Was versteht man unter Tiersegnungen?

Tiersegnung: Katholische Tradition vs. Moderne Deutung

11/06/2023

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Tiersegnungen sind ein Thema, das in kirchlichen Kreisen seit Langem diskutiert wird und in jüngster Zeit vermehrt öffentliche Aufmerksamkeit erhalten hat. Während sie für einige eine berührende Ausdrucksform der Wertschätzung für Gottes Schöpfung darstellen, werfen sie für andere theologische Fragen auf. Insbesondere die Unterscheidung zwischen der traditionellen katholischen Praxis und den neueren, oft ökumenischen Tiergottesdiensten im protestantischen Raum ist hierbei von Bedeutung. Der vorliegende Artikel beleuchtet die Hintergründe, die theologische Bewertung und die Kontroversen rund um die Segnung von Tieren.

Was ist die katholische Tiersegnung?
Bei der katholischen Tiersegnung wird das Tier gesegnet um des Menschen willen. So wie auch unbelebte Dinge wie Waffen oder Feuerwehrspritzen von katholischen Priestern gesegnet werden können, so wurde hier das Vieh als notwendiger Nahrungslieferant gesegnet. Jeder gläubige Bauer wird Gottes Segen für Hof und Vieh erbitten.

Die katholische Kirche kennt die Praxis der Tiersegnung seit langer Zeit. Das „Benediktionale“, ein offizielles Buch mit Segensfeiern für verschiedene Anlässe, enthält auch einen Entwurf für einen Tiersegnungsgottesdienst. Dieser ist als Wortgottesdienst konzipiert und beinhaltet Schriftlesungen, beispielsweise aus Gen 2, 19-20a oder Gen 8,15-19, Gebet, eine Ansprache und eine Weihe, bei der der Zelebrant die Tiere mit Weihwasser besprengt. Der Fokus liegt hierbei traditionell auf dem Nutzen der Tiere für den Menschen und der Bewahrung der Schöpfung, die dem Menschen anvertraut ist. Die Segnung wird hier im Kontext der Fürsorge für die dem Menschen anvertrauten Lebewesen verstanden, ähnlich wie auch unbelebte Gegenstände, die dem Menschen dienen, gesegnet werden können.

Im Bereich der evangelischen Kirchen sind Gottesdienste mit Tieren ein vergleichsweise junges Phänomen. Sie werden unterschiedlich wahrgenommen: von ernsthafter Betreibung über belächelte Kuriosität bis hin zur Ablehnung als Missbrauch des christlichen Gottesdienstes. Ein Wendepunkt war hier das Jahr 1988, als die evangelische St.-Andreas-Kirche in Verden begann, Kinder- und Familiengottesdienste mit Tieren durchzuführen. Am 10. Juli 1988 wurde ein solcher Tiergottesdienst erstmals im ZDF übertragen, was eine breitere Öffentlichkeit erreichte.

Kurz vor dieser Übertragung wurde das sogenannte Glauberger Schuldbekenntnis von etwa 40 Theologen unterzeichnet. Darin hieß es: „Wir haben als Christen versagt, weil wir in unserem Glauben die Tiere vergessen haben. Wir haben den diakonischen Auftrag Jesu verraten und unseren geringsten Brüdern, den Tieren, nicht gedient. Wir hatten als Pfarrer Angst, Tieren in unseren Kirchen und Gemeinden Raum zu geben. Wir waren als Kirche taub für das Seufzen der misshandelten und ausgebeuteten Kreatur.“ Dieses Bekenntnis spiegelte ein wachsendes Bewusstsein und eine tiefere theologische Auseinandersetzung mit der Rolle der Tiere wider.

Ein weiteres wichtiges Ereignis war der erste ökumenische Tiergottesdienst, der am 15. Mai 1989 mit über tausend Besuchern im ehemaligen Kloster Schiffenberg bei Gießen stattfand. Initiator war die neu gegründete Initiative „Aktion Tiere und Kirche – AKUT“. Bei diesem Gottesdienst wurde eine Tiersegnung mit den Worten vorgenommen: „Unser Herr Jesus Christus, der gute Hirte, das Lamm Gottes, segne Dich und alles, was lebt.“ Solche Ereignisse zeigten den Wunsch vieler Menschen, Tiere stärker in das kirchliche Leben einzubeziehen.

