31/08/2024
Die menschliche Seele sucht seit jeher nach einer tiefen Verbindung zum Göttlichen. In allen großen Religionen spielt das Gebet eine zentrale Rolle als Brücke zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer. Es ist ein Akt der Hingabe, der Besinnung und der spirituellen Erneuerung. Im Baháʼí-Glauben, einer der jüngsten Weltreligionen, nimmt das Gebet eine besonders hervorgehobene Stellung ein. Es wird nicht nur als eine Form der Kommunikation verstanden, sondern als ein mächtiges Werkzeug zur Transformation der Seele und zur Anziehung göttlicher Gnade. Die Schriften betonen die tiefe Süße und den Einfluss der Worte Gottes, die das Herz entflammen und alle Menschen anziehen können, selbst wenn die Wirkung zunächst unbewusst bleibt. Diese Offenbarungen sind der Schlüssel zu den Geheimnissen Gottes, die durch den Willen des Allmächtigen verfügt wurden.

Baháʼu’lláh, der Stifter des Baháʼí-Glaubens, lehrt, dass das Singen der Verse Gottes die Seele entflammt und die Herzen aller Menschen anzieht. Wer zurückgezogen in seiner Kammer die von Gott offenbarten Verse spricht, wird erfahren, wie die Engel des Allmächtigen den Duft der Worte, die sein Mund ausspricht, überallhin verbreiten und das Herz jedes Gerechten höherschlagen lassen. Mag er sich auch zunächst dieser Wirkung nicht bewusst sein, so wird doch die Kraft der ihm gewährten Gnade früher oder später Einfluss auf seine Seele haben. So sind die Geheimnisse der Offenbarung Gottes durch den Willen Dessen, der Urquell aller Macht und Weisheit ist, verfügt worden. Selig ist zudem jeder Ort, jedes Haus, jeder Platz und jede Stadt, jedes Herz und jeder Berg, jedes Obdach und jede Höhle, jedes Tal und jedes Land, jedes Meer und jede Insel und jede Au, wo Gottes gedacht und Sein Lob gepriesen wird.
- Die täglichen Pflichtgebete: Eine göttliche Anweisung
- Übersicht der Pflichtgebete
- Das kurze Pflichtgebet: Ein Moment der Besinnung
- Das mittlere Pflichtgebet: Ein Ritual der Reinigung und Hingabe
- Das lange Pflichtgebet: Eine tiefe persönliche Verbindung
- Die spirituelle Wirkung der Gebete
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Fazit
Die täglichen Pflichtgebete: Eine göttliche Anweisung
Im Herzen der Baháʼí-Praxis stehen die täglichen Pflichtgebete. Es gibt, wie die Schriften offenbaren, drei verschiedene Formen dieser Gebete, und jeder Gläubige hat die Freiheit, sich für eines davon zu entscheiden. Die Verpflichtung besteht jedoch darin, eines dieser Gebete täglich zu verrichten. Diese Anweisung unterstreicht die Bedeutung einer regelmäßigen spirituellen Disziplin, die dazu dient, die Verbindung zum Schöpfer zu festigen und die Seele zu nähren. Shoghi Effendi, der Hüter des Baháʼí-Glaubens, bestätigte, dass der Gläubige die Wahlfreiheit hat, aber die Pflicht, eines der drei Gebete zu sprechen. Dabei sind die besonderen Anweisungen, die mit den jeweiligen Gebeten verbunden sind, genau zu beachten.
Übersicht der Pflichtgebete
Um einen klaren Überblick über die drei täglichen Pflichtgebete zu erhalten, dient die folgende Tabelle als Zusammenfassung ihrer Hauptmerkmale:
| Name des Gebets | Häufigkeit | Zulässige Gebetszeiten | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Das kurze Pflichtgebet | Einmal in 24 Stunden | Mittags | Kurz und prägnant, stehend gesprochen. |
| Das mittlere Pflichtgebet | Täglich morgens, mittags und abends | Morgen bis Mittag, Mittag bis Sonnenuntergang, Sonnenuntergang bis zwei Stunden danach | Umfasst rituelle Waschungen und spezifische Körperhaltungen. |
| Das lange Pflichtgebet | Einmal in 24 Stunden | Jederzeit | Längstes Gebet, das bestimmte Bewegungen beinhaltet. |
Das kurze Pflichtgebet: Ein Moment der Besinnung
Das kurze Pflichtgebet ist die einfachste Form der täglichen Andacht und wird einmal innerhalb von 24 Stunden, speziell zur Mittagszeit, gesprochen. Es ist ein kraftvolles Bekenntnis der eigenen Abhängigkeit von Gott und Seiner unermesslichen Macht und Seinem Reichtum. Die Worte dieses Gebets sind eine direkte Anerkennung der Schöpfung durch Gott und des Zwecks der menschlichen Existenz: Ihn zu erkennen und anzubeten. Es dient als tägliche Erinnerung an die göttliche Souveränität und die eigene Demut. Der Text lautet:
Ich bezeuge, o mein Gott, dass Du mich erschaffen hast, Dich zu erkennen und anzubeten. Ich bezeuge in diesem Augenblick meine Ohnmacht und Deine Macht, meine Armut und Deinen Reichtum. Es ist kein Gott außer Dir, dem Helfer in Gefahr, dem Selbstbestehenden.
