01/08/2024
Das Bild von Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten, kurz ReNos, ist in der Öffentlichkeit oft verzerrt. Viele stellen sich den Arbeitsalltag noch immer als ein reines Abtippen von Diktaten und das Kochen von Kaffee vor. Doch diese Vorstellung könnte falscher nicht sein. ReNos sind die heimlichen Helden hinter den Kulissen von Kanzleien und Notariaten, deren vielfältige und anspruchsvolle Aufgaben weit über simple Sekretariatsarbeiten hinausgehen. Sie sind unverzichtbare Stützen, die den reibungslosen Ablauf juristischer Prozesse gewährleisten und maßgeblich zum Erfolg ihrer Kanzleien beitragen.

In diesem Artikel tauchen wir tief in die Welt der ReNos ein. Wir räumen mit alten Vorurteilen auf, beleuchten die beeindruckende Bandbreite ihrer Tätigkeiten, die Struktur ihrer Ausbildung und die Herausforderungen, mit denen sie in einem sich ständig wandelnden Berufsfeld konfrontiert sind. Es wird deutlich, dass der Beruf der ReNo nicht nur hohe Fachkenntnisse, sondern auch ausgeprägte soziale Kompetenzen und ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein erfordert.
- Was sind ReNos und welche Rolle spielen sie?
- Der vielfältige und anspruchsvolle Alltag einer ReNo
- Die Ausbildung zur ReNo: Fundiert und praxisnah
- Das Berufsbild im Wandel: Digitalisierung und ihre Auswirkungen
- Wertschätzung und die menschliche Komponente
- Vergleich: Anwaltsnotariat vs. Nur-Notariat
- Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Beruf der ReNo
Was sind ReNos und welche Rolle spielen sie?
Der Begriff ReNo ist eine Abkürzung für Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte und bezeichnet eine Fachkraft, die sowohl im Anwalts- als auch im Notariatsbereich ausgebildet ist oder tätig sein kann. Im deutschen Rechtswesen gibt es jedoch eine feinere Unterscheidung: Rechtsanwaltsfachangestellte (ReFas) arbeiten primär für Anwälte, während Notarfachangestellte (NoFas) auf die Arbeit in Notariaten spezialisiert sind. Die Kombination beider Fachrichtungen in der ReNo-Ausbildung spiegelt die Realität wider, dass viele Kanzleien sowohl Anwalts- als auch Notariatstätigkeiten anbieten.
Die Differenzierung zwischen der reinen NoFa-Ausbildung und der umfassenderen ReNo-Ausbildung hat historische und regionale Gründe. In Deutschland existieren zwei Notariatsformen: das Anwaltsnotariat und das Nur-Notariat. Im Anwaltsnotariat üben Anwälte den Notarberuf neben ihrer Anwaltstätigkeit aus. Dieses Modell findet man beispielsweise im westfälischen Teil Nordrhein-Westfalens sowie in Berlin, Bremen, Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Im Gegensatz dazu sind Nur-Notare hauptberufliche Notare, ein Modell, das im rheinischen Teil von Nordrhein-Westfalen und in den südöstlichen Bundesländern (mit Ausnahme Berlins) verbreitet ist.
Unabhängig von der genauen Spezialisierung sind ReNos alles andere als einfache Sekretäre. Sie agieren vielmehr als persönliche Assistenten ihrer Vorgesetzten, als erste Ansprechpartner und Betreuer für Mandanten, als Mentoren für Auszubildende und nicht selten als wichtige Hilfestellung für neue Junganwälte, die sich im Kanzleialltag oft überfordert fühlen. Ihre Rolle ist von zentraler Bedeutung für die Effizienz und den Erfolg der juristischen Arbeit.
Der vielfältige und anspruchsvolle Alltag einer ReNo
Die täglichen Aufgaben einer ReNo sind unglaublich vielfältig und erfordern ein breites Spektrum an Fähigkeiten. Sie sind die erste Anlaufstelle für Mandanten, oft schon am Telefon. Von der Vorbereitung komplexer Verträge über die Koordination mit Maklern und verschiedenen Parteien bis hin zur Terminierung und Vorbereitung von Beurkundungen – ReNos sind in jeden Schritt des Prozesses involviert. Sie bereiten Urkunden vor, übergeben sie dem Notar zur Verlesung und Erklärung, und nach der Unterzeichnung nehmen sie die Urkunde wieder entgegen.
