Was ist das wichtigste Gebet des Judentums?

Gott im Religionsunterricht: Jüdisch, Christlich, Muslimisch

23/03/2026

Rating: 4.94 (6418 votes)

Die Frage nach Gott ist, selbst in unserer zunehmend säkularen Gesellschaft, für Kinder und Jugendliche von zentraler Bedeutung. Obwohl das Thema Gott in den Lehrplänen des Religionsunterrichts oft zwischen einer Fülle anderer Inhalte zu verschwinden scheint, bleibt es doch das eigentliche Integrativum. Es durchzieht die Schuljahre als Längsschnittthema und taucht als Querschnittsthema immer dann auf, wenn Schülerinnen und Schüler die Theorie und Praxis von Religion kritisch hinterfragen. Alle Themen des Religionsunterrichts können letztlich dazu dienen, die Gottesfrage – die entscheidende Frage nach dem, was uns unbedingt angeht, wie Paul Tillich es formulierte – immer wieder neu zu stellen und zu reflektieren. Das gilt in besonderem Maße auch für das interreligiöse Lernen, wo der Monotheismus zwar als gemeinsame Basis dient, die praktischen Vollzüge der Religionen jedoch vielfältig sind. Doch auch hier steht die Gottesfrage latent im Hintergrund und drängt sich in den Diskussionen der Lernenden immer wieder in den Vordergrund.

Was ist der jüdische Ursprung des Christentums?
Viele Rituale der Christinnen und Christen haben einen jüdischen Ursprung. Zum Beispiel kommt der freie Sonntag im Christentum aus dem Judentum, wo erstmals ein freier Wochentag eingehalten wurde. Und parallel zur jüdischen Kiddusch-Feier an jedem Schabbat feiern Christinnen und Christen ihr Abendmahl.

Dieses Anliegen greift die vorliegende Betrachtung auf und stellt die Gottesvorstellungen und Gottesbilder in den Mittelpunkt, insbesondere im Kontext des gemeinsamen Unterrichts von jüdischen, christlichen und und muslimischen Schülerinnen und Schülern. Um dieses elementare Thema didaktisch zu strukturieren, formulieren wir fundamentale Anfragen, die aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen untrennbar mit der Gottesfrage verbunden sind.

Inhaltsverzeichnis

Gott als Motiv in Kinderfragen: Ein tiefer Blick

Empirische Studien zeigen, dass die Gottesfrage in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen weiterhin relevant ist, auch wenn sie das Leben nicht mehr so dominant bestimmt wie in traditionell religiösen Gesellschaften. Die Herausforderung heutiger religiöser Bildung ist es, wie und mit welchen Bildern und Vorstellungen Kinder Gott im Unterricht begegnen können. Wer das Thema Gottesbilder fruchtbar machen will, muss sich den Kindern zuwenden: Wie erschließt sich die Frage nach Gott aus ihrer Sicht? Die Religionspädagogik hat hierzu im Rahmen der Kindertheologie und des Theologisierens mit Kindern wertvolle Beiträge geleistet. Rainer Oberthür und John Martin Hull haben wichtige Kategorisierungen vorgenommen, die uns helfen, die Genese kindlicher Fragen zu verstehen.

Kinderfragen und ihre Kategorien

Rainer Oberthür sammelte Fragen, die das Zentrum einer kindlichen Perspektive auf Gott und Welt ausmachen, wie die nach Gottes Existenz, dem Leid oder der Wirklichkeit der Sprache. John Hull ergänzte dies, indem er die Genese der Fragen aus den Strukturen kindlichen Denkens erklärte. Er unterschied drei Klassen von Fragen:

  • Denken in Bildern: Fragen wie „Wo wohnt Gott?“
  • Formen moralischen Urteilens: Fragen wie „Liebt Gott auch Einbrecher?“
  • Nachdenken über Gebet und Gottesrede: Fragen wie „Warum würfele ich nie eine Sechs, obwohl ich vorher immer bete?“

Diese Kategorisierungen sind ein Schlüssel, um fundamentale Fragen von Schülerinnen und Schülern zum Thema Gott zu bilden. So lassen sich vier Grundfragen identifizieren, die im Folgenden näher beleuchtet werden.

