16/02/2024
Der Begriff „Schöpfung“ ist weit mehr als nur eine Erzählung über den Ursprung der Welt. Er ist ein zentraler theologischer Ausdruck, der die Welt, das Leben, den Menschen und das gesamte Universum aus der Perspektive des christlichen Glaubens interpretiert. Es geht dabei nicht primär darum, eine naturwissenschaftliche Entwicklungsgeschichte darzulegen, sondern vielmehr darum, tiefgreifende menschliche Fragen zu beantworten: Warum existiert die Welt? Warum gibt es den Menschen? Und welchen Sinn hat das Universum? Die Antwort des gläubigen Menschen ist klar und hoffnungsstiftend: Gott hat alles ins Dasein gerufen, und gerade weil ihr Ursprung in Gott liegt, ist die Schöpfung von unschätzbarem Wert und durch und durch gut.

Was bedeutet Schöpfung im Glauben?
Die biblischen Erzählungen über die Entstehung der Welt und die Erschaffung des Menschen, insbesondere der Schöpfungsbericht im Buch Genesis, sind keine historischen oder wissenschaftlichen Dokumente im modernen Sinne. Sie sind vielmehr theologische Deutungen und Loblieder, die die Beziehung zwischen Gott und seiner Schöpfung beschreiben. Sie vermitteln die fundamentale Überzeugung, dass alles Existierende einen göttlichen Ursprung hat und somit einen inhärenten Wert besitzt. Diese Perspektive lädt dazu ein, die Welt nicht als zufälliges Produkt, sondern als gewollt, geliebt und als Geschenk zu betrachten. Die Erkenntnis, dass alles aus der Hand eines liebenden Schöpfers stammt, bildet die Grundlage für eine Haltung der Ehrfurcht und Dankbarkeit gegenüber dem Leben und der gesamten Umwelt.
Diese theologische Sichtweise ist auch für Kinder leicht zugänglich, wenn sie die Schöpfung auf vielfältige Weise erleben dürfen. Es geht darum, ihnen Zugänge zu eröffnen, die ihre Sinne ansprechen und sie für die Wunder der Natur sensibilisieren. Wenn Kinder die Natur als etwas Lebendiges und Geheimnisvolles erfahren, festigt sich in ihnen die Überzeugung: „Schöpfung ist gut.“
Schöpfung erleben: Mehr als nur Theorie
Das Konzept der Schöpfung ist nicht nur eine abstrakte Idee, sondern soll im Alltag erfahrbar gemacht werden. Besonders im pädagogischen Kontext, wie beispielsweise im Kindergarten, werden vielfältige Möglichkeiten geschaffen, um Kindern konkrete Naturerfahrungen zu ermöglichen. Das bewusste Wahrnehmen und Staunen über die vielen Geheimnisse in der Natur – sei es das Wachsen einer Pflanze, das Summen einer Biene oder die Vielfalt der Farben – bildet die Grundlage des Schöpfungsglaubens. Es lehrt, genau hinzuschauen und die Schönheit im Kleinen wie im Großen zu erkennen.
Doch Schöpfung erleben bedeutet nicht nur die Begegnung mit der äußeren Natur. Es schließt auch die Entdeckung des eigenen Ichs und der Mitmenschen ein. Sich selbst mit all seinen Fähigkeiten und Grenzen kennenzulernen, die eigenen motorischen Fähigkeiten zu erproben oder sich im Spiel und beim Feiern mit anderen Kindern zu freuen, sind ebenfalls Ausdruck von Schöpfungserfahrung. So kann beispielsweise eine Geburtstagsfeier im Kindergarten als ein „Fest der Schöpfung“ verstanden werden, bei dem das Kind mit seinen einzigartigen Eigenschaften und Fähigkeiten in den Mittelpunkt gerückt wird. Ein kurzes Gebet des Dankes, wie „Lieber Gott, wir freuen uns, die Ursula in unserer Gruppe zu haben. Lass sie unsere Freude erleben und spüren. Gib ihr Menschen, die sie gern haben“, kann diese Wertschätzung für das geschaffene Leben ausdrücken.
Verantwortungsvoller Umgang mit der Schöpfung
Ein wesentlicher Aspekt des Schöpfungsglaubens ist der verantwortungsvolle Umgang mit allem Geschaffenen. Dies beinhaltet den Schutz der Natur und der Umwelt vor schädlicher Ausbeutung und die Pflege der uns anvertrauten Ressourcen. Themen wie Mülltrennung im Kindergarten, der sorgfältige Umgang mit dem Essen oder das Sparen von Energie werden somit zu praktischen Anwendungen des Schöpfungsgedankens. Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind und eine Verantwortung für dessen Erhalt tragen. Diese Haltung führt zu einem nachhaltigen Lebensstil, der nicht nur die gegenwärtige Generation, sondern auch zukünftige Generationen berücksichtigt.