Es gab jedoch auch Vorfälle, die weit über das Übliche hinausgingen und Kontroversen auslösten. So taufte Pfarrer Matthias Pöhland aus Greiz bei Plauen bei einer Gelegenheit sogar zwei Katzen. Er begründete dies damit, dass „Menschen und Tiere in der Schöpfung Gottes Geschwister seien“ und „inzwischen die Erkenntnis reife, dass auch Tiere und Pflanzen Kinder Gottes seien.“ Dieser Einzelfall führte zu disziplinarrechtlichen Maßnahmen seiner Kirche, was die Grenzen der Akzeptanz solcher Praktiken aufzeigte.

Am 15. September 1996 wurde erneut ein Tiergottesdienst im ZDF übertragen, der etwa 710.000 Zuschauer erreichte. Der beteiligte katholische Diakon Guido Knörzer wertete diese Gottesdienste als „Anfang einer Theologie der Befreiung für Tiere“. Pfarrer Blanke aus Glauberg, Hauptinitiator und Vorsitzender des AKUT e.V., sprach sich vehement gegen die „Massentierhaltung mit Zwangsernährung und Dunkelhaft“ von Hühnern aus und kaufte sogar zwei Hühner „aus dem Hühner-KZ“ frei. Die Übertragung stieß auf erstaunlich viele negative Zuschauerreaktionen, was die Kontroversität des Themas verdeutlichte. Tiergottesdienste sind mittlerweile eine feste Einrichtung auf dem Kirchentag geworden, wie der ‚Arche-Noah-Gottesdienst‘ 1997 in Leipzig zeigte, bei dem etwa 1000 Besucher ermutigt wurden, auch ihre Haustiere in das Abendgebet einzuschließen.

Inhaltsverzeichnis

Der geistesgeschichtliche Hintergrund der Tiergottesdienste

Um die modernen Tiergottesdienste und ihre theologische Stoßrichtung zu verstehen, ist es hilfreich, den geistesgeschichtlichen Hintergrund zu beleuchten.

Nivellierung des Unterschiedes zwischen Mensch und Tier

Ein wesentlicher Faktor ist die Veränderung des Menschenbildes und des Tierbildes. René Descartes, ein Philosoph der Neuzeit, betrachtete Tiere als reine Maschinen und unterschied den Menschen durch Vernunft und Sprache vom Tier. Dies prägte das neuzeitliche Bild vom Tier als Sache. Die Evolutionstheorie Charles Darwins eröffnete später die Möglichkeit, den Menschen als weiterentwickeltes Tier zu verstehen, was eine Nivellierung des Unterschieds zwischen Mensch und Tier zur Folge haben konnte. Konrad Lorenz sah den Menschen als „ein Zweig am großen Stammbaum des Lebendigen“, der „aus demselben Aste wie die hässlichen Affen“ sprießt. Sigmund Freud wiederum sah in der biologischen Forschung, die den Menschen aus dem Tierreich ableitet, eine „zweite große Kränkung“ der menschlichen Eigenliebe. In dieser Sichtweise stehen Mensch und Tier als Zufallsprodukte der Evolution auf einer Stufe.

Am radikalsten wird die Gleichberechtigung von Mensch und Tier wohl von Peter Singer vertreten. Er sieht keinen moralischen Unterschied zwischen beiden und bezeichnet es als „Speziezismus“, wenn man Schimpansen in Forschungslaboren einsperrt, während das Leben gehirngeschädigter Säuglinge als schützenswert gilt. Für Singer ist Speziezismus „genausowenig zu entschuldigen wie der fanatische Rassismus“.

