01/10/2024
Die Frage nach der Authentizität religiöser Schriften ist tiefgründig und oft kontrovers, insbesondere wenn es um die islamische Sicht auf die Bibel geht. Viele Muslime behaupten, die Bibel sei im Laufe der Zeit verfälscht worden, was bei Nicht-Muslimen, die auf die Texttreue ihrer eigenen Schriften verweisen, oft auf Unverständnis stößt. Ziel dieses Artikels ist es, eine plausible und nachvollziehbare Erklärung aus islamischer Perspektive zu bieten, warum Muslime diese Ansicht vertreten, und dabei auch die grundlegenden Glaubensüberzeugungen des Islam anhand bedeutender Koranverse zu beleuchten.

Um die islamische Haltung zur Bibel zu verstehen, ist es wichtig, die Konzepte der göttlichen Offenbarung und ihrer Bewahrung im Islam zu kennen. Muslime glauben, dass Gott (Allah) im Laufe der Geschichte zahlreiche Propheten entsandt hat, um Seine Botschaft an die Menschheit zu übermitteln. Zu diesen Propheten gehören auch Moses, dem die Thora offenbart wurde, und Jesus, dem das Evangelium (Injil) herabgesandt wurde. Der Koran bestätigt dies ausdrücklich, wie in Sure 3, Vers 3, zu lesen ist: „Er hat die Schrift mit der Wahrheit auf dich herabgesandt als Bestätigung dessen, was (an Offenbarungsschriften) vor ihr da war. Er hat auch die Thora und das Evangelium herabgesandt.“ Aus islamischer Sicht waren die ursprünglichen Offenbarungen dieser Schriften – die ursprüngliche Thora und das ursprüngliche Evangelium – göttlich und fehlerlos.
Die islamische Sicht auf die Verfälschung der Bibel (Tahrif)
Wenn Muslime von der „Verfälschung“ der Bibel sprechen, meinen sie damit nicht unbedingt, dass der gesamte Text erfunden oder mutwillig von Grund auf gefälscht wurde. Vielmehr bezieht sich die islamische Lehre auf das Konzept des Tahrif. Dieses Konzept umfasst verschiedene Formen der Veränderung, die sich im Laufe der Zeit in den Texten eingeschlichen haben könnten:
- Textliche Verfälschung (Tahrif al-lafzi): Dies bezieht sich auf Änderungen am Wortlaut, das Hinzufügen, Entfernen oder Vertauschen von Wörtern und Sätzen. Dies könnte unbeabsichtigt durch Übertragungsfehler oder beabsichtigt durch menschliche Eingriffe geschehen sein.
- Sinnliche Verfälschung (Tahrif al-ma'nawi): Dies bedeutet, dass der ursprüngliche Wortlaut zwar beibehalten wurde, aber die Interpretation oder Auslegung des Textes von der ursprünglichen göttlichen Absicht abweicht.
Die Behauptung, dass die Bibel in ihrer heutigen Form nicht mehr die exakte Urschrift der göttlichen Offenbarung ist, resultiert aus einer Reihe von Argumenten, die von muslimischen Gelehrten vorgebracht werden:
- Diskrepanzen und Widersprüche: Muslime verweisen oft auf scheinbare Widersprüche innerhalb der biblischen Texte oder zwischen verschiedenen Manuskripten, die auf menschliche Bearbeitung und Übertragungsfehler hindeuten könnten.
- Fehlende Originale: Die ursprünglichen, von Gott offenbarten Schriften (die Tawrat und das Injil) existieren aus islamischer Sicht nicht mehr in ihrer reinen Form. Die heutigen Bibeln sind Sammlungen von Berichten, Briefen und Chroniken, die über Jahrhunderte von verschiedenen Autoren verfasst und gesammelt wurden, nicht eine einzige, direkt von Gott herabgesandte und in einem Zug vervollständigte Schrift.
- Historische Entwicklung des Kanons: Die Zusammenstellung des biblischen Kanons (die Sammlung der als inspiriert anerkannten Bücher) war ein langer Prozess, der von menschlichen Konzilen und Entscheidungen geprägt war. Dies steht im Gegensatz zur islamischen Auffassung des Korans, der als direktes Wort Gottes, das Muhammad offenbart und von seinen Gefährten akribisch bewahrt wurde, betrachtet wird.
- Prophezeiungen über Muhammad: Muslime glauben, dass die ursprünglichen Schriften Prophezeiungen über die Ankunft des Propheten Muhammad enthielten, die in den heutigen Texten entweder entfernt oder verändert wurden.