Darüber hinaus sind Gebete, Erzählungen, Lieder und Lobpreisungen der Schöpfung wichtige kulturelle Ausdrucksformen gläubiger Menschen. Es ist wichtig, Kinder mit diesen Beispielen vertraut zu machen. Der biblische Schöpfungsbericht ist eine allseits bekannte Erzählung, die Kindern vermittelt werden sollte, allerdings mit dem Hinweis, dass es sich hierbei nicht um einen Tatsachenbericht handelt, sondern um ein tiefgründiges Loblied der Israeliten auf Gottes Güte und Gnade.
Praktische Wege zur Schöpfungserfahrung
Die Erarbeitung des Schwerpunktes Schöpfung ist in vielen Themen und Praktiken der Pädagogik integriert. Sie bietet Möglichkeiten zur Sensibilisierung und Wahrnehmungsschulung, fördert soziale Erfahrungen und spricht musikalische sowie ästhetische Fähigkeiten an. Das Thema Schöpfung ist somit modellhaft für eine ganzheitliche Erarbeitung, die Kopf, Herz und Hand gleichermaßen einbezieht.
Die Erlebnisschnur – Ein Pfad der Sinne
Diese einfache, aber wirkungsvolle Übung lässt sich besonders gut in den Sommermonaten im Kindergarten oder in einer natürlichen Umgebung mit Bäumen umsetzen. Zwischen zwei Bäumen, die zehn bis zwanzig Meter voneinander entfernt stehen, wird ein Wollfaden in einer Höhe von etwa einem Meter gespannt. Wichtig ist, dass es ein Wollfaden ist, da er sich weich und einladend anfühlen soll. Eine kleine Gruppe von Kindern wird zum Wollfaden geführt. Jedes Kind darf nacheinander mit geschlossenen Augen und den Händen am Faden entlanggehen. Die Aufgabe ist es, bewusst wahrzunehmen: Was hören sie? Was spüren sie? Was riechen sie? Was ertasten sie? Während ein Kind den Faden entlanggeht, verhalten sich die anderen ruhig, um dem Kind ein intensives Erlebnis zu ermöglichen. Nach der Übung können die Kinder von ihren Wahrnehmungen erzählen. Diese scheinbar simple Aktivität kann eine unerwartete Dichte und Intensität des Erlebnisses hervorrufen, die zur vollen Entfaltung kommt, wenn der Ablauf meditativ und achtsam gestaltet wird.
Kim-Spiele – Riechen, Raten, Staunen
Als Vorbereitung auf eine Erntedankfeier oder einfach zur Schulung der Sinne eignen sich Kim-Spiele mit Obst hervorragend. In kleinen Schälchen werden aufgeschnittene Früchte wie Äpfel, Birnen, Trauben oder Pflaumen bereitgestellt. Die Schälchen werden mit Tüchern abgedeckt, sodass die Früchte nicht sichtbar sind. Die Kinder dürfen an den Schälchen vorbeigehen und riechen. Ihre Aufgabe ist es, allein am Geruch zu erkennen, welche Frucht sich im Schälchen befindet. Natürlich dürfen die Früchte nicht verraten werden! Jedes Kind kann so oft vorbeigehen, bis es alle Früchte erraten hat. Nach dem Spiel mischen die Erzieherinnen das Obst in einer großen Schüssel, fügen etwas Zucker hinzu, und die Kinder können den selbst „erforschten“ Obstsalat genießen. Dieses Spiel fördert nicht nur die Geruchswahrnehmung, sondern verbindet auch den Sinn für Genuss mit der Anerkennung der Fülle der Natur.
Lieder und Naturmaterialien – Kreativer Ausdruck der Schöpfung
Das Staunen über die Natur, ihre Früchte, Gräser und Blumen lässt sich auch durch kurze meditative Übungen und kreative Aktivitäten erreichen. Zunächst werden mit den Kindern verschiedene Naturmaterialien gesammelt: Blumen, Gräser, Steine, Früchte, Zweige. Diese Materialien werden anschließend im Stuhlkreis gezeigt und gemeinsam besprochen. Danach stellen sich Kinder und Erzieherinnen in einem Kreis auf. In der Mitte des Kreises liegt ein Holzreifen. Die ganze Gruppe singt das Lied: „Den Kranz woll'n wir binden, wir binden jetzt den Kranz“. Das Kind, das im Lied genannt wird, geht zum Lager der Naturmaterialien, nimmt einen Zweig, eine Blume oder einen Stein und legt sie auf den Reifen. Wenn alle Kinder aufgerufen wurden, ist ein wunderschöner Kranz aus Naturmaterialien in der Mitte entstanden. Zum Ausklang kann das Lied: „Du hast uns deine Welt geschenkt, den Himmel, die Erde...“ gesungen werden, wobei die angesprochenen Dinge mit entsprechenden Bewegungen gezeigt werden. Diese Aktivität verbindet Bewegung, Musik, Kreativität und das Erleben der Natur auf eine ganzheitliche Weise.
