17/04/2022
Die Adventszeit ist traditionell eine Phase des Innehaltens und der Vorbereitung. Während wir unsere Häuser mit Tannenzweigen und Kerzen schmücken und der Duft von Plätzchen in der Luft liegt, stellt sich oft die Frage: Worauf bereiten wir uns eigentlich vor? Ist es nur das Fest der Geburt Christi, oder steckt mehr dahinter? Das Evangelium des zweiten Adventssonntags, mit seiner Botschaft von Johannes dem Täufer und seinem Aufruf „Bereitet den Weg dem Herrn! Macht gerade seine Straßen!“, gibt uns eine klare Richtung vor. Es ist eine Aufforderung, die sowohl persönlich als auch gemeinschaftlich verstanden werden kann und uns einlädt, unser Leben und unsere Rolle in der Welt neu zu überdenken. Im Zentrum dieser Überlegung steht ein bemerkenswertes Gebet, das oft dem 4. Jahrhundert zugeschrieben wird und die Essenz des christlichen Handelns auf den Punkt bringt: Christus wirkt durch uns.

Das Christentum ist untrennbar mit dem Gedanken der Inkarnation verbunden – der radikalen Annahme von Fleisch und Menschlichkeit durch Gott selbst. Der göttliche Logos tritt aus der Ewigkeit in die Zeitlichkeit, ein Geschehen, das nicht abgeschlossen ist, sondern sich immer wieder neu in der Welt manifestiert. Gott bietet den Menschen stets aufs Neue seine Freundschaft an. Doch wie findet Gott seinen Weg zu den Menschen, wie wird diese göttliche Präsenz in der Welt sichtbar und wirksam? Hier kommt die Rolle der Gläubigen ins Spiel, die durch ein zeitloses Gebet eindringlich formuliert wird.
„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände…“ – Eine Botschaft aus der Frühkirche
Ein Gebet, das in verschiedenen Formen über die Jahrhunderte überliefert wurde und oft dem 4. Jahrhundert zugeschrieben wird (obwohl es auch Quellen gibt, die es dem 14. Jahrhundert zuordnen, was seine zeitlose Relevanz unterstreicht), formuliert eine zutiefst bewegende Wahrheit über die Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Es lautet:
„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Er hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“
Dieses Gebet ist weit mehr als eine poetische Formulierung; es ist ein theologisches Fundament und ein praktischer Aufruf zum Handeln. Es macht deutlich, dass Gott sich unserer bedient, um seine Ziele in der Welt zu verfolgen. Wir Christen sind seine „Handlanger“, seine Werkzeuge, seine Botschafter. Welch eine Ehre und welch eine Verantwortung!
Die Bedeutung der einzelnen Zeilen
„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit zu tun.“
Diese Zeile erinnert uns daran, dass Gottes Wirken in der Welt oft durch menschliche Hände geschieht. Wo Not gelindert, Gerechtigkeit hergestellt oder Barmherzigkeit gezeigt wird, dort sind es unsere Hände, die Gottes Liebe greifbar machen. Es geht darum, aktiv zu werden, anzupacken, zu helfen, wo Hilfe benötigt wird. Ob es das Kochen einer Mahlzeit für einen Bedürftigen ist, die Unterstützung einer sozialen Initiative oder einfach das Halten einer Hand in der Trauer – all dies sind „Gottes Arbeiten“, die durch unsere Hände geschehen.
„Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.“
Unsere Füße sind dazu bestimmt, den Weg zu zeigen, andere zu leiten und sie auf den Weg Christi zu führen. Dies kann bedeuten, den Glauben durch das eigene Vorbild zu leben, andere auf spirituellen Wegen zu begleiten oder sich für diejenigen einzusetzen, die ihren Weg verloren haben. Es ist ein Aufruf zur Nachfolge und zur Evangelisation, nicht nur durch Worte, sondern vor allem durch Taten, die den Weg zum Guten weisen.
„Er hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.“
Die Verkündigung des Evangeliums ist eine Kernaufgabe der Christen. Unsere Lippen sind dazu da, von Gottes Liebe, Vergebung und Hoffnung zu sprechen. Dies geschieht nicht nur in Predigten, sondern auch in persönlichen Gesprächen, im Trost spenden, im Aussprechen von Vergebung und im Erzählen der frohen Botschaft. Es ist der Mund, der Segen ausspricht und Trost spendet, aber auch Unrecht benennt und für Gerechtigkeit eintritt.

„Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“
Hier geht es um die umfassende Unterstützung und Begleitung. Es bedeutet, für andere da zu sein, ihnen beizustehen, sie zu stärken und ihnen zu helfen, eine Beziehung zu Gott aufzubauen oder zu vertiefen. Dies ist besonders relevant im Blick auf die Armen und Leidenden. Das Gebet fordert uns auf, diesen Blick für die Not des Nächsten auszubilden und dort zu handeln, wo Gott am dringendsten gebraucht wird – wo Leben mit Füßen getreten wird, wo Armut und Leid herrschen. Diesen Blick auf die Armen auszubilden, ist die wahre Vorbereitung auf Weihnachten.
