Was muss ich beim Beten beachten?

Jesidentum in Deutschland: Glaube, Gebet & Tradition

15/06/2023

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Das Jesidentum, ein uralter und oft missverstandener Glaube, hat seine Wurzeln tief im Vorderen Orient. Es ist eine Religion, die sich über Jahrhunderte hinweg durch mündliche Überlieferung und eine einzigartige synkretistische Mischung aus verschiedenen spirituellen Einflüssen entwickelt hat. In den letzten Jahrzehnten hat sich Deutschland zu einem wichtigen Zuhause für eine der größten jesidischen Diasporagemeinschaften weltweit entwickelt. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte, die Glaubensgrundsätze und insbesondere die Praxis des Gebets und Fastens innerhalb des Jesidentums, um ein tieferes Verständnis für diese bemerkenswerte Religionsgemeinschaft zu ermöglichen.

Wie viele Yeziden gibt es in Deutschland?
Über 400.000 Yeziden wurden aus ihrer Heimat vertrieben und flüchteten. Inzwischen leben nach eigenen Einschätzungen 190.000 bis 200.000 Yeziden in Deutschland. Das Wichtigste, was pädagogische Fachkräfte verinnerlichen sollten, ist, dass Yeziden keine Muslime sind, auch wenn sie oft aus mehrheitlich muslimischen Ländern stammen.

Die Jesiden in Deutschland: Eine Gemeinschaft im Wandel

Die Präsenz der Jesiden in Deutschland ist eine Geschichte von Migration, Verfolgung und dem Aufbau einer neuen Heimat. Die ersten Jesiden kamen bereits in den 1960er Jahren als sogenannte „Gastarbeiter“ aus der Türkei nach Deutschland. Sie suchten nach wirtschaftlichen Möglichkeiten und einem besseren Leben fernab der Diskriminierung und Marginalisierung, die sie in ihren Herkunftsländern oft erfuhren. Spätere Migrationswellen, insbesondere ab den 1980er Jahren und verstärkt nach dem Völkermord durch den sogenannten Islamischen Staat (IS) im Jahr 2014, brachten Tausende weitere Jesiden aus dem Irak, Syrien und der Türkei als Schutzsuchende nach Deutschland. Diese tragischen Ereignisse rückten die Jesiden und ihr Leid ins globale Bewusstsein und führten dazu, dass Deutschland zu einem der wichtigsten Zufluchtsorte für diese Gemeinschaft wurde.

Aktuellen Schätzungen zufolge leben im Jahr 2022 etwa 320.000 Jesidinnen und Jesiden in Deutschland. Damit bildet Deutschland die größte jesidische Diaspora weltweit. Diese Zahl unterstreicht die Verantwortung und die Bedeutung der deutschen Gesellschaft für den Erhalt und die Weitergabe des jesidischen Glaubens und der Kultur. Die Gemeinschaft ist über das ganze Land verteilt, wobei sich größere jesidische Gemeinden in Städten wie Oldenburg, Hannover, Celle und auch in Nordrhein-Westfalen finden. Eine genaue Zahl der Jesiden in Bielefeld ist aus den vorliegenden Informationen jedoch nicht ersichtlich.

Die Jesiden in Deutschland sind bestrebt, ihre Kultur und Religion zu bewahren, während sie sich gleichzeitig in die deutsche Gesellschaft integrieren. Dies zeigt sich in der Gründung zahlreicher jesidischer Vereine, Kulturzentren und Foren, die den Zusammenhalt fördern und Bildungsangebote, wie jesidischen Religionsunterricht, für die jüngere Generation anbieten.

Das Jesidentum: Ein Glaube voller Mysterien und Traditionen

Das Jesidentum ist eine monotheistische Religion mit Wurzeln, die sich gesichert bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, deren Ursprünge aber wahrscheinlich noch deutlich älter sind. Es ist ein Glaube, der sich durch eine reiche mündliche Überlieferung und eine einzigartige Theologie auszeichnet. Bis vor wenigen Jahrzehnten pflegten die Jesiden eine rein mündliche Kultur, was bedeutet, dass ihre heiligen Texte, die sogenannten Qawls, primär durch Gesang und Rezitation von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Dies hat dazu geführt, dass das Jesidentum für Außenstehende oft schwer zugänglich und missverstanden wurde.

Im Zentrum des jesidischen Glaubens steht der Glaube an einen einzigen Gott (kurdisch: Xwedê), den Schöpfer des Universums. Gott ist allmächtig und vollkommen. Eine Besonderheit des Jesidentums ist das Fehlen einer Figur des Bösen, wie sie in vielen anderen Religionen existiert. Nach jesidischem Glaubensverständnis werden die Menschen von Natur aus gut geboren und entscheiden sich frei und eigenverantwortlich, welchen Weg sie im Leben gehen wollen. Die Verantwortung für gute oder schlechte Taten liegt somit beim Individuum.

