Wann wurde das Johannes-Evangelium geschrieben?

Das Johannes-Evangelium: Wann entstand es?

05/04/2022

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Das Johannes-Evangelium, oft als das tiefgründigste und theologisch reichste der vier kanonischen Evangelien bezeichnet, fasziniert seit Jahrhunderten Theologen, Historiker und Gläubige gleichermaßen. Eine der am häufigsten gestellten Fragen betrifft seine Entstehungszeit: Wann wurde dieses einzigartige Zeugnis über das Leben und Wirken Jesu Christi eigentlich verfasst? Die Antwort ist komplexer, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, und die Datierung hat weitreichende Implikationen für unser Verständnis seiner Botschaft und seiner Rolle im Kanon des Neuen Testaments. Während das Evangelium selbst eine Schilderung der Ereignisse aus dem ersten Jahrhundert bietet, ist seine Niederschrift ein Produkt einer späteren Zeit, deren genaue Bestimmung Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Debatten ist.

Wann wurde das Johannes-Evangelium geschrieben?
Die Auslegung des Johannes-Evangeliums war ursprünglich eine Vorlesung, die Thomas vermutlich in seinen soeben skizzierten letzten Lebensjahren (also etwa um 1270) verfaßt bzw. vorgetragen hat.
Inhaltsverzeichnis

Die Entstehungszeit des Johannes-Evangeliums: Eine Historische Perspektive

Die überwiegende Mehrheit der modernen biblischen Forschung datiert das Johannes-Evangelium auf das späte erste Jahrhundert n. Chr., typischerweise zwischen 90 und 110 n. Chr. Diese Datierung basiert auf einer Kombination aus internen und externen Beweisen, die es von den drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) abheben.

Intern betrachtet, zeigt das Johannes-Evangelium eine hoch entwickelte Christologie, die Jesus explizit als den präexistenten Logos (Wort) Gottes darstellt, der Fleisch geworden ist. Diese theologische Reife deutet darauf hin, dass die Gemeinde, in der dieses Evangelium entstand, bereits eine längere Zeit der Reflexion über die Person Christi hinter sich hatte. Des Weiteren gibt es Hinweise auf eine Auseinandersetzung mit gnostischen Tendenzen oder zumindest Vorläufern gnostischer Ideen, die im späten ersten und frühen zweiten Jahrhundert an Einfluss gewannen. Die Betonung der leiblichen Realität Jesu ("Das Wort wurde Fleisch") könnte eine bewusste Abgrenzung von doketischen Ansichten sein, die die menschliche Natur Jesu leugneten.

Ein weiteres Indiz ist die Darstellung der Beziehung zwischen der johanneischen Gemeinde und dem Judentum. Die oft polemische Sprache gegenüber "den Juden" (die sich hier auf die jüdischen Autoritäten bezieht, die Jesus ablehnten) könnte eine spätere Phase der Trennung zwischen Christentum und Judentum widerspiegeln, die sich nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. intensivierte.

Externe Beweise stützen ebenfalls eine späte Datierung. Frühe Kirchenväter wie Irenäus von Lyon (ca. 180 n. Chr.) berichten, dass Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, das Evangelium in Ephesus verfasste, nachdem er die anderen Apostel überlebt hatte. Das Rylands-Fragment P52, ein kleines Papyrusfragment, das Teile des Johannes-Evangeliums enthält, wird auf die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts datiert (ca. 125-150 n. Chr.). Dies beweist, dass das Evangelium zu diesem Zeitpunkt bereits in Umlauf war und kopiert wurde, was eine Entstehung im späten ersten Jahrhundert sehr wahrscheinlich macht. Obwohl einige Gelehrte Argumente für eine frühere Datierung (vor 70 n. Chr.) vorgebracht haben, sind diese in der Forschung eine Minderheitsposition und stehen vor erheblichen Herausforderungen, insbesondere hinsichtlich der theologischen Entwicklung und der Auseinandersetzung mit der Umwelt.

Warum die Datierung wichtig ist

Die genaue Datierung eines biblischen Textes ist aus mehreren Gründen von entscheidender Bedeutung. Sie ermöglicht es uns, das Evangelium im Kontext seiner Entstehungszeit zu verstehen, seine spezifischen theologischen Anliegen zu erkennen und seine Beziehung zu anderen Schriften des Neuen Testaments zu klären. Wenn das Johannes-Evangelium das späteste der vier Evangelien ist, erklärt dies, warum es sich stilistisch und thematisch so deutlich von den Synoptikern unterscheidet. Es wäre nicht nur eine weitere Nacherzählung der Ereignisse, sondern eine theologische Reflexion, die auf die Bedürfnisse und Fragen einer spezifischen Gemeinde in einer späteren Zeit zugeschnitten war.

