13/12/2022
Vor einem Vierteljahrhundert wurde in Berlin ein außergewöhnlicher Mann geehrt: Bernhard Lichtenberg, Dompropst von Berlin, der sich in der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte mutig für die Verfolgten einsetzte. Seine Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. im Jahr 1996 war nicht nur eine Anerkennung seines unerschütterlichen Glaubens, sondern auch ein starkes Zeichen gegen das Vergessen der Gräueltaten des Nationalsozialismus. Lichtenbergs Vermächtnis lebt weiter – als Symbol für Zivilcourage, Nächstenliebe und den unbeugsamen Geist des Widerstands im Angesicht der Tyrannei.

Bernhard Lichtenberg, geboren 1875 in Ohlau, Schlesien, widmete sein Leben dem Dienst an Gott und den Menschen. Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1899 diente er zunächst in verschiedenen Gemeinden, bevor er 1931 zum Dompropst an der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin ernannt wurde. In dieser herausragenden Position wurde er zum Zeugen und zugleich zum Gegner eines Regimes, das sich anschickte, Deutschland und Europa ins Verderben zu stürzen. Bereits früh erkannte Lichtenberg die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten und scheute sich nicht, öffentlich dagegen aufzutreten.
Ein mutiger Widerstand im Schatten der Diktatur
Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten und der zunehmenden Verfolgung von Juden und Andersdenkenden zeigte Bernhard Lichtenberg eine bemerkenswerte Standhaftigkeit. Er war nicht bereit, die Augen vor dem Leid seiner Mitmenschen zu verschließen. Tag für Tag betete er nach den Abendandachten in der St. Hedwigs-Kathedrale öffentlich für die verfolgten Juden und für alle „nichtarischen“ Christen sowie für alle, die unter dem Regime litten. Diese Gebete waren weit mehr als private Fürbitten; sie waren ein Akt des öffentlichen Widerstands, ein klar vernehmbares Signal des Protests gegen die staatlich verordnete Ungerechtigkeit und Grausamkeit.
Lichtenbergs mutiges Handeln blieb der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) nicht verborgen. Im Oktober 1941, als der Terror des Regimes seinen Höhepunkt erreichte, wurde er verhaftet. Bei seiner Verhaftung fanden die Beamten auf seinem Schreibtisch den Entwurf einer Kanzelankündigung. Dieses Manuskript, das in allen katholischen Kirchen verlesen werden sollte, enthielt eine unmissverständliche Botschaft: „Handelt auch in diesen unchristlichen Zeiten nach dem strengen Gebot Jesu Christi: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Diese Worte zeugen von Lichtenbergs tiefem Glauben und seinem unerschütterlichen Bekenntnis zu den christlichen Werten, die er bis zum Ende verteidigte.
Die Verhaftung und die anschließende Verurteilung wegen „Kanzelmissbrauchs“ und „Heimtücke“ führten Lichtenberg zunächst ins Gefängnis und später auf den Transport ins Konzentrationslager Dachau. Doch sein Leiden endete noch vor der Ankunft dort. Am 5. November 1943 starb der bereits schwer kranke Lichtenberg während seiner Überführung im Alter von 68 Jahren. Sein Tod auf diesem Leidensweg machte ihn zu einem Märtyrer des Glaubens und der Menschlichkeit.
Der lange Weg zur Seligsprechung
Die Erinnerung an Bernhard Lichtenbergs Mut und Opferbereitschaft blieb in der katholischen Kirche lebendig. Bereits 1965 regte der damalige Bischof von Berlin, Alfred Bengsch, im Vatikan ein Seligsprechungsverfahren an. Ein solches Verfahren ist ein langwieriger und sorgfältiger Prozess, der die Prüfung des Lebens, der Tugenden und gegebenenfalls des Martyriums des Kandidaten umfasst. Im Fall Lichtenbergs war die Anerkennung seines Martyriums ein entscheidender Schritt. 1994 erkannte die zuständige vatikanische Kongregation Lichtenberg offiziell als Märtyrer an, was den Weg für seine Seligsprechung ebnete.
