31/08/2023
Der Missionsbefehl, oft als die Große Kommission bezeichnet, ist ein zentraler Text im Neuen Testament, der die Grundlage für das Verständnis der christlichen Mission bildet. Er ist nicht nur eine Anweisung an die ersten Jünger, sondern ein fortwährender Aufruf an alle Gläubigen durch die Geschichte hindurch. Doch was genau besagt dieser Befehl, und welche Nuancen verbergen sich hinter seinen scheinbar einfachen Worten? Tauchen wir ein in die Tiefen dieses bedeutsamen Textes und seiner historischen sowie theologischen Implikationen.

Der Missionsbefehl, wie er im Matthäusevangelium überliefert ist (Mt 28,16–20 EU), stellt den Höhepunkt von Jesu Wirken auf Erden dar. Nach seiner Auferstehung erscheint Jesus seinen elf Jüngern in Galiläa auf einem zuvor von ihm bestimmten Berg. Diese Begegnung ist von tiefgreifender Bedeutung und markiert den Übergang von Jesu irdischem Dienst zu einer weltweiten Bewegung. Die Jünger, die ihn sahen, fielen vor ihm nieder – ein Zeichen der Anbetung und Anerkennung seiner göttlichen Natur und Vollmacht. Interessanterweise wird erwähnt, dass einige von ihnen Zweifel hatten. Dies verleiht der Erzählung eine menschliche Dimension und zeigt, dass selbst jene, die Jesus am nächsten standen, mit Unsicherheiten rangen. Doch Jesus begegnet diesen Zweifeln nicht mit Tadel, sondern mit einer unmissverständlichen Erklärung seiner universellen Autorität: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde.“ Diese Aussage ist entscheidend, denn sie legitimiert den anschließenden Auftrag und macht deutlich, dass die folgenden Anweisungen nicht aus menschlicher Autorität, sondern aus göttlicher Souveränität stammen.
Der Inhalt des Missionsbefehls: Ein dreifacher Auftrag
Der Kern des Missionsbefehls lässt sich in drei wesentliche Aufträge unterteilen, die untrennbar miteinander verbunden sind:
- Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern: Dies ist der übergeordnete Imperativ. Er betont die universelle Reichweite der Botschaft – nicht nur auf Israel beschränkt, sondern auf alle Ethnien und Kulturen ausgeweitet. Das „Zu-Jünger-Machen“ ist der zentrale Prozess, der über bloßes Bekehrung hinausgeht. Es impliziert eine umfassende Verwandlung und Nachfolge, die das gesamte Leben eines Menschen betrifft.
- Taufe sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes: Die Taufe ist das sichtbare Zeichen der Aufnahme in die Gemeinschaft der Jünger und der Identifikation mit Christus. Die trinitarische Formel betont die Einheit und das Wesen Gottes, wie es im christlichen Glauben verstanden wird. Sie ist ein öffentliches Bekenntnis zum Glauben an den dreieinigen Gott.
- Lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe: Dieser Auftrag unterstreicht die Notwendigkeit der Lehre und der fortwährenden Jüngerschaft. Es geht nicht nur darum, Menschen zu taufen, sondern sie auch in den Geboten und Prinzipien Jesu zu unterweisen, sodass sie diese in ihrem Leben umsetzen können. Dies ist ein lebenslanger Prozess des Lernens und Wachsens im Glauben.
Der Missionsbefehl endet mit einer kraftvollen Zusicherung Jesu: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Diese Verheißung ist von unschätzbarem Wert für alle, die sich dem Missionsauftrag widmen. Sie garantiert die ständige Gegenwart und Unterstützung Christi, selbst in den größten Herausforderungen und Schwierigkeiten. Es ist die Gewissheit, dass die Mission nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Kraft und Gegenwart Jesu Christi gelingt.
Parallelstellen im Neuen Testament
Der Missionsbefehl findet sich nicht nur bei Matthäus, sondern wird auch in anderen neutestamentlichen Schriften in unterschiedlicher Form überliefert. Diese Parallelstellen ergänzen und erweitern unser Verständnis des Auftrags:
- Markus 16,15–18 EU: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ Hier liegt der Fokus auf der Verkündigung des Evangeliums, begleitet von Zeichen wie Dämonenaustreibungen, Zungenreden und Heilungen.