Verzauberung des evolutionistischen Weltbildes

Im New Age und der Öko-Bewegung wird das evolutionistische Weltbild oft mit einer spirituellen Komponente versehen. Es wird ein organisierender Geist oder eine Spiritualität angenommen, die hinter der Evolution steht. Fritjof Capra, zum Beispiel, teilt ein evolutionistisches Weltbild, in dem Mensch und Tier sich nur graduell, nicht prinzipiell unterscheiden. Gleichzeitig spricht er von Gott als „Selbstorganisationsdynamik des gesamten Kosmos“. Die Natur wird hierbei quasi personifiziert und zum göttlichen Wesen erhoben. Mensch und Tier sind Teil dieses kosmischen Ganzen.

Was ist die katholische Tiersegnung?
Bei der katholischen Tiersegnung wird das Tier gesegnet um des Menschen willen. So wie auch unbelebte Dinge wie Waffen oder Feuerwehrspritzen von katholischen Priestern gesegnet werden können, so wurde hier das Vieh als notwendiger Nahrungslieferant gesegnet. Jeder gläubige Bauer wird Gottes Segen für Hof und Vieh erbitten.

Ähnliche Gedanken finden sich im Raum der Kirche, etwa bei Carl Friedrich von Weizsäcker und dem von ihm maßgeblich mitgestalteten Konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Hier ist die Evolution kein atheistisches, sondern ein religiöses Denkprinzip. Für Weizsäcker ist der Mensch ursprünglich ein „Kind der Natur“, und der Übergang zur Hochkultur wird als „Sündenfall“ interpretiert, was bedeutet, dass der Mensch sich entfremdet hat und in den Einklang mit der Natur zurückgeführt werden muss. Die Evolution wird vergeistigt gesehen, ihr Fortschreiten als Weg zur Erlösung.

Denkt man konsequent im Rahmen dieses spiritualisierten, evolutionistischen Weltbildes, so sind Mensch und Tier gleichermaßen Teil der Schöpfung und nicht qualitativ voneinander unterschieden. Beide stehen damit als Geschöpfe Gottes letztlich auf einer Stufe. Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, wenn man Tiere als „unsere geringsten Brüder“ bezeichnet. Diese Kombination von Schöpfungsgedanken und evolutionistischem Weltbild kommt in der Neufassung des „Vater unser“ von Pfarrer Blanke zum Ausdruck, das er in einem ZDF-Gottesdienst betete: „und vergib uns unsere Schuld an unseren älteren Geschwistern, den Tieren“. Wenn Pfarrer Blancke also von Schöpfung und Schöpfungstheologie spricht, geschieht dies im Paradigma einer vergeistigten Evolutionslehre.

Die modernen Tiergottesdienste unterscheiden sich hierin qualitativ vom herkömmlichen, katholischen Segnungsgottesdienst für Tiere. Bei der katholischen Tiersegnung wird das Tier primär um des Menschen willen gesegnet, ähnlich wie Werkzeuge oder Ernte. Das Vieh wurde als notwendiger Nahrungslieferant oder Arbeitstier gesegnet, und jeder gläubige Bauer erbittet Gottes Segen für Hof und Vieh. Hierbei bleibt der Mensch Mensch und das Tier Tier.

Mensch und Tier in schöpfungstheologischem Horizont

Um eine biblische Bewertung vorzunehmen, ist ein Blick auf die Schöpfungstheologie der Genesis unerlässlich.

Schöpfungstheologische Grundlage in Gen 1+2

Genesis 1 zeigt, dass nicht nur die Tier-, sondern auch die Pflanzenwelt und selbst die unbelebte Materie von Gott erschaffen sind. Pflanzen und Steine sind also ebenso „Mitgeschöpfe“ wie die Tiere. Diese Kategorie allein ist daher für die Bestimmung des Verhältnisses Tier – Mensch – Gott unzureichend.

Genesis 2 hebt jedoch deutlich hervor, dass die Tiere Gott auf andere Weise zugeordnet sind als die unbelebte Materie und die Pflanzenwelt. Tiere werden mit derselben Formel gesegnet wie der Mensch: Gott segnet sie und gebietet ihnen, sich zu mehren und die Erde zu füllen (V. 22 und 28a sind parallel formuliert). Doch nur den Menschen wird in V. 28b gesagt: „… und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“ Dieser Herrschaftsauftrag erhebt die Menschen über die Tiere.