Ihre Arbeit endet hier jedoch nicht. Sie tragen die Urkunden in die Urkundenrolle ein, erstellen Ausfertigungen, Scans und beglaubigte Kopien. Sie stellen die notwendigen Anträge bei Gericht und Finanzamt, halten alle Parteien stets über den aktuellen Stand auf dem Laufenden und übernehmen die gesamte Abwicklung. Am Ende des Prozesses erstellen sie die Kostenrechnung. Sollte diese wider Erwarten nicht beglichen werden, kümmern sie sich selbstverständlich auch um die Vollstreckung. Diese umfassende Verantwortung macht deutlich, dass ReNos weit mehr als nur Verwaltungsaufgaben übernehmen; sie sind aktive Gestalter und Manager juristischer Prozesse.
Die Ausbildung zur ReNo: Fundiert und praxisnah
Die dreijährige Ausbildung zur ReNo ist dual aufgebaut: Sie findet sowohl in der Berufsschule als auch in der Kanzlei statt. Im ersten Lehrjahr verbringen Auszubildende zwei Tage, später nur noch einen Tag pro Woche in der Berufsschule. Dort werden neben allgemeinen Fächern wie Englisch, Deutsch und Politik auch fachspezifische Inhalte vermittelt. Dazu gehören Allgemeine Wirtschaftslehre, Anwalts- und Notarkosten, Grundlagen des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) und der Zivilprozessordnung (ZPO), Rechnungswesen und Textverarbeitung, einschließlich des essenziellen Zehn-Finger-Schreibens.
Die Aufgaben in der Kanzlei werden mit fortschreitender Ausbildung immer anspruchsvoller:
- Im ersten Lehrjahr: Die Auszubildenden lernen die Grundlagen des Kanzleialltags kennen. Sie suchen Akten der eingehenden Tagespost heraus, bringen Klagen zu Gericht und erledigen Botengänge. Auch das Kopieren von Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft, die nur kurzzeitig zur Verfügung stehen, gehört zu ihren Aufgaben. Dank elektronischer Übermittlung sind einige dieser Gänge inzwischen entfallen.
- Im zweiten Lehrjahr: Die Aufgaben werden spezifischer. Dazu gehört die Bearbeitung von Unterschriftsbeglaubigungen – eine wichtige, aber weniger lukrative Aufgabe, die daher oft von Auszubildenden übernommen wird. Sie schreiben Diktate und E-Mails für Anwälte und werden dabei meist einem Dezernat und einer erfahrenen Kollegin zugeteilt. Idealerweise durchlaufen sie in diesen drei Jahren die wichtigsten Bereiche wie Anwaltstätigkeit, Notariat, Zwangsvollstreckung und Buchhaltung, um umfassende Einblicke zu erhalten.
- Im dritten Lehrjahr: ReNos bekommen eigene Vorgänge zugeteilt und führen selbstständige Telefonate mit Gerichten, Finanzämtern, Polizeibehörden, Sachverständigen und Mandanten. Nur bei komplexeren Themen wenden sie sich an erfahrenere Kolleginnen. Notartermine und Urkunden werden so vorbereitet, dass der Notar alle wichtigen Unterlagen, wie Personalausweiskopien, übersichtlich vorfindet, um die Beurkundung vornehmen zu können.
Ein weiterer wichtiger Bereich, in dem Auszubildende oft geschult werden, ist der Empfang. Als „junges Gesicht“ repräsentieren sie die Kanzlei am Telefon und begrüßen Mandanten. Diese Position ist abwechslungsreich, kann aber je nach Kanzleigröße und Telefonaufkommen auch sehr stressig sein. Am Empfang sind breite Kenntnisse über die Kanzleistruktur sowie ein hohes Maß an Empathie gefragt. Es rufen Personen an, deren Angehörige verstorben sind und die einen Notartermin für einen Erbscheinantrag benötigen, aber auch Mandanten, die ihrem Frust über lange Verfahrensdauern Luft machen. Hier ist es die Aufgabe der ReNo, ruhig den Sachstand zu erklären und verständnisvoll zu reagieren.
