05/05/2022
Inmitten der geschäftigen Metropole Frankfurt am Main steht ein Bauwerk, das mehr ist als nur eine Gebetsstätte: die Westend-Synagoge. Sie ist nicht nur die größte Synagoge der Stadt, sondern auch ein eindrucksvolles Zeugnis jüdischen Lebens, seiner Zerstörung und seines unermüdlichen Wiederaufbaus. Ihre Geschichte ist eine Erzählung von Widerstandsfähigkeit, von tiefgreifendem Verlust und von der Kraft, aus Ruinen neues Leben zu schaffen. Als einziges von ehemals vier großen Gotteshäusern Frankfurts überstand sie die dunklen Jahre der Verfolgung, wenn auch schwer gezeichnet, und steht heute als leuchtendes Symbol der Hoffnung und des Fortbestands. Die Westend-Synagoge ist das geistliche Zentrum des jüdischen Gemeindelebens in Frankfurt und ein Ort, der die Erinnerung an die Vergangenheit bewahrt und gleichzeitig eine lebendige Zukunft gestaltet.

Ihre Existenz ist ein Wunder, wenn man bedenkt, welch verheerende Zerstörungen das jüdische Erbe in Deutschland erfahren hat. Die Geschichte der Synagoge ist eng verknüpft mit der Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, die nach der Aufhebung des Ghettozwangs im Jahr 1806 eine neue Blütezeit erlebte. Wohlhabende jüdische Familien verließen die beengten Verhältnisse der ehemaligen Judengasse und siedelten sich in neuen, offeneren Stadtteilen an, darunter ab etwa 1860 vermehrt im aufstrebenden Westend.
- Die Anfänge: Ein architektonisches Meisterwerk im Westend
- Die Orgel der Westend-Synagoge: Ein Klangkörper der Geschichte
- Die Nacht der Zerstörung: Novemberpogrome 1938
- Unterdrückung und Überleben: Die Synagoge in der NS-Zeit
- Ein neues Kapitel: Wiederaufbau und Blütezeit
- Häufig gestellte Fragen zur Westend-Synagoge
Die Anfänge: Ein architektonisches Meisterwerk im Westend
Der Bau der Westend-Synagoge begann im Jahr 1908 in der Freiherr-vom-Stein-Straße. Die Pläne für dieses beeindruckende Gebäude stammten von dem Architekten Franz Roeckle. Er entwarf einen prächtigen Jugendstilbau mit unverkennbaren assyrisch-ägyptischen Anklängen, die der Synagoge eine einzigartige und repräsentative Erscheinung verliehen. Am 28. September 1910 wurde der eigentliche Synagogenbau an der Altkönigstraße, gekrönt von seiner markanten Kuppel, feierlich eingeweiht. Sie war die vierte große Synagoge in Frankfurt und die erste, die außerhalb der historischen Stadtmauern errichtet wurde, was ihre Bedeutung für die wachsende und sich modernisierende jüdische Gemeinde unterstrich.
Im Gegensatz zu den streng orthodoxen Synagogen, in denen Frauen traditionell nur auf der Empore Platz nehmen durften, war der Innenraum der Westend-Synagoge für Männer und Frauen gleichermaßen zugänglich. Dennoch gab es eine Geschlechtertrennung innerhalb des Hauptraumes: Die rechte Hälfte der Sitzreihen war den Männern vorbehalten, während die Frauen auf der linken Seite Platz nahmen. Der Innenraum und die Empore boten insgesamt Platz für beeindruckende 1600 Besucher, was die Westend-Synagoge zur zweitgrößten Synagoge Frankfurts nach der streng orthodoxen Synagoge an der Friedberger Anlage machte.
Im rechten Winkel zum Hauptgebäude der Synagoge erstreckte sich entlang der Freiherr-vom-Stein-Straße eine einstöckige Vorhalle, die einen kleinen, intimen Innenhof umschloss. Dieser Gebäudeflügel, insbesondere an der Ecke zur Friedrichstraße, beherbergte eine Vielzahl wichtiger Neben- und Verwaltungsräume. Hier befanden sich auch eine kleinere Wochentagssynagoge für den täglichen Gebrauch, Versammlungssäle für Gemeindetreffen und Veranstaltungen sowie die Wohnungen für den Hausmeister und den Rabbiner, was die Westend-Synagoge zu einem umfassenden Zentrum des Gemeindelebens machte.