Die Entdeckung alter Schriftrollen, wie der Schriftrollen vom Toten Meer, die eine bemerkenswerte Texttreue zu heutigen biblischen Manuskripten aufweisen, wird von Muslimen nicht unbedingt als Beweis gegen die Idee der Verfälschung gesehen. Der Punkt ist nicht, dass die heutigen Bibeln nicht mit früheren Bibelmanuskripten übereinstimmen, sondern dass die früheren Manuskripte selbst bereits nicht mehr die ursprüngliche, reine göttliche Offenbarung (Tawrat oder Injil) darstellten. Es geht also um die Reinheit der Quelle, nicht nur um die Konsistenz der Kopien von bereits veränderten Texten.
Was die Behauptung angeht, dass es viele verschiedene Bibeln gäbe, während der Koran in seinem Original erhalten ist: Es stimmt, dass es zahlreiche Übersetzungen der Bibel gibt, aber auch verschiedene Kanonen (z.B. protestantischer, katholischer, orthodoxer Kanon), die sich im Umfang der enthaltenen Bücher unterscheiden. Auch innerhalb der hebräischen Bibel gibt es unterschiedliche Texttraditionen (Masoretischer Text, Septuaginta). Während der Inhalt der Hauptbücher in den meisten Bibeln in der Tat sehr ähnlich ist, sehen Muslime diese Varianten und die menschliche Kompilation als Indizien dafür, dass die Bibel nicht die gleiche Art von ununterbrochener, direkter göttlicher Überlieferung erfahren hat wie der Koran.
Der Koran wird als das letzte und umfassendste göttliche Buch betrachtet, das alle früheren Offenbarungen bestätigt, korrigiert und vervollständigt. Er ist das unzweifelhafte Wort Gottes, das durch den Propheten Muhammad übermittelt wurde und dessen Text seit seiner Offenbarung unverändert geblieben ist. Aus dieser Perspektive heraus ist die Annahme, dass frühere Schriften im Laufe der Zeit Veränderungen erfahren haben könnten, eine logische Konsequenz.
Die Kernüberzeugungen der Muslime: Ein Blick in Sure Al-Baqarah 2:285-286
Nachdem wir die islamische Perspektive zur Bibel beleuchtet haben, wenden wir uns den fundamentalen Glaubensüberzeugungen des Islam zu, die in den letzten beiden Versen der Sure Al-Baqarah (Die Kuh), den Versen 285 und 286, prägnant zusammengefasst sind. Diese Sure wurde in Medina offenbart und ist das längste Kapitel des Korans, das eine Vielzahl von Regeln, Glaubenslehren und fundamentalen islamischen Konzepten behandelt. Die Verse 2:285 und 2:286 sind besonders bedeutsam, da sie die Beziehung zwischen dem Gläubigen und Gott umreißen und eine Zusammenfassung der Hauptthemen des Kapitels bieten.

Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) betonte die Wichtigkeit dieser Verse, indem er sagte: "Wer die letzten beiden Verse von Sure Al-Baqarah in der Nacht rezitiert, dem wird sie (gegen jedes Übel genügen)." Sie gehören zu den am häufigsten rezitierten Versen im Koran.
Die Glaubensartikel im Islam
Der erste Teil des Verses 2:285 beginnt mit der Bestätigung des Glaubens:
„Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Herrn herabgesandt worden ist, ebenso die Gläubigen; sie alle glauben an Gott und an Seine Engel und an Seine Bücher und an Seine Gesandten. Wir machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten. Und sie sagen: "Wir hören und gehorchen. Gewähre uns Deine Vergebung, unser Herr, und zu Dir ist die Heimkehr.“
Hier werden die vier Kernartikel des islamischen Glaubens genannt, die die Grundlage für die Überzeugungen eines Muslims bilden:
- Glaube an Gott (Allah): Gott ist die oberste Autorität, der einzige Schöpfer und Versorger. Er hat keine Partner und ist einzig in Seiner Göttlichkeit (Tawhid). Jegliche Autorität leitet sich von Ihm ab. Der Glaube an Ihn bedeutet, an Seine Einzigartigkeit und Allmacht zu glauben.
- Glaube an Seine Engel: Engel sind Geschöpfe Gottes, die Seinen Befehlen gehorchen und verschiedene Aufgaben erfüllen. Der Glaube an Engel beinhaltet den Glauben an das Verborgene, an Realitäten, die außerhalb unserer menschlichen Wahrnehmung liegen.
- Glaube an Seine Bücher (Schriften): Muslime glauben an alle göttlichen Offenbarungen, die Gott den Propheten gesandt hat. Dazu gehören die Thora (Moses), das Evangelium (Jesus), die Psalmen (David) und der Koran (Muhammad). Der Glaube an die Schriften bedeutet, zu akzeptieren, dass Gott die Menschheit nicht ohne Rechtleitung gelassen hat.