Die späte Datierung würde auch erklären, warum es bestimmte theologische Konzepte ausführlicher behandelt, die in den synoptischen Evangelien nur angedeutet oder gar nicht vorhanden sind, wie etwa die ausführlichen "Ich bin"-Worte Jesu oder die Bedeutung des Heiligen Geistes als Paraklet. Das Verständnis des historischen Kontextes hilft uns, die Botschaft des Evangeliums präziser zu interpretieren und Missverständnisse zu vermeiden, die aus der Anwendung moderner Vorstellungen auf einen antiken Text resultieren könnten. Es beleuchtet die Entwicklung des frühen Christentums und wie es sich von seinen jüdischen Wurzeln abgrenzte und eine eigene Identität entwickelte.

Die Rolle der Auslegung: Thomas von Aquin und das Johannes-Evangelium

Während die Frage nach der ursprünglichen Entstehungszeit des Johannes-Evangeliums im ersten Jahrhundert n. Chr. liegt, hat seine tiefgründige Botschaft über die Jahrhunderte hinweg unzählige Gelehrte und Theologen zur Interpretation angeregt. Einer der prominentesten Kommentatoren war der hochverehrte Dominikanermönch und Philosoph Thomas von Aquin (ca. 1225-1274). Die von Ihnen genannte Information, dass "die Auslegung des Johannes-Evangeliums ursprünglich eine Vorlesung [war], die Thomas vermutlich in seinen soeben skizzierten letzten Lebensjahren (also etwa um 1270) verfaßt bzw. vorgetragen hat", bezieht sich genau auf dieses monumentale Werk Thomas' von Aquin.

Es ist von entscheidender Bedeutung zu verstehen, dass Thomas von Aquin das Johannes-Evangelium nicht geschrieben hat. Sein Werk ist ein ausführlicher, systematischer und theologisch tiefgehender Kommentar zum bereits existierenden Evangelium. Dieser Kommentar, bekannt als "Lectura super Ioannem" (Vorlesung über Johannes), entstand tatsächlich gegen Ende seines Lebens, vermutlich in den Jahren 1269 bis 1272, als er in Neapel lehrte. Thomas' Methode war typisch für die Scholastik seiner Zeit: Er analysierte den Text Vers für Vers, legte theologische Bedeutungen dar, löste scheinbare Widersprüche auf und verband die Aussagen des Evangeliums mit philosophischen und dogmatischen Prinzipien. Sein Kommentar zum Johannes-Evangelium gilt als eines seiner wichtigsten exegetischen Werke und zeigt die herausragende intellektuelle Kraft und theologische Einsicht, die Thomas von Aquin zu einer Schlüsselfigur der mittelalterlichen Theologie machten. Seine Auslegung prägte über Jahrhunderte hinweg das Verständnis des Johannes-Evangeliums in der katholischen Kirche und darüber hinaus. Sie ist ein Beweis für die zeitlose Relevanz und die anhaltende Fähigkeit des Evangeliums, Generationen von Denkern zu inspirieren und zur Vertiefung des Glaubens beizutragen. Die Tatsache, dass ein so bedeutender Theologe wie Thomas von Aquin Jahrhunderte nach seiner Entstehung noch so intensiv über das Johannes-Evangelium nachdachte und lehrte, unterstreicht dessen dauerhafte theologische Bedeutung und seinen einzigartigen Platz in der christlichen Tradition.

Vergleichstabelle: Synoptische Evangelien vs. Johannes-Evangelium

Um die Einzigartigkeit des Johannes-Evangeliums und die Gründe für seine späte Datierung besser zu verstehen, ist ein Vergleich mit den synoptischen Evangelien hilfreich.

MerkmalSynoptische Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas)Johannes-Evangelium
EntstehungszeitMarkus: ca. 65-70 n. Chr.
Matthäus & Lukas: ca. 80-90 n. Chr.
Ca. 90-110 n. Chr.
Theologischer FokusBetonung des Reiches Gottes, Ethik, Wunder, Gleichnisse. Jesus als Messias und Menschensohn.Betonung der göttlichen Natur Jesu, des "Logos", der Inkarnation, des ewigen Lebens. Jesus als "Ich bin".
ErzählstilSchnell, aktionsorientiert, viele kurze Gleichnisse und Wunder. Chronologisch oft eng miteinander verbunden.Langsamer, reflektierend, lange Reden Jesu, weniger Gleichnisse, tiefgehende theologische Monologe.
Geographischer FokusHauptsächlich Galiläa, eine Reise nach Jerusalem.Häufige Reisen nach Jerusalem, Betonung der Feste dort.
Sprache & StilDirekt, oft einfach, mit Parallelen zu jüdischer Apokalyptik.Philosophisch, symbolisch, mit wiederkehrenden Themen wie Licht/Dunkelheit, Leben/Tod, Wahrheit/Lüge.
Beziehung zu JesusJesus als Lehrer, Heiler, Wundertäter. Fokus auf sein öffentliches Wirken.Jesus als offenbarender Gott, der seine Identität und seinen Ursprung im Vater offenbart. Fokus auf seine Beziehung zu den Jüngern und zum Vater.
Tod und AuferstehungBetonung des Leidens und Sterbens, um Sünde zu sühnen.Betonung der Verherrlichung Jesu durch Tod und Auferstehung; Sieg über den Tod.