Dieses Gebet, obwohl kurz, fasst die Essenz der Baháʼí-Lehren über die Beziehung zwischen Mensch und Gott zusammen. Es ist ein Moment der Konzentration und des inneren Friedens, der den Gläubigen inmitten seines Tages an seine spirituelle Bestimmung erinnert.
Das mittlere Pflichtgebet: Ein Ritual der Reinigung und Hingabe
Das mittlere Pflichtgebet ist umfangreicher und wird dreimal täglich gesprochen: morgens, mittags und abends. Die genauen Zeiträume sind vom Morgen (Sonnenaufgang) bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Sonnenuntergang und vom Sonnenuntergang bis zwei Stunden danach. Dieses Gebet ist nicht nur eine Rezitation von Worten, sondern eine rituelle Handlung, die eine physische und spirituelle Reinheit betont. Vor dem Sprechen des Gebets sind bestimmte Waschungen vorgeschrieben, die eine äußere und innere Vorbereitung auf die Begegnung mit dem Göttlichen symbolisieren.
Die Schritte des mittleren Pflichtgebets sind wie folgt:
Wer zu beten wünscht, wasche seine Hände und spreche beim Waschen:
Stärke meine Hand, o mein Gott, und lass sie Dein Buch mit solcher Standhaftigkeit ergreifen, dass die Scharen der Welt keine Macht über sie haben. Schütze sie sodann, damit sie sich nicht mit Dingen befasst, die ihr nicht zustehen. Du bist wahrlich der Allmächtige, der Allgewaltige.
Und beim Waschen des Gesichtes spreche er:
Dir wende ich mein Angesicht zu, o mein Herr! Erleuchte es mit dem Licht Deines Antlitzes. Bewahre es sodann, damit es sich niemandem außer Dir zuwende.
Die symbolische Bedeutung dieser Waschungen ist tiefgreifend. Das Waschen der Hände steht für die Reinigung von Handlungen und die Stärkung des Willens, das Wort Gottes festzuhalten und sich von weltlichen Ablenkungen fernzuhalten. Das Waschen des Gesichts symbolisiert die Erleuchtung des inneren Sehens und die Ausrichtung des Herzens einzig auf Gott, weg von allen anderen Richtungen oder Anliegen.
Dann erhebe er sich und spreche der Qiblih (Gebetsrichtung nach Bahjí, ‘Akká) zugewandt:
Gott bezeugt, dass es keinen Gott gibt außer Ihm. Sein sind die Reiche der Offenbarung und der Schöpfung. Er hat wahrlich Ihn enthüllt, Der der Morgen der Offenbarung ist, Der auf dem Sinai redete, durch Den der Höchste Horizont erstrahlte und der Lotosbaum sprach, über Den hinaus keiner gehen kann, und durch Den der Ruf verkündet ward an alle, die im Himmel und auf Erden sind: »Sehet, der Allbesitzende ist gekommen! Erde und Himmel, Ruhm und Herrschaft sind Gottes, des Herrn aller Menschen, des Besitzers des Thrones in der Höhe und auf der Erde hienieden!«
Die Ausrichtung zur Qiblih, dem Schrein Baháʼu’lláhs in Bahjí, ‘Akká, dient als physischer Brennpunkt für die spirituelle Konzentration. Es ist ein Symbol der Einheit und der Ausrichtung auf die Quelle der Offenbarung Gottes. Die Worte, die in dieser Haltung gesprochen werden, bekräftigen die Einzigartigkeit Gottes und die Manifestation Seiner Macht und Herrlichkeit durch den Offenbarer.
Dann beuge er sich nieder, lasse die Hände auf den Knien ruhen und spreche:
Erhaben bist Du über meinen Lobpreis und den Lobpreis jedes anderen und über die Beschreibung aller, die im Himmel und auf Erden sind!
Diese Haltung des Niederbeugens drückt Demut und Ehrfurcht aus. Es ist eine Anerkennung der unendlichen Erhabenheit Gottes, die jenseits aller menschlichen Lobpreisungen und Beschreibungen liegt.
