Was bedeutet das Wort „Aschura“?

Aschura: Bedeutung, Geschichte und Traditionen

26/11/2025

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Der Monat Muharram, der erste Monat im islamischen Hidschri-Kalender, nimmt für Muslime weltweit eine besondere Stellung ein. Innerhalb dieses heiligen Monats ragt ein Tag hervor, der von tiefgreifender historischer und spiritueller Bedeutung ist: der Aschura-Tag. Seine Wurzeln reichen weit zurück in die Geschichte, und die Bräuche, die sich um ihn ranken, werden bis heute mit großer Lebendigkeit bewahrt. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Wort „Aschura“, und warum ist dieser Tag für so viele Menschen von solcher Relevanz?

„Aschura“ leitet sich vom arabischen Wort „aschr“ ab, welches schlicht die Zahl zehn bedeutet. Gemäß dem Hidschri-Kalender fällt der Aschura-Tag auf den zehnten Tag des Monats Muharram. Schon lange vor der Entstehung des Islam wurde diesem Tag von verschiedenen Religionen und Glaubensrichtungen eine besondere Wichtigkeit beigemessen. Dies liegt daran, dass sich im Laufe der Jahrhunderte der Glaube festigte, an diesem spezifischen Datum hätten sich eine Reihe außerordentlicher und schicksalhafter Ereignisse zugetragen. Diese Ereignisse prägten die Geschichte und das Verständnis vieler Gemeinschaften und verliehen dem Aschura-Tag eine vielschichtige Symbolik, die bis in die Gegenwart reicht.

Was bedeutet das Wort „Aschura“?
Die Wurzel des Wortes „Aschura“ ist das arabische Wort „aschr“, welches die Zahl zehn bedeutet. Schon in vorislamischer Zeit wurde diesem Tag von vielen Religionen und Glaubensrichtungen eine besondere Bedeutung verliehen, denn im Laufe der Geschichte festigte sich der Glaube, dass an diesem Tag eine Reihe wichtiger Ereignisse stattgefunden habe.
Inhaltsverzeichnis

Historische Meilensteine: Die Bedeutung des Aschura-Tages

Die Liste der bedeutsamen Geschehnisse, die dem Aschura-Tag zugeschrieben werden, ist lang und beeindruckend. Sie spannt einen Bogen über verschiedene prophetische Geschichten und zeugt von der universellen Resonanz dieses Datums. Zu den wichtigsten Ereignissen, die an diesem Tag stattgefunden haben sollen, zählen:

  • Die Vergebung Adams: Es wird überliefert, dass Allah an diesem Tag die Reue Adams akzeptierte und ihm verzieh, nachdem dieser aus dem Paradies auf die Erde vertrieben worden war. Dies symbolisiert einen Neuanfang und die göttliche Barmherzigkeit.
  • Die Rettung Noahs: Die Arche Noah soll an diesem Tag sicher auf dem Berg Dschudi gelandet sein, wodurch Noah und die Gläubigen in der Arche vor der Sintflut gerettet wurden. Ein Zeichen der Erlösung und des Schutzes.
  • Die Befreiung Moses: Moses und sein Stamm wurden am Aschura-Tag von der Tyrannei des Pharaos befreit, als das Meer sich teilte und ihnen die Flucht ermöglichte. Dies steht für göttliche Intervention und Befreiung aus Unterdrückung.
  • Die Geburt wichtiger Propheten: Sowohl Jesus als auch Moses sollen an diesem gesegneten Tag geboren worden sein, was die Bedeutung des Aschura-Tages für die Abrahamitischen Religionen unterstreicht.
  • Jonas' Errettung: Die wundersame Errettung Jonas' aus dem Bauch des Wals ereignete sich ebenfalls am Aschura-Tag, ein Symbol für die Macht Gottes und die Möglichkeit der Umkehr.
  • Salomons Aufstieg: König Salomon wurde an diesem Tag Macht und Reichtum verliehen, was seine besondere Stellung und Weisheit unterstreicht.

Diese Überlieferungen zeigen, dass der Aschura-Tag in vielen Kulturen und Glaubensrichtungen als ein Tag der Erlösung, der Vergebung und des Neubeginns betrachtet wurde. Er ist ein Tag, an dem göttliche Gnade und Wunder in besonderer Weise manifest wurden.