Historischer Kontext und zeitlose Relevanz
Die Zeit des 4. Jahrhunderts war eine Epoche des Umbruchs für das Christentum. Nach der Konstantinischen Wende wurde es von einer verfolgten Religion zur Staatsreligion des Römischen Reiches. Dies führte zu einer enormen Ausbreitung, aber auch zu neuen Herausforderungen bezüglich der Authentizität des Glaubens und der Rolle der Gläubigen in einer nunmehr „christlichen“ Gesellschaft. Das Gebet reflektiert möglicherweise die Notwendigkeit, die persönliche Verantwortung jedes einzelnen Christen in dieser neuen Ära zu betonen. Es erinnert daran, dass der Glaube nicht nur eine private Angelegenheit ist, sondern eine Aufforderung zum aktiven Dienst in der Welt.
Die Anordnung des Evangelisten Lukas, der den Beginn der Predigt des Johannes zeitlich präzise einordnet („Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius“ und weitere lokale Herrscher), unterstreicht, dass das Geschehen des Evangeliums die ganze Welt angeht – von Rom bis Jerusalem. Diese universelle Gültigkeit der Botschaft Christi erfordert universelle „Handlanger“. Die Aufgabe, Hindernisse zu Gott zu beseitigen und die Botschaft zu den Menschen zu bringen, liegt bei uns allen.
Vorbereitung auf Weihnachten: Den Weg bereiten
Die Adventszeit ist, wie die Predigt des Johannes des Täufers uns lehrt, eine Zeit der Vorbereitung. „Bereitet den Weg dem Herrn! Macht gerade seine Straßen!“ Diese Aufforderung kann auf zweifache Weise verstanden werden:
- Persönliche Vorbereitung: Es ist eine Ermahnung, das eigene Leben zu prüfen, „geraderücken kann, was schief läuft“. Dies beinhaltet, auf kleine und große Fehler zu schauen und aufs Neue zu versuchen, ein besserer Mensch zu werden. Es geht darum, „Berge abzutragen“ (Egoismus, Stolz, Vorurteile) und „Täler aufzufüllen“ (Mangel an Liebe, Vergebung, Engagement).
- Kollektive Vorbereitung: Als Gemeinschaft der Gläubigen sind wir aufgerufen, dem Herrn den Weg zu bereiten. Das bedeutet, alle Hindernisse zu Gott zu beseitigen, die zwischen Gott und den Menschen stehen können. Dies umfasst soziale Ungerechtigkeiten, Armut, Leid und alle Formen der Menschenverachtung. Wo Gott gebraucht wird, weil Menschen leiden, ist es unsere Aufgabe, zu suchen und zu handeln.
Innere Vorbereitung (Berge abtragen, Täler auffüllen) Äußere Vorbereitung (Gottes Hände & Füße sein) Eigene Fehler erkennen und umkehren Konkrete Hilfe für Bedürftige leisten Vergebung üben und empfangen Versöhnung in Konflikten suchen und anbieten Egoismus ablegen und teilen lernen Zeit für Gespräche und Zuhören investieren Hoffnung bewahren und Pessimismus widerstehen Von der frohen Botschaft erzählen und Zeugnis geben Das Gute in jedem Menschen entdecken Sich für Gerechtigkeit und Würde einsetzen „Ite, missa est“ – Die Sendung am Ende des Gottesdienstes
Die Botschaft des Gebets aus dem 4. Jahrhundert findet eine direkte Entsprechung in der Liturgie, insbesondere im Entlassungsruf am Ende der heiligen Messe: „Ite, missa est“. Im Deutschen oft übersetzt mit „Gehet hin in Frieden“, bedeutet der lateinische Ausdruck wörtlicher: „Gehet hin, ihr seid gesandt.“ Dies ist kein einfaches Ende des Gottesdienstes, sondern ein klarer Auftrag an die versammelte Gemeinde. Jeder Getaufte ist gesandt, die Botschaft Jesu vom Reich Gottes in die Welt zu tragen und danach zu handeln.

Durch das Handauflegen verändere sich etwas auf der psychischen, emotionalen und mentalen Ebene. „Es ist ein stilles Gebet mit den Händen“, erläutert Höfler: „Dabei bitten wir um eine göttliche, heilende Kraft.“ Jeder könne kommen, egal ob religiös oder nicht. „Wir wissen nicht, was es bewirken wird.“ „Geh hinaus und rede vom Evangelium und handle danach.“ Diese Aufforderung an die Jünger Jesu ist auch heute noch gültig. Sie fordert uns auf, unseren Glauben im Alltag zu leben: durch das Anbieten von Hilfe ohne Gegenleistung, durch das Nehmen von Zeit für ausführliche Gespräche, durch die Bereitschaft zur Vergebung, durch das Festhalten am Gottesdienst und Gebet, durch Ehrlichkeit, durch das Bewahren der Hoffnung und durch das Entdecken des Guten in jedem Menschen.