- Glaube an Seine Gesandten (Propheten): Muslime glauben an alle Propheten Gottes, von Adam bis Muhammad. Es wird kein Unterschied zwischen ihnen gemacht, da sie alle dieselbe grundlegende Botschaft überbrachten: die Anbetung des Einen Gottes. Auch wenn die spezifischen Gesetze (Scharia) sich von Prophet zu Prophet unterschieden haben mögen, blieb die Essenz der Botschaft – der reine Monotheismus – stets dieselbe. Die Anhänger des Propheten Muhammad sind die Erben dieser fortgesetzten göttlichen Rechtleitung.
Gehorsam, Vergebung und Rechenschaftspflicht
Der Vers fährt fort mit der Haltung der Gläubigen: „Und sie sagen: "Wir hören und gehorchen. Gewähre uns Deine Vergebung, unser Herr, und zu Dir ist die Heimkehr.“ Dies unterstreicht die Haltung der Unterwerfung (Islam bedeutet „Hingabe an Gott“) und des Gehorsams gegenüber Gottes Willen. Nach der Annahme der Glaubensartikel drücken Muslime ihren Glauben durch gehorsames Handeln aus. Gleichzeitig erkennen sie ihre eigene Fehlbarkeit an und bitten Gott um Vergebung für ihre Mängel und Fehler, indem sie sagen: „Gewähre uns Vergebung.“
Die Aussage „und zu Dir ist die Heimkehr“ weist auf den zentralen Glaubensartikel des Jenseits und des Tages des Gerichts hin. Muslime glauben fest daran, dass sie am Ende ihres Lebens zu Gott zurückkehren und für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Dieser Glaube an die Rechenschaftspflicht prägt das Gewissen und Verhalten eines Gläubigen maßgeblich.
Der zweite Vers, 2:286, lindert Bedenken bezüglich der menschlichen Kapazität und betont Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit:
„Gott fordert von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten vermag. Ihr wird zuteil, was sie erworben hat, und über sie kommt, was sie sich zuschulden kommen lässt. Unser Herr, mache uns nicht zum Vorwurf, wenn wir (etwas) vergessen oder Fehler begehen. Unser Herr, und erlege uns keine Bürde auf, so wie Du sie jenen aufgebürdet hast, die vor uns waren. Unser Herr, und lade uns nichts auf, wofür wir keine Kraft haben. Und verzeihe uns und vergib uns und erbarme Dich unser. Du bist unser Beschützer. So hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen!’“
Dieser Vers ist eine große Erleichterung für die Gläubigen. Gott fordert von keiner Seele mehr, als sie tragen kann. Dies zeigt Gottes unendliche Güte, Zuneigung und Großzügigkeit gegenüber Seiner Schöpfung. Er ist sich der menschlichen Grenzen und Fähigkeiten voll bewusst und überfordert niemanden. Jede Person trägt die Verantwortung für ihre eigenen Taten: „Ihr wird zuteil, was sie erworben hat, und über sie kommt, was sie sich zuschulden kommen lässt.“ Dies bedeutet, dass niemand die Sünden eines anderen trägt und jeder für seine eigenen guten oder schlechten Taten belohnt oder bestraft wird.
Die abschließende Bitte der Gläubigen ist ein tiefes Bittgebet um Vergebung, Gnade und Schutz:
- „Unser Herr, mache uns nicht zum Vorwurf, wenn wir (etwas) vergessen oder Fehler begehen.“ – Eine Bitte um Vergebung für unabsichtliche Fehler.
- „Unser Herr, und erlege uns keine Bürde auf, so wie Du sie jenen aufgebürdet hast, die vor uns waren.“ – Eine Bitte um Erleichterung und Schutz vor übermäßigen Prüfungen, die frühere Gemeinschaften vielleicht erlebt haben.
- „Unser Herr, und lade uns nichts auf, wofür wir keine Kraft haben.“ – Eine weitere Bekräftigung der Bitte um Erleichterung und die Anerkennung der eigenen Schwäche.
- „Und verzeihe uns und vergib uns und erbarme Dich unser. Du bist unser Beschützer. So hilf uns gegen das Volk der Ungläubigen!’“ – Ein umfassendes Bittgebet um Gottes Barmherzigkeit, Vergebung, Schutz und Hilfe gegen diejenigen, die sich dem Glauben widersetzen.