1. Gottes Existenz: Gibt es Gott wirklich?

Die Frage nach der Existenz Gottes stellen nicht nur Jugendliche in ihrer Phase des Deismus, sondern auch Kinder im Grundschulalter. Diese Skepsis speist sich zum einen aus der zunehmend agnostischen oder religionskritischen Haltung unserer Gesellschaft. Zum anderen zeigt sich darin die Überwindung früher kindlicher Stufen des Gottesglaubens. Kinder erleben, dass die bisher gepflegten anthropomorphen, animistischen und artifizialistischen Gottesbilder der frühen Kindheit nicht mehr ausreichen oder Widersprüche aufweisen. Daher ist die Frage nach Gottes Existenz auch schon in der Grundschule relevant, da Kinder in diesem Alter eine kritische Auseinandersetzung mit ihren frühkindlichen Gottesbildern benötigen.

Judentum, Christentum und Islam teilen die Auffassung, dass eine natürliche Erkenntnis Gottes aus der Ordnung und Struktur der Welt möglich ist. In der katholischen Tradition wird dies als „natürliche Theologie“ bezeichnet, die sich auf den Römerbrief (Röm 1,20) stützt: Gottes unsichtbares Wesen, seine ewige Kraft und Gottheit, sind „an den Werken, nämlich der Schöpfung der Welt“ zu erkennen. Ähnliche Passagen finden sich im Buch der Weisheit (Weish 13,5) und im Koran (z.B. Sure 16,65-69, 78f.). Trotz des Leidens in der Welt glauben alle drei monotheistischen Religionen, dass der eine Gott eine vernünftige und sinnvolle Welt geschaffen und geordnet hat, deren Struktur als Zeichen für die Existenz eines allmächtigen Schöpfergottes gelesen werden kann.

Während philosophisch-theologische Debatten über Gottes Existenz eher in höheren Jahrgängen stattfinden, können bereits in der Grundschule religionsdidaktische Verfahren eingesetzt werden, die Kinder durch Betrachten und Staunen angesichts der Schönheit der Schöpfung auf das Wirken eines Schöpfergottes schließen lassen. Rainer Oberthür hat dies in seinem Werk „Neles Buch und die großen Fragen“ eindrücklich für den Grundschulbereich aufgezeigt.

2. Gottesbilder: Wie kann ich mir Gott vorstellen?

Die Forschung zur Entwicklung des Gottesbildes bei Kindern und Jugendlichen ist in der Religionspädagogik sehr umfangreich. Sie ist von großer Relevanz für den Erfolg religiöser Bildungsprozesse, da ein gesundes und heilsames Gottesbild Kindern und Jugendlichen Hilfe und Unterstützung für ihr Leben bieten soll. Dabei ist wichtig, dass individuelle Gottesbilder im Zusammenhang mit kollektiven Gottesvorstellungen einer Religionsgemeinschaft stehen. Die Arbeit an den eigenen Gottesbildern ist nicht nur für christliche Kinder wichtig, sondern auch jüdische und muslimische Kinder müssen angeregt werden, ihre Gottesvorstellungen zu artikulieren und zu reflektieren.

Herausforderungen im interreligiösen Kontext

Besonders zu beachten ist das Bilderverbot im Judentum und Islam, das die Thematisierung anthropomorpher Gottesbilder im Bereich der kindlichen Religiosität zu einem Tabu macht. Eine direkte Diskussion über menschliche Darstellungen Gottes ist daher mit jüdischen und muslimischen Schülerinnen und Schülern nicht unproblematisch. Doch die Bildhaftigkeit biblischer und koranischer Sprache kann mit allen drei Religionen thematisiert werden. TeNaK, Bibel und Koran sprechen in Analogien und Bildern von Gott, weil er für alle drei Religionen – das revolutionär Neue des Monotheismus – weder sichtbar noch auf einen bestimmten Ort beschränkt erfahrbar ist.

Die christliche Lehre von einem Gott in drei Personen wird bei jüdischen und muslimischen Schülerinnen und Schülern sicherlich Widerspruch hervorrufen. Im Islam wird die Trinität oft als göttliche Familie missverstanden und konterkariert die strenge Verehrung des einen Gottes, die von Abraham, Isaak, Jakob und Muhammad verkündet wurde. Es ist daher eine zentrale Aufgabe des interreligiösen Religionsunterrichts, die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes zu erklären und zu erläutern, ohne das religiöse Empfinden von Juden und Muslimen in der Lerngruppe zu stören oder zu verletzen.