Die Orgel der Westend-Synagoge: Ein Klangkörper der Geschichte
Ein besonderes Merkmal der Westend-Synagoge war ihre Orgel, die bereits 1909, kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes, installiert wurde. Das Instrument wurde von der renommierten Orgelbaufirma E.F. Walcker aus Ludwigsburg erbaut und war ein Meisterwerk seiner Zeit. Es verfügte über 46 Register, die auf drei Manualwerken und ein Pedal verteilt waren, und nutzte elektrische Spiel- und Registertrakturen. Diese Orgel war nicht nur ein klangliches Highlight der Synagoge, sondern auch ein Ausdruck des liberalen Flügels der jüdischen Gemeinde, der musikalische Neuerungen in den Gottesdienst integrierte. Tragischerweise wurde dieses prächtige Instrument während der Novemberpogrome im Jahr 1938 vollständig zerstört.
Die detaillierte Disposition der Walcker-Orgel (1909–1938) war wie folgt:
| Manualwerk / Pedal | Register |
|---|---|
| I. Hauptwerk C–g3 | |
| Bordun | 16′ |
| Prinzipal | 8′ |
| Konzertflöte | 8′ |
| Bourdon | 8′ |
| Dulciana | 8′ |
| Viola di Gamba | 8′ |
| Oktave | 4′ |
| Rohrflöte | 4′ |
| Oktave | 2′ |
| Mixtur V | 2 2⁄3′ |
| Kornett III-V | 8′ |
| Trompete | 8′ |
| II. Manualwerk C–g3 | |
| Bourdon | 16′ |
| Geigenprinzipal | 8′ |
| Flauto amabile | 8′ |
| Viola | 8′ |
| Salicional | 8′ |
| Quintatön | 8′ |
| Traversflöte | 4′ |
| Pikkolo | 2′ |
| Sesquialtera II | 2 2⁄3′ |
| Klarinette | 8′ |
| III. Schwellwerk C–g3 | |
| Lieblich Gedeckt | 16′ |
| Flötenprinzipal | 8′ |
| Fugara | 8′ |
| Gedeckt | 8′ |
| Aeoline | 8′ |
| Flute harmonique | 8′ |
| Voix céleste | 8′ |
| Geigenprinzipal | 4′ |
| Flauto dolce | 4′ |
| Flautino | 2′ |
| Harmonia aetheria III | |
| Basson | 16′ |
| Oboe | 8′ |
| Trompette harmonique | 8′ |
| Clairon | 4′ |
| Pedal C–f1 | |
| Kontrabass | 16′ |
| Violonbass | 16′ |
| Subbass | 16′ |
| Gedacktbass | 16′ |
| Oktavbass | 8′ |
| Cello | 8′ |
| Flötenbass | 8′ |
| Oktave | 4′ |
| Posaune | 16′ |
| Koppeln | |
| Normalkoppeln | II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P |
| Suboktavkoppeln | III/I |
| Superoktavkoppeln | III/I |
Die Nacht der Zerstörung: Novemberpogrome 1938
Der 10. November 1938 markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der Westend-Synagoge und des jüdischen Lebens in Frankfurt. Während der Novemberpogrome, auch bekannt als Reichskristallnacht, verschaffte sich ein Trupp SA-Männer gewaltsam Zutritt zur Synagoge, trotz des mutigen Widerstands des christlichen Hausmeisters. Sie legten Feuer im Innenraum, in der Absicht, das Gebäude vollständig zu zerstören. Doch anders als bei den meisten anderen Frankfurter Synagogen, die in dieser Nacht bis auf die Grundmauern niederbrannten oder deren Brände von der Feuerwehr nur am Übergreifen auf benachbarte Gebäude gehindert wurden, griffen die herbeigeeilten Feuerwehrleute bei der Westend-Synagoge aktiv ein und löschten den Brand. Diese außergewöhnliche Handlung rettete die Synagoge vor der völligen Vernichtung, obwohl das Dach und der Innenraum durch das Feuer schwer beschädigt und das Gebäude unbenutzbar geworden war. Diesen Umstand verdankt die Westend-Synagoge ihre einzigartige Stellung als einzige der ehemals vier großen Synagogen Frankfurts, die die Pogrome und den Zweiten Weltkrieg überstand.