Nur der Mensch ist „nach dem Ebenbild Gottes geschaffen“, was bedeutet, dass er Gott auf der Erde repräsentiert – ähnlich wie im Alten Orient ein Bildnis des Herrschers an der Landesgrenze dessen Gegenwart symbolisierte. Der Mensch soll auf der Erde die Herrschaft über die Schöpfung ausüben. Dies geschieht zunächst, indem er den Tieren Namen gibt und sie sich selbst und seiner Erfahrungswelt zuordnet. Hier ist C. F. v. Weizsäcker zuzustimmen, wenn er meint, der Text impliziere die Mahnung, sich um das Wohl der anvertrauten Geschöpfe zu sorgen. Gott ist um den Erhalt und die Pflege seiner Schöpfung besorgt, woraus ein schöpfungstheologisches Mandat für den Tierschutz folgt. Dies deutet jedoch gleichzeitig einen qualitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier an, der im weiteren Verlauf des Buches Genesis und der gesamten Bibel deutlich zutage tritt.

Der qualitative Unterschied zwischen Mensch und Tier

Die biblische Offenbarung betont durchweg einen deutlichen Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Das Tieropfer und der Brudermord in Gen 4

Auch in Gen 4 wird deutlich, dass der Mensch sich qualitativ vom Tier unterscheidet. Kain und Abel bringen Opfer dar: Kain von seinem Ernteertrag, Abel schlachtet ein Schaf. Wären Tier und Mensch nicht qualitativ voneinander unterschieden, wäre Abels Tat ein Mord am „geringsten Bruder“ gewesen, und Kains Opfer hätte Gott gefallen müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Als Kain daraufhin seinen Bruder Abel erschlägt, wird er von Gott verflucht und bestraft. Das Leben des Menschen steht unter Gottes besonderem Schutz. Ein Mensch darf nicht getötet werden, während das Töten eines Tieres sogar Gottes ausdrückliches Gefallen findet, wenn es als Opfer dargebracht wird.

Das Tier als Eigentum des Menschen

An zahlreichen Stellen werden Tiere als Eigentum des Menschen angesehen (z. B. Gen 26,14; 30,29; 31,18). Wenn jemand fahrlässig das Rind eines anderen tötet, muss er Ersatz leisten (Ex 22,10f.). Das Nutztier ist Gegenstand des Zivilrechts und damit rechtlich schon damals eine „Sache“. Der qualitative Unterschied zwischen Mensch und Tier wird besonders in Lev 24,21 deutlich: „wer ein Vieh erschlägt, der soll’s bezahlen; wer aber einen Menschen erschlägt, der soll sterben.“ Tiere dienen dem Menschen als Arbeitstier (Spr 14,4) und zur Nahrung – letzteres wird nach der Sintflut ausdrücklich von Gott erlaubt: „Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich’s euch alles gegeben“ (Gen 9,2). Dies beinhaltet zunächst die Jagd (Gen 10,9). Die Patriarchen begegnen uns als Viehzüchter, die von ihren Herden leben (Gen 13). Nicht mit einer Silbe werden die Patriarchen ermahnt, sie würden „ihre geringsten Brüder“ aufessen – im Gegenteil: Reichtum an Vieh ist der Inbegriff eines gesegneten Lebens (z. B. Gen 24,35). Allerdings wird der Mensch auch aufgefordert, mit diesem ihm anvertrauten Besitz sorgsam umzugehen. So soll er dem dreschenden Ochsen nicht das Maul verbinden (Dtn 25,4) und seine Nutztiere gut behandeln: „Der Gerechte erbarmt sich des Viehs, aber das Herz des Gottlosen ist unbarmherzig“ (Spr 16,10). Im mosaischen Gesetz findet sich kein explizites Verbot von Tierquälerei, vermutlich deshalb nicht, weil es nicht nötig war: Die Nutztiere waren das Kapital der Menschen, so dass es im eigenen Interesse lag, sich um das Wohl der Herden zu sorgen. Das Tier erscheint jedoch hauptsächlich als überlebenswichtiges Nutzobjekt des Menschen, nie aber als „geringster Bruder“.