Dann spreche er stehend mit geöffneten Händen, die Handflächen aufwärts gerichtet und dem Gesicht zugewendet:
Enttäusche nicht den, o mein Gott, der sich mit flehenden Fingern an den Saum Deiner Barmherzigkeit und Gnade klammert, o Du, der Du von den Barmherzigen der Allbarmherzige bist!
Die erhobenen Hände symbolisieren das Empfangen von Gnade und die flehentliche Bitte um göttliche Barmherzigkeit. Es ist ein Ausdruck der Hoffnung und des Vertrauens in die unendliche Güte Gottes.
Dann setze er sich und spreche:
Ich bezeuge Deine Einheit und Deine Einzigkeit, dass Du Gott bist und kein Gott ist außer Dir. Du hast wahrlich Deine Sache offenbart, Deinen Bund erfüllt und weit das Tor Deiner Gnade aufgetan vor allen, die im Himmel und auf Erden wohnen. Segen und Friede, Gruß und Herrlichkeit ruhen auf Deinen Geliebten, die Wandel und Wechsel der Welt nicht davon abhalten, sich Dir zuzuwenden, und die alles hingeben in der Hoffnung, das zu erlangen, was bei Dir ist. Du bist in Wahrheit der Immervergebende, der Allgütige.
Das sitzende Gebet ist eine weitere Form der Besinnung, in der die Einheit und Einzigkeit Gottes bekräftigt werden. Es ist ein Zeugnis Seiner Offenbarung und Seiner unermesslichen Gnade, die allen offensteht. Die Segnungen werden auf jene erbeten, die sich unerschütterlich der Sache Gottes widmen, ungeachtet der Herausforderungen der Welt.
(So jemand statt des langen Verses lieber die Worte sprechen möchte: »Gott bezeugt, dass kein Gott ist außer Ihm, dem Helfer in Gefahr, dem Selbstbestehenden.«, so wird dies genügen. Und ebenso wird es genügen, wenn er vorzieht, sitzend die Worte zu sprechen: »Ich bezeuge Deine Einheit und Deine Einzigkeit und dass Du Gott bist und dass kein Gott ist außer Dir.«)
Diese Flexibilität innerhalb des mittleren Pflichtgebets zeigt die liebevolle Rücksichtnahme der Baháʼí-Offenbarung auf die individuellen Bedürfnisse und Umstände der Gläubigen, ohne die spirituelle Essenz der Handlung zu mindern.
Das lange Pflichtgebet: Eine tiefe persönliche Verbindung
Das lange Pflichtgebet ist die längste der drei Formen und wird einmal innerhalb von 24 Stunden gesprochen. Für dieses Gebet gibt es keine spezifische Zeitvorgabe wie für die anderen, was dem Gläubigen die Freiheit gibt, es zu einem Zeitpunkt zu verrichten, der am besten zu seinem Tagesablauf passt. Es ist eine tiefgehende und meditative Erfahrung, die den Gläubigen dazu anleitet, sich vollständig auf Gott zu konzentrieren und Seine unendliche Herrlichkeit zu preisen.
Wer dieses Gebet zu sprechen wünscht, stehe auf und wende sich Gott zu. Auf seinem Platz stehend schaue er zur Rechten und zur Linken, als erwarte er das Erbarmen seines Herrn, des Allbarmherzigen, des Mitleidvollen. Dann spreche er:
O Du, der Du der Herr aller Namen und der Schöpfer der Himmel bist! Ich flehe Dich an bei den Sonnen Deines unsichtbaren Wesens, des Höchsterhabenen, des Allherrlichen: Mache mein Gebet zu einem Feuer, das die Schleier verbrenne, die mich hindern, Deine Schönheit zu schauen, und zu einem Licht, das mich zum Meere Deiner Gegenwart geleite.
Die anfängliche Geste des Schauens zur Rechten und zur Linken kann als ein Symbol der umfassenden Erwartung göttlicher Barmherzigkeit und als eine Geste des Abschieds von weltlichen Ablenkungen interpretiert werden, bevor man sich ganz dem Göttlichen zuwendet. Der Inhalt des Gebets selbst ist ein inniger Appell an Gott, das Gebet in ein Mittel der spirituellen Reinigung und Erleuchtung zu verwandeln, das alle Hindernisse zur göttlichen Schönheit verbrennt und den Gläubigen zur Gegenwart Gottes führt. Es ist ein Gebet der Hingabe und des tiefen Verlangens nach Vereinigung mit dem Göttlichen.