Vergütung während der Ausbildung
Die Ausbildungsvergütung muss gemäß § 17 Abs. 1 S. 2 Berufsbildungsgesetz (BBiG) mit jedem Lehrjahr steigen. Seit einer Neuregelung im Jahr 2020 gibt es zudem monatliche Mindestvergütungen, die je nach Ausbildungsbeginn variieren. Vor dieser Gesetzesänderung war nicht vorgeschrieben, wie stark die Vergütung steigen musste. Üblich waren damals Steigerungen von 100 Euro pro Lehrjahr, wobei das Einstiegsgehalt zwischen 400 und 700 Euro im Monat lag. Es kam sogar vor, dass Kanzleien die Vergütung nur um einen Euro pro Lehrjahr erhöhten. Angesichts solcher Praktiken ist es kaum verwunderlich, dass viele Sozietäten heute einen massiven Fachkräftemangel beklagen.
Das Berufsbild im Wandel: Digitalisierung und ihre Auswirkungen
Die Praxis als ReNo hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Während vor sechs oder sieben Jahren noch Diktate von kleinen Kassetten mit Fußpedalen vor- und zurückgespult wurden, sind heute elektronische Signaturen und digitale Kommunikation mit den Grundbuchämtern Standard. Die Digitalisierungswelle der Bundesnotarkammer und der Bundesrechtsanwaltskammer brachte fast wöchentlich neue Vorschriften zu Datenschutz, Geldwäscheprävention und zur Digitalisierung in die Kanzleien. Dies stellte besonders kleinere Kanzleien vor große Herausforderungen, da geschulte Mitarbeiter benötigt wurden, die die Zeit hatten, alle neuen Vorgaben in den Kanzleialltag zu integrieren und sich durch die Flut von Mitteilungen der einzelnen Kammern zu arbeiten.
Das besondere elektronische Anwaltspostfach (beA) und das besondere elektronische Notarpostfach (beN) wurden zwangsläufig Teil des Alltags. Anfangs gab es jedoch erhebliche Schwierigkeiten: Kanzleien durften Klagen nur noch per beA bei Gericht einreichen, um Fristen zu wahren, doch die Schnittstellen bei den Gerichten funktionierten oft nicht. ReNos reichten Klagen per beA ein, warteten auf Fehlermeldungen und mussten dann den Rechtspfleger anrufen, um die Klage erneut per Fax zu übermitteln. Obwohl die Kammern mit kulanten Übergangsfristen reagierten, blieb das Chaos in den Kanzleien bestehen.
Im Notariat kam das elektronische Urkundenverzeichnis (eUR) hinzu, das das Einscannen und elektronische Hochladen von Urkunden erforderte. Auch das dafür benötigte XNP-Programm hatte Startschwierigkeiten, die in unzähligen Fehlermeldungen resultierten. Während sich ReNos mit pdf-1A/B-Formaten und XML-Strukturdateien auseinandersetzen mussten, durfte das Alltagsgeschäft natürlich nicht liegenbleiben. Glücklicherweise scheinen diese „digitalen“ Schwierigkeiten mittlerweile weitgehend ausgeräumt zu sein.
Wertschätzung und die menschliche Komponente
Trotz der zunehmenden Komplexität und Verantwortung des Berufes ist die fehlende Wertschätzung gegenüber ReNos in vielen Kanzleien leider immer noch an der Tagesordnung. Oftmals fehlt die Zeit für die Mitarbeitenden. Ein Grund dafür mag sein, dass das Jurastudium, das seit 150 Jahren fast unverändert ist, kein Modul zur Personalführung beinhaltet. Wie sollen Anwälte, die zukünftige Arbeitgeber, Kanzleien gründen und führen können, wenn ihnen die Grundlagen der Unternehmensführung fehlen? Ein guter Juraabschluss macht eben noch keinen guten Arbeitgeber.
ReNos sind die stillen Helden, die dafür sorgen, dass alles läuft. Ihr Einsatz wird oft als selbstverständlich angesehen und macht sich meist erst bemerkbar, wenn eine Kollegin krankheitsbedingt ausfällt. Spätestens dann erkennen Anwälte und Notare, welchen unschätzbaren Wert ihre Mitarbeitenden haben. Ohne gute ReNos würden Fristen verpasst, Termine übersehen und Mandanten nicht adäquat betreut werden.