Mögliche Einwände gegen die qualitative Unterscheidung von Mensch und Tier

Einige Argumente werden vorgebracht, um die Gleichstellung von Mensch und Tier zu untermauern. Eine nähere Betrachtung zeigt jedoch die Grenzen dieser Interpretationen.

Was ist ein Gottesdienst für Mensch und Tier?
Gottesdienste für Mensch und Tier – der Begriff Gottesdienste für Menschen und Tiere sind – zumindest im protestantischen Raum - eine neuere Erscheinung in der liturgischen Praxis der Kirche.

Gottes Sorge um die Tiere

An zahlreichen Bibelstellen wird hervorgehoben, dass Gott sich um die Tiere sorgt und sie nährt (Mt 6,26; Hiob 38,41; Ps 104,27; Ps 136,25; Ps 147,9). Gott hilft Menschen und Tieren (Ps 36,7). In Jona 4,11 wird neben Gottes Sorge um die Menschen in Ninive an zweiter Stelle auch das Vieh erwähnt, weshalb Gott die Stadt nicht vernichten möchte. Hieraus kann allerdings nicht abgeleitet werden, dass die Tiere mit Gott in irgendeiner Weise in Kommunikation treten könnten oder mit dem Menschen als Brüder in einer Reihe stünden.

Das Tier als unschuldiges Opfer

Die gesamte Opfergesetzgebung des sinaitischen Bundes beruht auf dem Gedanken, dass für Sünde unschuldiges Blut vergossen werden muss – weshalb der Israelit Gott Tiere für seine Sünden opfern soll (Lev 1-7). Hier scheint das Tier eine theologische Würdigung zu erfahren. Richtig ist, dass das Tier, obwohl es unschuldig ist, doch unter dem Gericht Gottes an den Menschen mit zu leiden hat. Dies wird auch bei den Propheten immer wieder deutlich, wenn sie ankündigen, dass um der Sünde des Menschen willen Mensch und Tier ausgerottet werden (Jer 32,43; Hes 14,13; Zeph 1,3; Hag 1,11 u.a.). Da das Tier vor Gott nicht schuldig ist, bedarf es auch keines stellvertretenden Opfers und keiner Erlösung.

Der Hebräerbrief macht deutlich, dass die Unschuld des Tieres letztlich nicht in theologischer Dimension zu sehen ist, denn sonst hätte ja das unschuldig vergossene Blut unserer „geringsten Geschwister“ Schuld sühnen können, was es jedoch nicht kann (Heb 10,4). Hebräer 9 zeigt, dass die Tieropfer keine Gültigkeit in sich haben; sie sind Abbilder der Wirklichkeit und somit Heilszeichen oder Sakramente. Wenn nun Gott Abertausende von Tieren schlachten lässt, um damit den Menschen ein Zeichen zu geben, schließt das gerade die eigentliche Teilhabe der Tiere an der Gottesbeziehung aus. Tiere werden weder in den Kategorien von Gut und Böse, noch von Gerechtigkeit und Schuld, noch von Sünde und Vergebung gesehen. Sie leiden passiv mit an der Gefallenheit der Schöpfung, die der Mensch zu verantworten hat.

„Der Mensch hat nichts voraus vor dem Tier“ (Pred 3, 16-21)

Diese Stelle legte Pfarrer Blanke seiner Predigt vom 15.10.1996 zugrunde, und sie scheint in der Tat eine Gleichstellung von Mensch und Tier zu belegen. Hier darf man nun allerdings nicht den literarischen Kontext ausblenden, der deutlich macht, dass der Autor des Predigerbuches hier lediglich seine vergangene Suche nach Sinn beschreibt, indem er über das Thema der Vergänglichkeit des Menschen reflektiert. Der Mensch hat also nichts dem Tier voraus in dem Sinne, dass er wie dieses sterben muss – doch auch das ist ja für Christen lediglich eine vorläufige Realität und keineswegs das Letzte.