Eine zentrale Rolle im Jesidentum spielt der oberste Engel Melek Taus, der von einem blauen Pfau symbolisiert wird. Melek Taus ist der Stellvertreter Gottes auf Erden und wird von den Jesiden verehrt. Er ist nicht als gefallener Engel zu verstehen, sondern als ein mächtiges und heiliges Wesen, das die Welt im Auftrag Gottes verwaltet. Der Pfau ist somit nicht nur ein Symbol für Melek Taus, sondern auch für das Jesidentum selbst.

Die wichtigste historische Person und religiöse Autorität der Jesiden ist Scheich Adi bin Musafir (ca. 1075 – 1162). Seine Grabstätte im Tal von Lalish im Nordirak ist das geografische und spirituelle Zentrum der Religion. Lalish ist ein wichtiger Pilgerort, zu dem Jesiden aus aller Welt reisen, um ihre Gebete zu verrichten und an religiösen Zeremonien teilzunehmen. Die „Zimzim-Quelle“ und die „Weiße Quelle“, die im religiösen Zentrum Lalish liegen, sind ebenfalls von großer Bedeutung.

Ein grundlegendes Merkmal des Jesidentums ist, dass man als Jeside geboren wird – durch jesidische Eltern. Ein Übertritt zum jesidischen Glauben ist nicht möglich. Dies unterstreicht den endogamen Charakter der Gemeinschaft und dient der Bewahrung ihrer einzigartigen Identität und Traditionen, die über Jahrhunderte der Verfolgung hinweg erhalten werden mussten. Die Jesiden leben eine vollständige Toleranz gegenüber anderen Religionen und lehnen die Missionierung ab, da sie glauben, dass keine Religion besser ist als die andere.

Das persönliche Gebet im Jesidentum

Das Gebet nimmt im Leben der Jesidinnen und Jesiden einen festen und wichtigen Platz ein. Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit und dient dazu, Gott und den Heiligen ganz nahe zu sein, Kraft, Halt und Zuversicht zu schöpfen. Im Jesidentum gibt es keine Tradition des gemeinsamen Betens in einem Gotteshaus, wie es in vielen anderen Religionen üblich ist. Jesidinnen und Jesiden können ihre Gebete überall verrichten, sei es zu Hause, in der Natur oder auf Reisen.

Das Gebet ist in den Tagesablauf integriert und wird als festes Ritual praktiziert. Es gibt vorgegebene Gebetstexte, die oft in kurdischer Sprache (Kurmancî) gesprochen werden. Darüber hinaus ist es jedoch auch üblich und erwünscht, mit eigenen Worten zu beten, insbesondere bei besonderen Anlässen wie Trauer, Freude, als Dank oder vor einer Reise. Dies zeigt die Flexibilität und die tiefe persönliche Verbindung, die Jesiden zu ihrem Glauben pflegen.

Bestimmte Rituale sind vor und während des Gebets zu beachten:

  • Reinigung: Vor dem Beten waschen sich Jesidinnen und Jesiden Hände und Gesicht. Dies symbolisiert die Reinigung von Körper und Geist vor dem Kontakt mit dem Göttlichen.
  • Schuhlosigkeit: Während des Gebets werden keine Schuhe getragen, als Zeichen des Respekts und der Demut.
  • Handhaltung: Die Hände werden mit den Handflächen nach oben vor sich gehalten, eine Geste der Empfänglichkeit und Hingabe.
  • Gebetsrichtung: Jesidinnen und Jesiden beten stets in Richtung der Sonne. Das Glaubensbekenntnis „Wir sind Jesiden“ (Em Êzîdîne) besagt: „Die Sonne ist unsere Gebetsrichtung“ (Roj qublata me ye). Die Sonne gilt im Jesidentum als das sichtbare Zeichen Gottes und als Symbol für Scheschims, die personifizierte Sonne, die ebenfalls verehrt wird.

Das Glaubensbekenntnis der Jesiden, oft in einer Kurzversion für Kinder weitergegeben, fasst die zentralen Elemente ihres Glaubens zusammen:

Wir sind Jesiden
Die Sonne ist unsere Gebetsrichtung
Die Zimzim-Quelle ist das Ziel unserer Pilgerung
Die Weiße Quelle ist der Ort meiner Taufe
Scheschims ist unser Erlöser
Tausi-Melek ist unser Bekenntnis und unser Glaube.

Das Gebet beginnt traditionell mit den Worten „Mit der Erlaubnis Gottes“ (Bi destura Xwedê) und endet mit dem Bekenntnis „Wir sind unvollkommen, Gott ist vollkommen“ (Em kêmin, Xwedê tamam e). Diese Rituale und Gebetstexte werden in der Regel innerhalb der Familien von Generation zu Generation weitergegeben, was die Bedeutung der Familie als Trägerin des Glaubens unterstreicht.