Unterdrückung und Überleben: Die Synagoge in der NS-Zeit
Unmittelbar nach dem Brand setzte sich der Terror gegen die jüdische Gemeinde fort. Der liberale Rabbiner der Westend-Synagoge, Georg Salzberger, wurde im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Nach seiner Freilassung im April 1939 gelang ihm die Emigration nach England, wo er später Rabbiner der deutschsprachigen jüdischen Gemeinde Londons wurde. Die jüdische Gemeinde Frankfurts wurde durch den sogenannten „Judenvertrag“ vom 3. April 1939 gezwungen, all ihre Liegenschaften weit unter Wert an die Stadt Frankfurt zu verkaufen. Die Kosten für den Abriss der bereits zerstörten Synagogen, deren Trümmer im Januar 1939 beseitigt worden waren, wurden der Gemeinde sogar vom Verkaufserlös abgezogen. Die äußerlich kaum beschädigte Westend-Synagoge blieb nach diesem Zwangsverkauf als einzige vom Abriss verschont.
Während des Zweiten Weltkrieges diente die Synagoge zweckentfremdet als Möbellager für bombengeschädigte Frankfurter Bürger sowie als Kulissenlager für die Oper Frankfurt. Im März 1944 wurde sie selbst von Bomben getroffen, die erheblichen weiteren Schaden anrichteten. Parallel dazu wurde das jüdische Leben in Frankfurt systematisch ausgelöscht. Die Israelitische Gemeinde und die 1852 von ihr abgespaltene orthodoxe Israelitische Religionsgesellschaft wurden 1939 von den Nationalsozialisten zwangsweise zur „Jüdischen Gemeinde“ vereinigt. Zwischen Oktober 1941 und September 1942 wurden über 10.000 in Frankfurt verbliebene Juden in insgesamt zehn Transporten deportiert, zumeist in die Vernichtungslager Theresienstadt oder Majdanek. Nach dem letzten Transport blieben weniger als 300 Juden in der Stadt zurück, die hauptsächlich in sogenannten Mischehen lebten oder Zwangsarbeit leisten mussten. Bis Mitte März 1945, nur zwei Wochen vor der Besetzung Frankfurts durch amerikanische Truppen am 26. März 1945, erfolgten immer wieder Deportationen. Über 11.000 Deportierte kamen in den Vernichtungslagern um; bei Kriegsende lebten in Frankfurt selbst nur noch etwa 160 Juden.

Ein neues Kapitel: Wiederaufbau und Blütezeit
Unmittelbar nach Kriegsende begann der langsame, aber entschlossene Wiederaufbau des jüdischen Lebens in Frankfurt. Die amerikanische Militärregierung richtete eine Jüdische Betreuungsstelle ein, die sich um die Überlebenden kümmerte. Bis zum Sommer 1945 kehrten rund 400 Überlebende in die Stadt zurück. Ein historischer Moment ereignete sich am 12. September 1945 (5. Tischri 5706 nach jüdischem Kalender), als der erste Gottesdienst in der schwer beschädigten Westend-Synagoge stattfand. Die Predigt hielt Rabbiner Leopold Neuhaus, der von 1939 bis 1942 der letzte Frankfurter Rabbiner gewesen war und den Holocaust im Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hatte.
In den folgenden Jahren wanderten viele Mitglieder der neu gegründeten Jüdischen Kultusgemeinde, darunter auch Rabbiner Neuhaus, nach Amerika oder Palästina aus. Gleichzeitig kamen bis 1949 über 5000 Displaced Persons (DPs) aus Osteuropa nach Frankfurt. Diese ehemaligen KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter konnten oder wollten nicht in ihre Heimatländer zurückkehren und wurden von der amerikanischen Armee in einem DP-Lager in Frankfurt-Zeilsheim untergebracht. Einige von ihnen entschieden sich, in Frankfurt zu bleiben und bildeten den Kern der neuen jüdischen Gemeinde Frankfurts, die bis 1949 auf über 2000 Personen anwuchs.