Mk 16, 15: „Predigt das Evangelium aller Kreatur“

Aus dieser Aufforderung liest Blanke ein Mandat zur Predigt vor Tieren heraus. Außerdem habe Jesus 40 Tage lang bei den wilden Tieren gelebt. Aus der Tatsache, dass Markus als einziger Evangelist wilde Tiere erwähnt, bei denen Jesus während der 40 Tage seines Fastens in der Wüste gewohnt habe, kann nun aber nicht geschlossen werden, dass er ihnen gepredigt hat. Die Textintention ist eine deutlich andere: Jesus hat die Einsamkeit gesucht, um zu fasten und wollte gerade allen Predigtdiensten entfliehen – er wird vermutlich den Tieren das Evangelium vorenthalten haben. Im Missionsbefehl bei Markus wird nun „ktisis“, Schöpfung, als Synekdoche totum pro parte für „alle Menschen“, denen das Evangelium gepredigt werden soll, verwendet. Dies wird deutlich, wenn man den parallelen Bericht des Matthäus anschaut, der an gleicher Stelle von „alle Völker“ spricht, was im damaligen Sprachgebrauch die Tierwelt wohl ausschließt.

Gen 2,18-20 hebt hervor, dass kein Tier dem Menschen als Gegenüber entspricht. Kein Tier ist offensichtlich zur Kommunikation sowohl mit Gott als auch mit dem Menschen geeignet. Die Schlange in Gen 3 kann hier nicht als Beispiel angeführt werden, da offensichtlich ist, dass der Teufel durch sie spricht, sie also ähnlich wie Bileams Esel nur Medium ist (Num 22,23).

Exkurs: Der Umgang Pfarrer Blankes mit der Schrift

Betrachtet man die Art und Weise, wie Pfarrer Blanke die Bibel auslegt, dann zeigt sich doch insgesamt ein oft gedankenloser und willkürlicher Ge- bzw. Missbrauch der Heiligen Schrift. Ein besonders deutliches und der Diskussion nicht mehr würdiges Beispiel ist der Verweis Blankes auf Mose und den brennenden Dornbusch: „So wie Mose dem Schöpfer gegenübertrat, so wollen wir den Tieren – Gottes Geschöpfen – gegenüber freundlich und sanft auftreten.“ – Dies fand seinen symbolischen Ausdruck darin, dass alle Teilnehmer des Gottesdienstes am 10. Juli 1988 in Glauberg einen Schuh auszogen und hochhielten. Hier werden Aussagen der Heiligen Schrift für eigene Zwecke ihres eigentlichen Sinnes entkleidet und willkürlich verwendet, während der Versuch, das Gesamtzeugnis der Schrift zum Thema systematisch herauszuarbeiten, nicht unternommen wird.

Schlussfolgerungen

Aus Gen 2 geht deutlich das schöpfungstheologische Mandat hervor, Gottes Schöpfung zu pflegen und zu verwalten. Das beinhaltet dann auch den verantwortungsvollen Umgang mit der Tierwelt. Die Gemeinde Jesu muss es als ihr Versäumnis einsehen, diesen Auftrag vernachlässigt und das Eintreten hierfür anderen überlassen zu haben. Wollte man daher ein Schuldbekenntnis formulieren, dann hätte man zu bekennen, dass man an einer gesellschaftlich zentralen Stelle die Möglichkeit zum Zeugnis in der Welt versäumt und das Eintreten für eine an sich richtige Sache Gruppen überlassen hat, die es dann für ihre Zwecke instrumentalisiert haben.

Die Bibel zeigt allerdings deutlich auf, dass es einen qualitativen Unterschied gibt zwischen Mensch und Tier. Nur der Mensch wird in der Kategorie von Verantwortung und damit Schuld gegenüber Gott gesehen. Auf Gemeinschaft mit Gott hin ist nur der Mensch angelegt, das Tier ist dem Menschen als Umwelt gegeben, die er nutzen darf – z.B. zur Nahrung.