- Lukas 24,47–49 EU: „und in seinem Namen sollen Umkehr und Vergebung der Sünden allen Völkern verkündet werden, angefangen in Jerusalem.“ Lukas betont die Botschaft der Umkehr und Sündenvergebung und die Notwendigkeit, mit Kraft aus der Höhe ausgerüstet zu werden (Heiliger Geist).
- Johannes 20,21 EU: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Johannes hebt die Sendung der Jünger im Sinne einer direkten Fortsetzung von Jesu eigener Sendung hervor, verbunden mit der Gabe des Heiligen Geistes.
- Apostelgeschichte 1,4–8 EU: Hier spricht Jesus über die kommende Kraft des Heiligen Geistes, die die Jünger befähigen wird, seine Zeugen in Jerusalem, Judäa, Samaria und bis an die Enden der Erde zu sein. Dies ist der Auftakt zur Ausbreitung der frühen Kirche.
Diese Parallelstellen zeigen, dass der Grundgedanke der Mission und weltweiten Zeugenschaft ein fester Bestandteil der frühen christlichen Überlieferung war, auch wenn die Formulierungen variieren. Sie alle unterstreichen die universelle Natur des Evangeliums und den Auftrag, es in die ganze Welt zu tragen.
Sprache und Verständnisse: Die Nuancen des Koine-Griechischen
Der Text des Missionsbefehls liegt in einer Form des Altgriechischen, der Koine, vor, die für das Verständnis der genauen Bedeutung entscheidend ist. Die Tätigkeit „machet zu Jüngern“ (μαθητεύσατε, matheteusate) ist als Imperativ Aorist formuliert, was einen umfassenden, einmaligen Befehl darstellt, der ein Ergebnis anstrebt. Die übrigen drei Handlungen – „gehend“ (πορευθέντες, poreuthentes), „taufend“ (βαπτίζοντες, baptizontes) und „lehrend“ (διδάσκοντες, didaskontes) – sind als Partizipien formuliert. Diese sprachliche Konstruktion lässt unterschiedliche Verständnisse zu:
- Hingehen als Voraussetzung: Das Gehen ist die notwendige Voraussetzung für das Zu-Jünger-Machen, wobei Taufen und Lehren als der Vollzug des „Zu-Jünger-Machens“ verstanden werden.
- Taufen und Lehren als Konkretisierung: Eine andere Lesart sieht Taufen und Lehren als nähere Bestimmungen oder Konkretisierungen von „Hingehen und Zu-Jüngern-Machen“. Sie beschreiben, wie das Jünger-Machen geschieht.
Diese sprachliche Feinheit hat theologische Debatten ausgelöst, insbesondere im Hinblick auf die Reihenfolge und Bedeutung von Taufe und Lehre. Es ist klar, dass das Lehren sowohl vor als auch nach der Taufe stattfindet. In der ersten Generation von getauften Erwachsenen, um die es hier primär geht, begann die Lehre notwendigerweise vor der Taufe, um den Glauben zu vermitteln, der zur Taufe führt, und setzte sich danach fort, um die neuen Jünger in ihrem Glauben zu festigen und zu erziehen.
Textgeschichtliche Betrachtungen: Die Entwicklung eines kanonischen Textes
Der Missionsbefehl steht in der Tradition der jüdischen und alttestamentlichen Aussendungserzählungen, die typischerweise eine erzählende Einleitung, eine Feststellung der Vollmacht des Sendenden, den eigentlichen Auftrag und eine Zusicherung der göttlichen Begleitung umfassen. Die Verwandtschaft mit den Parallelstellen in Lukas und Johannes weist auf eine gemeinsame Tradition hin, die den Kern dieses Auftrags schon früh in der christlichen Gemeinde verankert hat.
Einige Details im Matthäus-Text geben Anlass zu textgeschichtlichen Überlegungen. Die Angabe „auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte“ erscheint, da Matthäus zuvor nichts von einer solchen Anweisung erwähnt, als ein Detail, das möglicherweise aus einer gemeinsamen Tradition stammt. Ähnlich verhält es sich mit dem Zusatz „Einige aber hatten Zweifel“. Obwohl Zweifel zu den wesentlichen Auferstehungsüberlieferungen zählen und die menschliche Reaktion auf das Übernatürliche authentisch widerspiegeln, erscheint diese Bemerkung hier in ihrem Kontext etwas unvermittelt.