Vergleich der Ansichten zur Schriftauthentizität
| Aspekt | Christliche/Jüdische Perspektive (vereinfacht) | Islamische Perspektive |
|---|---|---|
| Ursprung der Schriften | Direkte göttliche Inspiration an Propheten/Apostel; menschliche Schreiber unter göttlicher Führung. | Direkte göttliche Offenbarung (Tawrat, Injil, Zabur) an Propheten. |
| Authentizität/Bewahrung | Die Texte (Bibel) sind im Wesentlichen unverfälscht überliefert, trotz kleinerer Kopierfehler. Die Botschaft ist intakt. | Die ursprünglichen göttlichen Offenbarungen (Tawrat, Injil) wurden im Laufe der Zeit durch menschliche Eingriffe (Tahrif) verändert; der Koran ist die einzig vollständig bewahrte und letzte Offenbarung. |
| Heutige Texte | Die heutige Bibel ist die maßgebliche und vertrauenswürdige Form der göttlichen Offenbarung. | Die heutige Bibel enthält zwar noch Teile der ursprünglichen Wahrheit, ist aber nicht mehr die reine, göttlich offenbarte Tawrat oder Injil. Der Koran korrigiert und bestätigt Teile davon. |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Was bedeutet „Tahrif“ im islamischen Kontext?
- „Tahrif“ bezieht sich auf die islamische Lehre, dass die ursprünglichen göttlichen Offenbarungen (wie die Thora und das Evangelium) im Laufe der Zeit textlich oder sinnbildlich verändert, verfälscht oder fehlerhaft überliefert wurden, sodass sie nicht mehr ihre ursprüngliche Reinheit besitzen.
- Glauben Muslime an Jesus?
- Ja, Muslime glauben an Jesus (Isa im Arabischen) als einen der wichtigsten Propheten Gottes. Sie verehren ihn als Messias und ein Wort Gottes, lehnen jedoch die Vorstellung ab, dass er Gottes Sohn ist oder gekreuzigt wurde, wie es im Christentum gelehrt wird. Stattdessen glauben sie, dass er in den Himmel erhoben wurde und vor dem Jüngsten Tag zurückkehren wird.
- Warum ist der Koran die letzte Offenbarung?
- Muslime glauben, dass der Koran die letzte und umfassendste göttliche Offenbarung ist, die alle früheren Botschaften bestätigt, korrigiert und vervollständigt. Er wurde über den Propheten Muhammad offenbart, um die Menschheit bis zum Ende der Zeit zu führen, und wird als das unversehrte Wort Gottes betrachtet, das seit seiner Offenbarung unverändert geblieben ist.
- Gibt es im Islam nur eine Bibel?
- Aus islamischer Sicht existiert die „Bibel“ als eine Sammlung von Büchern nicht in der gleichen Weise wie der Koran als eine einzige, direkt von Gott offenbarte Schrift. Die ursprünglichen Schriften, die Tawrat und das Injil, wurden als göttliche Offenbarungen an Moses und Jesus herabgesandt. Die heute bekannten Bibeln werden von Muslimen als menschlich kompilierte und im Laufe der Zeit veränderte Texte betrachtet, die nicht mehr die reine, ursprüngliche Offenbarung darstellen. Es gibt also keine „islamische Bibel“.
- Warum sind die Verse 2:285 und 2:286 der Sure Al-Baqarah so wichtig?
- Diese beiden Verse sind von großer Bedeutung, da sie die grundlegenden Glaubensartikel des Islam zusammenfassen und die Haltung der Gläubigen gegenüber Gott beschreiben. Sie betonen den Glauben an Gott, Seine Engel, Bücher und Gesandten, sowie die Konzepte des Gehorsams, der Vergebung, der individuellen Rechenschaftspflicht und Gottes unendlicher Barmherzigkeit, die Gläubige nicht überfordert. Sie dienen als eine Art Glaubensbekenntnis und Bittgebet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die muslimische Ansicht, die Bibel sei verfälscht, nicht bedeutet, dass sie vollständig erfunden wurde. Vielmehr basiert sie auf der Überzeugung, dass die ursprünglichen göttlichen Offenbarungen an Moses und Jesus im Laufe der Jahrhunderte menschlichen Veränderungen unterlagen, während der Koran als die letzte und vollständig bewahrte Offenbarung Gottes angesehen wird. Diese Perspektive ist tief in der islamischen Theologie verwurzelt und eng mit den Kernüberzeugungen des Glaubens verbunden, wie sie in den mächtigen Versen der Sure Al-Baqarah zum Ausdruck kommen. Sie beleuchten die Demut des Muslims, seine Hingabe an Gott und das tiefe Vertrauen in Seine unendliche Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.
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