Diese Unterschiede sind ein starkes Argument dafür, dass das Johannes-Evangelium nicht einfach eine weitere biografische Darstellung Jesu ist, sondern eine eigenständige theologische Reflexion, die in einem späteren Kontext entstand und spezifische theologische Fragen ihrer Zeit beantworten sollte.

Häufig gestellte Fragen zur Datierung und Interpretation

Ist das Johannes-Evangelium das späteste Evangelium im Neuen Testament?

Ja, die Mehrheit der biblischen Gelehrten ist sich einig, dass das Johannes-Evangelium das letzte der vier kanonischen Evangelien ist, das verfasst wurde. Es wird typischerweise auf das Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. datiert, also nach Matthäus, Markus und Lukas. Diese späte Datierung erklärt viele seiner einzigartigen Merkmale, einschließlich seiner hoch entwickelten Theologie und seines reflektierenden Stils.

Warum unterscheidet sich das Johannes-Evangelium so stark von Matthäus, Markus und Lukas?

Die Unterschiede sind vielfältig. Während die synoptischen Evangelien oft als chronologische oder thematische Berichte über Jesu öffentliche Predigten und Wunder in Galiläa dienen, konzentriert sich Johannes stärker auf Jesu Identität als Gottessohn, seine langen, theologischen Reden und seine Reisen nach Jerusalem. Die theologische Reife, die symbolische Sprache und die Auseinandersetzung mit spezifischen theologischen Fragen (wie der Göttlichkeit Christi oder der Bedeutung des Heiligen Geistes) deuten darauf hin, dass Johannes in einer späteren Phase des frühen Christentums entstand, als die Notwendigkeit bestand, die Person Jesu tiefer zu reflektieren und das Christentum gegenüber anderen Denkströmungen abzugrenzen.

Hat Thomas von Aquin das Johannes-Evangelium geschrieben?

Nein, das ist ein weit verbreitetes Missverständnis, das sich aus der Verwechslung von "schreiben" und "auslegen" ergibt. Thomas von Aquin, ein bedeutender Theologe des 13. Jahrhunderts, verfasste einen umfangreichen und einflussreichen Kommentar zum Johannes-Evangelium, bekannt als "Lectura super Ioannem". Dieser Kommentar entstand um 1270 n. Chr. Das Johannes-Evangelium selbst wurde jedoch viele Jahrhunderte zuvor, im späten ersten Jahrhundert n. Chr., von einem Autor geschrieben, der traditionell mit dem Apostel Johannes identifiziert wird. Thomas' Werk ist ein Zeugnis für die fortdauernde theologische Bedeutung und die tiefe Wirkung des Evangeliums über die Jahrhunderte hinweg.

Welche Bedeutung hat die Datierung des Johannes-Evangeliums für heutige Leser?

Die Datierung hilft uns, den historischen und theologischen Kontext des Evangeliums zu verstehen. Sie zeigt, dass das Johannes-Evangelium nicht nur ein Bericht ist, sondern eine theologische Interpretation und Reflexion über Jesus Christus, die auf die spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen einer späteren christlichen Gemeinde zugeschnitten war. Für heutige Leser bedeutet dies, dass das Johannes-Evangelium eine einzigartige Perspektive auf Jesus bietet, die die synoptischen Berichte ergänzt und vertieft. Es lädt zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der Göttlichkeit Christi und der Bedeutung des Glaubens ein, jenseits der bloßen historischen Fakten. Das Verständnis der Entstehungszeit hilft auch, die Debatten und Entwicklungen im frühen Christentum nachzuvollziehen.

Die Frage nach der Entstehungszeit des Johannes-Evangeliums führt uns in die faszinierende Welt der neutestamentlichen Forschung. Während die allgemeine wissenschaftliche Übereinstimmung es in das späte erste Jahrhundert n. Chr. datiert, ist seine Botschaft zeitlos. Es ist ein Evangelium, das nicht nur berichtet, sondern interpretiert und tiefe theologische Wahrheiten über Jesus als den göttlichen Logos enthüllt. Die spätere Auslegung durch Theologen wie Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert unterstreicht lediglich die anhaltende Relevanz und die tiefgreifende Wirkung dieses besonderen biblischen Buches. Es bleibt ein Eckpfeiler des christlichen Glaubens, der Leser dazu einlädt, die Tiefen der göttlichen Liebe und des ewigen Lebens zu erforschen, die in Jesus Christus offenbart wurden.

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