Die Protagonisten der Tiergottesdienste setzen, wenn sie von Schöpfung sprechen, ein spiritualisiertes, evolutionistisches Weltbild voraus, das diesen von Gott gegebenen Unterschied nivelliert und damit das Erlösungswerk Christi verdunkelt, ja eigentlich überflüssig werden lässt. Dies führt dazu, dass das Tier in unbiblischer Weise in religiöser Dimension und damit als dem Menschen gleichgestellt gesehen wird. Dies bringt folgende gefährliche Konsequenzen mit sich:

  • Die Unantastbarkeit menschlichen Lebens wird durch die Gleichstellung von Mensch und Tier diskutabel, wie das Beispiel von Peter Singer zeigt.
  • Die Einzigartigkeit des Menschen als Ebenbild Gottes und sein besonderer Auftrag in der Schöpfung werden verwischt.
  • Das Heilsangebot Christi, das spezifisch für den sündigen Menschen bestimmt ist, verliert an Bedeutung, wenn Tiere als „Geschwister“ in Sünde und Erlösung einbezogen werden.

Die biblische Schöpfungsverantwortung beinhaltet den Schutz und die Fürsorge für die Tiere, aber sie legitimiert nicht die theologische Gleichsetzung oder die Erhebung von Tieren in eine religiöse Dimension, die dem Menschen vorbehalten ist. Eine Tiersegnung, die den Menschen an seine Verantwortung erinnert und Gottes Fürsorge für seine gesamte Schöpfung preist, ist im biblischen Sinne zu bejahen. Eine solche Segnung, die Tiere als „Brüder“ oder „Schwestern“ des Menschen im Sinne einer theologischen Gleichstellung sieht, ist jedoch kritisch zu hinterfragen, da sie biblische Grundwahrheiten verwischt.

Häufig gestellte Fragen zu Tiersegnungen

FrageAntwort
Was versteht man unter katholischer Tiersegnung?Im „Benediktionale“ der katholischen Kirche ist eine Segnung von Tieren vorgesehen. Dabei sind Gebete, biblische Lesungen, Lieder, Fürbitten und eine Ansprache vorgesehen. Tiersegnungen können bei besonderen Anlässen stattfinden, etwa an Gedenktagen von Heiligen, die Schutzpatrone bestimmter Tiere sind. Auch die Tiere eines Bauernhofes können auf Wunsch gesegnet werden. Möglich sind Tiersegnungen ebenso im Rahmen von Bildungsveranstaltungen, wo die Bedeutung von Tieren für den Menschen im Mittelpunkt steht und Kinder ihre Haustiere mitbringen können. Ein Segensgebet aus dem Benediktionale könnte lauten: „Guter Gott. Du schenkst uns, was wir zum Leben brauchen. Du hast die Tiere erschaffen und uns als Helfer und Gefährten zur Seite gegeben. Wir bitten dich: Erhalte und bewahre alles, was auf Erden lebt. Schütze diese Tiere vor allen Gefahren, damit der Nutzen und die Freude, die sie uns bereiten, uns zu einem Zeichen deiner Großzügigkeit und Liebe werden. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.“ Diese Segnungen sollen den Blick auf die Schönheit und Vielfalt der Schöpfung richten, die Gott uns Menschen anvertraut hat, besonders angesichts des Artensterbens und der Zerstörung der Schöpfung.
Was ist ein Gottesdienst für Mensch und Tier?Gottesdienste für Mensch und Tier sind – zumindest im protestantischen Raum – eine neuere Erscheinung in der liturgischen Praxis der Kirche. Sie gehen oft über die traditionelle Segnung hinaus und versuchen, Tiere stärker in den Gottesdienst als eigenständige Teilnehmer oder „Mitgeschöpfe“ einzubeziehen. Dies geschieht oft unter dem Einfluss eines spiritualisierten evolutionistischen Weltbildes, das den Unterschied zwischen Mensch und Tier nivelliert. Diese Gottesdienste können verschiedene Formen annehmen, von der reinen Anwesenheit von Haustieren bis hin zu theologischen Erklärungen, die Tiere als „Geschwister“ des Menschen bezeichnen und ihre Rolle in der Erlösung betonen, was in der traditionellen Theologie umstritten ist. Sie sind Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins für den Tierschutz, können aber in ihrer theologischen Begründung von der klassischen biblischen Lehre abweichen.

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