Zwei Jahre später, am 23. Juni 1996, erfolgte die feierliche Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. während seines historischen Besuchs in Berlin. Es war das erste Mal, dass ein Papst die heutige Bundeshauptstadt besuchte, und die Seligsprechung im Olympiastadion vor über 90.000 Menschen war ein Höhepunkt dieses Besuchs. Zusammen mit Bernhard Lichtenberg wurde auch der Priester Karl Leisner (1915–1945) seliggesprochen, ein weiterer katholischer Hitler-Gegner, der ebenfalls im Konzentrationslager Dachau starb. Beide wurden damit zu Glaubensvorbildern erhoben, deren Leben Zeugnis ablegen von unerschütterlichem Mut und Treue in Zeiten größter Bedrängnis.
Gebetserhörungen und die Frage nach dem Wunder
Für eine Seligsprechung ist in der Regel ein Wunder auf die Fürsprache des Kandidaten erforderlich, es sei denn, es handelt sich um ein Martyrium. Im Fall eines Märtyrers entfällt diese Bedingung für die Seligsprechung, ist aber für eine spätere Heiligsprechung wieder relevant. Postulator Gotthard Klein, der das Heiligsprechungsverfahren für Bernhard Lichtenberg betreut, berichtet immer wieder von Gebetserhörungen und Gnadenerweisen, die auf die Fürsprache des seligen Bernhard zurückgeführt werden. Diese reichen von Hilfestellungen im Alltag, im Beruf und in der Familie bis hin zu geistlichen Bekehrungen.
Besonders bemerkenswert ist der Fall eines Kettenrauchers, der die Diagnose fortgeschrittenen Lungenkrebs erhielt. In seiner Verzweiflung pilgerte er zu einer Gedenkstätte des seligen Bernhard und erlebte dort im Gebet eine spontane, heilsame Befreiung. Ein etwa 8 cm großes Lungenkarzinom, das zuvor auf dem Röntgenbild sichtbar war, verschwand danach spurlos. Die behandelnde Ärztin schrieb dieses Ergebnis jedoch ihrer Therapie zu und sah darin kein medizinisch unerklärliches Wunder. Dieser Fall zeigt die Komplexität der Prüfung von Wundern im Heiligsprechungsprozess, bei der die Kirche höchste wissenschaftliche und theologische Standards anlegt, um eine übernatürliche Erklärung zu bestätigen.
Sein Vermächtnis lebt weiter
Bernhard Lichtenbergs Gedenktag wird am 5. November gefeiert, dem Tag seines Todes. Das Erzbistum Berlin würdigt sein Andenken regelmäßig. Anlässlich des 25. Jubiläums seiner Seligsprechung fand ein Dankgottesdienst in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum statt, wo seine sterblichen Überreste derzeit vorübergehend verwahrt werden. Seine eigentliche letzte Ruhestätte ist die St. Hedwigs-Kathedrale, die sich aktuell im Umbau befindet.
Die Bedeutung Lichtenbergs geht über die katholische Kirche hinaus. Im Jahr 2004 nahm die israelische Gedenkstätte Yad Vashem den Berliner Dompropst unter die „Gerechten unter den Völkern“ auf. Diese Auszeichnung ehrt Nichtjuden, die während des Holocausts Juden vor der Vernichtung retteten oder ihnen halfen. Diese Anerkennung unterstreicht Lichtenbergs universelle Bedeutung als Symbol für Menschlichkeit und moralische Integrität.
Das Erzbistum Berlin strebt weiterhin die Heiligsprechung Bernhard Lichtenbergs an. Eine Heiligsprechung würde eine weltweite Verehrung ermöglichen und sein Vorbild noch stärker in den Fokus der Gläubigen rücken. Lichtenbergs Leben und sein mutiges Eintreten für die Verfolgten sind eine bleibende Inspiration und eine Mahnung, sich stets für Gerechtigkeit und Nächstenliebe einzusetzen, selbst unter schwierigsten Umständen.