Vergleich: Wissenschaftliche vs. Religiöse Perspektive auf den Ursprung
Es ist wichtig zu verstehen, dass die wissenschaftliche und die religiöse Perspektive auf den Ursprung der Welt unterschiedliche Fragen stellen und unterschiedliche Antworten geben. Sie schließen sich nicht notwendigerweise aus, sondern ergänzen sich auf ihre Weise.
| Aspekt | Wissenschaftliche Perspektive | Religiöse Perspektive (Schöpfung) |
|---|---|---|
| Fokus | Wie ist die Welt entstanden? (Prozesse, Mechanismen) | Warum existiert die Welt? (Sinn, Zweck, Ursprung) |
| Methode | Beobachtung, Experiment, Hypothesenprüfung | Glaube, Offenbarung, Interpretation heiliger Texte |
| Art der Aussage | Fakten, Theorien, Modelle (veränderbar) | Wahrheiten über Sinn, Wert und Beziehung zu Gott (fundamental) |
| Schöpfungsbericht | Nicht als historischer oder naturwissenschaftlicher Bericht | Als theologisches Loblied, das Gottes Güte preist |
| Implikation | Erkenntnisgewinn über die physikalische Welt | Ehrfurcht, Dankbarkeit, Verantwortung für die Welt |
Häufig gestellte Fragen zur Schöpfung
Ist der biblische Schöpfungsbericht ein wissenschaftlicher Bericht?
Nein, der biblische Schöpfungsbericht ist kein wissenschaftlicher Bericht im modernen Sinne. Er ist eine theologische Erzählung und ein Loblied auf Gottes Schöpferkraft und Güte. Er will keine naturwissenschaftlichen Fakten über die Entstehung der Welt liefern, sondern Antworten auf existenzielle Fragen nach dem Sinn und Ursprung des Lebens geben und die Beziehung zwischen Gott und seiner Schöpfung beschreiben.
Wie kann ich Kindern Schöpfung nahebringen?
Kindern kann Schöpfung am besten durch direkte und sinnliche Naturerfahrungen nahegebracht werden. Dazu gehören Spaziergänge in der Natur, das Beobachten von Pflanzen und Tieren, das Experimentieren mit Naturmaterialien, das Pflegen eines kleinen Gartens oder das bewusste Wahrnehmen von Gerüchen, Klängen und Texturen in der Umgebung. Auch Geschichten, Lieder und Gebete, die die Schönheit und den Wert der Schöpfung thematisieren, sind sehr hilfreich.
Gehört Umweltschutz zur Schöpfungslehre?
Ja, der verantwortungsvolle Umgang mit der Schöpfung ist ein integraler Bestandteil der Schöpfungslehre. Wenn die Welt als göttliches Geschenk und als gut angesehen wird, ergibt sich daraus die ethische Verpflichtung, sie zu schützen und zu bewahren. Umweltschutz, nachhaltiges Handeln, Mülltrennung und der bewusste Umgang mit Ressourcen sind daher direkte Konsequenzen des Schöpfungsglaubens.
Warum wird die Schöpfung als „gut“ bezeichnet?
Die Schöpfung wird als „gut“ bezeichnet, weil sie ihren Ursprung in Gott hat. Im biblischen Schöpfungsbericht heißt es mehrfach, dass Gott sah, „dass es gut war“. Dies drückt aus, dass die Schöpfung nicht zufällig oder fehlerhaft ist, sondern gewollt, wohlgeordnet und von Wert. Es ist eine theologische Aussage über die Qualität und den Sinn der Existenz, die aus Gottes Liebe und Weisheit entspringt.
Kann man Schöpfung auch ohne religiösen Glauben wertschätzen?
Ja, die Wertschätzung für die Natur und die Wunder des Lebens ist universell und nicht ausschließlich an religiösen Glauben gebunden. Viele Menschen empfinden Ehrfurcht und Staunen angesichts der Komplexität und Schönheit der Welt, unabhängig von ihrer spirituellen Überzeugung. Der theologische Begriff der Schöpfung bietet jedoch eine spezifische Deutung und einen Rahmen für diese Wertschätzung, indem er sie auf einen göttlichen Ursprung zurückführt und eine tiefere Beziehung zu allem Lebendigen ermöglicht.
Fazit
„Schöpfung“ ist ein reicher und vielschichtiger Begriff, der weit über eine bloße Entstehungsgeschichte hinausgeht. Er ist eine Haltung des Glaubens, die die Welt, das Leben und den Menschen als wertvoll und gut betrachtet, weil sie ihren Ursprung in Gott haben. Diese theologische Perspektive lädt uns ein, mit Staunen auf die Natur zu blicken, sie durch Naturerfahrungen bewusst zu erleben und eine tiefe Dankbarkeit für das Dasein zu entwickeln. Gleichzeitig erwächst daraus eine klare Verantwortung für den Schutz und die Bewahrung unserer Umwelt. Indem wir die Schöpfung nicht nur intellektuell erfassen, sondern auch sinnlich erleben und im Alltag leben, können wir ihre tiefe Bedeutung für unser eigenes Leben und für das Zusammenleben in der Welt voll entfalten.
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