Das Fasten am Aschura-Tag: Eine Tradition im Wandel

Das Fasten am Aschura-Tag hat eine lange und vielschichtige Geschichte, die sich über verschiedene Religionen und Epochen erstreckt. Für Juden ist es bis heute ein wichtiger Fastentag, der an die Errettung Moses' vom Pharao erinnert. Auch in der vorislamischen arabischen Gesellschaft wurde am Aschura-Tag gefastet, was seine tiefen kulturellen Wurzeln belegt.

Mit dem Aufkommen des Islam erhielt das Aschura-Fasten eine neue Dimension. Es ist glaubwürdig überliefert, dass der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm), bevor das Fasten im Ramadan zur Pflicht erklärt wurde, selbst am Aschura-Tag fastete und dies auch seinen Gefährten befahl. Es war eine frühe Form der Hingabe und des Gedenkens.

Nachdem das Ramadan-Fasten jedoch zur obligatorischen Säule des Islam erklärt worden war, änderte sich die Haltung des Propheten zum Aschura-Fasten. Ein Hadith (eine Überlieferung der Worte und Taten des Propheten) verdeutlicht diese Entwicklung: „Während der Zeit der Dschahiliya (der vorislamischen Unwissenheit) war dies ein Tag, an dem die Menschen fasteten. Doch als das Fasten im Monat Ramadan zur Pflicht geworden war, wurde der Gesandte Allahs zum Fasten am Aschura-Tag befragt. Darauf sagte er, dass der Aschura-Tag ein Tag Gottes wie alle anderen Tage sei, an dem jeder wie es ihm beliebe, fasten oder nicht fasten könne.“

Dies bedeutete, dass das Aschura-Fasten von einer Pflicht zu einer empfohlenen, aber nicht zwingenden Praxis wurde. Dennoch wird aus vertrauenswürdigen Quellen berichtet, dass der Gesandte Allahs auch nach der Einführung des Ramadan-Fastens von Zeit zu Zeit am Aschura-Tag fastete. Um jedoch eine unreflektierte Übernahme jüdischer Bräuche zu vermeiden und Aberglauben in die neue Religion eindringen zu lassen, betonte der Prophet eine wichtige Nuance: Es sei besser, nicht nur am zehnten Tag des Muharram zu fasten, sondern hintereinander am neunten, zehnten und elften Tag. Dies diente dazu, eine eigenständige islamische Praxis zu etablieren und die Identität der muslimischen Gemeinschaft zu festigen.

Kerbela: Ein Tag tiefer Trauer in der Geschichte des Islam

Während der Aschura-Tag in seiner ursprünglichen Bedeutung oft mit Freude, Dankbarkeit und Erlösung verbunden war, erhielt er im Laufe der islamischen Geschichte eine zusätzliche, tief tragische Dimension. Das leidvollste Geschehen, das sich ebenfalls am 10. Muharram ereignete und dessen Gedenken Muslime seit Jahrhunderten in tiefer Trauer begehen, ist das Kerbela-Ereignis. Dieses schicksalhafte Ereignis fand im Jahre 61 nach der Hidschra (dem 1. Oktober 680 n. Chr.) statt.

In der Nähe der Stadt Kufa erlitt der Enkel des Propheten Muhammad, Husain ibn Ali, zusammen mit seinen engsten Anhängern und Familienmitgliedern den Märtyrertod. Sie wurden von den Truppen des Umayyaden-Kalifen Yazid I. umzingelt und in der Schlacht von Kerbela auf grausame Weise getötet. Dieses Ereignis ist der Höhepunkt des jährlichen Gedenkens an Muharram, insbesondere für die Schia, die diesen Tag als ihren größten Trauertag begeht.

Was ist der Feiertag Ashura?
Ashura ist in vielen Ländern des Nahen Ostens wie Afghanistan, Iran, Irak, Libanon, Bahrain und Pakistan als Nationalfeiertag markiert. Viele ethnische und religiöse Gemeinschaften nehmen daran teil. Sunnitische Muslime können während dieser Zeit fasten, wie der Prophet Muhammad am Tag von Ashura gefastet haben soll.

Vor Kerbela war Aschura ein Tag der Dankbarkeit und des Feierns der göttlichen Erlösung – man gedachte der Rettung Moses', der Landung der Arche Noah und anderer freudiger Ereignisse. Doch die Tragödie von Kerbela wandelte diesen Tag für viele Muslime, insbesondere für die Schiiten, in einen Tag der tiefsten Trauer, des Schmerzes und des Gedenkens an das immense Opfer Husains und seiner Gefährten. Sowohl sunnitische als auch schiitische Muslime betrachten den Vorfall als historische Tragödie, und Husain sowie seine Gefährten werden von beiden Seiten weithin als Märtyrer verehrt.