Die Beziehung zwischen Anwalt bzw. Notar und ReNo sollte mehr als Team denn als reines Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis gesehen werden. Ein zuverlässig gepflegtes Dezernat gibt dem Vorgesetzten die Sicherheit und Freiheit, sich auf die fachspezifischen Mandatsprobleme und die Kanzleiführung konzentrieren zu können. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Wertschätzung nicht nur im Umgangston im Kanzleialltag, sondern auch in der Anpassung der Gehälter an das veränderte Berufsbild widerspiegelt. In größeren Kanzleien ist dieser Trend bereits erkennbar. Es wäre wünschenswert, wenn dieser zeitnah in jeder Sozietät und auch in der gesellschaftlichen Anerkennung des Berufs Einzug findet. Die Änderung der Berufsbezeichnung von „Rechtsanwaltsgehilfin“ zu „-fachangestellten“ im Jahr 1995 war ein wichtiger Schritt. Die Streichung des umgangssprachlich abwertend definierten Wortes „Tippse“ aus dem Duden wäre wünschenswert; im Sprachgebrauch hat es im Jahr 2023 sicherlich keinen Platz mehr zu finden.
Vergleich: Anwaltsnotariat vs. Nur-Notariat
| Merkmal | Anwaltsnotariat | Nur-Notariat |
|---|---|---|
| Ausübung | Anwalt übt Notarberuf neben Anwaltstätigkeit aus | Notar ist hauptberuflich Notar |
| Verbreitung (regionale Beispiele) | Westfälischer Teil NRW, Berlin, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein | Rheinischer Teil NRW, Südöstliche Bundesländer (außer Berlin) |
| Vorteile (aus Kanzleisicht) | Kombination von Rechtsberatung und Notardienstleistungen unter einem Dach | Spezialisierung und Konzentration auf Notaraufgaben |
| Ausbildung (ReNo-Bezug) | ReNo-Ausbildung (Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte) ist hier besonders relevant | NoFa-Ausbildung (Notarfachangestellte) ist primär, ReNo-Wissen oft zusätzlich nützlich |
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Beruf der ReNo
Was ist der Unterschied zwischen ReFa, NoFa und ReNo?
ReFa (Rechtsanwaltsfachangestellte) arbeiten primär für Rechtsanwälte. NoFa (Notarfachangestellte) sind auf Notariate spezialisiert. Eine ReNo (Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte) ist in beiden Bereichen ausgebildet und kann sowohl in Anwaltskanzleien als auch in Notariaten tätig sein, oft in Kanzleien, die beide Dienste anbieten.
Warum gibt es einen Fachkräftemangel bei ReNos?
Der Fachkräftemangel resultiert aus mehreren Faktoren: einerseits die gestiegenen Anforderungen durch die Digitalisierung und die Komplexität der Aufgaben, andererseits eine oft unzureichende Ausbildungsvergütung in der Vergangenheit und mangelnde Wertschätzung im Berufsalltag. Viele junge Menschen ziehen Berufe mit vermeintlich besserer Bezahlung oder höherer Anerkennung vor.
Ist der Beruf einer ReNo anspruchsvoll?
Ja, der Beruf ist sehr anspruchsvoll. Er erfordert nicht nur fundiertes juristisches Fachwissen und präzises Arbeiten, sondern auch ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten, Empathie im Umgang mit Mandanten, Organisationstalent und die Fähigkeit, unter Druck zu arbeiten. Die ständige Anpassung an neue digitale Prozesse und gesetzliche Vorgaben trägt ebenfalls zur Komplexität bei.
Wie hat sich der Beruf der ReNo in den letzten Jahren verändert?
Der Beruf hat sich durch die Digitalisierung stark gewandelt. Von der manuellen Aktenführung und Diktattranskription auf Kassetten hat sich der Alltag hin zu elektronischer Kommunikation, digitalen Akten und dem Umgang mit speziellen Softwarelösungen wie beA und beN entwickelt. Auch die Anforderungen an Datenschutz und Geldwäscheprävention sind stark gestiegen.
Welche Karrierechancen bietet der Beruf?
Nach der Ausbildung zur ReNo gibt es verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten, beispielsweise zur Rechtsfachwirtin oder Notarfachwirtin. Diese ermöglichen es, noch mehr Verantwortung zu übernehmen, Führungspositionen zu besetzen oder sich auf bestimmte Rechtsgebiete zu spezialisieren. Die gesammelte Praxiserfahrung ist auch für andere kaufmännische oder verwaltende Berufe im juristischen Umfeld wertvoll.
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