3. Gottes Gerechtigkeit: Warum lässt Gott Leid zu?

Das theologische Problem, einen allmächtigen, gütigen und vernünftigen Schöpfergott mit dem faktisch erlebten Leid und dem Bösen in der Welt zusammenzudenken, wird als Theodizee bezeichnet – die „Rechtfertigung Gottes“ angesichts des Leidens in seiner Schöpfung. Lange Zeit galt die Theodizee-Frage als zentrale „Einbruchstelle für den Verlust des Glaubens an Gott“. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass diese Brisanz für Jugendliche heute nicht mehr dieselbe ist. Nichtsdestotrotz hat die Theodizee-Frage für Kinder und Jugendliche immer dann Relevanz, wenn Leidenserfahrungen den eigenen Glauben und das Vertrauen auf einen guten und fürsorglichen Gott erschüttern. Rainer Oberthür hat aufgezeigt, wie Kinder sich mit dieser Frage auseinandersetzen und wie Religionslehrerinnen und -lehrer helfend zur Seite stehen können.

Interreligiöse Perspektiven auf das Leid

Im Religionsunterricht, der Juden, Christen und Muslime verbindet, ist zu beachten, dass sich das Theodizee-Problem im Judentum und Christentum in ganz besonderer Weise stellt und von muslimischen Schülerinnen und Schülern nur bedingt akzeptiert und anerkannt wird. Im Islam provoziert Leid nicht notwendigerweise die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Wenn es dem Menschen nicht zusteht, Gott anzuklagen, und hinter dem Leid des Geschöpfes in der Schöpfung ein unbekannter Heilsplan Gottes vermutet wird, der dem Menschen aufgrund der großen Distanz zwischen Schöpfer und Geschöpf nicht offenbart werden soll (vgl. Koran Sure 21,23; 2,155-157), stellt sich die Frage nach der Allmacht oder Güte Gottes in dieser Form nicht. Dies erfordert ein sensibles Herangehen im Unterricht.

4. Gottesbeziehung: Wann erhört Gott mein Gebet?

Das Gebet ist im Judentum, Christentum und Islam ein elementarer Ausdruck des Gott-Mensch-Verhältnisses. Juden, Christen und Muslime verstehen das Gebet als Gespräch zwischen dem Menschen und Gott, in dem der Betende auf besondere Weise die Nähe und Anwesenheit Gottes erspürt. Die abrahamischen Religionen haben dem Sprechen-mit-Gott in ihrer je eigenen Gebetspraxis besondere Form gegeben. Im Gebet bringen Gläubige ihr Leben auf vielfältige Weise vor Gott zur Sprache: verbal in Gedanken, Bitten, Dankesworten, Klagen und Lobpreisungen, sowie körperlich in Form einer leiblichen Gebetssprache, besonders im muslimischen Ritualgebet.

Die Entwicklung einer reflektierten Gebetspraxis bei Kindern und Jugendlichen erfordert lange Phasen religiöser Erziehung, die vom angeleiteten Ritualgebet mit den Eltern und Gebetserfahrungen im Gottesdienst über Phasen der Skepsis im Jugendalter bis hin zu einem reifen Gebetsverständnis führen. Gott wird dann nicht mehr als willkürlicher „Deus ex machina“ oder als durch Opfer korrumpierbarer Dienstleister verstanden, sondern als Ermöglichungsgrund einer freiheitlichen Praxis von Kult und Gebet. Fritz Oser bezeichnet diese Reifung als Entwicklung von der kindlichen Phase der Heteronomie hin zu einer erwachsenen Zielstufe der Autonomie.

Die kindliche Frage, ob Gott Gebete erhört und warum sich dann keine vernehmlichen Antworten einstellen, markiert den Übergang vom kindlichen „Do ut des“ (Ich gebe, damit du gibst) zu jugendlichen Deismus-Vorstellungen. Eine bedeutende Aufgabe des Religionsunterrichts ist es, jüdische, christliche und muslimische Kinder dabei zu unterstützen, ihre eigene Spiritualität zu einer Gottesbeziehung weiterzuentwickeln, in der menschliche Autonomie und göttlicher Heilsplan zusammengedacht werden können.

Unterschiede in der Gebetsanrede

Die Anrede an Gott im Gebet von Juden, Christen und Muslimen markiert deutliche Unterschiede in den Gottesvorstellungen. Obwohl alle Gläubigen in den drei monotheistischen Religionen zum einen Gott Abrahams sprechen, beten sie auf je verschiedene Weise und mit unterschiedlichen Gottesvorstellungen:

ReligionGebetsanrede/FokusBesonderheit der Gottesvorstellung
Judentum„Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott“Streng monotheistisch, Einzigartigkeit Gottes (Tawhid).
Christentum„Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des Heiligen Geistes“Trinitarischer Gott (Vater, Sohn, Heiliger Geist), Gebet durch Christus im Heiligen Geist.
Islam„Im Namen Gottes, des Allerbarmenden und Barmherzigen“ (Bismillah)Streng monotheistisch (Tawhid), absolute Einheit Gottes, keine Partner oder Nachkommen.