Die Ereignisse von Kerbela hatten weitreichende politische und theologische Konsequenzen. Sie führten dazu, dass politische Richtungen im Islam Glaubensdimensionen annahmen und der Aschura-Tag, sei es durch die Schia oder die Umayyaden, politisch instrumentalisiert wurde. Dies führte dazu, dass seine ursprüngliche spirituelle und moralische Bedeutung für eine Zeit in den Hintergrund trat, während der Fokus auf das politische Vermächtnis und die Spaltung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft gerichtet wurde.

Sunnitische und schiitische Perspektiven auf Aschura

Obwohl sowohl Sunniten als auch Schiiten die Ereignisse von Kerbela als Tragödie betrachten, unterscheiden sich ihre Gedenkpraktiken erheblich:

AspektSchiitische MuslimeSunnitische Muslime
HauptfokusTrauer und Gedenken an Husains Martyrium in Kerbela.Dankbarkeit für historische Rettungen (Moses, Noah etc.) und optionales Fasten.
GedenkzeitJährlicher zehntägiger Zeitraum im Muharram, gipfelnd am Aschura-Tag.Hauptsächlich der Aschura-Tag selbst.
FastenIn der Regel nicht gefastet; der Tag ist dem Trauern gewidmet.Fasten ist empfohlen, aber nicht obligatorisch (oft am 9., 10. und/oder 11. Muharram).
RitualeProzessionen, Trauerversammlungen (Majalis), Selbstgeißelung (in einigen Gemeinden), Rezitation des Ziyarat Ashura Gebets.Gebete, Spenden, gute Taten, Gedenken an Propheten.
NationalfeiertagIn vielen mehrheitlich schiitischen Ländern (z.B. Iran, Irak, Libanon, Bahrain, Pakistan).Selten als offizieller Feiertag, eher ein Tag der freiwilligen Andacht.

Die Aschura-Speise und osmanische Bräuche

Abseits von Fasten und Trauer hat der Aschura-Tag auch eine reiche kulinarische Tradition, insbesondere in Anatolien und im Osmanischen Reich, die bis heute gepflegt wird. Die Rede ist von der Aschura-Speise, einer süßen und nahrhaften Speise, die nicht nur ein kulinarischer Genuss ist, sondern auch tief symbolische Bedeutung trägt.

Diese traditionelle Speise, oft als „Noah-Pudding“ bezeichnet, da sie die Vielfalt der Zutaten symbolisieren soll, die Noah nach der Sintflut in seiner Arche hatte, wird aus einer Mischung von Getreide, Hülsenfrüchten, Trockenfrüchten und Nüssen zubereitet. Sie ist ein Ausdruck von Dankbarkeit, Gemeinschaft und des Teilens von Segen. Nach dem Kochen wird die Aschura-Speise traditionell unter Nachbarn, Freunden und Bekannten verteilt. Dieser Brauch fördert den Zusammenhalt und die Solidarität innerhalb der Gemeinschaft.

Im Osmanischen Reich, insbesondere in Istanbul, spielte der Palast eine zentrale Rolle bei der Pflege dieser Tradition. In den riesigen Kesseln der Palastküchen wurde nach tagelangen Vorbereitungen eine enorme Menge Aschura gekocht. Es war eine aufwendige Zeremonie: Zuerst wurde die Speise dem Sultan und den Bewohnern des Palastes serviert, dann den Staatsbeamten und schließlich in den öffentlichen Armenküchen verteilt. Der größte Teil der Aschura wurde jedoch unter Begleitung von Gebeten an das Volk verteilt.

Ein beeindruckendes Bild aus dem 19. Jahrhundert zeigt die Ausmaße dieser Tradition: Auf dem Talimhane-Platz in Istanbul wurden Dutzende riesiger Kessel (manchmal bis zu 60 Kessel, die mehrere Tonnen Aschura enthielten) in langen Reihen aufgestellt. Der Imam der Ersten Palastküche sprach Gebete, und nach dem „Amin“ des Volkes wurden die Tore geöffnet. Lange Schlangen bildeten sich vor jedem Kessel, und die Menschen füllten ihre mitgebrachten Schüsseln mit der süßen Aschura-Speise. Diese Praxis verdeutlichte nicht nur die Großzügigkeit des Sultans, sondern auch die tiefe Verwurzelung der Aschura-Tradition im täglichen Leben und Glauben der Bevölkerung.