Am 6. September 1950 erfolgte die feierliche Einweihung der wiederaufgebauten Synagoge. Ein Synagogenchor aus Paris bereicherte die Zeremonie, und der ehemalige Rabbiner der Westend-Synagoge, Georg Salzberger, der inzwischen in London lebte, hielt eine bewegende Ansprache, die den vielen nicht aus Frankfurt stammenden Juden einen Einblick in das reiche jüdische Leben Frankfurts vor dem Holocaust gab. Die Weiherede hielt Landes- und Gemeinderabbiner Wilhelm Weinberg, der als Nachfolger von Neuhaus nach Frankfurt gekommen war. Im Inneren der Synagoge war die frühere Pracht der Nüchternheit der fünfziger Jahre gewichen. Die Architekten des Wiederaufbaus waren Max Kemper und Werner Hebebrand; die Bauleitung hatte Hans Leistikow inne, der auch die neuen Glasfenster schuf. Viele Renovierungsmaßnahmen blieben provisorisch, da kurz nach Kriegsende die finanziellen Mittel in der stark zerstörten Stadt fehlten und kaum jemand an eine dauerhafte Zukunft der jüdischen Gemeinde in Frankfurt nach dem Holocaust glaubte.
Doch die Gemeinde wuchs und mit ihr der Wunsch nach einer vollständigen Wiederherstellung. Von 1988 bis 1994 erfolgte eine umfassende originalgetreue Restaurierung der Synagoge nach Plänen des Architekten Henryk Isenberg. Während der Arbeiten entdeckte man unter dem Putz und den Verschalungen des Nachkriegs-Wiederaufbaus unerwartet viel originale Bausubstanz. Dies führte zu der Entscheidung, eine historisch genauere Rekonstruktion des Bauwerks vorzunehmen, um seine ursprüngliche Pracht wiederherzustellen. Die Baukosten von 8,5 Millionen Mark wurden vom Bund, dem Land Hessen, der Stadt Frankfurt und der jüdischen Gemeinde gemeinsam getragen. Am 29. August 1994 wurden die Restaurierungsarbeiten feierlich abgeschlossen, und die Westend-Synagoge erstrahlte in neuem Glanz, als lebendiges Denkmal und blühendes Zentrum jüdischen Lebens in Frankfurt.
Häufig gestellte Fragen zur Westend-Synagoge
Die Geschichte der Westend-Synagoge wirft oft Fragen auf. Hier sind einige der am häufigsten gestellten:
Wann wurde die Westend-Synagoge ursprünglich gebaut?
Die Westend-Synagoge wurde in den Jahren 1908 bis 1910 erbaut und am 28. September 1910 feierlich eingeweiht. Sie war die vierte große Synagoge in Frankfurt und die erste außerhalb der historischen Stadtmauern.
Warum überstand die Westend-Synagoge die Novemberpogrome 1938?
Während der Novemberpogrome am 10. November 1938 wurde in der Westend-Synagoge Feuer gelegt. Doch anders als bei den meisten anderen Synagogen Frankfurts, die vollständig niederbrannten, löschte die herbeigeeilte Feuerwehr den Brand in der Westend-Synagoge aktiv, anstatt sich nur auf den Schutz der Nachbargebäude zu beschränken. Dies führte dazu, dass die Synagoge, wenn auch schwer beschädigt, als einziges der großen jüdischen Gotteshäuser Frankfurts erhalten blieb.
Wann wurde die Westend-Synagoge nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eingeweiht und umfassend restauriert?
Nach provisorischen Renovierungen wurde die Westend-Synagoge am 6. September 1950 wieder eingeweiht. Eine umfassende und originalgetreue Restaurierung erfolgte später von 1988 bis 1994, mit einem feierlichen Abschluss am 29. August 1994, bei dem das Gebäude in seiner ursprünglichen Pracht wiederhergestellt wurde.
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