Christen beten im Heiligen Geist zu Gott, durch, mit und in Jesus Christus. Dies gilt es im Blick zu behalten, wenn in gemeinsamen Lerngruppen von jüdischen, christlichen und muslimischen Schülerinnen und Schülern über das Gebet gesprochen oder sogar Gebete vollzogen werden.

Gott als der immer Unsichtbare: Eine lebenslange Aufgabe

Wenn im schulischen Religionsunterricht die Fragen nach der Existenz Gottes, den Gottesbildern, dem Leid in der Welt und der Wirksamkeit des menschlichen Gebets gestellt und diskutiert werden, erhalten Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, die Gottesfrage als eine wichtige „Baustelle“ ihrer Biografie zu bearbeiten. Lothar Kuld nannte diese ständige Lebensaufgabe die „Unsichtbarkeitsproblematik“. Es ist die zentrale Aufgabe in jeder Biografie, die Unsichtbarkeit Gottes zu akzeptieren und produktiv zu bearbeiten: „Aus der konkreten Gestalt über den Wolken wird ein ‚Geist‘, dann ‚eine Erzählung‘, schließlich ‚ein Gefühl‘.“ Alle Begriffe bezeichnen Unsichtbares. In jedem Fall geht es darum, das Unsichtbare zu benennen. Aus der scheinbar anthropomorphen Vorstellung wird eine literarische, dann im Jugendalter eine psychologische.

Zentrale Aufgabe religiöser Bildung ist es nun, in diesem lebenslangen Prozess Impulse zu geben, Anregungen zu liefern und Material bereitzuhalten, an dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihre religiösen Vorstellungen reflektieren, bearbeiten und weiterentwickeln können, um so zu einer reifen und erwachsenen Religiosität und Spiritualität zu finden. Dazu kann das gemeinsame Nachdenken von Juden, Christen und Muslimen über die großen Fragen zur Gottesthematik gewiss einen wichtigen Beitrag leisten.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

F: Ist die Gottesfrage im heutigen Religionsunterricht noch relevant?
A: Ja, unbedingt. Obwohl sie nicht immer explizit im Vordergrund steht, ist die Gottesfrage das zentrale integrative Thema, das sich durch alle Inhalte des Religionsunterrichts zieht und für Kinder und Jugendliche persönlich relevant bleibt.

F: Warum unterscheiden sich die Gottesvorstellungen im Gebet von Juden, Christen und Muslimen?
A: Obwohl alle drei Religionen an den einen Gott Abrahams glauben, unterscheiden sie sich in der Art, wie sie Gott verstehen und ansprechen. Juden und Muslime beten zu einem strikt unitarischen Gott, während Christen den trinitarischen Gott (Vater, Sohn, Heiliger Geist) anbeten. Diese unterschiedlichen theologischen Konzepte prägen die Gebetsanrede und -praxis.

F: Wie geht der Religionsunterricht mit dem Leid in der Welt um, wenn es um Gott geht?
A: Der Religionsunterricht behandelt die Theodizee-Frage (Warum lässt ein gütiger Gott Leid zu?), die besonders im Judentum und Christentum relevant ist. Im Islam wird Leid oft als Teil eines unbekannten göttlichen Plans gesehen, ohne dass die Gerechtigkeit Gottes angezweifelt wird. Der Unterricht muss diese unterschiedlichen Perspektiven sensibel vermitteln.

F: Was bedeutet „Unsichtbarkeitsproblematik“ im Kontext der Gottesfrage?
A: Die Unsichtbarkeitsproblematik beschreibt die lebenslange Aufgabe, die Unsichtbarkeit Gottes zu akzeptieren und produktiv damit umzugehen. Es geht darum, wie sich die Vorstellung von Gott im Laufe des Lebens von konkreten Bildern zu abstrakteren Konzepten wie „Geist“ oder „Gefühl“ wandelt und wie man das Unsichtbare benennt und reflektiert.

F: Welche Rolle spielt das Bilderverbot im interreligiösen Religionsunterricht?
A: Das strikte Bilderverbot im Judentum und Islam bedeutet, dass anthropomorphe Gottesbilder dort tabu sind. Im interreligiösen Unterricht ist es wichtig, dies zu respektieren und stattdessen die bildhafte Sprache der heiligen Schriften (TeNaK, Bibel, Koran) zu thematisieren, die Gott in Analogien beschreibt, da er für alle drei Religionen nicht sichtbar ist.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Gott im Religionsunterricht: Jüdisch, Christlich, Muslimisch kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.

Go up