Die spirituelle Wirkung der Gebete
Unabhängig davon, welches Pflichtgebet ein Baháʼí wählt, liegt der wahre Wert nicht nur in der Einhaltung einer Vorschrift, sondern in der tiefgreifenden spirituellen Wirkung, die das Gebet auf die Seele hat. Die Schriften betonen, dass das Sprechen der von Gott offenbarten Verse die Seele entflammt und die Herzen anzieht. Es ist eine Quelle des Trostes, der Stärke und der inneren Freude. Das Gebet hilft dem Gläubigen, sich von den Sorgen und Nöten des Alltags zu lösen und sich auf das Ewige und Unvergängliche zu konzentrieren. Es ist ein Akt der Erinnerung an Gottes Allgegenwart und Seine Liebe, der die Seele erhebt und sie mit göttlicher Gnade erfüllt. Die Baháʼí-Schriften versichern, dass die Kraft der gewährten Gnade früher oder später Einfluss auf die Seele haben wird, selbst wenn die unmittelbare Wirkung nicht sofort bewusst ist. Diese Spiritualität ist ein fortwährender Prozess der Läuterung und des Wachstums.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Um ein umfassenderes Verständnis der täglichen Pflichtgebete im Baháʼí-Glauben zu ermöglichen, werden hier einige häufig gestellte Fragen beantwortet, basierend auf den vorliegenden Schriften.
F: Muss ich alle drei Pflichtgebete sprechen?
A: Nein. Gemäß den Anweisungen von Shoghi Effendi hat der Gläubige die Freiheit, eines der drei täglichen Pflichtgebete zu wählen, aber die Pflicht, eines davon zu sprechen.
F: Was bedeuten die Begriffe 'Morgen', 'Mittag' und 'Abend' im Zusammenhang mit den Gebetszeiten?
A: Baháʼu’lláh erklärt im Kitáb-i-Aqdas, dass 'Morgen' Sonnenaufgang, 'Mittag' Mittag und 'Abend' Sonnenuntergang bedeutet. Die zulässigen Zeiträume für die Pflichtgebete sind vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittag bis zum Sonnenuntergang und vom Sonnenuntergang bis zwei Stunden danach.
F: Warum gibt es rituelle Waschungen vor dem mittleren Pflichtgebet?
A: Die Schriften geben an, dass vor dem mittleren Pflichtgebet Hände und Gesicht gewaschen werden sollen, begleitet von spezifischen Versen. Dies symbolisiert eine äußere und innere Reinigung und Vorbereitung auf das Gebet, um die Seele auf die spirituelle Verbindung vorzubereiten und sich von weltlichen Gedanken zu lösen.
F: Was ist die Qiblih und warum wendet man sich ihr zu?
A: Die Qiblih ist die Gebetsrichtung, die im Baháʼí-Glauben auf Bahjí, ‘Akká, ausgerichtet ist, wo sich der Schrein Baháʼu’lláhs befindet. Sie dient als physischer Brennpunkt für die spirituelle Konzentration und symbolisiert die Einheit und die Ausrichtung auf die Quelle der Offenbarung Gottes während des Gebets.
F: Gibt es Ausnahmen für das Sprechen der Pflichtgebete?
A: Die bereitgestellten Informationen erwähnen keine spezifischen Ausnahmen für das Sprechen der Pflichtgebete, betonen aber die Wahlfreiheit, welches Gebet gesprochen wird, und die Einhaltung der Anweisungen. Die Texte konzentrieren sich auf die positive Verpflichtung und die spirituellen Vorteile.
F: Kann ich zusätzliche Gebete sprechen, die nicht zu den Pflichtgebeten gehören?
A: Der Text konzentriert sich auf die drei Pflichtgebete. Die Baháʼí-Schriften sind reich an weiteren Gebeten für verschiedene Anlässe, aber die hier besprochenen sind die täglichen obligatorischen.
Fazit
Die täglichen Pflichtgebete im Baháʼí-Glauben sind eine Quelle der spirituellen Kraft und ein Weg zur Vertiefung der Beziehung zu Gott. Ob kurz, mittel oder lang, jedes Gebet bietet eine einzigartige Möglichkeit zur Besinnung, Reinigung und Hingabe. Sie sind nicht nur Regeln, sondern Geschenke, die die Seele nähren und den Gläubigen auf seinem spirituellen Weg stärken. Durch die regelmäßige Praxis dieser Gebete können Baháʼí eine tiefere Verbindung zu ihrem Schöpfer aufbauen, innere Ruhe finden und die transformative Kraft der göttlichen Gnade in ihrem Leben erfahren. Das Gebet ist somit ein Eckpfeiler des individuellen und kollektiven spirituellen Wachstums im Baháʼí-Glauben, der die Herzen entflammt und zur Einheit mit dem Göttlichen führt.
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