Zeitliche Einordnung und wichtige Ereignisse
Um die Lebensspanne und die wichtigsten Ereignisse im Zusammenhang mit Bernhard Lichtenberg besser zu visualisieren, dient die folgende Tabelle:
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1875 | Geburt von Bernhard Lichtenberg in Ohlau, Schlesien |
| 1899 | Priesterweihe |
| 1931 | Ernennung zum Dompropst an der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin |
| 1941 (Okt.) | Verhaftung durch die Gestapo wegen öffentlicher Gebete für Verfolgte |
| 1943 (5. Nov.) | Tod während der Überführung ins KZ Dachau |
| 1965 | Einleitung des Seligsprechungsverfahrens durch Bischof Bengsch |
| 1994 | Anerkennung als Märtyrer durch den Vatikan |
| 1996 (23. Juni) | Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. in Berlin |
| 2004 | Aufnahme unter die „Gerechten unter den Völtern“ durch Yad Vashem |
| Heute | Anstreben der Heiligsprechung durch das Erzbistum Berlin |
Häufig gestellte Fragen zu Bernhard Lichtenberg
- Wann starb Bernhard Lichtenberg?
- Bernhard Lichtenberg starb am 5. November 1943. Er verstarb während seiner Überführung ins Konzentrationslager Dachau, aufgrund seiner schweren Krankheit und der Strapazen der Haft.
- Warum wurde Bernhard Lichtenberg seliggesprochen?
- Bernhard Lichtenberg wurde seliggesprochen, weil er sein Leben für seinen Glauben und seine Überzeugungen opferte. Er wurde als Märtyrer anerkannt, da er wegen seines mutigen Widerstands gegen das NS-Regime, insbesondere seiner öffentlichen Gebete für verfolgte Juden und Christen, verhaftet wurde und im Gefängnis starb. Sein Tod war direkt auf sein Festhalten an christlichen Werten unter Verfolgung zurückzuführen.
- Was bedeutet „Gerechter unter den Völkern“?
- „Gerechter unter den Völkern“ ist eine Auszeichnung, die die israelische Gedenkstätte Yad Vashem an Nichtjuden verleiht, die während des Holocausts unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden vor der Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet oder ihnen geholfen haben. Bernhard Lichtenberg erhielt diese Ehrung im Jahr 2004 für seine mutigen Fürbitten und seinen Einsatz für die jüdische Gemeinschaft.
- Wo ist die letzte Ruhestätte von Bernhard Lichtenberg?
- Die sterblichen Überreste von Bernhard Lichtenberg befinden sich derzeit vorübergehend in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin. Seine eigentliche letzte Ruhestätte ist die St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin, die jedoch derzeit umgebaut wird.
- Gibt es ein Wunder für seine Heiligsprechung?
- Für die Heiligsprechung eines Seligen (der kein Märtyrer ist) ist in der Regel ein nachweisbares Wunder erforderlich, das auf seine Fürsprache zurückzuführen ist. Im Fall von Märtyrern ist für die Seligsprechung kein Wunder nötig, aber für die Heiligsprechung schon. Es gibt Berichte über Gebetserhörungen und Heilungen, wie den Fall des Kettenrauchers, dessen Lungenkarzinom verschwand. Allerdings muss ein solches Ereignis von der Kirche nach strengen Kriterien als medizinisch unerklärliches Wunder anerkannt werden, was im genannten Fall noch nicht geschehen ist, da Ärzte eine natürliche Erklärung sahen. Die Prüfung möglicher Wunder ist ein fortlaufender Prozess im Rahmen des angestrebten Heiligsprechungsverfahrens.
Bernhard Lichtenberg bleibt ein leuchtendes Beispiel für den Mut, der aus tiefem Glauben erwächst. Seine Geschichte erinnert uns daran, dass selbst in den dunkelsten Zeiten einzelne Individuen einen Unterschied machen können, indem sie sich für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einsetzen. Sein Vermächtnis ist eine ständige Aufforderung, wachsam zu bleiben und die Werte der Nächstenliebe und des Friedens hochzuhalten.
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