Die sprachliche Unklarheit bezüglich der zeitlichen Zuordnung von Taufe und Lehre hat manche Autoren zu der Vermutung geführt, dass der Taufbefehl erst nachträglich in den umgebenden Text eingefügt worden sein könnte. Diese Hypothese basiert auf der Beobachtung, dass die Taufe ein einmaliger Akt ist, während das Lehren ein fortwährender Prozess ist, der vor und nach der Taufe stattfindet. Dies würde bedeuten, dass der Anfang und der Schluss des Textes, möglicherweise ohne den Zusatz „bis an der Welt Ende“, die ursprüngliche Form der Erzählung darstellten, die Matthäus vorlag. Wann der Mittelteil mit dem eigentlichen Sendungsauftrag hinzukam, ist unklar. Es ist denkbar, dass er, zumindest teilweise, erst von Matthäus gestaltet wurde und einem Rückblick auf die bereits beobachtete Missionstätigkeit entspringt. Schließlich hatten Missionare wie Barnabas und Paulus bereits vor der Niederschrift des Matthäus-Evangeliums außerhalb Israels und Judäas missioniert.
Die trinitarische Taufformel: Eine historische Debatte
Eine weitere wichtige textgeschichtliche Diskussion betrifft die trinitarische Taufformel („auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“). Eusebius von Cäsarea, ein Kirchenhistoriker des 4. Jahrhunderts, überlieferte eine Variante, die nur auf „in meinem Namen“ lautet. Einige Autoren haben diese kürzere Fassung als die ältere Version angesehen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Eusebius selbst das Wort „taufen“ in diesem Kontext nie verwendet.
Andererseits überliefern die Didache (eine frühchristliche Schrift aus dem 1. Jahrhundert), Irenäus von Lyon (2. Jahrhundert) und Tertullian (3. Jahrhundert) – sowie alle bisher bekannten Handschriften der Matthäus-Stelle – bereits die trinitarische Formel. Dies spricht stark dafür, dass die trinitarische Formulierung bereits sehr früh in der christlichen Kirche etabliert war. Einzelne nichttrinitarische Theologen vertreten zwar die Ansicht, der Text sei eine Einschiebung aus dem 4. Jahrhundert, doch wird diese Hypothese von der wissenschaftlichen Textkritik durchweg abgelehnt. Stattdessen gilt das Christentum als eine Religion, die sich von Anfang an als missionarisch versteht und die trinitarische Taufformel als integralen Bestandteil ihres Glaubens und ihrer Praxis ansah.

Rezeption und Bedeutung: Ein Auftrag für alle Zeiten
Der Missionsbefehl hat die Geschichte des Christentums maßgeblich geprägt. Er ist die theologische Grundlage für alle missionarischen Aktivitäten, von der frühen Ausbreitung des Evangeliums durch die Apostel bis hin zu den weltweiten Missionsbewegungen der Neuzeit. Er erinnert die Kirche daran, dass ihr Auftrag nicht nur die Pflege der eigenen Gemeinschaft ist, sondern auch die Verbreitung der Botschaft Jesu an alle Menschen.
Die Rezeption des Missionsbefehls hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt. Während er in einigen Epochen als Legitimation für Kolonialisierung und Zwangskonversion missbraucht wurde, wird er heute überwiegend als Aufruf zur liebevollen Weitergabe des Evangeliums, zum Dienst an den Bedürftigen und zur Bildung von Gemeinschaften der Nachfolge verstanden. Er fordert Gläubige auf, in Wort und Tat Zeugnis abzulegen, kulturelle Barrieren zu überwinden und Menschen in eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus zu führen.
Vergleichstabelle der Missionsbefehl-Passagen
| Evangelium/Buch | Zentrale Aussage des Missionsauftrags | Besonderheiten und Fokus |
|---|---|---|
| Matthäus 28,16–20 | „Geht zu allen Völtern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie ... und lehrt sie ...“ | Universalität, Jünger-Machen, trinitarische Taufe, Lehre, Zusicherung der Gegenwart Jesu. |
| Markus 16,15–18 | „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ | Evangeliumsverkündigung, begleitende Zeichen (Heilungen, Zungenreden, Dämonenaustreibungen). |
| Lukas 24,47–49 | „...in seinem Namen sollen Umkehr und Vergebung der Sünden allen Völkern verkündet werden, angefangen in Jerusalem.“ | Botschaft der Umkehr und Sündenvergebung, Beginn in Jerusalem, Erwartung der Kraft des Heiligen Geistes. |
| Johannes 20,21 | „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ | Sendung als Fortsetzung der Sendung Jesu, verbunden mit der Gabe des Heiligen Geistes. |
| Apostelgeschichte 1,4–8 | „Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis an die Enden der Erde.“ | Fokus auf die Befähigung durch den Heiligen Geist, geographische Ausbreitung der Zeugenschaft. |
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Missionsbefehl
Der Missionsbefehl wirft viele Fragen auf, die für das Verständnis seiner Bedeutung und Anwendung wichtig sind.
