Gottes Entscheidungen nicht immer menschlichen Erwartungen oder der offensichtlichen Qualifikation folgen. Es ist ein Zeichen dafür, dass Gott auch jene erwählt, die nicht im Vordergrund stehen.
Wo befindet sich das Grab des Apostels Matthias?
Das angebliche Grab des Apostels Matthias befindet sich in der Abtei St. Matthias in Trier, Deutschland. Es wird als das einzige Apostelgrab nördlich der Alpen bezeichnet. Heute wird es eher als „ikonisierte“ Erinnerungsstätte denn als wörtliches Grab verstanden, das die Verbindung zur frühen Kirche symbolisiert.
Was bedeutet die Verehrung des Matthias heute?
Die moderne Matthiasverehrung konzentriert sich auf die persönliche Beziehung zu Jesus („Ihr seid meine Freunde“), die Bedeutung der christlichen Gemeinschaft und die Erfahrung des gemeinsamen Pilgerwegs. Es geht darum, Jesus als lebendig und wirksam zu erfahren und sich als Teil der Kirche zu verstehen, die durch die Jahrhunderte von Gottes Geist geleitet wird.
Ist die Geschichte der Reliquien des Matthias historisch belegt?
Die Geschichte der Überführung der Matthias-Reliquien durch die heilige Helena nach Trier ist eine Legende, die zur Entstehung der Verehrung beigetragen hat. Historiker sind sich einig, dass die meisten Reliquien, die Helena mitgebracht haben soll, einer historischen Überprüfung nicht standhalten. Die Bedeutung der Stätte in Trier liegt heute eher in ihrer symbolischen und spirituellen Kraft als in der strikten historischen Belegbarkeit der Reliquien.

Die Geschichte von Matthias und Josef ist weit mehr als nur eine historische Anekdote aus der Frühzeit der Kirche. Sie ist eine tiefgründige Erzählung über göttliche Souveränität, die Wahl des Unscheinbaren und die bleibende Bedeutung von Glaube, Gebet und Gemeinschaft. Der Apostel Matthias, der einst durch das Los erwählt wurde, ist bis heute ein mächtiges Symbol für die Treue zu Christus und die lebendige Verbundenheit der Gläubigen. Seine Verehrung in Trier lädt dazu ein, diese zeitlosen Wahrheiten auf dem eigenen Lebensweg zu erfahren und die Freundschaft mit Jesus in der Gemeinschaft zu vertiefen.

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