22/02/2022
Der Apostel Paulus, eine der zentralsten Figuren des Neuen Testaments, prägte einen Ausdruck, der in seinen Schriften dreimal vorkommt und bis heute fasziniert: „mein Evangelium“ (Röm. 2,16; 16,25; 2. Tim. 2,8). Was meinte Paulus, wenn er so persönlich von seinem Evangelium sprach? Handelte es sich um eine Botschaft, die sich von der der anderen Apostel unterschied? Oder verbarg sich dahinter eine tiefere, umfassendere Offenbarung, die ihm in besonderer Weise anvertraut wurde? Diese Fragen führen uns zum Kern des sogenannten „Evangeliums der Herrlichkeit“, einer Botschaft, die nicht nur die Fundamente des Glaubens neu legte, sondern auch das Verständnis von Gottes ewigem Ratschluss in Christus auf eine Weise enthüllte, wie es zuvor nicht geschehen war.

Paulus war in vielerlei Hinsicht ein einzigartiger Apostel. Er bezeichnete sich selbst als „Diener des Evangeliums und Diener der Gemeinde, um das Wort Gottes zu vollenden“ (Kol. 1,23-25). Dies mag auf den ersten Blick überraschen, da er nicht der letzte Schreiber des Neuen Testaments war. Doch die „Vollendung des Wortes Gottes“ durch Paulus bezieht sich nicht auf eine chronologische Abfolge der Schriften, sondern auf die qualitative Vollständigkeit der Offenbarung. Durch ihn offenbarte Gott Seinen ganzen Ratschluss, Sein Herz, in einer Weise, die keine höhere oder umfassendere Offenbarung mehr zuließ. Alles, was wir in Christus haben und sind, wurde durch Paulus in seiner tiefsten Dimension enthüllt.
- Die Einzigartigkeit des paulinischen Evangeliums
- Das „Evangelium der Herrlichkeit“ im Vergleich
- Die praktische Bedeutung für den Gläubigen heute
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Ist das Evangelium des Paulus ein anderes Evangelium als das der anderen Apostel?
- Was bedeutet „vollenden das Wort Gottes“ in Kolosser 1,25?
- Warum wird es „Evangelium der Herrlichkeit“ genannt?
- Welche Rolle spielen die Leiden des Paulus in Bezug auf sein Evangelium?
- Wie kann ich dieses Evangelium in meinem Leben erfahren?
Die Einzigartigkeit des paulinischen Evangeliums
Die Gründe, warum Paulus von „seinem Evangelium“ sprach und warum dieses eine so besondere Stellung einnimmt, sind vielfältig und tiefgründig:
1. Die radikale Botschaft von der Sündhaftigkeit aller Menschen
Paulus verkündete wie kein anderer Apostel die unmissverständliche Wahrheit, dass alle Menschen ohne Unterschied – ob Jude oder Heide, fromm oder gesunken, religiös oder gottlos, hoch oder niedrig – ausnahmslos verlorene Sünder sind (Röm. 3). Sein Evangelium ignorierte und untergrub aufs Gründlichste alle Vorzüge, die der natürliche Mensch vor Gott beanspruchen mochte. Es gab keine nationalen Privilegien, wie sie die Juden für sich in Anspruch nahmen. Vielmehr wurde erklärt, dass alle Nachkommen des ersten Adams Sünder sind und es einzig darauf ankommt, wie man sich zum letzten Adam, dem zweiten Menschen vom Himmel, Jesus Christus, verhält.
Diese radikale Gleichstellung aller Menschen vor Gott erregte besonders den Zorn der Juden (vgl. 1. Thess. 2,14-16), da sie ihre auserwählte Stellung und ihre Gesetzesfrömmigkeit als Heilsgrundlage sahen. Doch auch heute noch stößt diese Botschaft auf Widerstand bei jenen, die auf ihren Stand, ihre Bildung, Weisheit oder Frömmigkeit pochen. Paulus betonte unmissverständlich: „Damit sich kein Fleisch vor Gott rühme“ (1. Kor. 1,29). Der Mensch hat nichts Eigenes, worauf er sich vor Gott berufen könnte. „Wer sich aber rühme, der rühme sich des HERRN“ (1. Kor. 1,31). Nur Christus, der HERR, hat einen Platz vor Gott. Zu erkennen, dass wir von Natur aus bankrotte Sünder sind, aber in Christus alles sind und besitzen, ist der Kern dieser Botschaft.
2. Die Entfaltung der ewigen Ratschlüsse Gottes
Das Evangelium des Paulus ist untrennbar mit den ewigen Ratschlüssen Gottes verbunden, die Er in Christus vor Grundlegung der Welt gefasst hat. Dies ist der Grund, warum Paulus schreiben konnte, dass durch ihn das Wort Gottes vollendet wurde (Kol. 1,25). Es bedeutet, dass Gott Sein ganzes Herz durch Jesus Christus ausgeschüttet hat, sodass wir in Ihm alles haben. Unsere Befestigung geschieht nicht durch das, was wir tun können, sondern allein durch das, was Christus getan hat und was Er ist. Diese umfassende Offenbarung der ewigen Ratschlüsse Gottes, die in der Herrlichkeit Gottes münden, ist ein Markenzeichen des paulinischen Evangeliums.