Oft fragen wir uns, warum der christliche Glaube in unserer Gesellschaft zu verdunsten scheint. Liegt es daran, dass die Botschaft Jesu – von Vergebung, Gerechtigkeit, rechter Sorge und Feindesliebe – nicht mehr ankommt, als verzichtbar gilt? Oder liegt die Schuld bei uns selbst, weil wir diese frohe Botschaft nicht mehr glaubwürdig leben und verkünden? Das Gebet und der Entlassungsruf erinnern uns daran, dass wir nicht nur Empfänger, sondern auch Sender sind. Wir sind alle gesandt, als glaubwürdige Zeugen des Reiches Gottes zu wirken.
Was die Bibel über das Hören sagt: Geöffnete Ohren für Gottes Ruf
Um Gottes Hände, Füße, Lippen und Hilfe zu sein, ist es unerlässlich, zunächst Gottes Ruf zu hören. Ein Gebet formuliert dies treffend: „Gott öffne uns die Ohren, mach uns hellhörig und aufmerksam, damit wir hören können, was wir noch nicht verstehen. Gott, wir wissen, dass wir nur leben, wenn wir uns von Dir rufen und verändern lassen. Gott, wir wissen, dass wir ohne Deinen Segen nichts vollbringen.“
Die Bibel betont an vielen Stellen die Bedeutung des Hörens – nicht nur des akustischen Empfangs, sondern des inneren Hörens, des Verstehens und des Gehorchens. „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Matthäus 11,15) ist ein wiederkehrendes Motiv. Es geht darum, sensibel zu sein für Gottes Stimme in unserem Leben, im Gebet, in der Schrift, aber auch in den Zeichen der Zeit und in der Not der Mitmenschen. Nur wer wirklich hört, kann auch adäquat handeln und Gottes Werkzeug sein. Das Hören ist der erste Schritt zur Veränderung und zum Handeln im Sinne Gottes.
FAQ – Häufig gestellte Fragen
- Was bedeutet „Bereitet den Weg dem Herrn“ im Kontext der Adventszeit?
- Es ist eine Aufforderung zur inneren und äußeren Vorbereitung auf die Ankunft Christi. Innerlich bedeutet es, das eigene Leben zu prüfen, Fehler zu bereinigen und das Herz für Gott zu öffnen. Äußerlich bedeutet es, Hindernisse für Gottes Wirken in der Welt zu beseitigen, indem man sich für Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe einsetzt.
- Wer war Johannes der Täufer?
- Johannes der Täufer war ein Prophet, der im Neuen Testament als Vorläufer Jesu Christi beschrieben wird. Er predigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden in der Wüste und bereitete die Menschen auf das Kommen des Messias vor.
- Was ist die Inkarnation im Christentum?
- Die Inkarnation ist die zentrale Lehre, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. Es bedeutet, dass das Göttliche Fleisch annahm und in die menschliche Geschichte eintrat, um eine Brücke zwischen Gott und den Menschen zu schlagen.
- Warum ist das Gebet „Christus hat keine Hände…“ heute noch relevant?
- Das Gebet ist zeitlos relevant, weil es die aktive Rolle der Christen im Wirken Gottes in der Welt betont. Es erinnert uns daran, dass unser Glaube nicht passiv sein darf, sondern uns dazu aufruft, Gottes Liebe und Gerechtigkeit durch unsere eigenen Taten, Worte und unser Engagement sichtbar zu machen.
- Was bedeutet „Ite, missa est“ am Ende des Gottesdienstes?
- „Ite, missa est“ ist der lateinische Entlassungsruf am Ende der katholischen Messe und bedeutet wörtlich „Gehet hin, ihr seid gesandt“. Es ist ein Sendungsauftrag an die Gläubigen, die empfangene Botschaft und Gnade in die Welt zu tragen und aktiv als Zeugen Christi zu wirken.
- Wie kann ich im Alltag „Gottes Hände und Füße“ sein?
- Dies kann auf vielfältige Weise geschehen: durch kleine Akte der Freundlichkeit, das Zuhören bei anderen, das Anbieten von Hilfe, das Eintreten für Schwächere, das Teilen von Ressourcen, das Pflegen von Vergebung und das bewusste Leben nach christlichen Werten in allen Lebensbereichen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Gebet aus dem 4. Jahrhundert, das die Rolle der Christen als Werkzeuge Gottes so eindringlich beschreibt, eine Kernbotschaft für alle Gläubigen bereithält. Es ist eine Aufforderung, den Glauben nicht nur zu denken oder zu fühlen, sondern ihn aktiv zu leben – als Gottes Hände, Füße, Lippen und Hilfe in einer Welt, die seine Liebe und Gerechtigkeit so dringend benötigt. Indem wir uns dieser Sendung bewusst werden und sie im Alltag umsetzen, bereiten wir nicht nur den Weg für das Weihnachtsfest, sondern tragen auch dazu bei, Gottes Reich hier und jetzt sichtbar werden zu lassen. Es ist eine fortwährende Einladung, an Gottes Geschichte mit den Menschen aktiv mitzuwirken.
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