Fasten und Feste: Der Jahreskreis der Jesiden

Neben dem täglichen Gebet spielt auch das Fasten eine wichtige Rolle im jesidischen Glaubensleben. Jesidinnen und Jesiden fasten im Monat Dezember dreimal, jeweils von Dienstag bis Donnerstag, bevor sie in der Woche vor der Wintersonnenwende ihren wichtigsten Feiertag, Îda Êzîd, feiern. Dieses Fasten dient der Ehrerbietung verschiedener Heiliger und ist eine Zeit der Besinnung und spirituellen Reinigung.

Die Fastenregeln sind klar definiert: Vor Sonnenaufgang nehmen die Fastenden ein kleines Frühstück, das sogenannte Pashiv, zu sich. Danach wird bis zum Sonnenuntergang gefastet. Nach Sonnenuntergang wird das Fasten mit einer gemeinsamen Mahlzeit, dem Fitar, gebrochen. Der Freitag nach den Fastentagen ist traditionell der Tag, an dem das Fasten feierlich beendet wird. Diese Fastenperiode ist eine Zeit der spirituellen Vorbereitung auf das große jesidische Neujahrsfest, Îda Êzîd, das die Ankunft des neuen Jahres und die Hoffnung auf Segen und Wohlstand symbolisiert.

Was Jesiden nicht tun dürfen: Ein Blick auf die Regeln

Wie jede Religion hat auch das Jesidentum bestimmte Verhaltensregeln und ethische Gebote. Ein Beispiel, das die Bedeutung der Gemeinschaft und des sozialen Zusammenhalts unterstreicht, betrifft die Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft. So ist es einem Jesiden beispielsweise nicht erlaubt, die gesetzliche Frau eines anderen zu entführen. Ebenso ist es verboten, dem Entführer oder der Entführten in einem solchen Fall zu helfen oder Unterschlupf zu gewähren. Die entführte Person muss ihrem Ehemann zurückgegeben werden, und der Entführer wird nach jesidischem Gesetz zur Rechenschaft gezogen. Diese Regeln sind entscheidend für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung und des Vertrauens innerhalb der eng verbundenen jesidischen Gemeinschaft.

Häufig gestellte Fragen zum Jesidentum

Um ein umfassenderes Bild des Jesidentums zu vermitteln, beantworten wir hier einige der häufigsten Fragen:

F: Wie viele Jesiden gibt es in Deutschland?
A: Im Jahr 2022 leben schätzungsweise etwa 320.000 Jesidinnen und Jesiden in Deutschland.

F: Wie viele Jesiden gibt es in Bielefeld?
A: Spezifische Zahlen für die Stadt Bielefeld liegen in den vorliegenden Informationen nicht vor.

F: Kann man zum Jesidentum konvertieren?
A: Nein, man wird als Jeside durch Geburt von jesidischen Eltern. Ein Übertritt zum jesidischen Glauben ist nicht möglich.

F: Wo beten Jesiden?
A: Jesidinnen und Jesiden können ihre Gebete überall verrichten, da es keine festgelegten Gebetsorte oder eine Tradition des gemeinsamen Betens gibt.

F: Was ist Melek Taus?
A: Melek Taus ist der oberste Engel und Gottes Stellvertreter auf Erden. Er wird durch einen Pfau symbolisiert und ist eine zentrale Figur in der jesidischen Theologie, nicht zu verwechseln mit einem gefallenen Engel.

F: Warum beten Jesiden zur Sonne?
A: Die Sonne gilt im Jesidentum als das sichtbare Zeichen Gottes und als Gebetsrichtung. Sie symbolisiert Scheschims, die personifizierte Sonne, und ist ein Ausdruck der Verehrung des Göttlichen.

F: Haben Jesiden heilige Schriften?
A: Das Jesidentum pflegte traditionell eine rein mündliche Kultur, in der heilige Texte, die Qawls, mündlich überliefert wurden. Mittlerweile gibt es auch schriftliche Aufzeichnungen dieser Texte.

Fazit

Das Jesidentum ist eine faszinierende und widerstandsfähige Religion mit einer tiefen spirituellen Dimension und einzigartigen Traditionen. Die jesidische Gemeinschaft in Deutschland ist ein lebendiges Beispiel für die Fähigkeit, Glauben und Kultur auch unter neuen Umständen zu bewahren und zu pflegen. Durch das Verständnis ihrer Geschichte, ihrer Glaubensgrundsätze und ihrer Rituale, insbesondere des sehr persönlichen Gebets und des Fastens, können wir eine Brücke zu dieser bemerkenswerten Gemeinschaft bauen und ihre Beiträge zur kulturellen und religiösen Vielfalt Deutschlands würdigen.

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