3. Die unvergleichlichen Leiden des Apostels
Kein anderer Apostel spricht so klar über die Nichtigkeit des Menschen und so tief über die ewigen Ratschlüsse Gottes wie Paulus. Und keiner hatte gelernt, so zu leiden wie er (den Herrn Jesus ausgenommen). Die Apostelgeschichte zeigt deutlich, wie Paulus wie ein gehetztes Wild von Ort zu Ort gejagt wurde, nirgends seines Lebens sicher war und besonders dem Hass der Juden ausgesetzt war. Diese einzigartigen Leiden waren untrennbar mit seinem Evangelium verbunden, denn die Botschaft, die er verkündete, stieß auf heftigen Widerstand, da sie menschliche Vorrechte und religiöse Eitelkeiten zerschlug.
Gerade durch seine Leiden konnte Paulus jedoch mit Recht sagen: „Seid meine Nachahmer, gleichwie auch ich Christi“ (1. Kor. 11,1). Seine Lebensführung, sein Dienst und sein Leiden waren ein lebendiges Zeugnis der Botschaft, die er verkündete. Er war der Christo ähnlichste Mensch. In Zeiten, in denen Leiden oft gemieden wird, erinnert uns Paulus an die tiefe Verbindung zwischen dem Evangelium der Herrlichkeit und dem Weg des Leidens.
Das „Evangelium der Herrlichkeit“ im Vergleich
Es ist wichtig zu verstehen, dass Paulus kein „anderes“ Evangelium im Sinne einer fundamental abweichenden Botschaft verkündete. Der Kern jeder guten Botschaft Gottes war und ist Christus und Sein vollbrachtes Werk. Doch die Schrift offenbart unterschiedliche Aspekte und Phasen des Evangeliums, je nachdem, in welcher Beziehung Gott Sich offenbart und welche Segensbestimmungen Er enthüllt. Das Wort spricht vom „Evangelium des Reiches“, dem „Evangelium der Errettung“ und eben dem „Evangelium der Herrlichkeit“.
Man könnte das Evangelium mit einer Rose vergleichen: Der Herr Jesus verkündete eine Knospe (das Evangelium des Reiches), die Jünger nach Seiner Auferstehung sahen eine sich entfaltende Knospe (das Evangelium der Errettung), aber Paulus enthüllte die voll aufgeblühte Rose (das Evangelium der Herrlichkeit), die den ganzen Reichtum und die Schönheit Gottes in Christus offenbart.
| Aspekt des Evangeliums | Evangelium des Reiches | Evangelium der Errettung | Evangelium der Herrlichkeit |
|---|---|---|---|
| Verkündigt durch | Jesus Christus (während Seines Dienstes auf Erden) | Die Apostel (nach Christi Auferstehung und Himmelfahrt) | Apostel Paulus (durch besondere Offenbarung) |
| Hauptfokus | Annahme des Reiches Gottes durch Israel, Segnungen auf Erden | Errettung aus der Macht des Feindes, Vergebung der Sünden, Einheit der Gläubigen (noch ohne das „Geheimnis“ der Gemeinde) | Der ganze Ratschluß Gottes, die Vereinigung der Gemeinde mit Christus in der Herrlichkeit, eine neue Schöpfung |
| Empfänger | Vorrangig Israel | Juden und später auch Heiden | Juden und Nationen ohne Unterschied |
| Umfang der Offenbarung | Begrenzt auf die Ankunft des Königs und Seines Reiches | Erweiterung auf die universelle Errettung durch Glauben | Umfassende Enthüllung des „Geheimnisses“ der Gemeinde als Leib Christi, die himmlische Berufung und Stellung in Christus |
| Resultat für Gläubige | Erwartung irdischer Segnungen im Reich | Errettetsein, Gemeinschaft der Gläubigen | Erkenntnis der Stellung in Christus in der Herrlichkeit, Freiheit von Gesetz und menschlichen Vorrechten, Leben in der himmlischen Berufung |
Das von Paulus verkündete Evangelium umfasst nicht nur alles bisher Offenbarte, sondern erweitert sich zur Verkündigung der wunderbaren Verbindung der Gemeinde mit Christus in der Herrlichkeit. Es ist das „Evangelium der Herrlichkeit“, dessen Zentrum Christus, der Sohn Gottes, als Haupt einer neuen Schöpfung ist. Es offenbart den „ganzen Ratschluß“ Gottes (Apg. 20,27). Die „Zwischenwand der Umzäunung“ zwischen Israel und den Nationen wurde durch dieses Evangelium abgebrochen (Eph. 2,11-22), und es wurde Paulus gegeben, diesen umfassenden Plan Gottes zu enthüllen.