Häufig gestellte Fragen zum Aschura-Tag

Der Aschura-Tag wirft oft viele Fragen auf, sowohl bei Muslimen als auch bei Nicht-Muslimen. Hier beantworten wir einige der häufigsten:

Was bedeutet das Wort „Aschura“?

Das Wort „Aschura“ leitet sich vom arabischen Wort „aschr“ ab, was „zehn“ bedeutet. Es bezieht sich auf den zehnten Tag des Monats Muharram im islamischen Kalender.

Wann ist der „Aschura-Tag“?
August 2022, befasst sich unsere heutige Hutbe mit dem Aschura-Tag. Allah Te’ala, der Schöpfer von Zeit und Raum, hat manche Zeiten aufgrund der in ihnen stattfindenden außergewöhnlichen Ereignisse ehrenvoll gemacht sowie er manche Orte ehrenvoll gemacht hat. Einer dieser heiligen Zeiten ist der Aschura-Tag.

Warum ist der Aschura-Tag so wichtig?

Der Aschura-Tag ist aus mehreren Gründen wichtig. Er ist der zehnte Tag des ersten islamischen Monats Muharram und wird mit einer Reihe von wichtigen historischen Ereignissen in Verbindung gebracht, darunter die Rettung von Propheten wie Noah und Moses. Für Schiiten ist er zudem ein zentraler Gedenktag an das Martyrium von Husain ibn Ali in Kerbela.

Ist das Fasten am Aschura-Tag obligatorisch?

Nein, das Fasten am Aschura-Tag ist nicht obligatorisch. Nachdem das Fasten im Ramadan zur Pflicht erklärt wurde, wurde das Aschura-Fasten zu einer empfohlenen, aber freiwilligen Praxis. Viele Muslime entscheiden sich jedoch dafür, an diesem Tag zu fasten, oft in Verbindung mit dem 9. und/oder 11. Muharram, um sich von anderen Traditionen abzugrenzen.

Was ist die Aschura-Speise?

Die Aschura-Speise (auch bekannt als Noah-Pudding) ist eine traditionelle süße Speise, die aus verschiedenen Getreidesorten, Hülsenfrüchten, Trockenfrüchten und Nüssen zubereitet wird. Sie wird am Aschura-Tag gekocht und als Zeichen der Dankbarkeit, des Segens und der Gemeinschaft unter Nachbarn und Freunden verteilt.

Was geschah beim Kerbela-Ereignis?

Das Kerbela-Ereignis ist eine Tragödie, die sich am 10. Muharram im Jahre 61 nach der Hidschra (680 n. Chr.) ereignete. Dabei wurde Husain ibn Ali, der Enkel des Propheten Muhammad, zusammen mit seiner Familie und seinen Anhängern in der Schlacht von Kerbela von den Truppen des Umayyaden-Kalifen Yazid I. grausam getötet. Dieses Ereignis ist ein zentraler Trauertag für Schiiten und wird auch von Sunniten als große Tragödie anerkannt.

Wann ist der Aschura-Tag?

Der Aschura-Tag ist immer der 10. Tag des Monats Muharram. Da der islamische Kalender ein Lunarkalender ist, verschiebt sich das Datum im gregorianischen Kalender jedes Jahr um etwa 10 bis 11 Tage. Die genaue Bestimmung erfolgt durch die Sichtung des Neumondes.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Aschura-Tag eine außergewöhnliche Bedeutung im Islam hat. Er ist ein Tag, der sowohl an die Errettung und Gnade Gottes erinnert, als auch an tiefen Schmerz und die Opferbereitschaft im Angesicht der Ungerechtigkeit. Seine vielfältigen Traditionen, vom freiwilligen Fasten über die gemeinsame Aschura-Speise bis hin zu den tief bewegenden Gedenkfeiern, spiegeln die reiche Geschichte und die spirituelle Tiefe wider, die diesen besonderen Tag prägen. Er bleibt ein Symbol für Hoffnung, Widerstandsfähigkeit und die fortwährende Erinnerung an wichtige Lehren der Menschheitsgeschichte.

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