Was bedeutet „alle Völker“ im Kontext des Missionsbefehls?
„Alle Völker“ (griechisch: πάντα τὰ ἔθνη, panta ta ethnē) bedeutet wörtlich „alle Ethnien“ oder „alle Nationen“. Es ist ein Aufruf zur weltweiten Mission, der keine geografischen oder kulturellen Grenzen kennt. Es geht darum, das Evangelium jeder Menschengruppe auf der Erde zugänglich zu machen.
Ist der Missionsbefehl nur für Geistliche oder bestimmte Missionare gedacht?
Obwohl der Befehl ursprünglich an die elf Apostel gerichtet war, wird er theologisch als ein Auftrag an die gesamte Kirche verstanden. Jeder Gläubige ist aufgerufen, auf seine Weise ein Zeuge Jesu zu sein, sei es durch direkte Verkündigung, durch den Dienst am Nächsten oder durch das Leben eines christlichen Vorbildes in seinem Alltag. Die Art der Beteiligung kann variieren, aber die Verantwortung zur Weitergabe des Evangeliums gilt für alle.
Warum ist die Taufe so wichtig im Missionsbefehl?
Die Taufe ist ein sakramentales Zeichen der Umkehr, des Glaubens und der Zugehörigkeit zu Christus und seiner Gemeinde. Sie symbolisiert die Reinigung von Sünden, den Tod mit Christus und die Auferstehung zu einem neuen Leben. Im Missionsbefehl ist sie der sichtbare Akt der Aufnahme in die Jüngerschaft und ein öffentliches Bekenntnis zum dreieinigen Gott.
Was bedeutet die Zusicherung „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“?
Diese Zusicherung betont Jesu ständige Gegenwart und Unterstützung für seine Jünger und die Kirche. Sie ist eine Ermutigung und eine Quelle der Kraft für alle, die sich dem Missionsauftrag widmen. Sie bedeutet, dass die Mission nicht aus menschlicher Kraft geschieht, sondern durch die treue und allmächtige Begleitung Christi ermöglicht wird, der seine Kirche bis zum Abschluss seines Heilsplans begleitet.
Was ist der Unterschied zwischen „Jünger machen“ und „lehren“ im Missionsbefehl?
„Jünger machen“ (μαθητεύσατε) ist der umfassende Hauptauftrag, der das gesamte Spektrum der Jüngerschaft umfasst. Es geht darum, Menschen in eine Beziehung zu Jesus zu führen, die ihr ganzes Leben prägt. „Lehren“ (διδάσκοντες) ist eine der wesentlichen Methoden, wie das Jünger-Machen geschieht. Es beinhaltet die Vermittlung von Jesu Geboten und Lehren, um die Jünger in ihrem Glauben zu festigen und sie zu befähigen, als Nachfolger Jesu zu leben und wiederum andere zu lehren.
Schlussfolgerung: Ein Auftrag für alle Zeiten
Der Missionsbefehl ist mehr als nur ein historischer Text; er ist ein lebendiger Auftrag, der die Kirche durch alle Generationen hindurch antreibt. Er ruft dazu auf, die Botschaft von Jesus Christus in die Welt zu tragen, Menschen in die Nachfolge einzuladen, sie durch die Taufe in die Gemeinschaft aufzunehmen und sie in den Wegen Gottes zu unterweisen. Die sprachlichen Feinheiten und textgeschichtlichen Diskussionen bereichern unser Verständnis, ändern aber nichts an der grundlegenden Botschaft: Jesus hat alle Macht, und er sendet seine Jünger aus, um diese Botschaft bis an die Enden der Erde zu tragen, mit der unerschütterlichen Zusage seiner immerwährenden Gegenwart.
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