Die praktische Bedeutung für den Gläubigen heute
Das Evangelium der Herrlichkeit ist nicht nur eine theologische Abhandlung, sondern hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben jedes Gläubigen. Es lehrt uns, dass wir:
- Vollständig in Christus sind: Wir sind nicht auf unsere eigene Frömmigkeit, unsere Werke oder unseren Stand angewiesen. In Christus haben wir alles, was wir für ein gottgefälliges Leben brauchen.
- Zur Herrlichkeit berufen sind: Unser Ziel ist nicht primär auf irdische Segnungen beschränkt, sondern wir sind mit Christus in den himmlischen Örtern gesetzt. Wir schauen die Herrlichkeit des Herrn und werden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit in Sein Bild verwandelt (2. Kor. 3,18).
- Teil einer neuen Schöpfung sind: In Christus sind wir ein neuer Mensch, weder Jude noch Grieche, sondern ein Glied Seines Leibes, der Gemeinde.
- Befestigt werden durch das vollbrachte Werk Christi: Unser Glaube ruht nicht auf dem, was wir tun, sondern auf dem, was Christus am Kreuz und in Seiner Auferstehung vollbracht hat.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist das Evangelium des Paulus ein anderes Evangelium als das der anderen Apostel?
Nein, in seinen Grundzügen ist es dasselbe Evangelium. Der Inhalt ist immer Christus. Paulus selbst wandte sich stets zuerst an die Juden und verkündete ihnen im Grunde dasselbe wie den Nationen. Hätte er ein grundlegend anderes Evangelium gepredigt, hätten ihn die anderen Apostel nicht anerkannt (vgl. Gal. 1 und 2; Apg. 15). Das paulinische Evangelium ist jedoch umfassender und enthüllt die Geheimnisse Gottes, die den anderen Aposteln noch nicht in dieser Fülle offenbart waren. Es ist die „voll aufgeblühte Rose“ desselben Evangeliums.
Was bedeutet „vollenden das Wort Gottes“ in Kolosser 1,25?
Dieser Ausdruck bezieht sich nicht darauf, dass Paulus der letzte Schreiber der Bibel war, sondern darauf, dass er die Offenbarung Gottes in Bezug auf Sein ewiges Vorhaben in Christus und die Kirche als Seinen Leib zu ihrem Höhepunkt und ihrer vollen Entfaltung brachte. Es gab keine weiteren, höheren Offenbarungen mehr über diesen umfassenden Plan Gottes.
Warum wird es „Evangelium der Herrlichkeit“ genannt?
Es wird so genannt, weil es die glorreiche Stellung des Gläubigen in Christus offenbart und die Verbindung der Gemeinde mit Christus in der Herrlichkeit betont. Es geht über die bloße Errettung hinaus und führt uns in die Erkenntnis von Gottes ewigem Ratschluss, der auf die Herrlichkeit Christi und Seiner Gemeinde abzielt.
Welche Rolle spielen die Leiden des Paulus in Bezug auf sein Evangelium?
Die einzigartigen Leiden des Paulus waren ein direktes Ergebnis der radikalen Natur seines Evangeliums. Es stieß auf Ablehnung, weil es menschliche Vorrechte und religiöse Selbstgerechtigkeit zerschlug. Seine Leiden waren ein Zeugnis für die Kraft und Wahrheit der Botschaft, die er trug, und machten ihn zu einem Nachahmer Christi in Seinem Leiden, was seiner Botschaft Authentizität verlieh und die Tiefe der Offenbarung widerspiegelte.
Wie kann ich dieses Evangelium in meinem Leben erfahren?
Indem Sie die Wahrheit erkennen, dass Sie von Natur aus ein verlorener Sünder sind und nichts haben, worauf Sie sich vor Gott rühmen könnten. Akzeptieren Sie, dass Ihr Heil allein auf dem vollbrachten Werk Christi beruht. Studieren Sie die Briefe des Paulus, um die Fülle der Offenbarung über Ihre Identität in Christus, die himmlische Berufung und die Geheimnisse der Gemeinde zu verstehen. Lassen Sie sich von diesen Wahrheiten befestigen und leben Sie in der Freiheit und Herrlichkeit, die Ihnen in Christus geschenkt wurde.
Das Evangelium der Herrlichkeit, wie es Paulus verkündete, ist eine unvergleichliche Gabe Gottes an die Menschheit. Es enthüllt nicht nur den Weg zur Errettung, sondern auch den tiefen und ewigen Ratschluss Gottes, der uns in Christus zu einer neuen Schöpfung gemacht hat. Mögen wir alle diese Botschaft in ihrer ganzen Tiefe erfassen und uns von ihr verwandeln lassen, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Herrn, den Geist!
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